William Kentridge im Kunstunterricht: Zeichnung, Animation, Raum und Südafrika

Kunst Sek II · Ratgeber · Schwerpunkt 2029

William Kentridge im Kunstunterricht: Zeichnung, Animation, Raum und Südafrika

Kohlezeichnung, Radierspur und Einzelbild, Schattenprozession und Installation, Apartheid und Erinnerung, eigene Animation: Der Ratgeber ordnet vier Kentridge-Reihen für die Oberstufe und erklärt, was im Kurs gesichtet, was geübt und was belegt werden muss.

4 ReihenZeichnung bis Animation
6 DoppelstundenKernreihe je Thema
Aufgabenart IÜbungsformat Gestaltung
Digitaler DownloadPDF und DOCX

William Kentridge lässt sich im Kunstunterricht der Sekundarstufe II in vier Schritten erschließen: die „Drawings for Projection“ als veränderliche Kohlezeichnung, die räumlichen Arbeiten wie „Shadow Procession“ und „The Refusal of Time“, der südafrikanische Kontext von Apartheid und Erinnerung und schließlich die eigene Kurzanimation als gestaltungspraktische Aufgabe mit schriftlicher Erläuterung. Wichtig ist die Trennung von Technik, Kontext und Deutung sowie die tatsächliche Sichtung der Filme über verlässliche Werkzugänge; Videodateien sind im Material nicht enthalten. Für Kentridge nennt das Material das Schwerpunktjahr 2029; maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW).

Fachliche Klärung: Was an Kentridges Arbeit unterrichtbar ist

Kentridges „Drawings for Projection“ verbinden Zeichnung und Film. Eine Zeichnung wird verändert, fotografiert und erneut bearbeitet; beim Radieren bleiben Spuren zurück, die ältere Zustände mit späteren verbinden. Bewegung entsteht aus einer Folge von Einzelbildern. Die Serie beginnt 1989 und lässt sich nicht auf eine pauschale feste Anzahl früherer Filme reduzieren. Für den Unterricht ist das Verfahren reizvoll, weil es sich im Kleinen nachvollziehen lässt: Kohle auftragen, teilweise entfernen, fotografieren, weiterzeichnen.

Die technische Beschreibung erklärt allerdings die Bedeutung noch nicht. Metamorphose und Montage, wiederkehrende Figuren wie Soho Eckstein und Felix Teitelbaum und der historische Kontext prägen die Filme. Das Material verlangt deshalb zwei Dinge zugleich. Erstens werden eigene einfache Zustandsmodelle verwendet, die ausdrücklich keine nachgebildeten Originalfilmsequenzen sind. Zweitens beruht jede Analyse eines Filmverlaufs auf tatsächlicher Sichtung über einen verlässlichen Werkzugang. Ein Filmstill dokumentiert einen Zustand und erlaubt nur begrenzte Aussagen über Zeit.

Hinzu kommt die räumliche Dimension. „Shadow Procession“ von 1999 und „The Refusal of Time“ von 2012 sind Arbeiten, bei denen das Publikum selbst einen Standort einnimmt. Eine Installation wird durch eine frontale Fotografie nicht vollständig erfasst, weil Bewegung im Raum, Überlagerung und Synchronisation zur Betrachtung gehören. Die Lernenden erfahren so, warum Dokumentation Wirkung nur teilweise vermittelt.

Abgrenzung zur Heartfield-Seite

Auf stifo.de gibt es bereits einen Ratgeber, der Kentridge im Vergleich mit John Heartfield behandelt: Montage im Raum auf der einen, zeitliche Übermalung auf der anderen Seite. Er ist die richtige Adresse, wenn Ihr Kurs kombinatorische Verfahren und politische Bildsprache vergleichen soll, und findet sich unter Heartfield und Kentridge: Montage, Zeichnung und politische Bildsprache.

Die vier Reihen auf dieser Seite behandeln Kentridge dagegen eigenständig und ohne Heartfield als Gegenpol. Sie fragen, wie ein Zeichenverfahren zum Film wird, wie sich das Werk in den Raum ausdehnt, wie der südafrikanische Zusammenhang methodisch verantwortbar einbezogen wird und wie Schülerinnen und Schüler ein verwandtes Verfahren selbst in eine Gestaltung überführen. Beide Zugänge lassen sich kombinieren; sie überschneiden sich aber nur im Verfahren der Kohlezeichnung.

Unterrichtsaufbau: vier Reihen von der Zeichnung zur eigenen Animation

Die erste Reihe „Drawings for Projection“ beginnt mit der Zeichnung als veränderlichem Zustand und führt über Kohle und Radierung, Zeit aus Einzelbildern sowie Montage und Metamorphose zu Figuren und Perspektiven. Am Ende steht eine Filmanalyse. Als Werkzugang dient ein Filmstill aus „Stereoscope“ von 1999; es wird ausdrücklich so bezeichnet und nicht als Abbildung aus einem anderen Film ausgegeben. Die Lernenden rechnen auch: Bei sechs Bildern pro Sekunde ergeben 60 Einzelbilder zehn Sekunden, und Wiederholungen verlängern die Sequenz und verändern den Rhythmus.

Die zweite Reihe wendet sich dem Raum zu: Silhouette und Erkennbarkeit, die Prozession als zeitliche Ordnung, das Verhältnis von Objekt und Schatten, Installation und Betrachterweg, schließlich Zeit, Takt und Widerstand an „The Refusal of Time“. Eigene Schattenversuche erschließen das Verhältnis von Lichtquelle, Objekt und Projektionsfläche. Sie sind schematische Experimente und keine maßstabsgetreuen Nachbildungen. Das Ziel ist ein begründetes Installationskonzept mit Dokumentation.

Die dritte Reihe ordnet Kentridge in den südafrikanischen Zusammenhang ein. Sie beginnt mit historischer Orientierung (Apartheid wurde ab 1948 als staatliches System institutionalisiert, die Vorgeschichte reicht in Kolonialismus und Segregation zurück, 1994 markiert den demokratischen Übergang, nicht das Ende aller Folgen) und fragt dann an „Felix in Exile“ von 1994 und „History of the Main Complaint“ von 1996 nach Landschaft, Zeugenschaft, Verantwortung und Selbstprüfung. Die Truth and Reconciliation Commission, 1995 eingerichtet, gehört zum Übergangskontext und folgt anderen Verfahren als ein Kunstwerk.

Die vierte Reihe ist gestaltungspraktisch. Sie führt von der bildnerischen Frage über Materialversuche, Storyboard und Aufnahme zu Schnitt, Ton und Überarbeitung und endet mit der schriftlichen Erläuterung (350 bis 500 Wörter mit mindestens zwei konkreten Bildstellen). Als Übungsformat orientiert sie sich an der Aufgabenart I, ist aber keine amtliche Abituraufgabe.

Typische Fehlannahmen im Kurs

Die erste Fehlannahme lautet, Radieren sei das Korrigieren von Fehlern. Kentridges Verfahren ist nicht einfach „Fehler stehen lassen“: Veränderung kann bewusst organisiert sein und dennoch offen für Unerwartetes bleiben, und unvollständiges Entfernen wird zu einem gestalterischen Mittel. Eine erkennbare Spur beweist allerdings keine eindeutige historische Erinnerung; Bedeutung entsteht im Zusammenhang. Auch die eigene Restspur ist kein Qualitätsnachweis, sondern muss lesbar und funktional sein.

Die zweite besteht darin, Figuren zu sortieren. Soho Eckstein und Felix Teitelbaum dürfen nicht schlicht in gute und böse Personen eingeteilt werden; Blickpunkt, Handlung und Bildbeziehungen machen Widersprüche sichtbar. Die dritte ist der Direktschluss vom Bildwechsel auf ein politisches Symbol. Weder soll jeder Bildwechsel als direktes Symbol gelesen noch der Kontext ausgeblendet werden. Das Muster der Reihe lautet: Befund, formale Beziehung, Kontextbezug, begrenzte Deutung.

Die vierte betrifft die Quellenlage. Exakte Schnittzeiten, Sequenzbeschreibungen und Rhythmusaussagen stammen aus eigener Sichtung, nicht aus Werktexten und nicht aus Vermutung. Wo nur ein Still verfügbar ist, wird die Analyse ausdrücklich darauf begrenzt. Und schließlich: Eine technische Übung beweist nichts über die Bedeutung eines Originalfilms. Schwarz bedeutet nicht automatisch Unterdrückung, ein gleichmäßiger Takt nicht automatisch Zwang.

Gestaltungspraxis, Differenzierung und Bewertung

Jedes Modul verbindet Analyse, Verfahren und Urteil. Typische Gestaltungsaufgaben sind vier fotografierte Zustände auf demselben Blatt, eine Versuchstafel mit drei Radierverfahren, eine zehnsekündige Modellsequenz mit dokumentierten Haltezeiten, ein Grundriss mit drei Betrachtungspunkten oder vier Zustände einer eigenen Erinnerungslandschaft. Wichtig ist der Hinweis des Materials, dass die Landschaft ein gestalterisches Modell bleibt und kein Dokument eines tatsächlichen historischen Ortes; eigene Erinnerungslandschaften sind keine Nachstellungen historischer Gewalterfahrungen. Historische Gewalt wird auch in der Animationsreihe nicht durch persönliche Rollenspiele nachgestellt.

Für die Sichtung der Filme hat das Material ein eigenes Werkzeug: das Sichtungsprotokoll mit den Spalten Figur, Handlung, Formmittel und Veränderung. Zeitabschnitte werden erst nach der Sichtung eingetragen, erfundene filmische Details sind zu vermeiden. Ein gutes Protokoll nennt überprüfte Beobachtungen und hält fest, wer handelt, wer betrachtet und welche Informationen fehlen. Auf dieser Grundlage schreiben die Lernenden in der letzten Doppelstunde der ersten Reihe eine kriteriengeleitete Analyse einer tatsächlich gesichteten Sequenz und benennen Quelle und Sichtungsbedingungen.

Die Differenzierung folgt zwei Hilfestufen: Hilfe I gibt schrittweise Strukturen, Hilfe II verlangt selbst gewählte Kriterien und die Prüfung von Gegenbefunden. Bei den praktischen Aufgaben bewertet das Raster Idee, formale Funktion, Erprobung und Reflexion; technische Schwierigkeiten sollen die Fachleistung nicht verdecken, und für die Animation lassen sich analoge Alternativen finden, die die Bildfrage erhalten. Das Bewertungsraster hat 100 Punkte (20 Befunde und Belege, 25 fachliche Erklärung, 25 Vergleich beziehungsweise Gestaltung, 15 Urteil, 15 Struktur und Fachsprache) und ist ein Unterrichtsvorschlag. Für die Animationsreihe heißt das ausdrücklich: Bewertet werden Konzept und Prozess ebenso wie das sichtbare Ergebnis.

Planen Sie die Zeit großzügig. Zum Kern von sechs Doppelstunden kommen das Gruppenpuzzle (45 bis 60 Minuten) und die Abschlussaufgabe mit Besprechung (60 bis 90 Minuten); für eine vollständige Animation können je nach Technik weitere Werkstattstunden nötig sein. Für die Aufnahme genügen Aufnahmegerät, stabile Halterung, gleichmäßiges Licht, Zeichenmaterial und ein geeigneter Wiedergabeweg, den Sie vor der Stunde erproben sollten.

Abiturbezug und Sichtung der Filme

Das Material nennt für Kentridge das Schwerpunktjahr 2029. Das NRW-Dokument für 2028 wurde als Vergleich geprüft; eine vollständige amtliche Vorgabenkonformität für 2029 oder andere Bundesländer wird nicht behauptet, und die Reihen sind nicht ministeriell geprüft. Die Aufgaben sind eigene Übungsaufgaben und keine amtlichen Abituraufgaben. Maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW).

Für die Filme gilt: Videodateien sind in den Paketen nicht enthalten. Öffnen Sie die angegebenen Werk- und Museumszugänge, etwa die Seiten des Museums The Broad zu „Stereoscope“ und „The Refusal of Time“, vor der Stunde und sichten Sie die Filme selbst. Die eigenen Dossiers und Modellsequenzen bleiben im Kernunterricht unabhängig davon bearbeitbar. Die Titelillustrationen sind gekennzeichnete KI-Lehrillustrationen mit erfundenen Szenen; Rechte an Originalabbildungen sind nicht Teil des Pakets.

Die vier Reihen und das Sparpaket

Jedes Paket enthält ein Lernheft für die Oberstufe (32 Seiten, PDF), einen Lehrkräfteteil (20 Seiten, PDF) und eine bearbeitbare Textfassung als DOCX.

Reihenübersicht: Schwerpunkt, Umfang und Abschlussaufgabe

Reihe Schwerpunkt Kernreihe Abschlussaufgabe
Drawings for Projection Kohle, Radierspur, Einzelbild, Metamorphose 6 Doppelstunden Spur und Zeit analysieren
Schattenprozession und Installation Silhouette, Raum, Betrachterweg 6 Doppelstunden Eine räumliche Erfahrung dokumentieren
Südafrika und Erinnerung Apartheid, Landschaft, Zeugenschaft 6 Doppelstunden Historischen Kontext angemessen nutzen
Eigene Animation Gestaltungspraxis, Aufgabenart I als Übungsformat 6 Doppelstunden Praktische Abschlussaufgabe
Sparpaket William Kentridge Alle vier Reihen 24 Doppelstunden Je Reihe eine Abschlussaufgabe

Weiterlesen: Beiträge, Kollektion und verwandte Themen

Die Beiträge vertiefen einzelne Fragen der vier Reihen. Zwei ältere Beiträge behandeln Kentridge als politisches Medium und Bewegtbild als künstlerisches Medium, die Seite zu Film und Bewegtbild ergänzt den filmanalytischen Zugang.

Häufige Fragen

Brauche ich die Filme als Datei, um die Reihen zu unterrichten?

Nein, Videodateien sind nicht enthalten. Das Kernmaterial besteht aus eigenen Dossiers und Modellsequenzen, die ohne Film bearbeitbar sind. Für eine Analyse des Filmverlaufs müssen Sie die Filme selbst über die angegebenen Werk- und Museumszugänge sichten.

Worin unterscheiden sich diese Reihen von der Heartfield-Kentridge-Seite?

Die Heartfield-Seite vergleicht Kentridge mit John Heartfield und fragt nach Montage und politischer Bildsprache. Die Reihen hier behandeln Kentridge eigenständig: Zeichenverfahren, Raum, südafrikanischer Kontext und eigene Animation.

Was bedeutet „Aufgabenart I als Übungsformat“?

Die Animationsreihe orientiert sich an einer gestaltungspraktischen Aufgabe mit schriftlicher Erläuterung. Es handelt sich um eine eigene Übungsaufgabe und nicht um eine amtliche Abituraufgabe. Bewertet werden Konzept und Prozess ebenso wie das sichtbare Ergebnis.

Wie gehe ich mit dem Thema Apartheid im Kunstunterricht um?

Die Reihe zu Südafrika beginnt mit historischer Orientierung und verbindet sie mit beleggebundener Bildanalyse. Eigene Erinnerungslandschaften dienen der Erprobung von Schichtung und Auslöschung und sind keine Nachstellungen historischer Gewalterfahrungen; historische Ereignisse benötigen unabhängige Quellen.

Sind die Reihen für das Zentralabitur 2029 geeignet?

Das Material nennt für Kentridge das Schwerpunktjahr 2029. Eine vollständige amtliche Vorgabenkonformität wird nicht behauptet. Maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW).

Welche Ausstattung brauche ich für die Animation?

Erforderlich sind ein Aufnahmegerät, eine stabile Halterung, gleichmäßiges Licht, Zeichenmaterial und ein geeigneter Wiedergabeweg. Erproben Sie die Technik vor der Stunde. Für eine vollständige Animation können je nach Technik weitere Werkstattstunden nötig sein.