Drawings for Projection unterrichten: Kentridges Kohlezeichnung als veränderlicher Zustand
Kentridges Kohlezeichnung lässt sich als veränderlicher Zustand unterrichten: Das Blatt gilt nicht als fertiges Bild, sondern als Arbeitsfläche, auf der mehrere Zustände nacheinander entstehen, fotografiert und wieder überzeichnet werden. Im Unterricht trennt man dafür sauber, was auf dem Blatt zu sehen ist, was das Verfahren bewirkt und was man daraus deuten darf.
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Was an den Drawings for Projection fachlich zu klären ist
Die Drawings for Projection verbinden Zeichnung und Film. Eine Zeichnung wird verändert, aufgenommen und erneut bearbeitet; Bewegung entsteht aus einer Folge von Einzelbildern. Kentridges Serie beginnt 1989. Eine feste Zahl früherer Filme sollte man im Unterricht nicht nennen, die Reihe lässt sich nicht auf eine runde Summe reduzieren. Wichtig ist der Gedanke, dass beim Radieren Spuren stehen bleiben: Ältere Zustände scheinen durch die späteren hindurch und verbinden Vergangenheit und Gegenwart auf demselben Blatt.
Genau hier lauert die erste Fehlannahme. Wer eine Restspur sieht, schließt gern auf eine bestimmte historische Erinnerung. Die Spur zeigt zunächst nur, dass etwas vorher da war. Ob sie Erinnerung bedeutet, ob sie ein Zufall des Materials ist oder eine gesetzte Entscheidung, ergibt sich erst aus dem Zusammenhang des Films.
Befund und Deutung in der ersten Stunde trennen
Eine bewährte Eröffnung: Zeigen Sie ein Dossier mit Angaben zu einer Zeichnung in vier Zuständen und lassen Sie zwei gegensätzliche erste Aussagen sammeln, etwa „Die Figur verschwindet“ und „Die Figur bleibt als Schatten erhalten“. Danach sortiert die Klasse beide Sätze: Was wird beobachtet, was ist schon Deutung? Verlangen Sie vor jeder Interpretation zwei präzise Befunde, zum Beispiel „Die Kontur des Armes liegt noch unter der neuen Fläche“ oder „Der Kontrast im unteren Drittel nimmt zu“.
Für den Einstieg bewährt sich ein Satzmuster, das die Trennung sichtbar macht: „Der Befund … steht in Beziehung zu …; dadurch entsteht … . Diese Deutung bleibt begrenzt, weil … .“ Der letzte Halbsatz zwingt zur Frage, was das Material überhaupt hergibt. Schwächere Lerngruppen können zunächst mündlich oder mit einer Skizze antworten und den Satz erst danach schriftlich fassen.
Kohle und Radierung als gestalterische Mittel
Kohle erzeugt Flächen, Linien und unterschiedlich dichte Töne. Knetradierer, Wischen und Neuzeichnen verändern diese Struktur auf jeweils eigene Weise: Das Tuch verschleift, der Knetradierer hebt Pigment ab, Neuzeichnen deckt zu. Welche Spuren sichtbar bleiben, hängt also von Papier, Pigmentdichte und Werkzeug ab. Die Lernenden sollten das selbst erproben, bevor sie über Kentridge urteilen.
Ein Versuchsaufbau, der in einer Doppelstunde trägt: drei Verfahren, je drei Zustände auf demselben Papier, Licht und Kamerawinkel konstant. Die Klasse protokolliert Werkzeuge und Eingriffe und vergleicht anschließend Spuren, Kontrast und Lesbarkeit. Dabei zeigt sich ein zweiter Irrtum: Kentridges Verfahren ist nicht einfach „Fehler stehen lassen“. Veränderung kann bewusst organisiert sein und bleibt trotzdem offen für Unerwartetes. Das unvollständige Entfernen wird dadurch zu einem Mittel, nicht zu einem Mangel.
Das Material der Reihe und seine Grenzen
Die Unterrichtsreihe William Kentridge und die bewegte Zeichnung arbeitet in dieser Phase mit eigenen, einfachen Zustandsmodellen und ergänzt sie durch einen Werkzugang zu „Stereoscope“ von 1999. Die Modelle sind keine nachgebildeten Originalsequenzen; das sollte die Klasse ausdrücklich festhalten. Aussagen über den Filmverlauf brauchen eine tatsächliche Sichtung über einen verlässlichen Zugang. Ein Filmstill dokumentiert einen einzelnen Zustand und erlaubt nur begrenzte Aussagen über Zeit. Videodateien sind im Paket nicht enthalten, die Werkzugänge öffnen Sie am besten vor der Stunde.
Eine Aufgabenfolge für den Einstieg
- Aufgabe A (Analyse): Veränderung und Restspur getrennt beschreiben.
- Aufgabe B (Verfahren): vier fotografierte Zustände auf demselben Blatt herstellen, zwei Varianten oder einen kontrollierten Versuch, Auswahl schriftlich begründen.
- Aufgabe C (Urteil): beurteilen, welche Wirkung die erhaltene Spur gegenüber einem sauberen Neuzeichnen besitzt, mit einem ernsthaft geprüften Einwand.
Als Erwartungshorizont genügt kein einzelner Musterbefund. Die alte Kontur macht den Arbeitsprozess sichtbar und verbindet Zustände, sauberes Neuzeichnen kann dagegen einen glatteren Übergang erzeugen. Gute Antworten nennen konkrete Wirkungen und halten fest, dass das eigene Modell ein technisches Experiment ohne automatische politische Bedeutung ist. Zum Abschluss der Stunde reicht ein Exit mit einem präzisierten Begriff, einem tragfähigen Beleg und einer offenen Frage. Wer später auch Raum, Südafrika und die eigene Animation behandeln will, findet die vier Reihen im Sparpaket zu William Kentridge zusammengefasst.
Einordnung für Kurs und Abitur
Wer Kentridge im Kurs plant, findet im Beitrag zu Zeichentrickfilm und Animation als politisches Medium den Blick auf die Bildsprache, im Text über Bewegtbild im Kunstunterricht den Rahmen für die Filmarbeit. Die gesamte Linie zum Künstler bündelt die Seite William Kentridge im Kunstunterricht, die zugehörigen Reihen stehen in der Kollektion William Kentridge – Unterrichtsmaterial Kunst Sek II. Das Material nennt Kentridge als Schwerpunkt 2029; maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW). Die Aufgaben sind eigene Übungsaufgaben und nicht ministeriell geprüft.
Häufige Fragen
Reicht ein Filmstill für die Analyse einer Drawing for Projection?
Nein. Ein Still belegt einen Zustand, nicht den Verlauf. Aussagen zu Rhythmus, Schnitt oder Metamorphose setzen voraus, dass die Klasse die Sequenz tatsächlich gesehen hat. Ist nur ein Still verfügbar, wird die Analyse ausdrücklich darauf begrenzt.
Müssen die Lernenden Kohlezeichnungen im Stil Kentridges anfertigen?
Nein. Die Übungen erschließen einzelne Verfahren wie Auftragen, Entfernen und Fotografieren von Zuständen. Kentridges Bildsprache gilt nicht als leicht kopierbarer Stil, bewertet wird die begründete Entscheidung, nicht die Ähnlichkeit.
Wie viel Zeit braucht der Einstieg?
Für die erste Einheit ist eine Doppelstunde mit Einstieg, Lerntext, Analyse, Erprobung und Urteil vorgesehen. Größere bildnerische Ausarbeitungen brauchen mindestens eine weitere Doppelstunde, eine vollständige Animation je nach Technik zusätzliche Werkstattstunden.
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Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.
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