Gedenkstättenbesuch und Erinnerungskultur in Österreich: Mauthausen vor- und nachbereiten

Geschichte und Politische Bildung · 8. Schulstufe · AHS-Oberstufe

Gedenkstättenbesuch und Erinnerungskultur in Österreich: Mauthausen vor- und nachbereiten

Eine Arbeitshilfe für Lehrkräfte in Mittelschule, AHS und BHS: wie sich ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen oder ihrer Außenorte vorbereiten und nachbereiten lässt, wie die österreichische Erinnerungskultur seit 1945 in den Unterricht kommt und welches deutsche Material dafür taugt.

1938Errichtung des KZ Mauthausen im August
1945Befreiung am 5. Mai
1991Vranitzky-Erklärung im Nationalrat
4 Bausteineaus dem deutschen Sortiment, eingeordnet

Ein Besuch in Mauthausen gelingt, wenn er in einer Unterrichtsreihe steht: drei bis vier Stunden Vorbereitung, der Besuch selbst und zwei bis drei Stunden Nachbereitung. Die Vorbereitung klärt Vorwissen, Geschichte des Ortes und Verhaltensregeln, die Nachbereitung gibt Raum für Eindrücke und verbindet den Ort mit der Frage, wie Österreich sich an die NS-Zeit erinnert hat. Dazu gehören die Opferthese der Nachkriegszeit, die Waldheim-Debatte 1986, die Erklärung von Bundeskanzler Vranitzky 1991 und die Gründung des Nationalfonds der Republik Österreich 1995. Das Projekt erinnern.at unterstützt Lehrkräfte mit Fortbildungen und Materialien. Deutsches Material zum Nationalsozialismus ist als Hintergrund brauchbar, die österreichische Perspektive müssen Sie selbst ergänzen.

Ein Gedenkstättenbesuch ist ein Unterrichtsvorhaben, kein Ausflug

Wer mit einer Klasse nach Mauthausen fährt, bewegt sich zwischen zwei Gefahren. Die eine besteht darin, den Besuch ohne Vorbereitung zu machen: Die Schülerinnen und Schüler stehen vor einem Ort, dessen Geschichte sie nicht einordnen können, und reagieren mit Überforderung, Abwehr oder Unsicherheit im Auftreten. Die andere besteht darin, Betroffenheit zum Ziel zu erklären. Gefühle lassen sich nicht anordnen, und der Unterricht darf sie nicht erwarten oder bewerten.

Der Beutelsbacher Konsens, der auch in der Politischen Bildung in Österreich als Referenz dient, fasst das in zwei Grundsätzen zusammen: das Überwältigungsverbot und das Gebot, Kontroverses auch kontrovers darzustellen. Für den Besuch heißt das, dass die Klasse Informationen, Zeit und Wahlmöglichkeiten erhält, aber nicht zu einem bestimmten Gefühl oder Urteil geführt wird. Wer sich einzelne Räume nicht ansehen möchte, darf das sagen, ohne sich zu erklären.

Die Frage, ob ein Besuch im Rahmen des Lehrplans 2023 für Geschichte und Politische Bildung vorgesehen ist, beantworten die Vorgaben Ihrer Schulart und die Schulleitung. Der Besuch als solcher ist eine schulbehördlich zu genehmigende Veranstaltung, deren Bedingungen Ihre Schule kennt. Das hier beschriebene Material ist nicht ministeriell geprüft.

Vorbereitung in drei bis vier Stunden

Die erste Stunde klärt Vorwissen und Erwartungen. Die Klasse sammelt, was sie über Konzentrationslager weiß, was sie fürchtet und was sie fragen möchte. Die Fragen werden festgehalten und nach dem Besuch wieder aufgegriffen. Das erzeugt eine Lernbewegung und zeigt, dass der Ort nicht das Ende der Auseinandersetzung ist.

Die zweite Stunde behandelt die Geschichte des Ortes. Das Konzentrationslager Mauthausen wurde im August 1938, wenige Monate nach dem Anschluss, bei Linz eingerichtet. Zum Lagersystem gehörten Außenlager, darunter Gusen und Ebensee. Das Lager ist deshalb ein Beispiel dafür, dass der Terror auch in Österreich selbst stattfand, nicht allein im Deutschen Reich in den Grenzen von 1937, durch Österreicher mitgetragen und mit Zwangsarbeit verbunden, etwa im Steinbruch. Die Gedenkstätte und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter stellen verlässliche Angaben zu Häftlingsgruppen und Opferzahlen bereit; nennen Sie Zahlen mit Quelle und als Schätzungen, soweit sie es sind.

Die dritte Stunde ist den Verhaltensregeln und dem Ablauf gewidmet. Was ist am Ort erlaubt, was nicht, wie bewegt man sich an einem Ort, an dem Menschen ermordet wurden? Das ist keine Disziplinarfrage, sondern Teil der Auseinandersetzung. Bitten Sie die Klasse, eigene Regeln vorzuschlagen und mit der Hausordnung der Gedenkstätte zu vergleichen. Klären Sie auch Fotografieren, Mobiltelefone, Kleidung und Wetter.

Eine optionale vierte Stunde widmet sich dem Zusammenhang mit der Region. Mauthausen liegt nicht abseits, sondern in einer Gemeinde, deren Bevölkerung die Lager sah. Die Frage, wer was wusste und was man hätte tun können, verbindet die Gedenkstätte mit dem Alltag der Zeit und öffnet den Zugang zum Thema Mitwisserschaft.

Der Besuch: Begleitung, Pausen und emotionale Sicherheit

Gedenkstätten bieten in der Regel Führungen und Programme an, die Lehrpersonen vorab buchen. Welche Formate es gibt und welche zu Ihrer Klasse passen, klären Sie direkt mit der Gedenkstätte. Am besten sprechen Sie vor dem Besuch mit der Vermittlerin oder dem Vermittler über die Zusammensetzung der Klasse, Vorerfahrungen und besondere Bedürfnisse.

Planen Sie Pausen ein. Der Weg über das Gelände ist lang, die Eindrücke sind dicht, und nach zwei Stunden lässt die Aufnahmefähigkeit nach. Bestimmen Sie vorab einen Rückzugsort und eine Ansprechperson, an die sich Schülerinnen und Schüler wenden können. Wer die Gruppe kurz verlassen möchte, darf das, und die Lehrkraft fragt nicht nach dem Grund.

Sensibel ist auch die Zusammensetzung der Klasse. Es gibt Schülerinnen und Schüler, deren Familien von Verfolgung betroffen waren, und solche, deren Familien Täter oder Mitläufer stellten. Es gibt Klassen mit Zuwanderungsgeschichte, in denen Gewalt und Flucht eigene Erinnerungen berühren. Rechnen Sie damit, dass der Besuch Erinnerungen weckt, und lassen Sie Raum für ein Gespräch unter vier Augen.

Setzen Sie keine Arbeitsblätter ein, die am Ort ausgefüllt werden müssen, und verzichten Sie auf Aufgaben, bei denen Schülerinnen und Schüler Gefühle schildern sollen. Ein Notizheft, in das jede Person festhält, was sie möchte, genügt. Ob sie es später zeigt, entscheidet sie selbst.

Nachbereitung: Eindrücke ordnen und weiterdenken

Die erste Stunde nach dem Besuch gehört den Eindrücken. Beginnen Sie mit einer offenen Runde, in der niemand sprechen muss, oder mit einer stillen Aufgabe wie einem Satz auf einem Zettel, der anonym eingesammelt wird. Die Lehrkraft liest ausgewählte Sätze vor und lässt die Klasse entscheiden, worüber sie sprechen möchte. Sie greift dabei die Fragen aus der ersten Vorbereitungsstunde auf.

Die zweite Stunde schafft Abstand. Die Klasse rekonstruiert, was sie über die Geschichte des Ortes gelernt hat, und ordnet es in die Zeitleiste von 1938 bis 1945 ein. Eine Aufgabe, die sich bewährt: Wie wird der Ort heute erinnert, und welche Entscheidungen stehen hinter dem Aufbau der Gedenkstätte? Damit wird die Gedenkstätte selbst zum Gegenstand der Analyse, und der Unterricht geht in Politische Bildung über.

In der dritten Stunde bringt die Lehrkraft den Bogen zur Gegenwart. Sie verbindet den Ort mit der Frage, wie in Österreich über die NS-Zeit gesprochen wurde und wird. Dazu dienen die nächsten Abschnitte. Wer keine Zeit hat, kann sie auf eine Stunde verdichten und die Debatten von Waldheim und Vranitzky als Quellenarbeit anlegen.

Als Leistungsfeststellung eignet sich ein kurzer schriftlicher Beitrag, etwa eine Reflexion zur Frage, was ein Ort wie Mauthausen über die Geschichte aussagt und was nicht. Wichtig ist, dass bewertet wird, wie die Argumentation aufgebaut ist, und nicht, wie stark jemand betroffen scheint.

Erinnerungskultur in Österreich: Opferthese, Waldheim, Vranitzky und Nationalfonds

Die Moskauer Deklaration von 1943 bezeichnete Österreich als erstes Opfer der Aggression Hitlerdeutschlands, nannte aber auch die Verantwortung für die Teilnahme am Krieg. In den Jahrzehnten nach 1945 wurde der erste Teil häufig betont und der zweite zurückgestellt. Daraus entstand die Opferthese, die Österreich vor allem als Opfer sah und die Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen kaum thematisierte. Sie prägte den Staatsvertrag von 1955 und das Selbstbild der Republik.

Die Waldheim-Affäre 1986 stellte diese Sicht infrage. Im Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten wurde über die Kriegsjahre von Kurt Waldheim gestritten. Der Streit war politisch aufgeladen und wirkte wie ein Katalysator: Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit setzten sich neu mit der Beteiligung von Österreichern auseinander. Im Unterricht lässt sich die Affäre als Fallstudie nutzen: Was wurde vorgeworfen, wie reagierten die Betroffenen, und was veränderte sich anschließend?

1991 sprach Bundeskanzler Franz Vranitzky im Nationalrat von einer Mitverantwortung österreichischer Staatsbürger an den Verbrechen des NS-Regimes. Die Erklärung gilt als Wendepunkt im offiziellen Umgang mit der Geschichte. 1995 wurde der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus eingerichtet. Der Staat erkannte damit an, dass Anerkennung und Unterstützung der Opfer eine eigene Aufgabe sind.

Diese vier Stationen lassen sich in einer einzigen Doppelstunde als Zeitleiste erarbeiten. Wichtig ist, dass die Klasse über die Daten hinaus einen Bogen erkennt: von der Selbstbeschreibung als Opfer über den Streit um Beteiligung bis zur Anerkennung von Verantwortung. Dieser Bogen lässt sich als Reproduktion und Transfer in der mündlichen Reifeprüfung wiederfinden, die Reflexion gelingt, wenn die Klasse prüft, welche Fragen noch offen sind.

Anlaufstellen und Gedenktag: erinnern.at und der 5. Mai

Das Projekt erinnern.at wird vom Bildungsministerium getragen und bietet Lehrkräften Fortbildungen, Materialien und Beratung zu Holocaust und Nationalsozialismus an. Es ist die erste Anlaufstelle für didaktische Fragen und vermittelt Kontakte zu Gedenkstätten und Zeitzeugenprojekten. Welche Angebote aktuell bestehen, entnehmen Sie der Website des Projekts, weil sich Formate ändern.

Der 5. Mai ist in Österreich der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Er erinnert an die Befreiung des KZ Mauthausen am 5. Mai 1945. Der Tag eignet sich für eine Schulaktion, etwa für eine Ausstellung der Klassenergebnisse, einen Beitrag für die Schulgemeinschaft oder einen Gedenkmoment. Wählen Sie Formen, an denen Schülerinnen und Schüler freiwillig teilnehmen, und bereiten Sie die Aktion gemeinsam vor.

Wenn Sie nicht nach Mauthausen fahren können, kommen auch andere Orte infrage, zum Beispiel Gusen, Ebensee oder Hartheim, wo Menschen im Rahmen der NS-Euthanasie ermordet wurden. Je nach Region gibt es zudem Orte lokaler Erinnerung, etwa Gedenktafeln und Stolpersteine. Auch hier gilt: Ein Besuch braucht Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung.

Was aus dem deutschen Material direkt passt und was Sie ergänzen müssen

Die vier unten verlinkten Materialien stammen aus dem deutschen Sortiment und sind für den Geschichtsunterricht in Deutschland geschrieben. Sie sind nicht ministeriell geprüft und nicht auf den Lehrplan 2023 zugeschnitten. Die Übersicht zeigt, wo sie sich in Österreich einsetzen lassen und was fehlt.

Thema Passt direkt Muss ergänzt oder angepasst werden
Herrschaft des Nationalsozialismus Ja, als Hintergrund zu Terror, Widerstand und Wirtschaftspolitik Anschluss 1938, österreichische Täter und Widerstand ergänzen
Konzentrationslager und Verfolgung Ja, als allgemeiner Rahmen Mauthausen, Gusen, Ebensee und regionale Bezüge ergänzen
Erinnerungskultur Ja, als Methode, Denkmäler und Gedenktage zu analysieren Deutsche Beispiele durch österreichische ersetzen, etwa 5. Mai
Vergangenheitspolitik Teilweise, das Muster ist vergleichbar Opferthese, Waldheim 1986, Vranitzky 1991 und Nationalfonds ergänzen
Rechtlicher Rahmen Nein Bundesländer, Abitur und Klausur durch Schulstufe, Reifeprüfung und Mitarbeit ersetzen
Begriffe wie Sek I, Abitur, Klausur Nein Durch Sekundarstufe I, Reifeprüfung und Schularbeit ersetzen

Die Übersicht lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Das deutsche Material erklärt, was geschah, und die österreichische Ergänzung erklärt, wie Österreich damit umging. Wer beide Teile verbindet, erhält eine Reihe, die zum Ort der Exkursion und zur österreichischen Debatte passt. Hinweise zu Gedenkorten und Zeitzeugenprojekten erhalten Sie bei erinnern.at und der Gedenkstätte selbst.

Material für Vorbereitung und Nachbereitung

Alle vier Titel sind deutsche Materialien. Die Beschreibungen sagen jeweils, wofür sie sich in österreichischen Klassen eignen und was Sie ergänzen sollten.

Was diese Seite bereitstellt

  • Ablauf in StundenDrei bis vier Stunden Vorbereitung, Besuch und zwei bis drei Stunden Nachbereitung.
  • Emotionale SicherheitÜberwältigungsverbot, Pausen, Rückzugsort und Ansprechperson.
  • ErinnerungskulturOpferthese, Waldheim 1986, Vranitzky 1991, Nationalfonds 1995.
  • Anlaufstellenerinnern.at, Gedenkstätte und der Gedenktag am 5. Mai.
  • ÜbersetzungstabelleWelche Teile des deutschen Materials passen und was Sie ergänzen.
  • ReifeprüfungReproduktion, Transfer und Reflexion an der österreichischen Debatte.

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Diese Beiträge und Seiten vertiefen einzelne Bausteine.

Häufige Fragen

Wie viele Stunden braucht ein Besuch in Mauthausen?

Als Richtwert drei bis vier Stunden Vorbereitung, der Besuch selbst, der meist einen Schultag füllt, und zwei bis drei Stunden Nachbereitung. Wer weniger Zeit hat, verdichtet die Vorbereitung auf zwei Stunden und lässt die Nachbereitung nicht weg.

Wie gehe ich mit emotionalen Reaktionen der Klasse um?

Mit Vorbereitung, Pausen, einem Rückzugsort und einer Ansprechperson. Niemand muss Gefühle zeigen oder Räume betreten, die ihn überfordern. Gespräche unter vier Augen sind in der Nachbereitung wichtiger als Gruppenrunden.

Was versteht man unter der Opferthese?

Die Sicht, Österreich sei nach 1938 vor allem Opfer des Deutschen Reiches gewesen. Sie stützte sich auf die Moskauer Deklaration von 1943, übersah aber deren Hinweis auf die Verantwortung für die Teilnahme am Krieg. Seit der Waldheim-Debatte 1986 und der Erklärung Vranitzkys 1991 gilt sie als überholt.

Wo finde ich Unterstützung?

Beim Projekt erinnern.at, das Lehrkräfte berät und fortbildet, sowie bei der Gedenkstätte selbst, die Programme für Schulklassen anbietet. Aktuelle Angebote entnehmen Sie den Websites, weil sie sich ändern.

Kann ich deutsches Material für die Vorbereitung verwenden?

Als Hintergrund ja. Es erklärt Terror, Verfolgung, Widerstand und Erinnerungskultur. Die österreichische Perspektive fehlt und muss ergänzt werden. Das Material ist nicht ministeriell geprüft und nicht auf den Lehrplan 2023 zugeschnitten.

Wie bereite ich die Reifeprüfung mit diesem Thema vor?

Die Erinnerungskultur eignet sich für alle drei Anforderungsbereiche: Reproduktion der Stationen, Transfer auf andere Länder oder Gedenkformen und Reflexion der Frage, wie sich Deutungen ändern. Üben Sie das an einer Quelle, etwa an einem Ausschnitt der Erklärung von 1991.