Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit im Kunstunterricht: Laserstein, Mammen, Jürgens und Nagel

Kunst Sek II · Ratgeber · Schwerpunkt 2029

Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit im Kunstunterricht: Laserstein, Mammen, Jürgens und Nagel

Vier Positionen der Weimarer Zeit, vier unterschiedliche Bildsprachen und Rezeptionsgeschichten: Der Ratgeber zeigt, wie sich Porträt, Großstadt, Alltag und Kanonfrage in einer Oberstufenreihe verbinden lassen, ohne die Künstlerinnen zu vereinheitlichen.

4 ReihenLaserstein bis Kanon
6 DoppelstundenKernreihe je Thema
Q-PhaseAnalyse, Gestaltung, Urteil
Digitaler DownloadPDF und DOCX

Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit lassen sich im Kunstunterricht der Oberstufe in vier Reihen behandeln: Lotte Laserstein (Porträt und Selbstbildnis), Jeanne Mammen (Großstadt und Medienkontext), Grethe Jürgens und Hanna Nagel (Alltag, Arbeit, Rollenbilder) sowie die Frage, wie Kanon und Wiederentdeckung entstehen. Der Zugang gelingt, wenn jede Position an konkreten Werken mit gleichen Kriterien untersucht wird und die Kategorie „Neue Sachlichkeit“ als Untersuchungsperspektive gilt, nicht als Schublade. Das Material nennt hierfür das Schwerpunktjahr 2029; maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW).

Fachliche Klärung: Was „Neue Sachlichkeit“ bei Künstlerinnen heißt

Die Neue Sachlichkeit wird im Unterricht häufig über Otto Dix, George Grosz oder August Sander vermittelt. Die Reihen dieses Ratgebers fragen, was sich ändert, wenn Künstlerinnen den Ausgangspunkt bilden. Das Material geht dabei von einer klaren Vorsicht aus: Die Kategorie bündelt Merkmale und historische Zusammenhänge, aber sie ist kein Behälter, in den jedes Werk einer Person dauerhaft gehört. Unter dem Begriff werden unterschiedliche Verfahren und Positionen diskutiert. Ein Werk kann gegenständliche Darstellung, präzise Beobachtung oder Distanz zeigen und ist damit noch nicht erklärt.

Das betrifft besonders Künstlerinnen mit langen und veränderten Werkverläufen. Jeanne Mammens Werk reicht weit über die Weimarer Phase hinaus, in der „Sie repräsentiert“ um 1928 entstand; die Reihe untersucht deshalb ausgewählte Arbeiten dieser Zeit und beschreibt die Neue Sachlichkeit als Perspektive, nicht als erschöpfende Beschreibung. Lotte Lasersteins Emigration nach Schweden 1937 gehört zu ihrer Lebensgeschichte, darf aber nicht rückwirkend in das Gemälde „Abend über Potsdam“ von 1930 hineingelesen werden.

Für die Beschreibungssprache im Kurs folgt daraus eine einfache Regel. Hut und Anzug einer dargestellten Figur sind sichtbare Gestaltungselemente; die daraus abgeleitete Biografie ist nicht gesichert. Ein Sitzen auf dem Bild beweist keine Arbeitslosigkeit, ein direkter Blick keine Selbstbewusstheit, und der Titel eines Bildes eröffnet einen Zugang, ohne jede Einzelheit festzulegen. Die Lernenden markieren deshalb in Beispielbeschreibungen Beobachtungen und unbelegte Schlussfolgerungen und schreiben die Beschreibung so um, dass Deutungen als begründete Möglichkeiten erscheinen.

Ebenso wichtig ist der Begriff der „Neuen Frau“. Er bezeichnet kein einheitliches Lebensmodell, sondern einen historischen Diskurs: Berufliche Selbstständigkeit, moderne Kleidung und veränderte Geschlechterrollen wurden in der Weimarer Republik öffentlich sichtbar, blieben aber von sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen abhängig. Wer im Kurs die Frisur oder die Kleidung einer dargestellten Frau deutet, sollte wissen, dass solche Merkmale einen Modebezug anzeigen können, aber weder umfassende Gleichstellung noch Privatleben oder politisches Denken belegen.

Unterrichtsaufbau: vier Reihen mit je eigener Leitfrage

Die Reihe zu Lotte Laserstein beginnt mit der „Neuen Frau“ als widersprüchlichem Bild und führt über das Selbstbildnis als professionelle Setzung und das Porträt zwischen Nähe und Distanz zu „Abend über Potsdam“. Danach folgen die Frage nach dem Verhältnis von Biografie und Werk und ein eigenes Porträtkonzept mit schriftlicher Begründung. Methodisch lernen die Kursteilnehmenden, Wirkungsaussagen an Blick, Ausschnitt, Licht und Raum zu binden.

Die Reihe zu Jeanne Mammen untersucht die Großstadt als Wahrnehmungsraum. Café, Straße und Nachtleben gelten nicht als Kulissen: Blickbeziehungen, Ausschnitt, Linien und Farbflächen machen Nähe, Fremdheit oder Rolleninszenierung sichtbar. Ein Modul widmet sich dem Unterschied zwischen Zeitschrift und Kunstwerk, denn dieselbe Illustration wird im publizistischen Umfeld anders gelesen als im Museum. Am Ende steht eine eigene urbane Bildreportage, die ihre Auswahl begründet.

Die Reihe zu Grethe Jürgens und Hanna Nagel arbeitet mit „Liebespaar“ von 1930 und einem grafischen Selbstbildnis Nagels von 1930. Sie fragt nach Alltag als bildwürdigem Thema, nach Rollenwidersprüchen sowie nach bezahlter und unbezahlter, sichtbarer und unsichtbarer Arbeit. Der Vergleich verlangt gemeinsame Kriterien und lässt Unterschiede stehen. Die vierte Reihe „Vergessen und wiederentdeckt“ stellt schließlich die Kanonfrage: Was leistet ein Kanon, welche institutionellen Wege und Barrieren gab es, und wie unterschiedlich verliefen die Wiederentdeckungen der vier Künstlerinnen?

Typische Fehlannahmen im Kurs

Die erste Fehlannahme ist der Rückschluss von der Biografie auf das Bild. Lasersteins Emigration 1937 erklärt Lebens- und Arbeitsbedingungen, aber ein Gemälde von 1930 bleibt in seinem eigenen Entstehungskontext zu lesen. Das Material übt dies mit einer Zeitleiste, die Werk, Biografie und historischen Kontext auf getrennten Ebenen führt.

Die zweite ist die Gleichsetzung von Geschlecht und Perspektive. Zwei Künstlerinnen teilen nicht automatisch eine identische Erfahrung oder Bildsprache; das Geschlecht begründet keine einheitliche „weibliche Perspektive“. Im Vergleich von Jürgens und Nagel wird deshalb nach Blick, Raum, Medium, Tätigkeit und Rolleninszenierung gefragt. Ebenso wird geprüft, ob eine grafische Arbeit Nagels vorliegt oder ein anders datiertes Ölbild; Medium und Datierung gehören zur Identifikation des Werks.

Die dritte betrifft das Detail. Ein Ausschnitt kann Blick, Nähe und malerische Behandlung zeigen, verbirgt aber Raumorganisation und Gesamtkomposition. Die Lernenden legen dazu eine zweispaltige Karte an: „sichtbar“ und „nur an der Gesamtansicht prüfbar“.

Die vierte ist das Wort „vergessen“. Die Werke existierten bereits und konnten in bestimmten Kreisen bekannt sein. Deshalb lautet die Prüffrage: Von wem, wo und in welchem Zeitraum? Wiederentdeckung bezeichnet veränderte Aufmerksamkeit durch Forschung, Ausstellungen oder Erwerbungen und darf frühere Arbeit nicht auslöschen. Zugleich gilt: Fehlende Sichtbarkeit ist kein Beweis für bewusste Unterdrückung, und Geschlecht ist nicht die einzige Erklärung, neben Verfolgung, Emigration und wirtschaftlicher Unsicherheit.

Differenzierung und Bewertung

Pro Modul gibt es drei Aufgaben: eine Analyse, ein Verfahren der Gestaltung und ein Urteil. Zwei Hilfestufen begleiten sie. Hilfe I strukturiert schrittweise, Hilfe II verlangt selbst gewählte Kriterien und die Prüfung von Gegenbefunden. Der zugängliche Einstieg im Lehrkräfteteil lässt vor jeder Deutung zwei präzise Befunde nennen und erlaubt mündliche Antworten oder Skizzen. Bei Porträt- und Selbstbildnisaufgaben sollte vorab vereinbart werden, wie mit persönlichen Inhalten umgegangen wird; Bildreportagen setzen einen respektvollen Umgang mit beobachteten Personen voraus, und erfundene Szenen sind als solche zu bezeichnen.

Das Bewertungsraster umfasst 100 Punkte: 20 für Befunde und Belege, 25 für die fachliche Erklärung, 25 für Vergleich beziehungsweise Gestaltung, 15 für das Urteil und 15 für Struktur und Fachsprache. Die Verteilung ist ein Unterrichtsvorschlag, schulische und amtliche Vorgaben gehen vor. In den Gestaltungsaufgaben zählen die Funktion der Entscheidungen, dokumentierte Versuche und begründete Revision. Es gibt keinen einheitlichen Musterentwurf. Auch eine technisch einfache Lösung kann stark sein, wenn die Bildmittel zur Leitfrage passen.

Die Abschlussaufgaben der vier Reihen sind unterschiedlich angelegt: „Selbstbild und Zuschreibung“ bei Laserstein, „Eine Bildunterschrift verantworten“ bei Mammen, „Alltag vergleichend erschließen“ bei Jürgens und Nagel sowie „Ein Schulbuchkapitel umgestalten“ in der Kanonreihe. Zeitlich kommen zum Kern von sechs Doppelstunden je Reihe das Gruppenpuzzle (45 bis 60 Minuten) und die Abschlussaufgabe mit Besprechung (60 bis 90 Minuten) hinzu.

Gestaltungspraxis: Von der Beobachtung zum eigenen Konzept

Jede Reihe endet in einem eigenen Entwurf, der als Erkenntnisform gedacht ist. Bei Laserstein sind es zwei Selbstbildnisentwürfe mit verschiedenen Rollen und ein Porträtkonzept, das Handlungsmacht über Tätigkeit und Raum zeigt; Mode darf beteiligt sein, soll die Aussage aber nicht allein tragen. Bei Mammen entsteht eine lineare und eine flächige Stadtfigur als kontrolliertes Vergleichspaar und später eine Serie aus drei Bildern. Bei Jürgens und Nagel kombinieren die Lernenden ein Bildpaar aus zwei unterschiedlich anerkannten Tätigkeiten, das dieselben Kriterien anwendet.

In der Kanonreihe wird die Gestaltungsaufgabe zur kuratorischen: Die Lernenden planen einen Raum mit vier Positionen und zwei nachvollziehbaren Vergleichslinien und beurteilen, ob ihr Konzept Sichtbarkeit oder nur Anwesenheit erzeugt. Ein reines Ergänzen von Namen verändert die Sichtweise nicht automatisch, und auch die eigene Gruppe verantwortet Auslassungen. So wird die Kanonkritik auf die eigene Arbeit angewendet.

Abiturbezug: Schwerpunktjahr 2029

Das Material nennt für die Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit das Schwerpunktjahr 2029. Das NRW-Dokument für 2028 wurde als Vergleich geprüft; eine vollständige amtliche Vorgabenkonformität für 2029 oder andere Bundesländer wird nicht behauptet, und die Reihen sind nicht ministeriell geprüft. Die Aufgaben sind eigene Unterrichts- und Übungsaufgaben, keine amtlichen Abituraufgaben. Maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW). Klären Sie vor der Planung, welche Künstlerinnen und Werke für Ihren Jahrgang verbindlich sind.

Die Werke werden über angegebene Museums- und Werkzugänge erschlossen, etwa der Beitrag des Städel Museums zu „Abend über Potsdam“ oder die Presseinformation der Berlinischen Galerie zu Mammen. Die Titelillustrationen der Pakete sind gekennzeichnete KI-Lehrillustrationen mit erfundenen Szenen und keine Originalwerke; Rechte an Originalabbildungen sind nicht enthalten.

Die vier Reihen und das Sparpaket

Jedes Paket enthält ein Lernheft für die Oberstufe (32 Seiten, PDF), einen Lehrkräfteteil (20 Seiten, PDF) und eine bearbeitbare Textfassung als DOCX.

Reihenübersicht: Schwerpunkt, Umfang und Abschlussaufgabe

Reihe Schwerpunkt Kernreihe Abschlussaufgabe
Lotte Laserstein Porträt, Selbstbildnis, Neue Frau 6 Doppelstunden Selbstbild und Zuschreibung
Jeanne Mammen Großstadt, Frauenbilder, Zeitschrift 6 Doppelstunden Eine Bildunterschrift verantworten
Jürgens und Nagel Alltag, Arbeit, Rollenwidersprüche 6 Doppelstunden Alltag vergleichend erschließen
Kanon und Wiederentdeckung Kanonkritik, Museum, Ausstellung 6 Doppelstunden Ein Schulbuchkapitel umgestalten
Sparpaket Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit Alle vier Reihen 24 Doppelstunden Je Reihe eine Abschlussaufgabe

Weiterlesen: Beiträge, Kollektion und verwandte Themen

Die Beiträge vertiefen einzelne Fragen der vier Reihen. Zwei ältere Beiträge ordnen die Neue Sachlichkeit am Beispiel von Otto Dix und die Selbstdarstellung im Porträt ein.

Häufige Fragen

Muss ich Otto Dix oder George Grosz vorher behandelt haben?

Nein. Die Reihen sind eigenständig und setzen kein Vorwissen zur Neuen Sachlichkeit voraus. Wer bereits eine Reihe zu Dix unterrichtet hat, kann die Kategorie „Neue Sachlichkeit“ im Modul der Kanonreihe als Untersuchungsperspektive prüfen und den Vergleich mit gleichen Kriterien führen.

Wie vermeide ich Klischees über „die“ Künstlerinnen?

Die Reihen arbeiten mit konkreten Werken, gleichen Kriterien und dem Hinweis, dass Geschlecht keine identische Perspektive begründet. Aussagen über Privatleben, sexuelle Identität oder politisches Denken aus Kleidung oder Haltung werden ausdrücklich als nicht belegbar behandelt.

Sind die Reihen für das Zentralabitur 2029 geeignet?

Das Material nennt für die Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit das Schwerpunktjahr 2029. Eine vollständige amtliche Vorgabenkonformität wird nicht behauptet. Maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW).

Wie lange dauert eine Reihe, und was gehört dazu?

Der Kern umfasst sechs Doppelstunden. Hinzu kommen das Gruppenpuzzle mit 45 bis 60 Minuten und die Abschlussaufgabe mit Besprechung von 60 bis 90 Minuten. Das Paket besteht aus Lernheft, Lehrkräfteteil und bearbeitbarer DOCX-Fassung.

Welche Werke werden betrachtet, und sind Abbildungen enthalten?

Genannt werden unter anderem „Abend über Potsdam“ (Laserstein, 1930), „Sie repräsentiert“ (Mammen, um 1928), „Liebespaar“ (Jürgens, 1930) und ein grafisches Selbstbildnis Nagels (1930). Die Werke werden über angegebene Museumszugänge erschlossen; Rechte an Originalabbildungen sind nicht enthalten, die Titelillustrationen sind gekennzeichnete KI-Lehrillustrationen.

Lassen sich die Reihen mit anderen Kunstthemen kombinieren?

Ja. Inhaltlich liegen Verbindungen zu Porträt und Selbstdarstellung nahe, zur Medienkultur der Weimarer Republik und zur Frage von Sammlungen und Museen. Im Hub zum Kunst-Abitur 2028 und 2029 sind mögliche Verbindungen zur griechischen Plastik und zu Kentridge beschrieben.