Wünsche zweiter Ordnung: Frankfurt als Brücke zwischen Neurodebatte und Verantwortung
Frankfurts Modell der Wünsche zweiter Ordnung verbindet Neurodebatte und Verantwortungsfrage, weil es das Kriterium für Freiheit von der Ursprungsfrage, ob ein Wunsch verursacht ist, auf die innere Struktur des Wollens verschiebt: Entscheidend ist, ob der handlungswirksame Wunsch mit dem übereinstimmt, was die Person auf einer zweiten Ebene selbst wollen möchte. Selbst wenn neurowissenschaftliche Befunde zeigen, dass jeder Wunsch kausal erklärbar ist, bleibt diese Strukturfrage unabhängig davon beantwortbar, was Frankfurts Ansatz zur Brücke zwischen beiden Debatten macht.
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Wünsche erster und zweiter Ordnung
Ein Wunsch erster Ordnung richtet sich auf eine Handlung, etwa den Wunsch zu rauchen. Ein Wunsch zweiter Ordnung richtet sich dagegen auf einen Wunsch erster Ordnung, etwa den Wunsch, den Wunsch zu rauchen nicht zu haben. Frankfurt unterscheidet zusätzlich den Wunsch zweiter Ordnung von der Volition zweiter Ordnung: Wer sich lediglich wünscht, ein bestimmtes Verlangen zu haben, hat noch keine Volition; erst wer will, dass genau dieser Wunsch handlungswirksam wird, also tatsächlich das eigene Handeln bestimmt, bildet eine Volition zweiter Ordnung aus. Wesen, die überhaupt keine Wünsche zweiter Ordnung ausbilden, nennt Frankfurt „Unbekümmerte", denen es gleichgültig ist, welcher ihrer Wünsche sich durchsetzt.
Der unwillige und der willige Süchtige
Frankfurts bekanntestes Beispiel unterscheidet zwei süchtige Personen: Der unwillige Süchtige möchte auf der zweiten Ebene nicht rauchen, wird aber trotzdem vom ersten Wunsch überwältigt, sodass Wunsch und Volition auseinanderfallen; er handelt gegen seinen eigenen Willen. Der willige Süchtige dagegen ist ebenso abhängig, bejaht aber auf der zweiten Ebene ausdrücklich, von genau diesem Verlangen bewegt zu werden. Beide Personen sind in gleichem Maß körperlich abhängig und ihre Wünsche gleichermaßen verursacht, doch nur beim willigen Süchtigen stimmen Wunsch und Wollen überein, weshalb Frankfurt nur ihm Freiheit des Willens hinsichtlich dieses Wunsches zuspricht.
Die Brücke zur Neurodebatte im Unterricht
In der ersten Doppelstunde erarbeitet die Klasse die Unterscheidung von Wunsch und Volition anhand der beiden Süchtigen und formuliert eigene Beispiele aus dem Schulalltag, etwa den Wunsch, vor einer Klausur zu lernen, gegen den Wunsch, stattdessen weiterzuschlafen. In der zweiten Doppelstunde wird die Frage gestellt, ob Libets Befund zum Bereitschaftspotential Frankfurts Modell überhaupt gefährdet: Da Frankfurt nicht behauptet, Wünsche seien unverursacht, sondern nur eine bestimmte Struktur unter den Wünschen verlangt, lässt sich zeigen, dass sein Kompatibilismus mit den Ergebnissen der Neurowissenschaft grundsätzlich vereinbar bleibt. Für diesen Transfer sind zwei bis drei Stunden realistisch, eingebettet in die Reihe zu Freiheit, Determinismus und Verantwortung.
Typische Fehler der Lerngruppe
Ein häufiger Fehler ist es, jede reflektierte Überlegung bereits als Wunsch zweiter Ordnung zu werten; gemeint ist spezifisch ein Wunsch, der sich auf einen anderen Wunsch richtet, nicht jedes allgemeine Nachdenken über eine Handlung. Ein zweiter Fehler besteht darin, aus dem Beispiel des willigen Süchtigen zu schließen, Sucht sei generell kein Freiheitsproblem; Frankfurt beansprucht nur, dass dieser eine Süchtige hinsichtlich dieses einen Wunsches frei handelt, nicht dass Abhängigkeit insgesamt harmlos für Freiheit wäre. Drittens wird Identifikation manchmal mit bloßem Genießen einer Handlung verwechselt; Frankfurt verlangt eine entschiedene, nicht bloß momentane Volition zweiter Ordnung, kein flüchtiges Wohlgefühl.
Aufgaben, Bewertung und Anschluss
Eine geeignete Aufgabe lautet: „Erläutern Sie Frankfurts Unterscheidung von Wunsch und Volition zweiter Ordnung am Beispiel des unwilligen und des willigen Süchtigen. Prüfen Sie, ob dieses Modell mit den Ergebnissen des Libet-Experiments vereinbar ist." Für die Bewertung zählt, ob die Lerngruppe Wunsch und Volition sauber trennt und ob sie erkennt, dass Frankfurts Kriterium unabhängig von der Kausalitätsfrage funktioniert. Da die Frage, mit welchen Wünschen sich eine Person identifiziert, auch von gesellschaftlichen Anerkennungsverhältnissen geprägt wird, lässt sich die Einheit mit der Reihe Individuum und Gesellschaft - Macht, Anerkennung und Entfremdung verbinden.
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Weiterführende Materialien
Zur Anschlussfähigkeit an neurowissenschaftliche Befunde bietet sich der Beitrag KI und Neurowissenschaften im Ethikunterricht an, methodische Anregungen zur gesamten Freiheitseinheit liefert Freiheit im Ethikunterricht: Methoden und Stundenideen. Einen Überblick über weitere Reihen bietet die Seite Philosophie Sek II: Unterrichtsreihen für die Oberstufe.
Häufige Fragen
Ist der willige Süchtige nach Frankfurt wirklich frei? Er ist frei hinsichtlich dieses spezifischen Wunsches, weil Wunsch und Volition übereinstimmen, was nichts daran ändert, dass seine Abhängigkeit unter anderen Gesichtspunkten problematisch bleiben kann.
Braucht man für Frankfurts Modell eine Position zur Willensfreiheit im Allgemeinen? Nein, das Modell lässt sich unabhängig von der Frage nach Determinismus einführen und erst anschließend mit ihr verknüpfen.
Wie unterscheidet sich ein Wunsch zweiter Ordnung von einem moralischen Urteil? Ein moralisches Urteil bewertet eine Handlung allgemein, ein Wunsch zweiter Ordnung richtet sich konkret darauf, von welchem eigenen Wunsch man selbst bewegt werden möchte.
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