Ethik· Sek II

Der Bruch bei Wittgenstein: den Weg vom Tractatus zu den Untersuchungen sichtbar machen

von Luca 08.09.2026 1 Min. Lesezeit
Sprachphilosophie im Philosophieunterricht der Sekundarstufe II

Der Bruch bei Wittgenstein wird sichtbar, wenn die Lerngruppe dieselbe Frage zweimal beantwortet bekommt: Wodurch hat ein Satz Bedeutung? Im Tractatus lautet die Antwort, ein Satz sei ein logisches Bild der Wirklichkeit, das deren Struktur abbildet. In den Philosophischen Untersuchungen lautet die Antwort, Bedeutung entstehe durch den Gebrauch eines Ausdrucks innerhalb eines Sprachspiels, ohne dass eine gemeinsame logische Struktur nötig wäre. Wer beide Antworten an demselben Beispielsatz durchspielt, sieht den Kurswechsel unmittelbar, ohne dass er nur behauptet werden müsste.

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Die Abbildtheorie des Tractatus

Wittgensteins früher Ansatz geht davon aus, dass Elementarsätze Sachverhalte abbilden, indem ihre logische Form der Struktur der Wirklichkeit entspricht: Die Anordnung der Namen im Satz entspricht der Anordnung der Gegenstände im Sachverhalt. Sinnvolle Sätze sind demnach solche, die eine mögliche Tatsache abbilden können; alles, was sich nicht in dieser Form sagen lässt, gehört laut dem berühmten Schlusssatz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" nicht in den Bereich sinnvoller Rede. Für den Unterricht lässt sich dies an einem einfachen Satz wie „Die Katze sitzt auf der Matte" zeigen: Die Wortstellung bildet die räumliche Beziehung zwischen Katze und Matte gleichsam ab.

Der Gebrauch in den Philosophischen Untersuchungen

Im Spätwerk verwirft Wittgenstein die Vorstellung, alle sinnvollen Sätze müssten eine gemeinsame logische Form teilen. Stattdessen erhält ein Ausdruck seine Bedeutung durch seinen Gebrauch innerhalb eines Sprachspiels, also einer regelgeleiteten Praxis, zu der eine bestimmte Lebensform gehört. Sein bekanntestes Argument gegen einheitliche Definitionen betrifft das Wort „Spiel": Brettspiele, Ballspiele, Kartenspiele und Kinderreigen haben kein einziges gemeinsames Merkmal, sondern nur überlappende Ähnlichkeiten, die Wittgenstein Familienähnlichkeit nennt. Diese Beobachtung untergräbt die im Tractatus vorausgesetzte Idee, Sprache habe überall dieselbe logische Tiefenstruktur.

Den Kurswechsel im Unterricht sichtbar machen

Bewährt hat sich folgender Aufbau: In der ersten Doppelstunde erarbeitet die Klasse die Abbildtheorie an kurzen Tractatus-Auszügen und wendet sie testweise auf das Wort „Spiel" an, indem sie versucht, notwendige und hinreichende Bedingungen für „Spiel-Sein" zu finden. Diese Definition scheitert typischerweise an Gegenbeispielen wie Solitaire, das ohne Mitspieler auskommt, oder an Wettkampfsport, bei dem der Erfolg zählt, während beim Reigen der Spaß im Vordergrund steht. In der zweiten Doppelstunde liest die Klasse die entsprechende Passage aus den Untersuchungen und stellt fest, dass genau dieses Scheitern von Wittgenstein selbst als Argument gegen einheitliche Wesensbestimmungen verwendet wird. Für diesen Vergleich sind zwei bis drei Stunden realistisch, bevor der Sprachspiel-Begriff an weiteren Beispielen aus der Reihe Sprache, Bedeutung und Wirklichkeit - Wie Worte Welt schaffen vertieft wird.

Typische Fehler der Lerngruppe

Ein verbreiteter Fehler ist die Annahme, der späte Wittgenstein habe den frühen vollständig verworfen und nichts sei erhalten geblieben; in der Forschung wird der Grad des Bruchs tatsächlich diskutiert, für die Unterrichtspraxis genügt aber die Feststellung eines deutlichen Kurswechsels in der zentralen Frage nach der Bedeutung. Ein zweiter Fehler ist das Missverständnis, „Sprachspiel" bedeute, Sprache sei bloß spielerisch oder beliebig; gemeint ist eine regelgeleitete Praxis, die ebenso ernsthaft und verbindlich sein kann wie ein Gerichtsverfahren. Drittens wird das Argument gegen eine Privatsprache oft falsch als Behauptung verstanden, man könne keine geheimen Gedanken haben, während es tatsächlich um die Frage geht, ob eine Sprache ohne öffentlich überprüfbare Kriterien überhaupt Regeln befolgen kann.

Aufgaben und Bewertung

Eine geeignete Aufgabe lautet: „Erläutern Sie, wie Wittgenstein im Tractatus und in den Philosophischen Untersuchungen die Bedeutung des Wortes ‚Spiel' erklären würde. Beurteilen Sie, welcher Ansatz das Phänomen besser erfasst." Für die Bewertung zählt neben der korrekten Rekonstruktion beider Theorien vor allem, ob die Lerngruppe erkennt, dass der Gebrauchsbegriff kein bloßer Ersatz für eine neue Definition ist, sondern die Suche nach einer einheitlichen Definition selbst infrage stellt. Argumentrekonstruktionen zu beiden Werkphasen lassen sich systematisch mit dem Vorgehen üben, das auf der Seite Philosophische Positionstexte: Argumentrekonstruktion in der Oberstufe vorgestellt wird.

Anschluss an Metaphysik und Lehrplan

Der Tractatus-Satz über das Schweigen wird oft im Zusammenhang mit religiösen und metaphysischen Aussagen diskutiert, da Wittgenstein Ethik, Ästhetik und Religion außerhalb des sagbaren Bereichs verortet; dieser Anschluss lässt sich mit der Reihe Religion, Transzendenz und Metaphysik - Was dürfen wir hoffen? vertiefen, wenn danach gefragt wird, ob Aussagen über Transzendentes überhaupt sinnvoll sein können. Zur Illustration von Grenzfällen sprachlicher Bedeutung eignen sich Gedankenexperimente, wie sie im Beitrag zu Gedankenexperimenten im Philosophieunterricht der Oberstufe vorgestellt werden. Einen Überblick über die Struktur der Kompetenzbereiche in Nordrhein-Westfalen bietet der Beitrag Philosophie Kernlehrplan NRW Oberstufe; verbindlich ist stets die Fassung der jeweiligen Schulverwaltung.

Häufige Fragen

Muss man den Tractatus vollständig lesen, um den Bruch zu verstehen? Nein, wenige zentrale Sätze zur Abbildtheorie reichen aus, um den Kontrast zu den Untersuchungen nachvollziehbar zu machen.

Ist der Bruch in der Forschung unumstritten? Nein, es gibt Positionen, die stärkere Kontinuitäten betonen; für die Oberstufe genügt die didaktisch vereinfachte, aber sachlich zutreffende Gegenüberstellung der beiden Antworten auf die Bedeutungsfrage.

Warum eignet sich gerade das Wort „Spiel" so gut als Beispiel? Weil Wittgenstein es selbst verwendet, um zu zeigen, dass eine gemeinsame Definition scheitert, und weil die Lerngruppe die Gegenbeispiele leicht selbst findet.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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