Unterrichtsreihe
Sprache, Bedeutung und Wirklichkeit
Positionstexte zu Frege, Wittgenstein und Grice mit klar unterscheidbaren Prämissenketten, geeignet für den Einstieg in die Rekonstruktion sprachphilosophischer Argumente.
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Philosophie · Sekundarstufe II · Textarbeit
Wie sich These, Prämissen und Schluss aus einem philosophischen Positionstext zuverlässig rekonstruieren lassen, wie verdeckte Voraussetzungen sichtbar werden und wo das Toulmin-Schema mehr leistet als eine einfache These-Beleg-Struktur.
Ein philosophischer Positionstext wird erst dann handhabbar, wenn seine Argumentation in These, Prämissen und Schluss zerlegt und auf verdeckte, im Text nicht ausgesprochene Voraussetzungen geprüft wird. Diese Rekonstruktion ist eine eigene Fertigkeit, die getrennt von der inhaltlichen Bewertung des Arguments geübt werden muss: Erst wer die Struktur eines Arguments sauber offenlegen kann, ist in der Lage, gezielt an einer einzelnen Prämisse anzusetzen, statt den Text pauschal zuzustimmen oder abzulehnen.
Jede Argumentrekonstruktion beginnt mit derselben Frage: Was genau behauptet der Text, und mit welchen Gründen wird die Behauptung gestützt? Die These ist die Aussage, die der Text als Ergebnis etablieren will, meist an prominenter Stelle formuliert, aber nicht immer im ersten Satz. Die Prämissen sind die Aussagen, aus denen die These folgen soll; sie können explizit genannt oder implizit vorausgesetzt sein. Der Schluss ist der Übergang von den Prämissen zur These – die Stelle, an der sich prüfen lässt, ob die These tatsächlich aus den Prämissen folgt oder ob der Übergang eine Lücke enthält.
In der Praxis scheitert die Rekonstruktion selten an der These, die sich meist leicht benennen lässt, sondern an den Prämissen. Ein häufiger Fehler ist, eine erläuternde Passage mit einer Prämisse zu verwechseln: Ein Satz, der ein Beispiel gibt oder eine Position historisch einordnet, trägt oft nicht zur eigentlichen Argumentationskette bei, auch wenn er im Text unmittelbar vor der These steht. Hilfreich ist die Gegenprobe: Lässt sich der Satz streichen, ohne dass die These weniger gut begründet ist, handelt es sich nicht um eine tragende Prämisse.
Die anspruchsvollste Stufe der Rekonstruktion ist das Aufdecken verdeckter Voraussetzungen: Prämissen, die für den Schluss notwendig sind, im Text aber nicht ausgesprochen werden, weil der Autor sie für selbstverständlich hält. Ein klassisches Beispiel ist die stillschweigende Gleichsetzung von Freiheit mit Abwesenheit äußerer Zwänge in vielen Freiheitsargumenten, die erst durch eine explizite Gegenposition – etwa Frankfurts Wünsche zweiter Ordnung – als bloße Voraussetzung und nicht als selbstverständliche Wahrheit sichtbar wird. Um eine solche Voraussetzung zu finden, hilft eine einfache Prüffrage: Welche zusätzliche Aussage müsste wahr sein, damit der Schluss von den genannten Prämissen zur These tatsächlich gültig ist? Wird diese zusätzliche Aussage im Text nirgends belegt, handelt es sich um eine verdeckte Voraussetzung.
Verdeckte Voraussetzungen offenzulegen ist kein Selbstzweck, sondern der Ansatzpunkt für eine begründete Kritik. Eine Erörterung, die eine verdeckte Voraussetzung benennt und zeigt, dass diese selbst begründungsbedürftig oder sogar bestreitbar ist, erreicht einen höheren Anforderungsbereich als eine Erörterung, die lediglich eine alternative Meinung neben die des Textes stellt. Der Unterschied liegt darin, dass die Kritik direkt an der Struktur des Arguments ansetzt und über dessen bloßes Ergebnis hinausgeht.
Für einfache Argumente genügt die Dreiteilung in These, Prämissen und Schluss. Komplexere philosophische Argumente lassen sich jedoch oft präziser mit dem Toulmin-Schema erfassen, das zwischen mehreren Funktionen unterscheidet, die eine einfache Prämisse nicht abbildet. Neben der Datenbasis (den angeführten Fakten oder Beispielen) und der Konklusion (der eigentlichen These) unterscheidet Toulmin die Schlussregel, die erklärt, warum die Datenbasis die Konklusion stützt, sowie die Stützung dieser Schlussregel selbst, falls sie ihrerseits begründungsbedürftig ist. Hinzu kommen Ausnahmebedingungen, unter denen die Konklusion nicht gilt, und ein Modaloperator, der die Geltungsstärke der Konklusion angibt – etwa „wahrscheinlich" statt „notwendig".
Das Toulmin-Schema lohnt sich vor allem dort, wo ein Argument nicht deduktiv zwingend, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gilt, was in der angewandten Ethik häufiger der Fall ist als in formalen Beweisen. Ein Argument gegen eine bestimmte bioethische Praxis, das auf empirischen Daten zu möglichen Folgen beruht, lässt sich mit Toulmin präziser rekonstruieren als mit der einfachen These-Prämissen-Struktur, weil sichtbar wird, dass die Schlussregel selbst auf einer empirischen Annahme beruht, die sich ändern kann. Für den Unterricht empfiehlt sich, das vollständige Toulmin-Schema erst im Leistungskurs einzuführen und im Grundkurs bei der einfacheren Dreiteilung zu bleiben, da die zusätzlichen Kategorien ohne vorherige Übung an der Grundstruktur eher verwirren als klären.
Positionstexte, die im Unterricht zur Einführung eines Arguments verwendet werden, sind in aller Regel didaktisch neu formulierte Rekonstruktionen und keine Originalausgaben. Diese Unterscheidung ist für die Argumentrekonstruktion doppelt wichtig. Erstens ist ein rekonstruierter Text bereits stärker geordnet als ein Originaltext: Die These steht meist an klar erkennbarer Stelle, Nebengedanken sind reduziert, die Prämissenkette ist linearer, als sie es im historischen Original häufig ist. Das erleichtert den Einstieg in die Methode, kann aber den Eindruck erwecken, Argumentrekonstruktion sei einfacher, als sie am Originaltext tatsächlich ist.
Zweitens folgt daraus eine unterrichtliche Konsequenz: Wer ausschließlich mit didaktisch verdichteten Positionstexten arbeitet, sollte spätestens im Leistungskurs auch kurze Auszüge aus Originaltexten in die Rekonstruktionsübung einbeziehen, in denen Prämissen weniger deutlich markiert sind und Nebengedanken die Hauptargumentation streckenweise verdecken. Die Übertragung der am Positionstext geübten Methode auf einen Originalauszug ist selbst eine Lernaufgabe im Anforderungsbereich II bis III und sollte nicht stillschweigend vorausgesetzt werden, wenn sie vorher nie geübt wurde.
Drei Fehler treten in Lernendentexten besonders regelmäßig auf. Der erste ist die bereits erwähnte Verwechslung von Erläuterung und Prämisse, die dazu führt, dass die rekonstruierte Argumentationskette länger und schwächer wirkt, als sie im Original ist. Der zweite Fehler ist die zirkuläre Rekonstruktion: Die Konklusion wird faktisch als eine der Prämissen verwendet, meist unbemerkt, weil sie in anderen Worten wiederholt wird. Eine einfache Gegenprobe deckt diesen Fehler auf: Wird eine der genannten Prämissen durch die Konklusion selbst ersetzt, ohne dass sich der Inhalt wesentlich ändert, liegt ein Zirkel vor. Der dritte Fehler ist die Vermischung von Rekonstruktion und Bewertung: Lernende formulieren bereits bei der Rekonstruktion eine eigene Wertung der Prämisse, statt sie zunächst neutral darzustellen. Das führt dazu, dass unklar bleibt, ob eine Prämisse missverstanden oder bewusst kritisiert wurde.
Allen drei Fehlern lässt sich mit einer festen Reihenfolge im Arbeitsauftrag begegnen: erst die These in einem Satz benennen, dann jede Prämisse einzeln und ohne Wertung auflisten, erst danach den Schluss prüfen und zuletzt eine Bewertung vornehmen. Wird diese Reihenfolge als festes Schema eingeübt – etwa über eine Methodenkarte, die für jeden Schritt eine eigene Zeile vorsieht – sinkt die Fehlerquote in der Regel bereits nach zwei bis drei Übungsdurchgängen deutlich.
Eine vierte, seltenere Fehlerquelle betrifft den Umgang mit Beispielen im Text. Ein Beispiel dient meist der Veranschaulichung einer bereits genannten Prämisse und liefert selten eine eigenständige neue Prämisse. Wird ein Beispiel dennoch als zusätzliche Prämisse gezählt, wirkt die rekonstruierte Argumentation breiter, als sie tatsächlich ist, und verdeckt, dass die eigentliche Begründung auf wenigen tragenden Aussagen ruht.
Argumentrekonstruktion lässt sich nicht nebenbei in der ersten Begegnung mit einem neuen Positionstext erlernen, sondern braucht eine eigene, von der inhaltlichen Erarbeitung getrennte Übungsphase. Bewährt hat sich, in einer zehnstündigen Reihe mindestens zwei Stunden ausschließlich der Methode zu widmen: eine Stunde zur Einführung von These, Prämissen und Schluss an einem kurzen, inhaltlich einfachen Text, eine weitere Stunde zur gezielten Suche nach verdeckten Voraussetzungen an einem zweiten Text. Erst danach sollte die Methode an den eigentlichen Positionstexten der Reihe angewendet werden, bei denen die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Position im Vordergrund steht und die Rekonstruktion als Werkzeug dient, nicht mehr als eigenständiger Lerngegenstand.
Wird diese Übungsphase übersprungen, zeigt sich der Rückstand meist erst in der Klausur, wenn ein unbekannter Textauszug ohne die gewohnte didaktische Verdichtung rekonstruiert werden muss. Die investierten zwei Stunden zahlen sich dort aus, weil die Methode dann nicht mehr am neuen Text selbst gelernt werden muss, sondern nur noch auf ihn angewendet wird.
Wie bei anderen methodischen Bausteinen zeigt sich auch bei der Argumentrekonstruktion ein Gefälle im Vorwissen: Manche Lernende erkennen eine Prämisse nach kurzer Erklärung zuverlässig, andere benötigen mehrere Anläufe an unterschiedlichen Texten. Eine abgestufte Aufgabenstellung hilft auch hier: Alle Lernenden erhalten denselben Positionstext, aber unterschiedlich stark vorstrukturierte Arbeitsblätter – von einer offenen Aufgabe, die nur nach These und Prämissen fragt, bis zu einem Blatt mit nummerierten Textabschnitten, in dem für jeden Abschnitt bereits vermerkt ist, ob es sich um eine Prämisse oder eine Erläuterung handeln könnte, was die Lernenden lediglich noch prüfen und bestätigen oder korrigieren müssen.
Für leistungsstärkere Lernende eignet sich als Erweiterung die zusätzliche Suche nach einer verdeckten Voraussetzung, während der übrige Kurs zunächst nur die explizite Prämissenstruktur sichert. Wichtig bleibt auch hier, dass die Klausur selbst für den gesamten Kurs denselben Erwartungshorizont verwendet, damit die Differenzierung in der Übungsphase nicht zu unterschiedlichen Ansprüchen in der Leistungsfeststellung führt.
Sobald zwei Positionstexte rekonstruiert vorliegen, lässt sich die Methode um einen weiteren Schritt erweitern: den systematischen Vergleich. Anders als eine bloße Gegenüberstellung von Inhalten setzt ein Vergleich auf Ebene der Rekonstruktion an, indem er prüft, an welcher Stelle sich zwei Argumentationen tatsächlich unterscheiden – bei der These, bei einer Prämisse oder bei der Schlussregel selbst. Zwei Positionstexte können durchaus zu unterschiedlichen Thesen kommen, obwohl sie eine gemeinsame Prämisse teilen; in diesem Fall liegt der Unterschied nicht im Ausgangspunkt, sondern im weiteren Schluss oder in einer zusätzlichen Prämisse, die nur einer der beiden Texte einführt. Diese Differenzierung ist genauer als der pauschale Befund, zwei Autoren „sähen das anders", und liefert zugleich das Material für eine begründete Erörterung, die eine der beiden Positionen bevorzugt.
Für den Unterricht bedeutet das, den Vergleich zweier Positionstexte nicht als eigenständige neue Methode einzuführen, sondern als Anwendung der bereits geübten Rekonstruktion auf zwei Texte gleichzeitig, mit einer zusätzlichen Vergleichsmatrix, die These, Prämissen und Schlussregel beider Texte nebeneinanderstellt. Wer diese Matrix einmal an einem einfachen Beispiel angelegt hat, überträgt sie in der Regel ohne größere Schwierigkeiten auf komplexere Textpaare.
Für die Klausurvorbereitung ist dieser Schritt besonders relevant, weil die Aufgabenart Vergleich in vielen Prüfungsformaten regelmäßig vorkommt und ohne eine saubere Vorarbeit an der Rekonstruktion beider Texte erfahrungsgemäß in eine bloße Nacherzählung zweier Positionen abrutscht. Wer die Vergleichsmatrix bereits in der Übungsphase mehrfach angewendet hat, überträgt die Struktur in der Klausursituation zuverlässiger auf einen unbekannten Textauszug, weil das Vorgehen selbst zur Routine geworden ist und nicht erst unter Zeitdruck entwickelt werden muss.
Die folgende Übersicht ordnet jedem Rekonstruktionsschritt die zentrale Leitfrage und einen typischen Stolperstein zu.
| Schritt | Leitfrage | Typischer Stolperstein |
|---|---|---|
| These benennen | Was will der Text als Ergebnis zeigen? | These wird mit einem Zwischengedanken verwechselt |
| Prämissen sammeln | Welche Aussagen stützen die These? | Erläuterungen werden als Prämissen gezählt |
| Verdeckte Voraussetzungen prüfen | Was müsste zusätzlich gelten, damit der Schluss trägt? | Selbstverständlich wirkende Annahmen bleiben unbenannt |
| Schluss prüfen | Folgt die These tatsächlich aus den Prämissen? | Zirkuläre Rekonstruktion durch verdeckte Wiederholung der These |
| Bewerten | Ist eine Prämisse oder die Schlussregel angreifbar? | Bewertung vermischt sich bereits mit der Rekonstruktion |
Jede der folgenden Unterrichtsreihen enthält fünf didaktisch neu formulierte Positionstexte, die sich für die hier beschriebene Rekonstruktionsmethode eignen, dazu Arbeitsblätter, Methodenkarten, ein Gruppenpuzzle und Lösungen zur Sicherung. Die vier Reihen stammen bewusst aus unterschiedlichen Inhaltsfeldern, damit sich die Methode an Textsorten mit unterschiedlicher Argumentationsdichte üben lässt, von der vergleichsweise linearen Struktur sprachphilosophischer Grundlagentexte bis zu den mehrschrittigen, historisch gewachsenen Argumentationen der Gesellschafts- und Anerkennungstheorie.
Unterrichtsreihe
Positionstexte zu Frege, Wittgenstein und Grice mit klar unterscheidbaren Prämissenketten, geeignet für den Einstieg in die Rekonstruktion sprachphilosophischer Argumente.
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Enthält Positionstexte zu klassischen Gottesbeweisen, an denen sich verdeckte Voraussetzungen und die Grenze zwischen Wissen und Hoffnung nach Kant besonders gut aufzeigen lassen.
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Fünf Positionstexte zu Tugend-, Pflicht-, Folgen-, Gefühls- und Diskursethik, mit Toulmin-Erweiterung für die diskursethische Begründungsstruktur im Leistungskurs.
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Positionstexte zu Hegel, Marx und Foucault mit mehrschrittigen Argumentationen, an denen sich das Toulmin-Schema exemplarisch üben lässt.
Diese Titel arbeiten intensiver an einzelnen Autoren und eignen sich, um die Rekonstruktionsmethode an längeren Textgrundlagen zu vertiefen.
Kernlehrplan NRW
Diese Beiträge und die passende Kollektion vertiefen einzelne Positionen und die Methode der Rekonstruktion.
Die These ist die Aussage, die der Text als Ergebnis etablieren will. Die Prämissen sind die Aussagen, aus denen die These folgen soll. Eine einfache Gegenprobe hilft: Lässt sich ein Satz streichen, ohne dass die Begründung schwächer wird, war er keine tragende Prämisse.
Über die Prüffrage, welche zusätzliche Aussage wahr sein müsste, damit der Schluss von den genannten Prämissen zur These tatsächlich gültig ist. Wird diese Aussage im Text nirgends belegt, handelt es sich um eine verdeckte Voraussetzung.
Vor allem bei Argumenten, die nicht deduktiv zwingend, sondern nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gelten, etwa in der angewandten Ethik. Für den Grundkurs genügt meist die einfachere Dreiteilung.
Sie sind didaktisch neu formulierte Rekonstruktionen, die die Argumentationsstruktur eines Autors verdichten und für den Einstieg zugänglich machen. Für die vertiefte Arbeit gehört ein kurzer Originalauszug ergänzend dazu, besonders im Leistungskurs.
Über die Gegenprobe, ob eine der genannten Prämissen durch die Konklusion ersetzt werden könnte, ohne dass sich der Inhalt wesentlich ändert. Ist das der Fall, liegt ein Zirkel vor.
Die Rekonstruktionsmethode ist fachlich allgemein gültig, die Materialien sind stufenbezogen aufgebaut, aber nicht ministeriell geprüft. Maßgeblich bleiben die Vorgaben der zuständigen Stelle Ihres Bundeslandes.