Sek II

Rembrandts Selbstporträts: Ein Leben in über 40 Gemälden

von Luca 15.07.2026 1 Min. Lesezeit

Kein anderer Künstler der Kunstgeschichte hat sich selbst so oft und so schonungslos gemalt wie Rembrandt van Rijn. Über vier Jahrzehnte hinweg entstanden mehr als 40 Gemälde, dazu rund 30 Radierungen und zahlreiche Zeichnungen, auf denen er sich selbst festhielt – vom selbstbewussten Jüngling im goldbestickten Wams bis zum gezeichneten alten Mann mit müden Augen und schwerem Blick. Zusammengenommen ergeben diese Bilder etwas, das es in dieser Form vorher nicht gab: eine gemalte Autobiografie, die nicht nur ein Gesicht, sondern ein ganzes Leben dokumentiert.

Material zu diesem Artikel

Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.

Was bedeutet: Selbstporträt als Lebenswerk?

Ein einzelnes Selbstporträt zeigt einen Moment. Rembrandts Selbstporträt-Serie zeigt dagegen eine Entwicklung – vergleichbar mit einer fotografischen Langzeitdokumentation, nur eben in Öl auf Leinwand oder Holz, entstanden zwischen etwa 1628 und seinem Todesjahr 1669. Kein Auftraggeber verlangte diese Bilder von ihm; er malte sie aus eigenem Antrieb, teils zur Übung an Mimik und Lichtführung, teils als Werbung für seine Porträtkunst gegenüber zahlungskräftigen Kundinnen und Kunden, teils – besonders in den späten Jahren – offenbar aus einem inneren Bedürfnis heraus, sich selbst und dem Altern ungeschminkt ins Gesicht zu sehen. Diese Konstanz über ein ganzes Leben hinweg macht die Serie zu einem einzigartigen kunsthistorischen Dokument: Man kann an Rembrandts Gesicht buchstäblich den Lauf der Zeit, den wirtschaftlichen Auf- und Abstieg und die zunehmende künstlerische Radikalisierung ablesen.

Licht, Schatten und die Entwicklung einer Bildsprache

Rembrandt (1606–1669) gehört zu den bedeutendsten Meistern des Hell-Dunkel-Kontrasts, dem sogenannten Chiaroscuro. In seinen frühen Selbstporträts aus den 1620er- und 1630er-Jahren, etwa dem "Selbstbildnis mit Halskrause" (um 1629), inszeniert er sich noch mit theatralischer Lichtregie: harte Kontraste, verspielte Kopfbedeckungen, ein Blick, der Selbstbewusstsein und künstlerischen Ehrgeiz ausstrahlt. Der junge Rembrandt experimentiert hier sichtlich mit exotischen Kostümen und dramatischen Posen, um sein technisches Können zu demonstrieren. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Lichtführung grundlegend: Die Kontraste werden weicher, das Licht scheint von innen zu kommen statt von einer äußeren Quelle zu stammen, der Farbauftrag wird pâtöser und grober, fast wie modelliert statt gemalt. Im Spätwerk, etwa dem "Selbstbildnis als Zeuxis" (um 1668) oder dem Londoner "Selbstbildnis im Alter von 63 Jahren" (1669), verzichtet Rembrandt fast vollständig auf Inszenierung. Das Gesicht ist von tiefen Furchen gezeichnet, die Augen liegen schwer und müde, die Malweise wirkt fast unfertig – und gerade diese scheinbare Unfertigkeit erzeugt eine Unmittelbarkeit und Verletzlichkeit, die spätere Künstlergenerationen wie Vincent van Gogh oder Lucian Freud stark beeinflusste.

Ein Werk im Detail: Das Selbstbildnis von 1669

Das "Selbstbildnis im Alter von 63 Jahren", entstanden im Todesjahr Rembrandts und heute in der National Gallery London zu sehen, gilt als eines der eindringlichsten Alterssebildnisse der Kunstgeschichte. Rembrandt zeigt sich frontal, in schlichter dunkler Kleidung, ohne jeden Schmuck oder gesellschaftlichen Statushinweis. Die Hände sind vor dem Körper gefaltet, der Blick geht direkt zur Betrachterin oder zum Betrachter, doch er wirkt nicht fordernd, sondern nach innen gerichtet. Zum Zeitpunkt der Entstehung war Rembrandt wirtschaftlich ruiniert – er hatte 1656 den privaten Bankrott erklären müssen und mehrere enge Familienangehörige, darunter seine Frau Saskia und drei seiner vier Kinder, bereits zu Lebzeiten verloren. Nichts davon wird im Bild explizit erzählt, doch die Schwere im Gesicht, die fast raue, ungesüßte Malweise und der Verzicht auf jede Idealisierung lassen sich kaum von dieser Lebensgeschichte trennen. Kunsthistorisch bemerkenswert ist zudem die Selbstironie mancher Spätwerke: Im erwähnten "Selbstbildnis als Zeuxis" malt sich Rembrandt lachend, in Anspielung auf den antiken Maler Zeuxis, der der Legende nach beim Malen einer hässlichen alten Frau vor Lachen starb – ein humorvoller, fast trotziger Kommentar zum eigenen Alter und Verfall.

Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität

Für die Sek II eignet sich eine chronologische Bildreihen-Analyse: Die Lerngruppe erhält vier bis fünf Selbstporträts Rembrandts aus unterschiedlichen Lebensjahrzehnten (etwa 1629, 1640, 1652, 1660 und 1669) ohne Datumsangabe und ordnet sie in Kleingruppen nach vermutetem Entstehungsjahr, begründet anhand von Licht, Farbauftrag, Kleidung, Mimik und Körperhaltung. Im Anschluss vergleicht die Klasse ihre Reihenfolge mit der tatsächlichen Chronologie und diskutiert, welche Merkmale besonders verlässliche Altersindikatoren waren. In einem zweiten, produktiven Schritt fertigt jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Selbstporträt in zwei Versionen an: einmal "idealisiert" mit geschönter Mimik und vorteilhaftem Licht, einmal bewusst ungeschminkt mit sichtbaren Unsicherheiten oder Müdigkeit, angelehnt an Rembrandts späte Kompromisslosigkeit. Die abschließende Reflexion widmet sich der Frage, wie viel Verletzlichkeit man in einem Selbstbild preiszugeben bereit ist – eine Frage, die sich unmittelbar mit der heutigen Selfie-Kultur und ihrer Tendenz zur Idealisierung verknüpfen lässt.

Typische Missverständnisse

  • "Rembrandt malte Selbstporträts nur aus Eitelkeit." Viele Bilder dienten als Übungsobjekte für Mimik, Lichtführung und Maltechnik oder als Werbung für seine Porträtkunst – die späten Werke zeigen zudem eine auffällige Abwesenheit jeder Eitelkeit.
  • "Alle Selbstporträts Rembrandts sehen sich stilistisch ähnlich." Zwischen den frühen, theatralisch inszenierten und den späten, fast unfertig wirkenden Bildern liegen technisch und stilistisch Welten – vergleichbar mit unterschiedlichen Schaffensperioden verschiedener Künstler.
  • "Man kennt die genaue Zahl der Selbstporträts Rembrandts exakt." Die Forschung diskutiert bis heute, welche Werke tatsächlich eigenhändig von Rembrandt stammen und welche von Schülern seiner Werkstatt im ähnlichen Stil gemalt wurden – die Zahl "40" ist ein gut belegter Näherungswert, kein exaktes, unumstrittenes Faktum.

Grenzen der Betrachtung

Die verbreitete Lesart, Rembrandts Spätwerke seien reine "Seelenspiegel" seines persönlichen Leids, lässt sich kunsthistorisch nicht vollständig belegen. Manche seiner Selbstporträts, etwa solche in historischen Kostümen oder mit Rollenattributen, sind auch als bewusste Rollenspiele oder als Studien zu verstehen, mit denen Rembrandt seine technische Vielseitigkeit unter Beweis stellen wollte – nicht jedes Bild ist ein unmittelbares Bekenntnis. Zudem entstand die Zuschreibung mancher Werke erst durch spätere Forschung; die Echtheitsfrage ist bei einzelnen Gemälden bis heute nicht abschließend geklärt, etwa weil Rembrandts Werkstattbetrieb mit zahlreichen Schülern arbeitete, die ähnliche Motive in seinem Stil ausführten. Eine rein biografische Deutung jedes einzelnen Bildes greift daher zu kurz.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Rembrandt schuf zwischen etwa 1628 und 1669 mehr als 40 gemalte Selbstporträts – eine kunsthistorisch einzigartige Langzeitserie.
  • Die frühen Bilder zeigen theatralische Inszenierung und harte Hell-Dunkel-Kontraste, die späten Werke wirken ungeschminkt und fast unfertig.
  • Das "Selbstbildnis im Alter von 63 Jahren" (1669) entstand im Todesjahr und gilt als eines der eindringlichsten Altersbildnisse der Kunstgeschichte.
  • Rembrandts wirtschaftlicher Abstieg und persönliche Verluste lassen sich nicht direkt, aber atmosphärisch in den späten Werken nachvollziehen.
  • Nicht jedes Selbstporträt ist als unmittelbares Bekenntnis zu lesen – manche sind bewusste Rollenspiele oder technische Studien.

Passendes Unterrichtsmaterial

Wer das Thema Selbstpräsentation und Selbstporträt im Unterricht um eine kunsthistorische Fallstudie erweitern möchte, findet passendes Material direkt einsatzbereit:

Weitere passende Beiträge

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Selbstporträts hat Rembrandt tatsächlich gemalt?
Man geht von über 40 gemalten Selbstporträts aus, hinzu kommen rund 30 Radierungen und zahlreiche Zeichnungen – die genaue Zuschreibung einzelner Werke wird in der Forschung bis heute diskutiert.

Warum malte Rembrandt sich selbst so häufig?
Gründe waren Übung an Mimik und Lichtführung, Werbung für seine Porträtkunst sowie, besonders im Spätwerk, ein offenbar persönliches Bedürfnis, sich selbst und dem Altern ungeschminkt zu begegnen.

Was ist das Chiaroscuro, für das Rembrandt bekannt ist?
Chiaroscuro bezeichnet die malerische Technik starker Hell-Dunkel-Kontraste, mit der Rembrandt Raumtiefe, Dramatik und psychologische Wirkung erzeugte.

Wie veränderte sich Rembrandts Malstil im Alter?
Die frühe, theatralisch inszenierte und präzise Malweise wich einem lockereren, pâtöseren Farbauftrag mit weicheren Kontrasten und einer fast unfertig wirkenden, aber sehr unmittelbaren Bildwirkung.

Zeigen die Selbstporträts direkt Rembrandts persönliches Leid?
Nicht immer explizit, aber die Schwere und Kompromisslosigkeit der späten Bilder lässt sich kaum von seinem wirtschaftlichen Ruin und den persönlichen Verlusten trennen, ohne dass jedes Detail biografisch belegbar wäre.

Sind alle Rembrandt zugeschriebenen Selbstporträts eigenhändig?
Nein, einige Werke stammen möglicherweise aus seiner Werkstatt oder von Schülern in seinem Stil – die Zuschreibung ist bei einzelnen Bildern bis heute umstritten.

Wie lässt sich das Thema mit der heutigen Selfie-Kultur verknüpfen?
Rembrandts Bereitschaft, sich im Alter ungeschminkt zu zeigen, steht in starkem Kontrast zur Idealisierungstendenz heutiger Selfies und eignet sich gut für eine vergleichende Diskussion über Selbstinszenierung damals und heute.

Fazit

Rembrandts Selbstporträts sind weit mehr als eine Sammlung einzelner Bilder – sie bilden eine der frühesten und eindringlichsten visuellen Autobiografien der Kunstgeschichte. Vom selbstbewussten jungen Künstler bis zum gezeichneten alten Mann lässt sich an ihnen ablesen, wie sich Lichtführung, Malweise und Selbstwahrnehmung über ein ganzes Leben hinweg verändern können. Gerade die Bereitschaft, Alter, Verletzlichkeit und Verfall ohne Beschönigung zu zeigen, macht Rembrandts Spätwerk bis heute zu einem eindrücklichen Gegenentwurf zu jeder Form idealisierter Selbstdarstellung.

FachKomplett

Ein ganzes Fach statt einzelner Reihen

Die FachKomplett-Reihen bündeln das Material eines kompletten Fachs für Sek I und Sek II. Einmal kaufen, das Fach ist vorbereitet.

Teilen: WhatsApp LinkedIn E-Mail
Selbstpräsentation in der Kunst - Unt...Ansehen
Über den Autor
✏️
Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

UnterrichtsentwicklungBildungDidaktikLerndesign
Passende Beiträge

Das könnte dich auch interessieren

Häufige Fragen

FAQ zu den Unterrichtsmaterialien

Das Sortiment reicht von der Kita über die Grundschule und die Sekundarstufe I (Klasse 5–10) bis zur Sekundarstufe II und zur Berufsschule. Jedes Material ist nach Fach, Stufe und - wo sinnvoll - nach Bundesland beschriftet.

Viele Reihen lassen sich mit kleinen Anpassungen auch in benachbarten Schulformen einsetzen, weil die Aufgaben in mehreren Anforderungsniveaus vorliegen.

Eine vollständige Reihe enthält in der Regel:

  • mehrere Arbeitsblätter mit ausgearbeiteten Lösungen
  • eine Präsentation für den Unterrichtseinstieg
  • einen Verlaufsplan für die Stundenstruktur
  • Aufgaben auf mehreren Anforderungsniveaus zur Differenzierung
  • je nach Reihe Klausur- oder Testvorlagen

Die Dateien liegen in editierbaren Formaten vor, damit du Inhalte an deine Lerngruppe anpassen kannst.

Direkt nach dem Kauf erhältst du eine Bestätigungs-E-Mail mit dem Download-Link. Zusätzlich liegen die Dateien dauerhaft in deinem Kundenkonto unter „Bestellungen" - ohne Ablaufdatum und ohne Downloadlimit.

Es gibt keinen Versand und keine Wartezeit: Der Download steht unmittelbar nach dem Abschluss der Bestellung bereit.

Die Einzellizenz gilt für eine Lehrkraft. Du darfst das Material ausdrucken und im eigenen Unterricht beliebig oft einsetzen. Die digitalen Dateien an andere Lehrkräfte weiterzugeben oder sie zu veröffentlichen, ist davon nicht gedeckt.

Für Fachschaften gibt es bei vielen Produkten eine Schullizenz, die mehrere Lehrkräfte einer Schule abdeckt. Sie steht direkt auf der Produktseite zur Auswahl.

Eine Unterrichtsreihe deckt ein einzelnes Thema ab, etwa „Genetik" oder „Kurzgeschichten analysieren". Sie passt, wenn du gezielt eine Sequenz vorbereitest.

Ein FachKomplett-Paket bündelt die zentralen Themen eines ganzen Fachs zu einem Gesamtpreis, der deutlich unter der Summe der Einzelreihen liegt. Das lohnt sich, sobald du ein Fach dauerhaft unterrichtest. Eine Übersicht aller Reihen steht auf der FachKomplett-Seite.

Die Materialien orientieren sich an den veröffentlichten Vorgaben der Länder - je nach Bundesland am Kernlehrplan, Kerncurriculum, Bildungsplan, Rahmenlehrplan oder an den Fachanforderungen. Für viele Fächer gibt es eigene Pakete je Bundesland.

Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.

Diskussion

Kommentare

Kommentar hinterlassen

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.

Auch zum Newsletter anmelden? Unterrichtstipps und neue Materialien per E-Mail. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Bitte fülle alle Pflichtfelder aus und bestätige die Einwilligung.

* Pflichtfelder. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Newsletter

Unterrichtstipps per E-Mail

Neue Materialien, Planungshilfen und Hinweise zu Lehrplanänderungen - etwa zweimal im Monat, ohne Werbeflut.

Bitte fülle beide Felder aus und bestätige die Einwilligung.

DSGVO-konform · kein Spam · Abmeldung jederzeit · Datenschutz

📬

Fast geschafft.
Bitte bestätige deine E-Mail.

1
Postfach öffnenWir haben dir eine Bestätigungsmail von stifo.de geschickt.
2
Bestätigen (Double Opt-in)Klicke den Link in der Mail. Erst dann ist die Anmeldung aktiv.
3
FertigDanach bekommst du die Unterrichtstipps automatisch.
Keine Mail erhalten?Schau bitte im Spam- oder Werbeordner nach und markiere die Nachricht als „Kein Spam". Absender: stifo.de