Sek II

Selbstpräsentation in der Kunst: Von Selbstporträt bis Selfie

von Luca 14.07.2026 1 Min. Lesezeit
Selbstpräsentation in der Kunst Infografik zu Selbstporträt Selfie Identität Bildanalyse kreativer Gestaltung und Unterrichtsmaterial

Ein Smartphone, ausgestreckter Arm, ein Klick – und ein Bild der eigenen Person ist in Sekunden für die ganze Welt sichtbar. Was heute banal wirkt, ist die jüngste Stufe einer jahrhundertealten Praxis: Menschen haben sich selbst dargestellt, seit sie überhaupt die Mittel dazu hatten. Der Vergleich zwischen Dürers Selbstbildnissen, Rembrandts lebenslangem Selbstporträt-Projekt, Frida Kahlos visueller Autobiografie und dem heutigen Selfie zeigt, was sich an der Selbstdarstellung wirklich verändert hat – und was erstaunlich konstant geblieben ist.

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Was bedeutet Selbstpräsentation in der Kunst?

Selbstpräsentation bezeichnet die bewusste Entscheidung, das eigene Bild – Pose, Blickrichtung, Kleidung, Umgebung, Ausschnitt – so zu gestalten, dass es eine bestimmte Aussage über die eigene Person vermittelt. Diese Entscheidung trifft sowohl der Maler des klassischen Selbstporträts als auch die Person, die ein Selfie aufnimmt: Beide wählen aus, was gezeigt und was verborgen wird, und beide senden damit eine bewusst konstruierte, keine zufällige Botschaft über sich selbst.

Vom Selbstbewusstsein zur Selbstreflexion: Dürer, Rembrandt, Kahlo

Albrecht Dürer machte das Selbstporträt im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert zu einer eigenständigen künstlerischen Gattung, indem er sich in mehreren Werken mit auffälligem Selbstbewusstsein und hohem malerischem Anspruch inszenierte. Rembrandt van Rijn führte diese Tradition rund anderthalb Jahrhunderte später fort, allerdings mit anderer Absicht: Über Jahrzehnte hinweg kehrte er immer wieder zu seinem eigenen Abbild zurück und schuf ein visuelles Tagebuch, das seine Entwicklung von jugendlichem Selbstbewusstsein bis zu tiefer Selbstreflexion im Alter nachzeichnet. Frida Kahlo nutzte im 20. Jahrhundert das Selbstporträt als Mittel der visuellen Autobiografie: In Dutzenden Gemälden verarbeitete sie körperliches Leiden nach einem schweren Unfall und emotionalen Schmerz und prägte mit ihrem unverwechselbaren Gesicht ein bis heute weltweit erkennbares Bild.

Das Selfie: Selbstdarstellung im Zeitalter des Smartphones

Das Wort "Selfie" tauchte erstmals 2002 in einem australischen Chatroom auf und wurde erst mit der massenhaften Verbreitung von Smartphone-Kameras zu einem globalen Alltagsphänomen. 2013 kürten die Oxford Dictionaries "Selfie" zum Wort des Jahres, nachdem die Verwendungshäufigkeit des Begriffs innerhalb eines Jahres um rund 17.000 Prozent gestiegen war. Anders als ein gemaltes Selbstporträt entsteht ein Selfie in Sekunden, lässt sich sofort mit einem riesigen Publikum teilen und wird oft unmittelbar durch Reaktionen wie Likes beantwortet – eine Rückkopplung, die es für Dürer, Rembrandt oder Kahlo schlicht nicht geben konnte.

Praxisbeispiel: Cindy Sherman und Amalia Ulman zwischen den Traditionen

Wie eng klassische Selbstporträt-Tradition und heutige Selfie-Kultur zusammenhängen können, zeigen zeitgenössische Künstlerinnen wie Cindy Sherman und Amalia Ulman. Sherman inszeniert sich seit den 1970er-Jahren in wechselnden Rollen und Identitäten und macht damit sichtbar, wie konstruiert jedes Selbstbild – ob gemalt oder fotografiert – tatsächlich ist. Amalia Ulman wiederum nutzte 2014 mit ihrem Projekt "Excellences & Perfections" gezielt die Ästhetik und Erzählformen von Instagram-Selfies, um über Monate hinweg eine fiktive Identität aufzubauen und damit die Konstruiertheit von Social-Media-Selbstdarstellung offenzulegen. Beide Künstlerinnen zeigen: Die kritische Reflexion über Selbstinszenierung, die schon in klassischen Selbstporträts steckte, lässt sich auf die digitale Selfie-Kultur direkt übertragen.

Unterrichtsaktivität: Selbstporträt und Selfie im Methodenvergleich

Lernende erstellen zunächst ein klassisches Selbstporträt mit traditionellen Mitteln (Bleistift, Kohle oder Farbe vor dem Spiegel) und anschließend ein Selfie mit dem Smartphone, wobei sie bei beiden bewusst Pose, Ausschnitt und Hintergrund gestalten. Im Anschluss vergleichen sie in Kleingruppen, welche gestalterischen Entscheidungen sie in beiden Fällen getroffen haben, wie viel Zeit jeweils investiert wurde und wie sich die Vorstellung eines möglichen Publikums (niemand vs. soziale Medien) auf die Entscheidungen ausgewirkt hat.

Typische Missverständnisse

  • Das Selfie wird als völlig neuartiges Phänomen ohne historische Vorläufer betrachtet: Die bewusste Inszenierung des eigenen Bildes ist seit Dürer eine kontinuierliche künstlerische Praxis, nur mit anderen technischen Mitteln.
  • Klassische Selbstporträts gelten als rein "ehrliche" Selbstdarstellung im Gegensatz zum "oberflächlichen" Selfie: Auch Rembrandt und Kahlo trafen bewusste, oft idealisierende oder dramatisierende gestalterische Entscheidungen, keine neutrale Abbildung ihrer selbst.
  • Selfie-Kultur wird pauschal als unkünstlerisch abgewertet: Künstlerinnen wie Sherman und Ulman zeigen, dass sich mit denselben Mitteln ernsthafte künstlerische Reflexion über Identität und Selbstinszenierung betreiben lässt.

Grenzen der Betrachtung

Der direkte Vergleich zwischen jahrhundertealten Gemälden und einem Massenphänomen wie dem Selfie hat Grenzen: Die gesellschaftlichen Bedingungen von Auftraggeberschaft, Publikum und Verbreitung unterscheiden sich fundamental. Zudem ist die Bewertung von Selfie-Kultur als Ausdruck von Eitelkeit oder als legitime zeitgenössische Selbstdarstellungspraxis selbst umstritten. Schließlich lässt sich die individuelle Motivation hinter einem einzelnen Selfie – Spaß, Dokumentation, soziale Bestätigung – von außen kaum eindeutig bestimmen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Selbstpräsentation bedeutet die bewusste Gestaltung des eigenen Bildes, unabhängig vom verwendeten Medium.
  • Dürer, Rembrandt und Frida Kahlo nutzten das Selbstporträt für Selbstbewusstsein, Selbstreflexion und Autobiografie.
  • Das Wort "Selfie" entstand 2002 und wurde 2013 zum Oxford-Wort des Jahres.
  • Selfies verändern vor allem Geschwindigkeit, Reichweite und soziale Rückkopplung der Selbstdarstellung, nicht deren Grundprinzip.
  • Künstlerinnen wie Cindy Sherman und Amalia Ulman verbinden klassische Tradition und digitale Selbstinszenierung kritisch.

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Häufig gestellte Fragen

Wer gilt als Wegbereiter des Selbstporträts als eigenständige Kunstform?

Albrecht Dürer schuf im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert mehrere detaillierte Selbstporträts, in denen er sich selbstbewusst und mit hohem malerischem Anspruch inszenierte, und gilt damit als einer der ersten Künstler, die das Selbstporträt regelmäßig und bewusst als Ausdrucksmittel nutzten.

Wofür nutzte Rembrandt seine zahlreichen Selbstporträts?

Rembrandt schuf über Jahrzehnte hinweg immer wieder Selbstporträts, die wie ein visuelles Tagebuch seine Entwicklung von jugendlichem Selbstbewusstsein bis zu tiefer Selbstreflexion im Alter dokumentieren.

Wie nutzte Frida Kahlo das Selbstporträt?

Frida Kahlo malte Dutzende Selbstporträts, die ihr Gesicht mit charakteristischer Augenbraue und leichtem Schnurrbart ins kulturelle Bewusstsein einprägten, und verwandelte damit das Selbstporträt in eine visuelle Autobiografie über körperliches Leiden, emotionalen Schmerz und Widerstandskraft.

Seit wann gibt es das Wort 'Selfie'?

Das Wort 'Selfie' tauchte erstmals 2002 in einem australischen Chatroom auf und wurde 2013 von den Oxford Dictionaries zum Wort des Jahres gekürt, nachdem seine Häufigkeit innerhalb eines Jahres um rund 17.000 Prozent gestiegen war.

Was unterscheidet ein klassisches Selbstporträt grundlegend vom Selfie?

Ein klassisches Selbstporträt entsteht meist über Stunden oder Tage bewusster künstlerischer Bearbeitung, während ein Selfie in Sekunden entsteht, sofort geteilt werden kann und oft auf unmittelbare soziale Reaktion statt auf dauerhafte künstlerische Reflexion zielt.

Was haben Selbstporträt und Selfie trotzdem gemeinsam?

Beide Praktiken dienen der bewussten Selbstinszenierung: Pose, Blickrichtung, Kleidung, Hintergrund und Ausschnitt werden gezielt gewählt, um ein bestimmtes Bild der eigenen Person zu vermitteln.

Welche Künstlerinnen und Künstler verbinden heute klassische Selbstporträt-Tradition und Selfie-Kultur?

Zeitgenössische Künstlerinnen wie Cindy Sherman und Amalia Ulman greifen die kunsthistorische Selbstporträt-Tradition auf und setzen sie in kritischer Auseinandersetzung mit digitaler Selbstdarstellung und Social-Media-Ästhetik fort.

Warum verändert Technologie die Praxis der Selbstdarstellung?

Die Smartphone-Kamera macht Selbstporträtieren jederzeit und ohne technisches Vorwissen möglich, verkürzt die Zeitspanne zwischen Aufnahme und öffentlicher Sichtbarkeit drastisch und macht das eigene Bild potenziell für ein riesiges Publikum verfügbar.

Fazit

Von Dürers selbstbewusstem Pinselstrich bis zum ausgestreckten Smartphone-Arm hat sich die Technik der Selbstdarstellung radikal verändert – ihr Grundprinzip, die bewusste Inszenierung der eigenen Person für ein Publikum, ist erstaunlich konstant geblieben. Wer diesen historischen Bogen im Unterricht spannt, zeigt Lernenden, dass ihr eigenes Selfie Teil einer jahrhundertealten künstlerischen Praxis ist, die sich kritisch reflektieren lässt.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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