Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwand aus der westlichen Malerei etwas, das seit der Renaissance als selbstverständlich gegolten hatte: ein einziger, fester Blickwinkel auf die Wirklichkeit. Der Weg von Picassos zerlegten Gesichtern zu Kandinskys reinen Farbflächen ist keine plötzliche Revolution, sondern eine Kette kleiner, gut nachvollziehbarer Brüche mit der Tradition der naturgetreuen Abbildung.
Was bedeutet der Weg zur Abstraktion?
Abstraktion bezeichnet die zunehmende Loslösung eines Bildes von der naturgetreuen Wiedergabe sichtbarer Wirklichkeit. Dieser Weg verlief nicht als einzelner Sprung, sondern als schrittweiser Prozess über mehrere Kunstbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts hinweg: von einer zunehmenden Vereinfachung und Geometrisierung erkennbarer Motive bis zur vollständigen Auflösung jeder gegenständlichen Referenz. Der Kubismus gilt dabei als zentrales Scharnier dieser Entwicklung, weil er als erste Bewegung systematisch mit der Zentralperspektive brach, ohne bereits vollständig ungegenständlich zu werden.
Von Cézanne zum analytischen Kubismus
Ein wichtiges theoretisches Fundament legte bereits Paul Cézanne, der sinngemäß formulierte, alles in der Natur lasse sich auf Kugel, Kegel und Zylinder zurückführen. Pablo Picasso und Georges Braque griffen diesen Gedanken auf und entwickelten zwischen etwa 1908 und 1912 den analytischen Kubismus: Objekte und Figuren wurden in geometrische Facetten zerlegt und gleichzeitig aus mehreren Blickwinkeln dargestellt, statt aus einem einzigen fixen Standpunkt. Damit gab der Kubismus die seit der Renaissance dominierende Ein-Punkt-Perspektive auf und ersetzte sie durch ein vielperspektivisches, fragmentiertes Bildsystem – ein fundamentaler Bruch, der weit über die Malerei von Stillleben oder Porträts hinaus für die gesamte Bildkunst der Moderne folgenreich wurde. Ab etwa 1912 entwickelte sich der synthetische Kubismus, der Bilder stärker aus flächigen, oft collagierten Elementen wie Zeitungsausschnitten oder Tapetenmustern neu zusammensetzte, statt Formen weiter zu zerlegen.
Verzweigungen: Futurismus, Konstruktivismus, reine Abstraktion
Der Kubismus wirkte als Ausgangspunkt für mehrere eigenständige Weiterentwicklungen. Der italienische Futurismus übernahm die kubistische Formzerlegung und verband sie mit der Darstellung von Bewegung, Geschwindigkeit und moderner Technik. Im russischen Konstruktivismus und in Kasimir Malewitschs Suprematismus wurde die geometrische Formsprache konsequent zu Ende gedacht, bis reine geometrische Grundformen ohne jeden Objektbezug entstanden. Piet Mondrian entwickelte aus einer kubistisch beeinflussten Phase heraus den Neoplastizismus: streng auf horizontale und vertikale Linien sowie die Grundfarben reduzierte Kompositionen, die jede gegenständliche Referenz endgültig hinter sich ließen. Parallel dazu verfolgte Wassily Kandinsky einen eigenen, weniger auf Formzerlegung als auf Farbe und spirituellen Ausdruck gestützten Weg zur vollständig ungegenständlichen Malerei. Wichtig für den Unterricht: Diese Wege verliefen nicht linear nacheinander, sondern zeitlich überlappend und mit jeweils eigenen theoretischen Begründungen.
Praxisbeispiel: Eine Bildreihe der Abstraktion
Besonders anschaulich wird der Weg zur Abstraktion anhand einer Bildreihe, die dasselbe Grundmotiv – etwa eine Figur oder eine Stadtansicht – in verschiedenen Abstraktionsgraden zeigt: ein realistisches Ausgangsmotiv, eine kubistisch zerlegte Zwischenstufe mit erkennbaren, aber fragmentierten Formen, und schließlich eine vollständig ungegenständliche Komposition im Stil Kandinskys oder Mondrians. Eine solche Reihe macht sichtbar, dass Abstraktion kein plötzlicher Bruch, sondern ein graduell nachvollziehbarer Prozess der fortschreitenden Formvereinfachung und Loslösung vom Motiv ist.
Unterrichtsaktivität: Vom Gegenstand zur reinen Form
Lernende zeichnen ein einfaches Alltagsobjekt (z. B. eine Kaffeetasse oder einen Stuhl) in drei Schritten: zunächst möglichst naturgetreu, dann in einer zweiten Zeichnung kubistisch zerlegt aus mehreren gleichzeitigen Blickwinkeln, und schließlich in einer dritten, vollständig ungegenständlichen Komposition, die nur noch Form- und Farbanklänge des Ausgangsobjekts enthält. Im Anschluss erläutern sie schriftlich, welche Entscheidungen sie bei jedem Schritt getroffen haben und was dabei verloren geht beziehungsweise gewonnen wird.
Typische Missverständnisse
- Der Kubismus wird als Endpunkt der Abstraktion missverstanden: Der klassische Kubismus blieb trotz Formzerlegung meist gegenständlich erkennbar und ist eher ein Zwischenschritt als das Ziel der Abstraktion.
- Abstraktion wird als einheitliche, geradlinige Bewegung dargestellt: Futurismus, Konstruktivismus, Suprematismus und die Wege Kandinskys und Mondrians verfolgten unterschiedliche, teils parallele Ansätze mit eigenen Begründungen.
- Abstrakte Kunst wird als "beliebig" oder "ohne Regeln" wahrgenommen: Viele abstrakte Werke folgen präzisen kompositorischen, mathematischen oder theoretischen Systemen, etwa bei Mondrians strengem Liniengitter.
Grenzen der Betrachtung
Die Darstellung eines "Weges" zur Abstraktion vereinfacht notwendigerweise ein komplexes, international verzweigtes Geschehen mit zahlreichen weiteren Akteuren, Ländern und Einflüssen, die hier nicht vollständig erfasst werden können. Zudem ist umstritten, welches Werk als "erstes" vollständig abstraktes Bild der Kunstgeschichte gelten darf – verschiedene Kandidaten und Datierungen werden in der Forschung diskutiert, ohne dass eine einzelne Antwort als endgültig gesichert gilt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Cézannes geometrisierende Formauffassung bildete ein wichtiges Fundament für den Kubismus.
- Der analytische Kubismus (ca. 1908–1912) brach mit der Zentralperspektive durch gleichzeitige Mehrfachansichten.
- Futurismus, Konstruktivismus, Suprematismus und Neoplastizismus entwickelten kubistische Ansätze in unterschiedliche Richtungen weiter.
- Kandinsky und Mondrian erreichten auf unterschiedlichen Wegen die vollständig ungegenständliche Malerei.
- Der Weg zur Abstraktion verlief nicht linear, sondern über mehrere parallele, eigenständig begründete Bewegungen.
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Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Begriff Abstraktion in der Kunst?
Abstraktion bezeichnet die zunehmende Loslösung eines Bildes von der gegenständlichen, naturgetreuen Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit, bis hin zur vollständig ungegenständlichen, nicht mehr erkennbaren Formensprache.
Welche Rolle spielte Paul Cézanne für den Weg zur Abstraktion?
Cézanne formulierte sinngemäß, alles in der Natur bilde sich aus Kugel, Kegel und Zylinder, und legte damit ein theoretisches Fundament, auf dem Picasso und Braque bei der Entwicklung des Kubismus aufbauten.
Was unterscheidet analytischen von synthetischem Kubismus?
Der analytische Kubismus (etwa 1908–1912) zerlegt Objekte in geometrische Facetten aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig, während der synthetische Kubismus (ab etwa 1912) Bilder stärker aus flächigen, oft collagierten Elementen neu zusammensetzt.
Warum brach der Kubismus mit der Zentralperspektive?
Der Kubismus stellte die seit der Renaissance dominierende Ein-Punkt-Perspektive infrage, indem er Objekte gleichzeitig aus mehreren Blickwinkeln zeigte und damit einen festen, einzigen Betrachterstandpunkt aufgab.
Welche Bewegungen gelten als direkte Folge des Kubismus?
Der italienische Futurismus, der russische Konstruktivismus, der Suprematismus Kasimir Malewitschs und der Neoplastizismus Piet Mondrians griffen kubistische Formzerlegung auf und entwickelten sie in Richtung Bewegungsdarstellung beziehungsweise reiner Abstraktion weiter.
Welche Rolle spielt Wassily Kandinsky auf dem Weg zur Abstraktion?
Kandinsky gilt als einer der Pioniere der vollständig ungegenständlichen Malerei und verband seine Formensprache mit der Überzeugung, dass Farbe und Form unabhängig von gegenständlichen Motiven emotionale und spirituelle Wirkung entfalten können.
Ist der Weg zur Abstraktion eine geradlinige historische Entwicklung?
Nein, verschiedene Künstler und Bewegungen entwickelten unterschiedliche, teils parallele Wege zur Abstraktion mit eigenen theoretischen Begründungen, sodass sich kein einzelner linearer Entwicklungspfad festschreiben lässt.
Wie lässt sich der Übergang zur Abstraktion im Unterricht sichtbar machen?
Eine Bildreihe vom gegenständlichen Motiv über zunehmend zerlegte, geometrisierte Zwischenstufen bis zur vollständig ungegenständlichen Komposition macht den schrittweisen Charakter der Abstraktion anschaulich nachvollziehbar.
Fazit
Der Weg von der gegenständlichen Malerei zur reinen Abstraktion lässt sich im Unterricht als nachvollziehbare Kette von Brüchen und Weiterentwicklungen vermitteln, statt als plötzlichen Stilwechsel. Wer Kubismus, Futurismus und die Wege Kandinskys und Mondrians im Zusammenhang unterrichtet, vermittelt ein Verständnis dafür, wie grundlegend die Moderne die Frage neu stellte, was ein Bild überhaupt zeigen muss.

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