Human Enhancement als Prüfstein: warum der Anwendungsfall vor die Position gehört

Human Enhancement eignet sich als Prüfstein für ethische Positionen, weil an einem einzigen konkreten Fall sichtbar wird, dass Utilitarismus, Pflichtethik und tugendethische oder bioconservative Ansätze zu unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Urteilen kommen. Der Anwendungsfall sollte deshalb vor der Position stehen: Wer zuerst die Theorien abstrakt einführt und erst danach einen Fall anhängt, bekommt in aller Regel referierte Theorie zurück, keine Anwendung. Wer umgekehrt mit einem konkreten Fall beginnt und die Positionen erst zur Klärung heranzieht, zwingt die Lerngruppe zu einer echten Prüfung der jeweiligen Position an der Wirklichkeit.
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Was unter Human Enhancement zu verstehen ist
Human Enhancement bezeichnet die gezielte Verbesserung menschlicher Fähigkeiten über die Wiederherstellung von Gesundheit hinaus, etwa durch pharmakologische Aufmerksamkeitssteigerung, genetische Eingriffe oder technische Prothetik bei intakten Körperfunktionen. Zentral für den Unterricht ist die Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement: Ein Medikament gegen eine diagnostizierte Aufmerksamkeitsstörung ist etwas anderes als dasselbe Medikament ohne Diagnose zur Leistungssteigerung. Diese Grenze ist in der Praxis unscharf, was sie für die Unterrichtsreihe zu Was ist der Mensch? - Natur, Kultur und Identität besonders ergiebig macht, weil sich an ihr zeigen lässt, wie stark ethische Bewertung von begrifflicher Vorarbeit abhängt.
Warum der Fall zuerst kommt
Beginnt eine Stunde mit Sandels Kritik an der Anmaßung des Machbaren oder mit Savulescus Argument für eine Pflicht zur Wohltätigkeit bei der Fortpflanzung, kann die Lerngruppe die Positionen zwar wiedergeben, hat aber keinen Anlass, sie wirklich gegeneinander zu prüfen. Wird stattdessen zuerst eine Fallvignette vorgelegt, etwa eine Schülerin, die vor der Abiturklausur ohne Diagnose ein verschreibungspflichtiges Aufmerksamkeitspräparat nimmt, entsteht ein ungefiltertes erstes Meinungsbild, an dem sich anschließend zeigen lässt, welche Position welches Urteil stützt und woran das jeweils liegt. Diese Reihenfolge macht sichtbar, dass die intuitive Bewertung des Falls oft nicht mit der Position übereinstimmt, die man später vertritt, was eine ergiebige Irritation für die weitere Arbeit darstellt.
Stundenverlauf und Zeitbedarf
In der ersten Doppelstunde sammelt die Klasse anhand der Fallvignette per Fünf-Finger-Feedback oder Meinungslinie eine erste Einschätzung und hält Pro- und Contra-Argumente stichwortartig fest, ohne sie bereits Positionen zuzuordnen. In der zweiten Doppelstunde werden drei Positionen arbeitsteilig erarbeitet: die bioconservative Kritik an der Hybris des Machbaren, transhumanistische Argumente für eine Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und Habermas' Sorge um die Autonomie zukünftiger Personen bei genetischen Eingriffen. Jede Gruppe wendet ihre Position auf den Ausgangsfall an und vergleicht das Ergebnis mit dem ersten Meinungsbild. Eine dritte Stunde dient dem Plenumsvergleich und der Erarbeitung einer schriftlichen Stellungnahme; insgesamt sind für diesen Baustein etwa drei bis vier der zehn Reihenstunden zu veranschlagen.
Typische Fehler der Lerngruppe
Ein häufiger Fehler ist die unreflektierte Doping-Analogie: Enhancement wird pauschal mit Sportbetrug gleichgesetzt, ohne zu prüfen, ob die Wettbewerbssituation im Sport tatsächlich mit einer Prüfungssituation vergleichbar ist. Ein zweiter Fehler ist der naturalistische Fehlschluss, wonach etwas allein deshalb falsch sei, weil es „unnatürlich" ist, ohne diese Prämisse selbst zu begründen. Drittens wird Sandels Einwand oft auf ein reines Gerechtigkeitsargument verkürzt, obwohl sein zentraler Punkt die Hybris gegenüber dem als Gabe verstandenen Leben ist und die Gerechtigkeitsfrage bei ihm eher ein zusätzliches, nicht das tragende Argument darstellt.
Aufgabenformulierung und Bewertung
Eine mögliche Klausuraufgabe lautet: „Prüfen Sie anhand des vorliegenden Falls, ob Sandels Einwand der Hybris gegenüber pharmakologischem Enhancement überzeugt. Berücksichtigen Sie dabei mindestens eine Gegenposition." Bei der Bewertung sollte unterschieden werden, ob die Position korrekt auf den konkreten Fall angewendet wird oder nur allgemein referiert bleibt, ob die Lerngruppe den naturalistischen Fehlschluss vermeidet und ob die Gegenposition nicht nur genannt, sondern in ihrer Argumentationsstruktur ernst genommen wird. Wer die Reihe im Verbund mit erkenntnistheoretischen Fragen zu Wissenschaft und Technikfolgen unterrichten möchte, findet einen Zuschnitt dafür im Sparpaket Philosophie Sek II: Mensch und Erkenntnis – 4 komplette Unterrichtsreihen.
Anschluss und weiterführende Materialien
Da Fragen nach der Verlässlichkeit wissenschaftlicher Prognosen zu Risiken von Enhancement-Technologien eng mit erkenntnistheoretischen Grundfragen zusammenhängen, bietet sich eine Verbindung zur Reihe Wahrheit, Erkenntnis und Wissenschaft im digitalen Zeitalter an. Methodische Anregungen für Fallvignetten mit angeschlossenen Gedankenexperimenten liefert der Beitrag zu Gedankenexperimenten im Philosophieunterricht der Oberstufe, Hinweise zur curricularen Einordnung angewandter Ethik im Verhältnis zu klassischen Kompetenzbereichen bietet der Beitrag Philosophie nach Lehrplan unterrichten: Themen, Kompetenzen und Material. Einen Überblick über weitere Reihen bietet die Seite Philosophie Sek II: Unterrichtsreihen für die Oberstufe. Welche Schwerpunkte im schulinternen Curriculum verbindlich sind, legt die jeweilige Schulverwaltung fest.
Häufige Fragen
Muss man vor der Einheit Grundbegriffe der Bioethik einführen? Ein knapper Einstieg in die Unterscheidung von Therapie und Enhancement reicht aus, ausführliche Grundlagen lassen sich im Verlauf der Fallbearbeitung nachtragen.
Wie verhindert man, dass die Diskussion bei „das ist doch unnatürlich" stehen bleibt? Indem diese Aussage selbst zum Gegenstand der Analyse gemacht wird und die Lerngruppe gezielt danach gefragt wird, warum „natürlich" mit „richtig" gleichgesetzt werden sollte.
Eignet sich der Fall auch für eine Klausur ohne vorherige Positionslektüre? Nur eingeschränkt, da die Bewertungsleistung eine erkennbare Anwendung mindestens einer benannten Position voraussetzt und nicht allein aus einer intuitiven Stellungnahme bestehen sollte.
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