Ästhetische Aktionen: Performance und Happening im Kunstunterricht
1965 setzte sich Joseph Beuys in einer Düsseldorfer Galerie den Kopf mit Honig und Blattgold ein und trug einen toten Hasen durch den Raum, dem er stundenlang Bilder „erklärte“. Kein Gemälde, keine Skulptur, kein bleibendes Objekt – nur eine einmalige, zeitlich begrenzte Handlung. Für viele Schülerinnen und Schüler ist genau das die größte Hürde beim Thema Aktionskunst: Wie kann etwas, das man nicht anfassen, kaufen oder dauerhaft ausstellen kann, überhaupt als Kunstwerk gelten? Diese Irritation ist der ideale Einstieg, um im Kunstunterricht der Oberstufe ästhetische Aktionen, Performance und Happening zu behandeln.
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Was bedeutet: Ästhetische Aktion?
Der Begriff „ästhetische Aktion“ fasst künstlerische Praktiken zusammen, bei denen nicht ein dauerhaftes Objekt, sondern eine zeitlich begrenzte Handlung im Mittelpunkt steht – häufig unter Einbezug von Publikum, Zufall und Körper der Künstlerin oder des Künstlers selbst. Zu den wichtigsten Ausprägungen zählen das Happening, bei dem Publikum oft aktiv einbezogen wird und der Ablauf teilweise improvisiert bleibt, sowie die Performance, die stärker choreografiert und body-zentriert ist. Zentrales Merkmal ist die Ephemeralität: Das Werk existiert nur im Moment seiner Ausführung und ist danach nur noch über Fotografien, Filme, Berichte oder Relikte zugänglich – nie aber als identisches Original wiederholbar.
Von Allan Kaprow bis Fluxus: Die Entstehung der Aktionskunst
Der Begriff „Happening“ geht auf den amerikanischen Künstler Allan Kaprow zurück, der 1959 mit „18 Happenings in 6 Parts“ eine der ersten choreografierten Publikumsaktionen realisierte, inspiriert unter anderem von John Cage. Kaprow verstand das Happening als Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln: Statt Farbe auf Leinwand zu bringen, wurde der reale Raum und die Zeit selbst zum Material. Parallel entwickelte sich in den 1960er Jahren die internationale Fluxus-Bewegung um Künstler wie George Maciunas, Nam June Paik und eben Joseph Beuys, die bewusst mit einfachen, oft alltäglichen Handlungen arbeitete und Kunst radikal demokratisierte: Jede und jeder sollte künstlerisch tätig werden können. Beuys prägte in diesem Kontext seinen berühmten Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ und verstand seine Aktionen als sozialplastische Beiträge zur gesellschaftlichen Veränderung.
Fallbeispiel: Marina Abramovićs „The Artist Is Present“
Ein besonders eindrückliches zeitgenössisches Beispiel ist Marina Abramovićs Performance „The Artist Is Present“ im Museum of Modern Art in New York 2010. Über 736 Stunden saß Abramović regungslos an einem Tisch, während Besucherinnen und Besucher sich einzeln gegenübersetzen durften – ohne Worte, nur im stillen Blickkontakt. Manche Teilnehmende brachen in Tränen aus, andere verweilten nur Sekunden. Das Werk existierte ausschließlich als gelebte Beziehung zwischen Künstlerin und Publikum und ist heute nur noch über Fotodokumentationen und einen bekannten Dokumentarfilm zugänglich. Das Beispiel eignet sich hervorragend, um mit Lerngruppen zu diskutieren, was eigentlich das „Werk“ war: der Blickkontakt selbst, die körperliche Ausdauer, die entstandenen Fotografien – oder alles zusammen?
Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität
Eine direkt umsetzbare Aktivität ist die Entwicklung einer eigenen Mikro-Aktion in Kleingruppen. Jede Gruppe entwirft eine kurze, im Klassenraum oder auf dem Schulgelände durchführbare Aktion (maximal fünf Minuten), die eine einfache Regel, einen Publikumsbezug und ein Element des Zufalls oder Wagnisses enthält – etwa das minutenlange, wortlose Anstarren eines Gegenübers, das gemeinsame Falten von Papier nach zugerufenen Anweisungen, oder eine Tauschperformance mit Alltagsgegenständen. Die Aktion wird live durchgeführt und von einer anderen Gruppe fotografisch oder per Video dokumentiert. In der Nachbesprechung reflektiert die Klasse, welche Bedeutung die Dokumentation für das spätere Verständnis der Aktion hat und inwiefern sich die Erfahrung als Teilnehmende von der als Betrachtende der Dokumentation unterscheidet.
Typische Missverständnisse
- Missverständnis: Aktionskunst sei beliebig und ohne künstlerisches Konzept. Richtigstellung: Performances und Happenings folgen meist einer klaren konzeptuellen Struktur, festgelegten Regeln oder Partituren, auch wenn der konkrete Ablauf offen bleibt.
- Missverständnis: Ein Happening und eine Performance seien dasselbe. Richtigstellung: Happenings beziehen das Publikum meist aktiv und improvisatorisch ein, während Performances stärker choreografiert und häufig auf den Körper der ausführenden Person fokussiert sind.
- Missverständnis: Ohne erhaltenes Objekt gebe es kein „richtiges“ Kunstwerk. Richtigstellung: Die bewusste Vergänglichkeit ist konstitutives Gestaltungsmittel und keine Ersatzlösung – die Ephemeralität ist selbst Teil der künstlerischen Aussage.
Grenzen der Betrachtung
Die schulische Auseinandersetzung mit Aktionskunst ist durch die Natur des Mediums begrenzt: Schülerinnen und Schüler erleben die meisten historischen Aktionen nur über sekundäre Quellen wie Fotografien, Berichte oder Filmmaterial, nie im ursprünglichen Live-Kontext. Diese Vermittlung durch Dokumentation verändert notwendig die Wahrnehmung des Werks und sollte im Unterricht explizit thematisiert werden. Zudem bergen eigene Aktionsversuche im Klassenkontext rechtliche und pädagogische Grenzen, etwa bei Fragen von Zumutbarkeit, Freiwilligkeit der Teilnahme und Persönlichkeitsrechten bei Fotodokumentationen, die vorab geklärt werden müssen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ästhetische Aktionen setzen auf zeitlich begrenzte Handlungen statt dauerhafter Objekte.
- Happening (Kaprow) und Performance unterscheiden sich im Grad der Publikumseinbindung und Choreografie.
- Fluxus und Beuys demokratisierten den Kunstbegriff radikal.
- Abramovićs „The Artist Is Present“ zeigt, wie Beziehung selbst zum Werk werden kann.
- Ephemeralität ist bewusstes Gestaltungsmittel, kein Mangel an Substanz.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Happening und Performance?
Ein Happening bezieht das Publikum meist aktiv und improvisatorisch ein, während eine Performance stärker choreografiert ist und häufig auf den Körper der ausführenden Person fokussiert bleibt.
Wer gilt als Begründer des Happenings?
Der amerikanische Künstler Allan Kaprow gilt mit seiner Arbeit „18 Happenings in 6 Parts“ von 1959 als Begründer des Happenings.
Was ist Fluxus?
Fluxus war eine internationale Kunstbewegung der 1960er Jahre, die Kunst radikal demokratisierte und mit einfachen, oft alltäglichen Handlungen arbeitete.
Warum gilt Ephemeralität als eigenständiges künstlerisches Konzept?
Weil die bewusste Vergänglichkeit einer Aktion Teil der künstlerischen Aussage ist und nicht als Mangel, sondern als Gestaltungsmittel verstanden wird.
Wie kann man Aktionskunst heute noch erleben, wenn sie vorbei ist?
Meist nur über Fotografien, Videodokumentationen, Berichte von Zeitzeugen oder erhaltene Relikte, die das eigentliche Live-Erlebnis jedoch nur vermittelt wiedergeben.
Was war das Besondere an Marina Abramovićs „The Artist Is Present“?
Die Performance bestand ausschließlich aus stillem Blickkontakt zwischen Künstlerin und Besuchenden über 736 Stunden und machte die zwischenmenschliche Beziehung selbst zum Kunstwerk.
Welche rechtlichen Aspekte sind bei eigenen Schüleraktionen zu beachten?
Freiwilligkeit der Teilnahme, Zumutbarkeit und Persönlichkeitsrechte bei Fotos oder Videos sollten vorab mit der Lerngruppe geklärt werden.
Warum eignet sich Aktionskunst gut für die Oberstufe?
Weil sie klassische Kunstbegriffe wie Werk, Original und Dauerhaftigkeit infrage stellt und einen praxisnahen, körperbezogenen Zugang zur zeitgenössischen Kunst ermöglicht.
Fazit
Ästhetische Aktionen erweitern den Kunstbegriff um die Dimensionen Zeit, Körper und Beziehung und fordern damit klassische Vorstellungen von Werk und Original heraus. Von Kaprows frühen Happenings über Beuys' sozialplastische Aktionen bis zu Abramovićs Langzeitperformances zeigt sich, wie produktiv die bewusste Vergänglichkeit als künstlerisches Mittel sein kann. Im Unterricht eröffnet das Thema einen praxisnahen, oft überraschend zugänglichen Weg, um Schülerinnen und Schüler aktiv an aktuelle Debatten der zeitgenössischen Kunst heranzuführen.
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