Ethik· Sek II

Nussbaums Fähigkeitenansatz als Brücke zwischen Universalismus und Vielfalt

von Luca 09.09.2026 1 Min. Lesezeit
Kulturrelativismus und Universalismus im Philosophieunterricht

Martha Nussbaums Fähigkeitenansatz überbrückt den Gegensatz von Universalismus und kultureller Vielfalt, indem er eine kurze Liste zentraler menschlicher Fähigkeiten – etwa Leben, körperliche Gesundheit, Denken und Fühlen, Zugehörigkeit oder politische Mitbestimmung – als universal schützenswert benennt, zugleich aber offenlässt, wie diese Fähigkeiten in je unterschiedlichen kulturellen Kontexten konkret verwirklicht werden; universal ist damit die Liste der Möglichkeiten, nicht deren einheitliche kulturelle Ausgestaltung.

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Das Problem, auf das Nussbaum reagiert

Der Streit zwischen Universalismus und Kulturrelativismus droht oft in eine Alternative zu kippen, die beide Seiten unbefriedigend lässt: entweder starre, kulturell unsensible Wertevorgaben oder ein Relativismus, der auch schwerwiegende Rechtsverletzungen nicht mehr kritisieren kann. Nussbaum, die den Ansatz gemeinsam mit dem Ökonomen Amartya Sen entwickelt hat, setzt dem eine dritte Möglichkeit entgegen: Statt einzelne kulturelle Praktiken vorzuschreiben, benennt sie zentrale Fähigkeiten, die jedem Menschen offenstehen sollten, damit er ein Leben führen kann, das er selbst als würdevoll anerkennt – wie diese Fähigkeiten dann kulturell ausgestaltet werden, bleibt bewusst offen.

Die zentrale Fähigkeitenliste im Unterricht

Für den Unterricht eignet sich die Arbeit mit einer gekürzten Auswahl aus Nussbaums zehn zentralen Fähigkeiten, etwa Leben, körperliche Unversehrtheit, Sinne, Vorstellungskraft und Denken, sowie Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Die Klasse kann in Gruppenarbeit für jede Fähigkeit prüfen, ob und wie sie in unterschiedlichen kulturellen Kontexten – etwa im Hinblick auf Bildungszugang oder politische Teilhabe von Frauen – verwirklicht oder verwehrt wird, ohne dass dabei eine bestimmte kulturelle Praxis von vornherein als „richtig“ vorausgesetzt wird. Diese Übung lässt sich sehr gut an die Reihe Kulturrelativismus und Universalismus - Werte in einer pluralen Welt anschließen, in der die Grundpositionen von Relativismus und Universalismus bereits erarbeitet wurden.

Abgrenzung von starrem Universalismus

Wichtig für das Verständnis ist die Abgrenzung von einem starren Universalismus, der bestimmte kulturelle Ausprägungen westlicher Prägung als allgemeingültig setzt. Nussbaum betont ausdrücklich, dass ihre Liste auf der Ebene der Fähigkeiten, nicht der konkreten Lebensform ansetzt: Die Fähigkeit zur politischen Teilhabe etwa kann in unterschiedlichen politischen Systemen unterschiedlich institutionalisiert sein, solange sie substanziell gegeben ist. Diese Unterscheidung zwischen Fähigkeit (capability) und tatsächlicher Verwirklichung (functioning) ist der begrifflich anspruchsvollste, aber auch wichtigste Baustein der Theorie und sollte in der Sicherungsphase explizit an einem Beispiel festgehalten werden, etwa an der Fähigkeit zu Bildung, die sich in unterschiedlichen Schulsystemen unterschiedlich, aber grundsätzlich vergleichbar verwirklichen lässt, ohne dass ein bestimmtes Schulmodell dabei als einzig zulässige Umsetzung gelten müsste.

Anwendung auf medizinethische Fragen

Der Fähigkeitenansatz lässt sich auch auf Fragen der Gesundheitsversorgung übertragen, etwa auf die Frage, welchen Anspruch Menschen auf gesundheitliche Grundversorgung unabhängig von ihrem Herkunftsland haben sollten. Hier ergänzt der Fähigkeitenansatz das Vier-Prinzipien-Modell der biomedizinischen Ethik um eine globale Gerechtigkeitsdimension, die in der Reihe Medizin- und Bioethik - Autonomie, Leben und Verantwortung als Anwendungsfall aufgegriffen werden kann, etwa in einer Transferaufgabe, die nach dem Verhältnis von individuellem Autonomieanspruch und kollektivem Anspruch auf Gesundheitsfähigkeiten fragt.

Weiterführende Bezüge im Unterricht

Für eine vertiefte gerechtigkeitstheoretische Einordnung eignet sich unser Beitrag zu Nussbaums Gerechtigkeitstheorie im Unterricht, der den Fähigkeitenansatz ausführlicher im Kontext von Verteilungsgerechtigkeit behandelt. Anwendungsbeispiele zu globalen Umweltfragen, bei denen sich Fähigkeiten wie körperliche Gesundheit und Zugehörigkeit zur natürlichen Umwelt überschneiden, bietet zudem unser Beitrag zur Umweltbildung im Ethikunterricht. Eine Einordnung in den größeren didaktischen Zusammenhang von Grundmodellen und angewandter Ethik liefert unsere Seite zum Aufbau von Grundmodellen und angewandter Ethik in der Sek II.

Typische Diskussionsfehler in der Lerngruppe

Ein wiederkehrender Fehler besteht darin, den Fähigkeitenansatz vorschnell mit einer bloßen Grundbedürfnisliste gleichzusetzen, obwohl Nussbaum ausdrücklich auch Fähigkeiten wie Vorstellungskraft, Spiel oder die Kontrolle über die eigene Umwelt aufnimmt, die über physisches Überleben hinausgehen. Ein zweiter Fehler ist die Annahme, der Ansatz verlange eine identische rechtliche Umsetzung in allen Staaten; tatsächlich lässt er ausdrücklich Spielraum für unterschiedliche institutionelle Lösungen, solange die Fähigkeit selbst substanziell gesichert bleibt. Beide Missverständnisse lassen sich vermeiden, wenn die Klasse für jede besprochene Fähigkeit explizit benennt, was die Fähigkeit selbst ausmacht und was lediglich eine mögliche, aber nicht zwingende Form ihrer Verwirklichung darstellt, bevor sie zu einem Urteil über einen konkreten Fall kommt.

Häufige Fragen

Ist der Fähigkeitenansatz eher dem Universalismus oder dem Kulturrelativismus zuzuordnen? Er lässt sich als vermittelnde Position verstehen, die universale Mindestansprüche formuliert, ohne eine einheitliche kulturelle Lebensform vorzuschreiben.

Wie viele Fähigkeiten aus Nussbaums Liste sollten im Unterricht behandelt werden? Fünf bis sechs Fähigkeiten reichen für eine Doppelstunde aus, um die Grundidee an konkreten Beispielen zu erarbeiten, ohne die Liste vollständig durchzugehen.

Wie erkläre ich den Unterschied zwischen Fähigkeit und Verwirklichung anschaulich? Ein Vergleich mit dem Zugang zu einer Bibliothek hilft: Die Fähigkeit besteht im offenen Zugang, die Verwirklichung darin, ob und wie jemand diesen Zugang tatsächlich nutzt und welche Entscheidung er dabei selbst trifft.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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