Gottesbeweise als Argumente behandeln: eine Rekonstruktionsroutine für Anselm und Thomas
Gottesbeweise als Argumente zu behandeln heißt, sie mit derselben Routine zu rekonstruieren wie jeden anderen philosophischen Beweisgang: Prämissen einzeln benennen, die Konklusion klar formulieren, die logische Gültigkeit unabhängig von der Wahrheit der Prämissen prüfen und schließlich herausarbeiten, welche einzelne Prämisse tatsächlich umstritten ist. Bei Anselm steht und fällt der Beweis mit der Prämisse, Existenz in der Wirklichkeit mache einen gedachten Gegenstand größer als bloße Existenz im Verstand, bei Thomas mit der Prämisse, ein unendlicher Rückgriff auf vorangehende Ursachen sei unmöglich.
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Eine feste Routine für die Rekonstruktion
Damit die Lerngruppe nicht bei einer diffusen Bewertung „überzeugt mich nicht" stehen bleibt, hilft ein festes viergliedriges Vorgehen: Zunächst werden alle Prämissen einzeln aufgelistet, dann die Konklusion benannt, anschließend die Gültigkeit geprüft, also ob die Konklusion bei Wahrheit der Prämissen zwingend folgt, und erst zuletzt wird gefragt, welche Prämisse tatsächlich angezweifelt werden kann. Diese Trennung von Gültigkeit und Wahrheit der Prämissen ist der wichtigste Schritt, weil Lernende sonst „das Argument ist falsch" sagen, wenn sie eigentlich eine einzelne Prämisse meinen.
Anselms ontologischer Gottesbeweis
Anselm definiert Gott als dasjenige, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Existierte dieses Wesen nur im Verstand, ließe sich ein noch größeres Wesen denken, das zusätzlich auch in der Wirklichkeit existiert, was der Ausgangsdefinition widerspricht; also muss Gott auch in der Wirklichkeit existieren. Die entscheidende, angreifbare Prämisse lautet, dass Existenz in der Wirklichkeit einen gedachten Gegenstand tatsächlich größer macht als bloße Existenz im Verstand. Genau hier setzt Kants berühmter Einwand an, wonach Sein kein reales Prädikat ist: Hundert wirkliche Taler enthalten nach Kant keinen Cent mehr als hundert nur gedachte Taler, Existenz fügt dem Begriff eines Dinges also keinen zusätzlichen Inhalt hinzu, sondern setzt den bereits vollständig gedachten Begriff lediglich in die Wirklichkeit. Die Auseinandersetzung mit Kant lässt sich über den Beitrag Immanuel Kant im Philosophie- und Ethikunterricht vertiefen.
Thomas von Aquins fünf Wege im Überblick
Im Unterschied zu Anselms Beweis aus reinem Denken argumentiert Thomas von Aquin empirisch, ausgehend von beobachtbaren Merkmalen der Welt. Am zugänglichsten für den Einstieg ist der Beweis aus der Bewegung: Dinge in der Welt bewegen sich beziehungsweise verändern sich, alles Bewegte wird von etwas anderem bewegt, ein unendlicher Rückgriff auf vorangehende Beweger ist nach Thomas ausgeschlossen, also muss es einen ersten, selbst unbewegten Beweger geben, den er Gott nennt. Die strittige Prämisse ist hier die dritte, die Unmöglichkeit eines unendlichen Rückgriffs; sie lässt sich diskutieren, ohne dass die Klasse den gesamten kosmologischen Hintergrund der aristotelischen Physik rekonstruieren muss, aus der Thomas diese Prämisse übernimmt.
Unterrichtsablauf und Zeitbedarf
In der ersten Doppelstunde rekonstruiert die Klasse Anselms Beweis nach der viergliedrigen Routine und wendet anschließend Kants Einwand gezielt auf die zweite Prämisse an. In der zweiten Doppelstunde folgt dieselbe Routine für den Bewegungsbeweis des Thomas, mit Schwerpunkt auf der Prämisse des unendlichen Rückgriffs. Eine dritte Stunde vergleicht beide Beweistypen hinsichtlich ihrer Beweisstrategie, a priori bei Anselm, a posteriori bei Thomas, und fragt, welche Art von Einwand jeweils überhaupt greifen kann. Diese drei Stunden lassen sich gut in eine Reihe zu Religion, Transzendenz und Metaphysik - Was dürfen wir hoffen? einbetten.
Typische Fehler der Lerngruppe
Ein häufiger Fehler ist es, Gültigkeit und Wahrheit zu vermischen und ein Argument pauschal als „falsch" zu bezeichnen, obwohl die Schlussfolgerung aus den Prämissen formal zwingend folgt und nur eine Prämisse bestritten wird. Ein zweiter Fehler besteht darin, die fünf Wege des Thomas allein deshalb als überholt abzutun, weil die moderne Physik ein anderes Weltbild hat, ohne konkret zu benennen, welche Prämisse davon betroffen wäre; solche pauschalen Verweise sollten im Unterricht durch eine genaue Prämissenprüfung ersetzt werden. Drittens verwechseln Lernende gelegentlich Anselms Gottesbegriff mit einer religiösen Glaubensaussage, obwohl der Beweis als rein begriffliches Argument angelegt ist und unabhängig von religiöser Überzeugung geprüft werden kann.
Aufgaben, Bewertung und Anschluss
Eine geeignete Aufgabe lautet: „Rekonstruieren Sie Anselms ontologischen Gottesbeweis nach dem Prämissen-Konklusions-Schema und prüfen Sie Kants Einwand gegen die zweite Prämisse." Bei der Bewertung zählt neben der korrekten Rekonstruktion vor allem, ob Gültigkeit und Prämissenwahrheit als getrennte Prüfschritte erkennbar bleiben. Da die Frage nach einer möglichen Sonderstellung des Menschen als gottebenbildlichem Wesen eng mit der Gottesfrage verknüpft ist, lässt sich ein Anschluss an die Reihe Was ist der Mensch? - Natur, Kultur und Identität herstellen. Vertiefende Impulse zur gesamten Gottesfrage bietet der Beitrag Die Frage nach der Existenz Gottes im Religions- und Ethikunterricht. Wie die Reihe in Berlin und Brandenburg curricular verankert werden kann, zeigt die Seite Rahmenlehrplan Philosophie Berlin-Brandenburg: Material für die Oberstufe. Verbindlich für die eigene Schule bleiben stets die Vorgaben der jeweiligen Schulverwaltung.
Häufige Fragen
Ist der Bewegungsbeweis mit heutigem physikalischem Wissen noch sinnvoll besprechbar? Ja, sofern die Diskussion konkret an der Prämisse des unendlichen Rückgriffs ansetzt, statt den Beweis pauschal als veraltet abzutun.
Warum ist Kants Einwand gegen Anselm so wirkungsvoll? Weil er nicht die logische Struktur des Beweises angreift, sondern gezielt die inhaltliche Prämisse infrage stellt, Existenz sei eine größenmachende Eigenschaft.
Muss die Klasse beide Beweise gleich ausführlich behandeln? Nein, es reicht, an einem Beweis die volle Routine einzuüben und beim zweiten die Übertragung der Methode in den Vordergrund zu stellen.
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