Philosophie· Sek II

Verantwortung ohne Vorbild: Sartres Beratungsbeispiel im Philosophieunterricht

von Luca 09.10.2026 1 Min. Lesezeit

Sartres Beratungsbeispiel zeigt, dass auch ein guter Rat die Entscheidung nicht abnimmt. Wer jemanden um Rat fragt, hat bereits gewählt, wen er fragt, und er entscheidet danach, wie er den Rat versteht und anwendet. Verantwortung bleibt also bei der Person, auch wenn sie sich Hilfe holt.

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Worum es in dem Beispiel geht

In seinem Vortrag schildert Sartre einen jungen Mann, der sich zwischen zwei Verpflichtungen nicht entscheiden kann und ihn um Rat bittet. Diese Anekdote ist in der Literatur zu Sartre allgemein bekannt; die Reihe arbeitet jedoch mit einem eigenen Fall, damit Lernende die Struktur prüfen können, ohne den Wortlaut zu benötigen. Der Kerngedanke ist die Verlassenheit: Es gibt keine letzte Instanz, die jede Verantwortung beendet.

Das klingt nach Zurückweisung von Hilfe, ist aber etwas Schwächeres. Beratung bleibt möglich und oft sinnvoll. Nur die endgültige Entlastung fehlt. Dieser Unterschied zwischen Hilfe und Entlastung ist der Kern der Stunde und sollte schriftlich festgehalten werden.

Ein Fall zum Selbstprüfen

Jonas fragt gezielt die Person um Rat, von der er Zustimmung zu seinem Plan erwartet. Später sagt er, er habe keine Wahl gehabt, weil sie es ihm geraten habe. Die Lernenden sollen zwei Entscheidungen rekonstruieren, die in dieser Darstellung verschwinden. Naheliegend sind die Wahl der Ratgeberin und die Entscheidung, ihrem Rat zu folgen. Eine dritte, feinere Entscheidung betrifft die Frage selbst: Wie Jonas sein Problem schildert, lenkt bereits die Antwort.

Der Fall ist so gebaut, dass keine Schuldzuweisung nötig ist. Es geht um die Struktur der Selbstbeschreibung. Das hilft Lernenden, die bei Verantwortungsfragen schnell moralisch urteilen.

Die naheliegende Fehldeutung

Im Gespräch taucht fast immer der Einwand auf, Sartre entwerte damit Fachwissen. Wer krank ist, höre schließlich auf die Ärztin. Die Streitfrage der Einheit, ob Sartres Argument fachliche Expertise entwertet, greift das auf. Eine tragfähige Antwort unterscheidet Wissen von Zielsetzung. Expertise kann Wissen liefern und Gründe verbessern, aber sie hebt nicht jede Entscheidung über Ziele und Anwendung auf. Die Ärztin informiert über Risiken, wie viel Risiko man trägt, entscheidet am Ende der Patient.

Das ist eine begrenzte These, und sie lässt sich angreifen. Manche Kursmitglieder werden einwenden, in Notfällen bleibe keine Zeit für eigene Abwägung. Diesen Einwand sollte man ernst nehmen und mit der Gruppe prüfen, ob er den Kern oder nur die Reichweite betrifft.

Ein Produkt für die Erprobungsphase

Statt eines Aufsatzes bietet sich ein Entwurf an: Die Lernenden entwerfen eine verantwortliche Form, Beratung in die eigene Begründung einzubeziehen. Sie variieren dabei eine Bedingung, etwa die Zahl der Ratgeber oder die Frage, ob der Rat vorab erwünscht war, und dokumentieren, was sich ändert. In der Auswertung beantworten sie, welche Erklärung ihren Befund trägt und welche Grenze bleibt. Ein hübsches Plakat ohne fachliche Erklärung erfüllt den Auftrag nur teilweise, das sollten die Lernenden vorab wissen.

Die Unterrichtsplanung, die Aufgaben mit Lösungen und die zugehörigen Erwartungshorizonte finden Sie in der Reihe Angst, Verlassenheit und Verzweiflung bei Sartre. Das Beratungsbeispiel bildet dort die zweite von vier Doppelstunden.

Verbindungen zu anderen Positionen

Der Gedanke eignet sich als Kontrast zur Aufklärung. Beim Beitrag Kant im Philosophie- und Ethikunterricht lässt sich zeigen, dass auch die Forderung nach Selbstdenken eine Mündigkeit verlangt, die man nicht delegieren kann. Und wie weit sich Rechtfertigung vor anderen von der eigenen Entscheidung trennen lässt, behandelt der Text Diskursethik im Grundkurs.

Wer vorher die erste Sartre-Reihe behandelt hat, kann mit Sartre und dem Vorrang der Existenz anknüpfen. Alle Materialien der Gruppe sind auf der Seite zu Sartre und Existenzialismus sortiert, die Pakete finden sich in der Kollektion Sartre. Die Lehrtexte sind Paraphrasen und ersetzen keine Originallektüre; für eine wortlautbezogene Analyse ist eine rechtmäßig zugängliche Ausgabe nötig.

Rückmeldung und Diagnose

Typisch ist die Verkürzung, aus einem einzelnen Fall sofort ein allgemeines Urteil über Beratung zu ziehen. Lassen Sie den Übergang markieren und fragen Sie, welche zusätzliche Prämisse nötig wäre. Am Ende der Stunde helfen drei Fragen: Welche Unterscheidung verhindert den Fehlschluss, welcher Befund trägt die Antwort, welche Information fehlt noch? Die Antworten bestimmen die nächste Übung.

Die Doppelstunde zum Beratungsbeispiel trägt für sich. Wird zusätzlich der Entwurf zu Ende geführt, braucht es weitere Arbeitszeit, ebenso für das Gruppenpuzzle mit 45 bis 60 Minuten. Vier Doppelstunden sind deshalb kein Zeitversprechen für die gesamte Reihe.

Häufige Fragen

Heißt das, man soll keinen Rat annehmen?

Nein. Der Rat kann Wissen und Gründe verbessern. Gezeigt wird nur, dass die Entscheidung dadurch nicht verschwindet.

Ist der Fall mit Jonas ein Originalbeispiel?

Nein, es ist ein eigener Unterrichtsfall. Er soll die Struktur des Gedankens sichtbar machen, nicht Sartres Beispiel wiedergeben.

Passt das Thema in den Grundkurs?

Ja. Der Fall ist alltagsnah und kommt ohne Vorwissen aus; die Reichweitenkritik lässt sich im Leistungskurs vertiefen.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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