Kunst

Gerhard Richter im Kunstunterricht: Fotovorlage und Gemälde vergleichen

von Luca 06.10.2026 1 Min. Lesezeit
Titelbild der Unterrichtsreihe zu Gerhard Richter, Fotorealismus und Abstraktion

Der direkte Vergleich von Fotovorlage und gemaltem Ergebnis ist der zuverlässigste Einstieg in Gerhard Richters Werk: Legt man ein Amateurfoto neben Richters Gemälde danach, wird sofort sichtbar, was die Verwischung verändert, und die Lerngruppe kommt ohne Umweg über die Biografie zur eigentlichen Bildfrage. Die Unterrichtsreihe Gerhard Richter – Zwischen Fotorealismus und Abstraktion liefert dafür passende Bildpaare aus Vorlage und Gemälde sowie Arbeitsblätter zu beiden Werkgruppen.

Ein Bildpaar als Türöffner

Am Beispiel „Tante Marianne" lässt sich in einer einzigen Stunde zeigen, wie Richter arbeitet: Das Familienfoto liefert Bildaufbau und Motiv, die Übertragung auf die Leinwand mit anschließender Verwischung verändert Schärfe und emotionale Distanz. Die Lerngruppe beschreibt zunächst beide Bilder unabhängig voneinander, bevor sie im zweiten Schritt die Unterschiede benennt. Wichtig ist, die Verwischung nicht als technischen Fehler misszuverstehen, sondern als bewusst gesetztes Bildmittel zu erkennen, das die Wirkung des Motivs gezielt verändert.

Für die Vertiefung eignet sich der Zyklus „18. Oktober 1977", in dem dieselbe Technik auf ein politisch aufgeladenes Thema trifft. Hier lässt sich zusätzlich fragen, warum Richter gerade die Unschärfe wählt, um sich einem Ereignis zu nähern, zu dem es bereits eindeutige Pressefotos gab.

Für die praktische Umsetzung im Kurs eignet sich eine kurze Fotoübung: Jede Lerngruppe bringt ein eigenes Familienfoto oder ein frei verfügbares Pressefoto mit und skizziert, welche Bildteile bei einer Übertragung in Malerei verwischt würden und welche scharf blieben. Diese Übung verlangt keine malerische Umsetzung, nur eine begründete Markierung im Bild, und lässt sich in einer halben Stunde abschließen. Sie bereitet unmittelbar auf die spätere Bildbeschreibung vor, weil die Lernenden bereits über die Wirkung von Schärfe und Unschärfe nachgedacht haben, bevor sie ein fremdes Werk analysieren.

Der Sprung zur Abstraktion

Nach den fotorealistischen Bildern lohnt sich der Wechsel zu einem Rakelbild, ohne die Bildquelle zu erklären. Die Lerngruppe beschreibt zunächst nur Farbschichtung und Oberflächenstruktur. Erst danach wird der Herstellungsprozess mit dem Rakel eingeführt, und die Klasse erkennt, dass hier dieselbe Frage nach Kontrolle und Zufall verhandelt wird wie in der Fotomalerei, nur ohne feste Vorlage. Dieser Kontrast trägt eine eigene Doppelstunde und bereitet den direkten Vergleich beider Werkgruppen vor, der im Zentrum der Klausuraufgabe steht. Für schwächere Kurse liegt zu diesem Schritt eine vereinfachte Übersicht bei, die beide Werkgruppen tabellarisch nebeneinanderstellt und die Kernbegriffe vorgibt, sodass der Vergleich schrittweise statt auf einmal erarbeitet wird.

Ein Bezug zur Gegenwartskunst insgesamt liefert das Sparpaket Künstler:innen und Epochen entdecken, das Richter neben weitere Positionen der Kunst nach 1945 stellt und sich für einen breiteren Überblick vor der Einzelreihe eignet.

Richter neben Warhol: zwei Antworten auf die Fotografie

Für die Qualifikationsphase trägt der Vergleich mit Andy Warhol eine vollständige Unterrichtsstunde: Beide Künstler gehen von Fotografie aus, Warhol vervielfältigt sie seriell im Siebdruck, Richter verwischt sie in der Malerei. Der Vergleich schärft den Blick dafür, dass Reaktionen auf dasselbe Medium sehr unterschiedlich ausfallen können, und liefert Material für eine Klausuraufgabe, die beide Positionen gegenüberstellt.

Für die Bewertung dieser Vergleichsaufgabe hat sich ein zweigeteiltes Kriterienraster bewährt: Ein Teil bezieht sich auf die werkspezifische Beschreibung, ein zweiter auf den eigentlichen Vergleich, in dem Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Haltung zur Fotografie benannt werden müssen. Lernende, die nur nacheinander über beide Künstler schreiben, ohne Vergleichsaspekte zu bilden, erreichen im zweiten Teil des Rasters keine Punkte, auch wenn die Einzelbeschreibungen korrekt sind. Dieser Hinweis lohnt sich bereits vor der Klausur, nicht erst in der Rückmeldung.

Eine ausführliche Einordnung mit Produktübersicht, Tabelle und häufigen Fragen bietet die Seite Gerhard Richter im Kunstunterricht: zwischen Fotorealismus und Abstraktion. Dort finden Sie auch passende Ergänzungen zur Fotografie als eigenständigem Medium und zur FachKomplett-Reihe für die gesamte Fachschaft.

Weiterführend

Wie sich Richter in einen größeren Überblick zur Kunst nach 1945 einordnen lässt, zeigt der Beitrag Von Niki de Saint Phalle bis Gerhard Richter: Künstler:innen und Epochen entdecken. Zur zweiten Antwort auf die Fotografie vertieft Pop Art und Konsumobjekte: Warhol, Lichtenstein und der Alltag als Kunst. Weitere Künstlerinnen und Künstler für die Oberstufe versammelt die Kollektion Kunst Künstler:innen A–Z.

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Gerhard Richter – Zwischen Fotorealis...Ansehen
Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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