Ethik· Sek II

Sinn und Bedeutung in der ersten Stunde: ein Einstieg ohne Logikkalkül

von Luca 08.09.2026 1 Min. Lesezeit
Sprachphilosophie im Philosophieunterricht der Sekundarstufe II

Ein Einstieg ohne Logikkalkül gelingt über zwei Ausdrücke, die dasselbe bezeichnen, aber auf unterschiedliche Weise, etwa „Morgenstern" und „Abendstern" für den Planeten Venus. Die Lerngruppe erkennt an diesem Beispiel aus eigener Anschauung, dass der Satz „Der Morgenstern ist der Abendstern" informativ ist, während „Der Morgenstern ist der Morgenstern" nichts Neues sagt, obwohl beide Sätze über dasselbe Objekt sprechen. Aus dieser Differenz lässt sich Freges Unterscheidung von Sinn und Bedeutung entwickeln, ohne dass zu Beginn ein einziges logisches Symbol auf der Tafel stehen muss.

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Das Problem, das Frege lösen wollte

Frege stand vor der Frage, warum Identitätsaussagen wie „a ist b" manchmal trivial und manchmal erkenntnisreich sind, obwohl beide Namen dasselbe Objekt bezeichnen. Seine Lösung besteht darin, zwischen dem Gegenstand, auf den ein Ausdruck verweist, der Bedeutung, und der Art, wie dieser Gegenstand präsentiert wird, dem Sinn, zu unterscheiden. „Morgenstern" und „Abendstern" haben dieselbe Bedeutung, nämlich die Venus, aber unterschiedlichen Sinn, nämlich unterschiedliche Arten, wie dieser Planet erkannt und beschrieben wird. Diese Unterscheidung erklärt, warum die zweite Identitätsaussage einen echten Erkenntnisgewinn darstellt.

Einstieg ohne Fachvokabular

Statt mit Definitionen zu beginnen, funktioniert ein Einstieg über eigene Beispiele der Lerngruppe besser: Zwei Beschreibungen derselben Person, etwa „der Bruder meiner Mutter" und „mein Onkel", bezeichnen dasselbe Familienmitglied, tragen aber unterschiedliche Information in sich. Erst nachdem die Klasse an mehreren solchen Beispielen selbst herausgearbeitet hat, dass ein und derselbe Gegenstand auf verschiedene Weisen erfasst werden kann, werden die Fachbegriffe Sinn und Bedeutung eingeführt und den bereits gefundenen Unterschieden zugeordnet. Für diesen induktiven Einstieg reicht eine Doppelstunde, die zweite Doppelstunde nutzt die Begriffe dann aktiv an neuen Beispielen aus der Reihe zu Sprache, Bedeutung und Wirklichkeit - Wie Worte Welt schaffen.

Typische Fehler der Lerngruppe

Der größte Stolperstein ist rein terminologisch: Im Alltagsdeutschen meint „Bedeutung" so viel wie „Sinn" im umgangssprachlichen Verständnis, bei Frege bezeichnet „Bedeutung" dagegen technisch den Referenten, während „Sinn" die Art des Gegebenseins meint. Diese Verschiebung muss explizit angesprochen werden, sonst verwechselt die Lerngruppe die Fachbegriffe fortlaufend mit ihrer Alltagsbedeutung. Ein zweiter Fehler ist die Annahme, unterschiedlicher Sinn bedeute automatisch unterschiedliche Bedeutung, was am Morgenstern-Beispiel gerade widerlegt wird. Drittens wird oft übersehen, dass Sinn nicht mit subjektiver Empfindung oder Konnotation zu verwechseln ist, sondern eine objektive, mitteilbare Art des Erfassens meint, die mehrere Personen teilen können.

Visualisierung für schwächere Lerngruppen

Für Lerngruppen, denen der Wechsel zwischen Beispiel und Begriff schwerfällt, hilft ein einfaches Dreiecksschema: An einer Ecke steht der sprachliche Ausdruck, etwa „Morgenstern", an der zweiten der reale Gegenstand, die Venus, an der dritten die Art des Gegebenseins, also die Vorstellung vom hellen Stern am Morgenhimmel. Für „Abendstern" bleibt die zweite Ecke identisch, während sich die erste und die dritte Ecke ändern. Dieses Schema lässt sich für jedes neue Beispiel wiederholen und macht sichtbar, an welcher Stelle genau der Unterschied zwischen zwei Ausdrücken liegt, ohne dass zusätzliche Definitionen auswendig gelernt werden müssen.

Vertiefung an Eigennamen ohne Referenz

Ein ergiebiger Anschluss ergibt sich über fiktive Namen wie „Odysseus": Der Name hat einen Sinn, eine bestimmte Art, wie eine Figur charakterisiert wird, aber keine reale Bedeutung, da es keinen entsprechenden Gegenstand in der Wirklichkeit gibt. An diesem Fall lässt sich diskutieren, ob und wie Sätze über solche Namen überhaupt wahr oder falsch sein können, eine Frage, die sich gut mit einem kurzen Gedankenexperiment verknüpfen lässt, wie sie im Beitrag zu Gedankenexperimenten im Philosophieunterricht der Oberstufe beschrieben werden. Für die Klausur eignet sich die Aufgabenstellung: „Erläutern Sie an einem selbst gewählten Beispiel den Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung und prüfen Sie, ob dieser Unterschied auch bei Eigennamen ohne realen Referenten trägt."

Bewertung und Anschluss an die Anthropologie

Bei der Bewertung lohnt es sich, getrennt zu punkten für die korrekte Verwendung der Fachbegriffe entgegen der Alltagssprache, für ein eigenständig gewähltes, tragfähiges Beispiel und für die Fähigkeit, den Grenzfall der fiktiven Namen argumentativ einzuordnen. Da die Frage, wie Sprache Wirklichkeit erschließt, eng mit der Frage verknüpft ist, wodurch sich der Mensch als sprachbegabtes Wesen von anderen Lebewesen unterscheidet, lässt sich diese Einheit sinnvoll mit der Reihe Was ist der Mensch? - Natur, Kultur und Identität verzahnen. Argumentrekonstruktionen zu Positionstexten der Sprachphilosophie lassen sich systematisch mit dem auf der Seite Philosophische Positionstexte: Argumentrekonstruktion in der Oberstufe vorgestellten Vorgehen einüben.

Einordnung in den Lehrplan

Wie die Sprachphilosophie im schulinternen Curriculum gewichtet wird, hängt von den Vorgaben der jeweiligen Schulverwaltung ab; einen Überblick über die Struktur der Kompetenzbereiche im Fach Philosophie in Nordrhein-Westfalen bietet der Beitrag Philosophie Kernlehrplan NRW Oberstufe. Wer die Frege-Einheit als Einstieg in eine längere Sprachphilosophie-Sequenz plant, kann sie mit späteren Stunden zu Wittgenstein oder Grice verzahnen, ohne die Grundunterscheidung noch einmal neu einführen zu müssen.

Häufige Fragen

Braucht man für diesen Einstieg logische Symbolschreibweise? Nein, die Unterscheidung lässt sich vollständig über natürlichsprachliche Beispiele entwickeln, die Fachbegriffe werden erst nachträglich eingeführt.

Wie lange dauert der Einstieg bis zur sicheren Anwendung der Begriffe? Für Einführung und erste Übung sind zwei Doppelstunden realistisch, bevor die Begriffe in komplexeren Textaufgaben angewendet werden.

Warum verwechseln Lernende Sinn und Bedeutung so häufig mit der Alltagssprache? Weil das deutsche Wort „Bedeutung" umgangssprachlich das meint, was Frege als „Sinn" bezeichnet, sodass die Fachterminologie der intuitiven Wortbedeutung entgegenläuft.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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