Philosophie· Sek II

Sartre und die Hirnforschung: welche Freiheit eigentlich untersucht wird

von Luca 09.10.2026 1 Min. Lesezeit

Sartre und die Hirnforschung untersuchen nicht dieselbe Freiheit. Sartre fragt, wie Menschen zu ihren Möglichkeiten Stellung nehmen und für ihre Entwürfe einstehen; neurowissenschaftliche Studien messen Bedingungen bestimmter Handlungen. Im Unterricht lohnt es sich deshalb, den Freiheitsbegriff zu klären, bevor irgendeine Studie bewertet wird.

Material zu diesem Artikel

Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.

Zwei Fragen, die leicht verwechselt werden

Wer in der Oberstufe Sartre und Libet nebeneinanderstellt, erlebt meist denselben Reflex: Die Hirnforschung habe die Freiheit widerlegt, also sei Sartre überholt. Dieser Reflex setzt voraus, dass beide Seiten über denselben Gegenstand sprechen. Genau das ist zu prüfen. Sartre beschreibt Selbstentwurf und Verantwortung, also die Art, wie jemand sich zu seiner Lage verhält. Eine EEG-Studie beschreibt, was im Gehirn vor einer einfachen Bewegung geschieht. Das sind zwei Erklärungsebenen, und ob sie miteinander konkurrieren, hängt von den zusätzlichen Ansprüchen ab, die man mit ihnen verbindet.

Hilfreich ist es, die Reihe ausdrücklich als systematischen Vergleich anzukündigen. Sartre hat sich mit späteren neurowissenschaftlichen Befunden nicht auseinandergesetzt, und eine erfundene Debatte zwischen beiden wäre historisch falsch. Der Vergleich geschieht an einer gemeinsamen Frage, die die Lehrkraft vorgibt.

Handlungsfreiheit und Willensfreiheit auseinanderhalten

Der erste fachliche Schritt ist eine Unterscheidung. Handlungsfreiheit meint, ohne äußeren Zwang gemäß eigenen Gründen zu handeln. Eine stärkere Willensfreiheit kann verlangen, unter identischen Bedingungen auch anders wählen zu können. Wer eine Studie beurteilt, muss wissen, welchen der beiden Begriffe er anlegt, sonst argumentieren Lernende aneinander vorbei. Der Kompatibilismus hält Freiheit und Determinismus unter bestimmten Freiheitsbegriffen für vereinbar, der Inkompatibilismus bestreitet das. Beide Positionen sollten die Lernenden zunächst als Fragestellungen formulieren können, nicht als Bekenntnis.

Besonders die Unterscheidung von Determinismus und Zwang fällt vielen Lernenden schwer und verdient deshalb eigene Zeit.

Determinismus, Vorhersagbarkeit und Zwang

Drei Begriffe werden im Alltag fast synonym gebraucht und müssen getrennt werden. Determinismus ist die These, dass frühere Zustände und Gesetze spätere Zustände festlegen. Vorhersagbarkeit ist eine Frage des Wissens: Ein deterministisches System kann praktisch schwer vorherzusagen sein, und umgekehrt widerlegt eine gute Vorhersage für sich genommen keine Freiheit. Zwang schließlich verändert Handlungsmöglichkeiten von außen.

Ein tragfähiger Einstieg ist ein kurzer Fall: Eine Freundin sagt zuverlässig voraus, welches Essen jemand bestellen wird. Eine andere Person erzwingt die Bestellung unter Drohung. In beiden Fällen steht die Bestellung vorher fest, aber auf grundverschiedene Weise. Das Paket Sartre und die Hirnforschung arbeitet mit einem solchen Fall als erstem Material. Die Lernenden sollen Wissen, Ursache und Zwang unterscheiden, bevor ein einziges Experiment auftaucht.

Eine Doppelstunde zum Freiheitsbegriff

Für 90 Minuten bewährt sich ein klarer Ablauf. In den ersten zehn Minuten wird der Fall ohne Musterantwort gezeigt; gesammelt werden zwei konkurrierende Deutungen und die gemeinsame Frage. Danach folgt etwa 20 Minuten Textarbeit am Lehrtext, bei der die Lernenden Definition, Behauptung und Beispiel unterschiedlich markieren. Geklärt werden nur die Begriffe, die der Auftrag braucht.

  • Analysephase: Aufgabe einzeln, dann zu zweit; verlangt wird je ein Befund aus dem Fall und ein erklärter Übergang zum Schluss.
  • Erprobung: Die Lernenden formulieren je eine kompatibilistische und eine inkompatibilistische Fragestellung zum Fall.
  • Sicherung: Ein Urteil zur Streitfrage, ob Unvorhersagbarkeit bereits Freiheit ist, jeweils mit Einwand.

Die Streitfrage ist bewusst offen. Für eine gelungene Antwort genügt es nicht, Zufall mit Selbstbestimmung gleichzusetzen. Zufall oder Unkenntnis begründet keine Selbstbestimmung, und eine Position muss erklären, welche Art von Kontrolle sie verlangt. Zulässig sind verschiedene Positionen, wenn Kriterien, ein Fallbeleg und eine ernsthafte Gegenposition vorkommen.

Typische Fehlverkürzungen und was dagegen hilft

Die häufigste Verkürzung besteht darin, eine einzelne Angabe sofort zu einem allgemeinen Urteil auszuweiten. Aus einer gelungenen Vorhersage wird dann Unfreiheit, aus Unvorhersagbarkeit Freiheit. Wirksam ist eine einfache Rückfrage: Welche zusätzliche Prämisse brauche ich für diesen Schluss, und welcher Gegenfall würde ihn begrenzen? Lernende markieren dazu den genauen Übergang im eigenen Text.

Wer die Reihe fortsetzt, kann anschließend die Libet-Experimente in ihrer Reichweite prüfen. Die Begriffsklärung dieser ersten Einheit zahlt sich dort aus. Wer zuvor Sartres Menschenbild eingeführt hat, kann auf die Reihe Sartre und der Vorrang der Existenz zurückgreifen, die den Selbstentwurf eigens behandelt. Auch das Gesamtangebot der Gruppe ist auf der Übersichtsseite zu Sartre und Existenzialismus beschrieben, die Materialien selbst finden sich in der Kollektion zu Sartre und Existenzialismus.

Häufige Fragen

Hat die Hirnforschung Sartres Freiheitsbegriff widerlegt?

Nicht ohne Weiteres. Sartres Begriff betrifft Stellungnahme und Verantwortung, die Studien betreffen neuronale Bedingungen einfacher Handlungen. Ein Widerspruch entsteht erst, wenn man zusätzliche Annahmen über das Verhältnis beider Ebenen einführt, und diese Annahmen sind selbst begründungsbedürftig.

Muss die Klasse Sartre vorher gelesen haben?

Nein. Die Lehrtexte sind eigene Paraphrasen und stehen im Material. Für eine wortlautbezogene Arbeit am Originaltext brauchen Lernende allerdings eine rechtmäßig zugängliche Ausgabe.

Reicht eine Doppelstunde für das Thema?

Für die Klärung des Freiheitsbegriffs ja. Die Libet-Prüfung, die alternative Erklärung und der Vergleich brauchen weitere Doppelstunden, plus Zeit für Werkstattaufgaben und Übungsklausuren.

FachKomplett

Ein ganzes Fach statt einzelner Reihen

Die FachKomplett-Reihen bündeln das Material eines kompletten Fachs für Sek I und Sek II. Einmal kaufen, das Fach ist vorbereitet.

Teilen: WhatsApp LinkedIn E-Mail
Sartre und die Hirnforschung – Libet-...Ansehen
Über den Autor
✏️
Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

UnterrichtsentwicklungBildungDidaktikLerndesignPhilosophie
Passende Beiträge

Das könnte dich auch interessieren

Häufige Fragen

FAQ zu den Unterrichtsmaterialien

Das Sortiment reicht von der Kita über die Grundschule und die Sekundarstufe I (Klasse 5–10) bis zur Sekundarstufe II und zur Berufsschule. Jedes Material ist nach Fach, Stufe und - wo sinnvoll - nach Bundesland beschriftet.

Viele Reihen lassen sich mit kleinen Anpassungen auch in benachbarten Schulformen einsetzen, weil die Aufgaben in mehreren Anforderungsniveaus vorliegen.

Eine vollständige Reihe enthält in der Regel:

  • mehrere Arbeitsblätter mit ausgearbeiteten Lösungen
  • eine Präsentation für den Unterrichtseinstieg
  • einen Verlaufsplan für die Stundenstruktur
  • Aufgaben auf mehreren Anforderungsniveaus zur Differenzierung
  • je nach Reihe Klausur- oder Testvorlagen

Die Dateien liegen in editierbaren Formaten vor, damit du Inhalte an deine Lerngruppe anpassen kannst.

Direkt nach dem Kauf erhältst du eine Bestätigungs-E-Mail mit dem Download-Link. Zusätzlich liegen die Dateien dauerhaft in deinem Kundenkonto unter „Bestellungen" - ohne Ablaufdatum und ohne Downloadlimit.

Es gibt keinen Versand und keine Wartezeit: Der Download steht unmittelbar nach dem Abschluss der Bestellung bereit.

Die Einzellizenz gilt für eine Lehrkraft. Du darfst das Material ausdrucken und im eigenen Unterricht beliebig oft einsetzen. Die digitalen Dateien an andere Lehrkräfte weiterzugeben oder sie zu veröffentlichen, ist davon nicht gedeckt.

Für Fachschaften gibt es bei vielen Produkten eine Schullizenz, die mehrere Lehrkräfte einer Schule abdeckt. Sie steht direkt auf der Produktseite zur Auswahl.

Eine Unterrichtsreihe deckt ein einzelnes Thema ab, etwa „Genetik" oder „Kurzgeschichten analysieren". Sie passt, wenn du gezielt eine Sequenz vorbereitest.

Ein FachKomplett-Paket bündelt die zentralen Themen eines ganzen Fachs zu einem Gesamtpreis, der deutlich unter der Summe der Einzelreihen liegt. Das lohnt sich, sobald du ein Fach dauerhaft unterrichtest. Eine Übersicht aller Reihen steht auf der FachKomplett-Seite.

Die Materialien orientieren sich an den veröffentlichten Vorgaben der Länder - je nach Bundesland am Kernlehrplan, Kerncurriculum, Bildungsplan, Rahmenlehrplan oder an den Fachanforderungen. Für viele Fächer gibt es eigene Pakete je Bundesland.

Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.

Diskussion

Kommentare

Kommentar hinterlassen

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.

Auch zum Newsletter anmelden? Unterrichtstipps und neue Materialien per E-Mail. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Bitte fülle alle Pflichtfelder aus und bestätige die Einwilligung.

* Pflichtfelder. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Newsletter

Unterrichtstipps per E-Mail

Neue Materialien, Planungshilfen und Hinweise zu Lehrplanänderungen - etwa zweimal im Monat, ohne Werbeflut.

Bitte fülle beide Felder aus und bestätige die Einwilligung.

DSGVO-konform · kein Spam · Abmeldung jederzeit · Datenschutz

📬

Fast geschafft.
Bitte bestätige deine E-Mail.

1
Postfach öffnenWir haben dir eine Bestätigungsmail von stifo.de geschickt.
2
Bestätigen (Double Opt-in)Klicke den Link in der Mail. Erst dann ist die Anmeldung aktiv.
3
FertigDanach bekommst du die Unterrichtstipps automatisch.
Keine Mail erhalten?Schau bitte im Spam- oder Werbeordner nach und markiere die Nachricht als „Kein Spam". Absender: stifo.de