Kunst· Sek II

Lotte Laserstein im Kunstunterricht: Porträt, Selbstbildnis und professionelle Identität

von Luca 07.10.2026 1 Min. Lesezeit

Lotte Laserstein eignet sich für die Oberstufe, weil an ihren Bildern geklärt werden kann, was ein Porträt überhaupt leistet: Es zeigt eine gestaltete Rolle, einen gewählten Ausschnitt und eine Beziehung zum Publikum, aber keine vollständige Persönlichkeit. Wer das Selbstbildnis als künstlerische Konstruktion behandelt, gewinnt einen Zugang zu professioneller Identität, ohne Biografie und Bildform kurzzuschließen.

Material zu diesem Artikel

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Was ein Selbstbildnis entscheidet

Ein Selbstbildnis trifft mehrere Entscheidungen zugleich: Welche Rolle übernimmt die Malerin oder der Maler, welcher Ausschnitt wird gewählt, wie ist die Betrachterin oder der Betrachter eingebunden? Atelier, Werkzeuge und Malhandlung können berufliche Kompetenz sichtbar machen. Ein direkter Blick stellt eine Beziehung zum Publikum her, beweist aber kein Selbstbewusstsein. Diese Unterscheidung ist der fachliche Kern der Einheit und lässt sich in einem Satz festhalten: Der Blick ist ein Gestaltungsmittel, kein Charakterzeugnis.

Praktisch heißt das für die Arbeit am Original oder an einer Reproduktion: Die Lernenden nennen zuerst Titel und Datierung des Werks, das sie tatsächlich betrachten. Das klingt selbstverständlich, verhindert aber, dass Befunde aus verschiedenen Bildern vermischt werden. Erst danach folgen Haltung, Komposition und Kontext, die zusammen gelesen werden müssen. Einzelne Merkmale tragen keine Deutung.

Zwei Fassungen vergleichen: Arbeit oder Gesicht

Ein bewährter Einstieg ist ein Modellvergleich mit zwei Beschreibungen. In Fassung A ist die Malerin bei der Arbeit zu sehen, in Fassung B nur ihr Gesicht vor neutralem Hintergrund. Die Aufgabe lautet, zu vergleichen, welche Aussagen zur professionellen Identität jeweils möglich sind. Fassung A kann über Tätigkeit und Arbeitsraum Professionalität vermitteln. Fassung B konzentriert sich auf Blick und Erscheinung und sagt über die Arbeit weniger. Beide sind Konstruktionen, und genau das sollen die Lernenden in ihren Texten ausdrücken.

Hilfreich ist die Trennung von drei Ebenen im Heft: Was ist sichtbar, was ist als Information angegeben, was ist bereits Deutung? Wer diese Spalten sauber führt, formuliert später selbst vorsichtiger. Ein Satzmuster wie „Sichtbar beziehungsweise angegeben ist …; daraus lässt sich begrenzt ableiten …“ entlastet schwächere Gruppen, ohne das Urteil vorwegzunehmen.

Nähe und Distanz im Porträt

Bildnähe entsteht nicht allein durch einen großen Kopf im Format. Licht, Blickrichtung, Ausschnitt und Raum bestimmen, ob eine Darstellung vertraut oder abständig wirkt. Eine Nahsicht kann Intimität erzeugen, aber ebenso Bedrängnis; eine seitliche Haltung mit viel Raum kann Distanz oder konzentrierte Tätigkeit zeigen. Die dargestellte Person bleibt dabei eigenständig. Ihr Inneres wird durch das Porträt nicht vollständig lesbar.

Als Gestaltungsaufgabe bietet sich eine Porträtserie mit veränderter Distanz an. Die Lernenden verändern kontrolliert einen einzigen Parameter, etwa den Abstand oder den Raumanteil, und dokumentieren die Wirkung in einem kurzen Text. Die abschließende Urteilsfrage lautet, ob eine Nahaufnahme zwangsläufig persönliche Nähe erzeugt. Gute Antworten nennen zwei Kriterien, gewichten sie und gehen auf einen ernsthaften Einwand ein, zum Beispiel auf den Fall, dass ein Porträt in Nahsicht ausdrücklich unbeteiligt wirkt.

Eine Doppelstunde konkret planen

Für eine Doppelstunde von neunzig Minuten hat sich ein klarer Ablauf bewährt:

  • Etwa zehn Minuten Einstieg mit zwei gegensätzlichen ersten Aussagen zum Material; die Lernenden sortieren Beobachtetes und bereits Gedeutetes.
  • Etwa fünfzehn Minuten Lerntext, die zentrale Unterscheidung markieren und zu zweit erklären.
  • Etwa zwanzig Minuten Analyse mit Aufgabe A, wahlweise mit schrittweiser Hilfe oder mit selbst gewählten Kriterien.
  • Etwa fünfundzwanzig Minuten Erprobung: zwei Entwürfe mit verschiedenen Rollen, die Auswahl wird schriftlich begründet.
  • Etwa fünfzehn Minuten Urteil, zum Schluss ein Exit-Satz mit einem gesicherten Zusammenhang und einer offenen Frage.

Das Material zur Reihe von Lotte Laserstein ist auf genau diesen Rhythmus angelegt und umfasst sechs solcher Doppelstunden. Falls Zeit fehlt, lässt sich die Erprobung auf einen kontrollierten Versuch verkürzen; das Urteil sollte dagegen nicht entfallen.

Bewerten und einordnen

Bei Gestaltungsaufgaben bewerten Sie Idee, formale Funktion, Erprobung und Reflexion. Motorische oder technische Schwierigkeiten dürfen die Fachleistung nicht verdecken. Ein anspruchsvoller Entwurf muss nicht technisch perfekt sein; eine schöne Oberfläche ohne begründete Aussage reicht aber ebenfalls nicht. Ein Raster über 100 Punkte, wie es in der Reihe vorgeschlagen wird, gewichtet Befunde und Belege mit 20, fachliche Erklärung mit 25, Gestaltung oder Vergleich mit 25, Urteil mit 15 sowie Struktur und Fachsprache mit 15 Punkten. Es ist ein Unterrichtsvorschlag; schulische und amtliche Vorgaben gehen vor.

Für den Zusammenhang zur methodischen Vorarbeit lohnt ein Blick auf den Beitrag zum Aufbau einer Bildanalyse mit Beispiel. Wer das Thema Fiktion im Porträt vertiefen möchte, findet im Beitrag zur Porträtmalerei zwischen Fiktion und Bildnis einen Gegenpol aus der Gegenwart.

Die Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit sind im Material mit dem Schwerpunkt 2029 verbunden. Maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW); die Aufgaben der Reihe sind eigene Übungsaufgaben. Einen Überblick über alle vier Reihen bietet die Themenseite zu den Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit, die Produkte der Gruppe sind in der Kollektion Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit zusammengeführt. Wer die Künstlerinnen im Verbund unterrichtet, kann auch das Sparpaket zur Neuen Sachlichkeit heranziehen.

Häufige Fragen

Muss man Lasersteins Biografie kennen, um ihre Bilder zu analysieren?

Nein, die Analyse beginnt am Bild. Biografische Angaben erklären Produktionsbedingungen, ersetzen aber keine Kompositionsanalyse. Wichtig ist die zeitliche Trennung: Die Emigration nach Schweden 1937 gehört zu ihrer Lebensgeschichte, darf aber nicht in frühere Werke hineingelesen werden.

Wie viel Zeit braucht ein Selbstbildnis-Entwurf?

Für zwei skizzierte Varianten mit schriftlicher Begründung reicht innerhalb einer Doppelstunde ein Zeitfenster von rund fünfundzwanzig Minuten. Eine größere bildnerische Ausarbeitung benötigt mindestens eine weitere Doppelstunde.

Wie gehe ich mit Zuschreibungen zu Frisur oder Kleidung um?

Lassen Sie solche Aussagen als Zuschreibung kennzeichnen. Kleidung und Haltung erlauben keine sichere Aussage über Beruf, sexuelle Identität oder politisches Denken. Ein zu starker Satz wird gemeinsam so umformuliert, dass er zur Beleglage passt.

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Lotte Laserstein – Porträt, Selbstbil...Ansehen
Über den Autor
✏️
Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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Häufige Fragen

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Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.

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