Wer bin ich? Das christliche Menschenbild im Religionsunterricht der Klasse 9
Das christliche Menschenbild versteht jeden Menschen als Ebenbild Gottes, unabhängig von Leistung, Aussehen oder Erfolg. In Klasse 9 trifft dieser Gedanke auf Identitätsfragen der Pubertät und bietet eine Gegenperspektive zu Selbstbildern, die stark über Vergleich und Bewertung entstehen. Psalmen wie Ps 8 und Ps 139 liefern dafür Sprache, die sich ohne moralischen Zeigefinger erschließen lässt.
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Identitätsfragen in der neunten Klasse
In Klasse 9 rücken Fragen nach der eigenen Identität stärker in den Vordergrund: Wer bin ich, wie werde ich gesehen, was macht mich aus jenseits von Noten und sozialen Vergleichen. Diese Auseinandersetzung ist alterstypisch und findet ohnehin statt, im Freundeskreis, in sozialen Netzwerken, in der Ablösung von Erwachsenen.
Religionsunterricht kann hier einen eigenen Beitrag leisten, indem er eine religiöse Deutung des Menschseins zur Sprache bringt, die nicht auf Leistung oder äußere Bestätigung verweist. Das ersetzt keine anderen Zugänge zur Identität, ergänzt sie aber um eine Perspektive, die Wert unabhängig von Erfolg begründet.
Ein Stundeneinstieg kann mit der stillen Bearbeitung eines Satzanfangs beginnen: „Ich bin wertvoll, weil …“ Die Antworten werden anonym eingesammelt und grob geclustert, meist zeigt sich, dass viele Antworten sich auf Leistung, Aussehen oder Anerkennung durch andere beziehen. Dieses Ergebnis bildet den Ausgangspunkt für die weitere Stunde.
Gottebenbildlichkeit altersgerecht erschließen
Die biblische Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes, wie sie in der Schöpfungserzählung angelegt ist, besagt zunächst nicht, dass Menschen aussehen wie Gott, sondern dass ihnen eine besondere Würde und Verantwortung zukommt. Diese Würde gilt jedem Menschen gleichermaßen, unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft oder Erfolg.
Für Klasse 9 lässt sich das ohne komplexe Auslegungsgeschichte erschließen: Ebenbildlichkeit bedeutet, dass niemand sich seinen Wert verdienen muss, weil er ihm bereits zugesprochen ist. Eine Aufgabe mit dem Operator erklären kann lauten: Erklären Sie, was mit „Ebenbild Gottes“ gemeint sein könnte und was damit ausdrücklich nicht gemeint ist.
Wichtig ist, den Unterschied zwischen einem äußerlichen und einem theologischen Verständnis von Ebenbildlichkeit klar herauszuarbeiten, damit keine Missverständnisse über ein wörtliches Aussehen Gottes entstehen.
Psalm 8 und Psalm 139 im Unterricht
Psalm 8 staunt über die Stellung des Menschen im Kosmos: klein gegenüber Himmel und Sternen und doch mit Würde und Verantwortung ausgestattet. Psalm 139 beschreibt ein Gott, der den Menschen von Anfang an kennt, ihn „gewoben“ hat und ihm nahe ist, noch bevor er selbst sich versteht. Beide Texte eignen sich zur kurzen Paraphrase im Unterricht, ohne dass ausführlich zitiert werden muss.
Eine Aufgabe kann lauten: Beschreiben Sie in eigenen Worten, wie der Mensch in Psalm 8 dargestellt wird, und vergleichen Sie dies mit einem Bild vom Menschen aus den sozialen Medien. Der Vergleich schärft den Blick dafür, dass unterschiedliche Quellen unterschiedliche Menschenbilder transportieren.
Zur Vertiefung eignet sich außerdem der Blogartikel zu Menschenwürde und Gottebenbildlichkeit im Gespräch mit dem Grundgesetz, der den biblischen Gedanken mit einer staatsbürgerlichen Perspektive verbindet und sich als Hintergrundlektüre für die Lehrkraft eignet.
Stärken, Grenzen und Selbstwert unabhängig von Leistung
Ein zentraler Gedanke des christlichen Menschenbilds ist, dass Wert nicht an Leistung gekoppelt ist. Für Jugendliche, die sich in einem Schulsystem mit ständiger Bewertung bewegen, ist das eine ungewohnte, teils entlastende Aussage. Sie bedeutet nicht, dass Anstrengung unwichtig wäre, sondern dass der grundlegende Wert eines Menschen davon unabhängig besteht.
Im Unterricht kann eine Übung zu Stärken und Grenzen anschließen: Jede Schülerin und jeder Schüler notiert für sich zwei Stärken und eine Grenze, die er oder sie akzeptiert. Die Ergebnisse bleiben freiwillig und werden nicht im Plenum vorgelesen, um die notwendige Vertraulichkeit zu wahren.
Eine Aufgabe mit dem Operator beurteilen kann lauten: Beurteilen Sie, inwiefern die Aussage „mein Wert hängt nicht von meinen Leistungen ab“ eine Entlastung im Schulalltag sein könnte. Diese Aufgabe verlangt eine begründete Stellungnahme und ist typisch für die Urteilsbildung in Klasse 9.
Selbstbild und Fremdbild
Selbstbild und Fremdbild klaffen bei Jugendlichen häufig auseinander: Wie man sich selbst sieht, unterscheidet sich oft von dem, wie andere einen wahrnehmen. Diese Differenz lässt sich aufnehmen, indem gefragt wird, welches Bild näher an dem liegt, was aus christlicher Sicht als Gottes Blick auf den Menschen beschrieben wird: weder beschönigend noch abwertend.
Eine praktische Übung ist die Identitätskarte: Auf einer Karteikarte werden in vier Feldern Stärken, Interessen, eine Herausforderung und ein Wunsch für die Zukunft notiert. Die Karten bleiben im eigenen Besitz und werden nicht eingesammelt, dienen aber als Gesprächsanlass für Partnerarbeit in Zweiergruppen nach eigener Wahl.
Ein Gesprächsimpuls kann lauten: Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was ihr über euch selbst denkt, und dem, was andere über euch sagen würden? Woran könnte das liegen? Dieser Impuls eröffnet ein Gespräch, ohne einzelne Schülerinnen und Schüler bloßzustellen.
Material für die Unterrichtsreihe
Für eine vertiefende Reihe zur christlichen Anthropologie eignet sich eine Unterrichtsreihe zu Aspekten christlicher Anthropologie, die Gottebenbildlichkeit und verwandte Themen systematisch aufbereitet.
Für die Oberstufe, aber als Hintergrundlektüre auch für Klasse 9 nutzbar, bietet sich Material zu Buber und Levinas über die Entdeckung des Anderen an, das die Beziehungsdimension von Identität ergänzt.
Ein weiterführender Blick auf den Menschen als Beziehungswesen findet sich im Blogartikel Anthropologie im Religionsunterricht: der Mensch als Beziehungswesen. Für die breitere Unterrichtsplanung liefert eine Sammlung einsatzbereiter Unterrichtsreihen für den Religionsunterricht weiteres Material zu angrenzenden Themen.
Häufige Fragen
Was bedeutet Gottebenbildlichkeit im Unterricht konkret?
Sie meint, dass jedem Menschen unabhängig von Fähigkeiten, Herkunft oder Erfolg eine besondere Würde zukommt. Für Klasse 9 lässt sich das als Gegengewicht zu leistungsbezogenen Selbstbildern erschließen, ohne dass ein wörtliches Verständnis von Ähnlichkeit mit Gott entsteht.
Warum eignen sich Psalm 8 und Psalm 139 für dieses Thema?
Beide Psalmen sprechen über die Stellung des Menschen gegenüber Gott, ohne moralisierend zu wirken. Psalm 8 betont Würde trotz Kleinheit, Psalm 139 die Nähe Gottes zum Menschen von Anfang an. Beide lassen sich kurz paraphrasieren und passen zu Identitätsfragen der Pubertät.
Wie lässt sich das Thema ohne moralischen Druck unterrichten?
Wichtig ist, Übungen zu Selbstwert und Identität freiwillig zu halten und keine Ergebnisse öffentlich zu machen. Aufgaben mit Operatoren wie erklären oder beurteilen strukturieren die Auseinandersetzung, ohne persönliche Preisgabe einzufordern, und lassen Raum für unterschiedliche Positionen.
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