"Volk" und "Nation" im Kaiserreich und Nationalsozialismus
Wer im Fach Volk und Nation Geschichte unterrichtet, steht vor der Aufgabe, zwei der wirkmächtigsten und zugleich missbräuchlich verwendeten Begriffe der neueren deutschen Geschichte greifbar zu machen. Kaum ein anderes Themenfeld verbindet politische Ideengeschichte, Nationalismusforschung und die Katastrophe des 20. Jahrhunderts so eng miteinander.
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Dieser Beitrag ordnet die zentralen Linien vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus, zeigt didaktische Zugänge für die Oberstufe und verweist auf sofort einsetzbare Materialien.
Volk und Nation: zwei schillernde Grundbegriffe
Der Begriff „Volk" changiert im Deutschen zwischen einem politischen Verständnis (das Staatsvolk als Träger von Souveränität) und einem kulturell-ethnischen Verständnis (die vermeintliche Abstammungsgemeinschaft). „Nation" wiederum lässt sich als Willensgemeinschaft im Sinne Ernest Renans („tägliches Plebiszit") oder als abstammungsbasierte Kulturnation deuten. Genau diese Doppeldeutigkeit macht das Thema so ergiebig und so anfällig für Ideologisierung.
Für den Unterricht lohnt es sich, früh zwei Modelle gegenüberzustellen:
- Staatsnation (westlich, voluntaristisch): Zugehörigkeit über Staatsbürgerschaft und politische Teilhabe.
- Kulturnation (ethnisch-kulturell): Zugehörigkeit über Sprache, Abstammung und Tradition.
Nationsbildung im 19. Jahrhundert
Der deutsche Nationalismus entstand nicht mit dem Kaiserreich, sondern in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und im Vormärz. Zunächst war er häufig mit liberalen und demokratischen Forderungen verbunden – die Nationalbewegung von 1848 wollte Einheit und Freiheit. Erst die Reichsgründung von 1871 „von oben" durch Bismarck verschob den Akzent: Der Nationalstaat wurde Realität, doch die liberale Komponente trat gegenüber einem obrigkeitsstaatlichen und zunehmend imperialen Nationalverständnis zurück.
„Volk" und „Nation" im Deutschen Kaiserreich
Im Kaiserreich (1871–1918) diente die Nation der inneren Integration eines heterogenen Reiches. Sichtbar wurde das in mehreren Mechanismen:
- Nationale Symbolpolitik: Denkmäler, Sedanfeiern, Kaisermythos.
- Integration durch Abgrenzung: Der „Feind im Innern" (Kulturkampf gegen Katholiken, Sozialistengesetze, Antisemitismus) stärkte das nationale Wir-Gefühl.
- Imperialer Nationalismus: Weltpolitik, Flottenbau und Kolonialismus als Ausdruck nationaler Größe.
Hier lässt sich mit Schülerinnen und Schülern herausarbeiten, wie ein zunächst emanzipatorischer Begriff zunehmend exklusiv und aggressiv aufgeladen wurde. Wer die Entwicklung systematisch mit Quellen erschließen möchte, findet in der Unterrichtsreihe zu Volk und Nation passende Arbeitsblätter und Stundenverläufe.
Radikalisierung: Vom völkischen Denken zum Nationalsozialismus
Schon im Kaiserreich formierte sich eine völkische Bewegung, die „Volk" biologistisch und rassistisch umdeutete. Nach 1918 verband sich diese Strömung mit der Dolchstoßlegende, dem Antisemitismus und der Ablehnung der Weimarer Demokratie. Der Nationalsozialismus radikalisierte das völkische Denken zur „Volksgemeinschaft": eine rassisch definierte, nach innen homogenisierte und nach außen expansive Gemeinschaft, die Ausschluss, Verfolgung und schließlich Vernichtung legitimierte.
Zentrale Kontraste für die Oberstufe:
- Nation als politische Willensgemeinschaft versus „Volksgemeinschaft" als Abstammungs- und Ausschlussgemeinschaft.
- Staatsbürgerschaft versus „Volkszugehörigkeit" (Nürnberger Gesetze 1935).
- Integration durch Teilhabe versus Integration durch Feindbild und Terror.
Didaktische Zugänge für den Unterricht
Weil die Begriffe abstrakt sind, empfiehlt sich ein quellen- und begriffsorientiertes Vorgehen. Bewährt haben sich:
- Begriffsarbeit: Schülerinnen und Schüler entwickeln eigene Definitionen und überprüfen sie an historischen Quellen.
- Kontrastierung: Reden, Gesetzestexte und Karikaturen aus Kaiserreich und NS im direkten Vergleich.
- Gegenwartsbezug: Debatten über Staatsbürgerschaft, Migration und nationale Identität heute.
Für die curriculare Einordnung hilft ein Blick in die Kernlehrpläne und Curricula, in denen das Themenfeld nationaler Identität in fast allen Bundesländern verankert ist.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Volk und Nation?
„Volk" bezeichnet meist eine Gemeinschaft von Menschen, oft über Sprache oder Abstammung gedacht; „Nation" meint eine politisch organisierte Gemeinschaft. In der Praxis überschneiden sich beide Begriffe stark und werden je nach Ideologie unterschiedlich gefüllt.
Wie veränderte sich der Nationsbegriff im Kaiserreich?
Er verschob sich vom liberal-emanzipatorischen Ideal der 1848er-Bewegung hin zu einem obrigkeitsstaatlichen, imperialen und zunehmend exklusiven Verständnis, das Zusammenhalt auch über Feindbilder herstellte.
Was bedeutet „Volksgemeinschaft" im Nationalsozialismus?
Sie meint eine rassistisch definierte Gemeinschaft, die nach innen Gleichschaltung und nach außen Ausgrenzung und Verfolgung betrieb. Zugehörigkeit hing nicht von Staatsbürgerschaft, sondern von der konstruierten „Rasse" ab.
Für welche Jahrgangsstufe eignet sich das Thema?
Vor allem für die Oberstufe, da es analytisches Denken, Quellenarbeit und Begriffsschärfe verlangt. Grundzüge lassen sich aber auch in der Sekundarstufe I anbahnen.
Häufige Stolperfallen
- „Volk" und „Nation" als Synonyme behandeln und die ideologische Aufladung übersehen.
- Eine gerade Linie vom Kaiserreich zum NS ziehen (Kontinuität überbetonen), statt Brüche und Handlungsspielräume zu zeigen.
- Den frühen liberalen Nationalismus vergessen und Nationalismus pauschal mit Aggression gleichsetzen.
- Begriffsarbeit auslassen und direkt in die Ereignisgeschichte springen.
Fazit
Das Themenfeld Volk und Nation Geschichte macht sichtbar, wie ein zunächst emanzipatorischer Begriff über das Kaiserreich bis in den Nationalsozialismus radikalisiert wurde. Wer Begriffsarbeit, Quellenanalyse und Gegenwartsbezug verbindet, ermöglicht Lernenden ein differenziertes Urteil – und mit einer strukturierten Unterrichtsreihe gelingt der Einstieg ohne aufwändige Vorbereitung.
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