Abstrakte Skulptur verstehen: Wie man zeitgenössische Bildhauerei im Unterricht erschließt
Eine Klasse steht vor der Abbildung von Richard Deacons Skulptur „What Could Make Me Feel This Way“. Kein Gesicht, kein erkennbarer Gegenstand, keine Geschichte, die sich auf den ersten Blick erzählt – nur geschwungene Holzlamellen, die sich zu einer rätselhaften Form verschränken. Genau in diesem Moment der Ratlosigkeit beginnt die eigentliche Arbeit im Kunstunterricht der Sekundarstufe II: Wie erschließt man ein Werk, das sich jeder schnellen Deutung entzieht? Zwei frühere Beiträge auf diesem Blog haben sich bereits mit Deacons Formensprache und seinen Materialien und Techniken beschäftigt. Dieser Artikel geht einen Schritt zurück und fragt allgemeiner: Mit welcher Methode nähern sich Schülerinnen und Schüler überhaupt abstrakter zeitgenössischer Bildhauerei, wenn sie keinerlei Vorwissen mitbringen?
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Was bedeutet: Abstrakte Skulptur?
Abstrakte Skulptur verzichtet auf die Abbildung erkennbarer Gegenstände, Figuren oder Szenen. Anders als die figürliche Plastik, die einen Körper, ein Tier oder ein Objekt nachbildet, arbeitet sie mit Form, Volumen, Material und Raum als eigenständigen Ausdrucksmitteln. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen „abstrakt“ und „gegenstandslos“: Abstrakte Werke gehen häufig von einer Beobachtung, einem Gefühl oder einer Bewegung aus und lösen diese in Form auf, ohne dass ein konkretes Vorbild noch erkennbar bleiben muss. Entscheidend für das Verständnis ist außerdem, dass Skulptur – im Gegensatz zum Bild – immer eine reale räumliche Präsenz besitzt. Sie hat Gewicht, Oberfläche, eine Vorder- und Rückseite, und sie verändert sich, je nachdem, von wo aus man sie betrachtet. Diese Dreidimensionalität ist der zentrale Unterschied, den Lernende zuerst begreifen müssen, bevor sie über Bedeutung sprechen können.
Von Brancusi bis zur New British Sculpture: ein kurzer historischer Abriss
Die abstrakte Bildhauerei hat eine über hundertjährige Geschichte. Constantin Brancusi löste zu Beginn des 20. Jahrhunderts Formen wie Vögel oder Köpfe in reduzierte, fast geometrische Volumen auf und legte damit einen Grundstein. Hans Arp und Barbara Hepworth entwickelten organische, fließende Formsprachen, während Anthony Caro in den 1960er-Jahren mit geschweißten Stahlelementen zeigte, dass Skulptur nicht mehr auf einem Sockel „stehen“ muss, sondern direkt mit dem Boden und dem umgebenden Raum in Beziehung tritt. In den 1980er-Jahren entstand in Großbritannien eine neue Generation von Bildhauern, die als „New British Sculpture“ bezeichnet wird – dazu zählen unter anderem Tony Cragg, Antony Gormley und eben Richard Deacon. Diese Künstlergeneration interessierte sich weniger für reine Formfindung als für das Verhältnis von Material, Konstruktion und Bedeutung: Ihre Werke wirken oft wie Objekte, die zwischen Architektur, Design und freier Kunst changieren. Wer diesen historischen Bogen kennt, versteht besser, warum Deacons Arbeiten weder rein dekorativ noch rein symbolisch gelesen werden sollten, sondern als Ergebnis eines konstruktiven, fast handwerklichen Denkens.
Richard Deacon als Fallbeispiel: eine Skulptur, die eine Frage stellt
„What Could Make Me Feel This Way“ ist ein besonders geeignetes Fallbeispiel, weil bereits der Titel eine didaktische Öffnung bietet: Er stellt eine Frage, statt eine Antwort zu liefern. Die Skulptur besteht aus gebogenen Holzlamellen, die zu einer komplexen, in sich verschlungenen Form zusammengefügt sind – kein Gegenstand, sondern ein Prozess des Biegens, Schichtens und Verbindens, der sichtbar bleibt. Deacon selbst bezeichnete sich nie als „Bildhauer“ im klassischen Sinn, sondern eher als jemanden, der Dinge „macht“ (er nannte sich gerne „fabricator“). Diese Selbstbeschreibung ist ein guter Einstieg für den Unterricht: Sie verschiebt den Fokus von der Frage „Was stellt das dar?“ zur Frage „Wie ist das gemacht, und was macht es mit mir als Betrachter?“.
Praxisbeispiel: Ein Fünf-Schritte-Zugang ohne Vorwissen
Für Lerngruppen ohne kunsthistorisches Vorwissen empfiehlt sich ein gestufter Zugang. Erstens: die Erstbegegnung ohne Titel und Kontextinformation – die Schülerinnen und Schüler beschreiben zunächst nur, was sie sehen, in reiner Beobachtungssprache (Linien, Kurven, Öffnungen, Material). Zweitens: die Formanalyse – wo wirkt die Skulptur geschlossen, wo offen, wo entsteht Spannung, wo Ruhe? Drittens: die Materialrecherche – warum Holz, warum diese Verbindungstechnik, welche Wirkung hätte Stahl oder Stein an derselben Stelle gehabt? Viertens: die Kontextualisierung – erst jetzt werden Künstlerbiografie, Entstehungsjahr und Titel eingeführt, damit sie die vorherige Beobachtung ergänzen statt sie vorwegzunehmen. Fünftens: die eigene Positionierung, zum Beispiel in Form eines kurzen Textes oder einer eigenen kleinen Materialskulptur aus Pappstreifen oder Draht, die nach demselben Prinzip „biegen – verbinden – Form finden“ entsteht. Dieser letzte Schritt macht erfahrbar, was am Foto nicht sichtbar wird: den Prozess des Bauens selbst.
Typische Missverständnisse
- „Abstrakte Skulptur ist beliebig und kann alles bedeuten.“ Tatsächlich folgt jede abstrakte Form konkreten gestalterischen Entscheidungen, die sich rekonstruieren lassen.
- „Man muss die Kunstgeschichte kennen, um überhaupt etwas zu erkennen.“ Der beschriebene Zugang zeigt, dass die genaue Beobachtung der Form der eigentliche Einstieg ist – Kontextwissen kommt erst danach.
- „Die Materialwahl ist zufällig oder rein praktisch.“ Bei Deacon und vergleichbaren Bildhauern ist das Material integraler Bestandteil der Aussage, nicht austauschbare Hülle.
Grenzen der Betrachtung
So hilfreich Fotografien im Unterricht sind, sie können die reale Erfahrung einer Skulptur nur begrenzt ersetzen. Maßstab, Gewicht, die Bewegung des Betrachters um das Werk herum und die sich verändernde Lichtsituation gehen im zweidimensionalen Bild verloren. Eine Skulptur wie „What Could Make Me Feel This Way“ verändert ihre Wirkung deutlich, je nachdem, aus welchem Winkel man sie sieht – dieser Aspekt lässt sich im Klassenzimmer nur durch mehrere Ansichten, kurze Videosequenzen oder den Vergleich unterschiedlicher Fotoperspektiven andeuten, nie vollständig ersetzen. Lehrkräfte sollten diese methodische Einschränkung offen ansprechen, statt sie zu verschweigen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Abstrakte Skulptur verzichtet auf gegenständliche Abbildung, arbeitet aber mit klaren formalen Entscheidungen.
- Die New British Sculpture der 1980er-Jahre, zu der Richard Deacon zählt, verbindet Konstruktion, Material und Bedeutung.
- Ein gestufter Zugang – Beobachtung vor Kontext – verhindert vorschnelle, oberflächliche Deutungen.
- Die eigene praktische Umsetzung im Kleinformat macht den Bauprozess einer Skulptur erfahrbar.
- Fotografien können reale Rauminstallationen nur begrenzt vermitteln – diese Grenze gehört in den Unterricht.
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Häufig gestellte Fragen
Was unterscheidet abstrakte von gegenstandsloser Kunst? Abstrakte Kunst geht meist von einer realen Beobachtung aus und löst sie in Form auf, während gegenstandslose Kunst von Beginn an ohne Bezug zu einem Gegenstand arbeitet. Die Grenze ist in der Praxis oft fließend.
Warum eignet sich Richard Deacon besonders gut für den Einstieg in abstrakte Skulptur? Seine Werke sind formal komplex, aber der Herstellungsprozess bleibt sichtbar, was Schülerinnen und Schülern einen konkreten, nachvollziehbaren Zugang bietet.
Brauchen Lernende kunsthistorisches Vorwissen, um abstrakte Skulptur zu verstehen? Nein. Der hier vorgestellte Zugang beginnt bewusst mit reiner Beobachtung, bevor Kontextwissen ergänzt wird.
Wie lässt sich der Materialaspekt im Unterricht greifbar machen? Durch den Vergleich, wie sich dieselbe Form in unterschiedlichen Materialien (Holz, Stahl, Stein) anfühlen und wirken würde, sowie durch eigene kleine Materialexperimente.
Was ist die „New British Sculpture“? Eine Bildhauergeneration der 1980er-Jahre in Großbritannien, zu der neben Deacon auch Tony Cragg und Antony Gormley zählen, die Konstruktion, Material und Bedeutung neu verbanden.
Wie lässt sich der Verlust der Räumlichkeit durch Fotografien im Unterricht ausgleichen? Durch mehrere Ansichten desselben Werks, kurze Videosequenzen oder den bewussten Hinweis auf diese methodische Grenze.
Eignet sich dieser Zugang auch für andere abstrakte Bildhauer? Ja, das Fünf-Schritte-Modell – Beobachtung, Formanalyse, Material, Kontext, eigene Position – lässt sich auf viele zeitgenössische Skulpturen übertragen.
Wie viel Zeit sollte für eine solche Unterrichtseinheit eingeplant werden? Für eine vertiefte Behandlung mit eigener praktischer Umsetzung empfehlen sich mindestens zwei bis drei Doppelstunden.
Fazit
Abstrakte zeitgenössische Skulptur lässt sich im Unterricht nicht durch schnelle Deutung erschließen, sondern durch einen methodischen, gestuften Zugang, der Beobachtung vor Interpretation stellt. Richard Deacons „What Could Make Me Feel This Way“ eignet sich als Fallbeispiel besonders gut, weil Material, Konstruktion und Fragehaltung sichtbar bleiben. Wer diesen Zugang im Unterricht etabliert, gibt Lernenden ein Werkzeug an die Hand, das weit über ein einzelnes Werk hinaus trägt.
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Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.
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