Ein Bildhauer, der seine Werke nicht meißelt und nicht modelliert, sondern konstruiert – wie ein Ingenieur oder Bootsbauer, nur ohne vorgegebenen Zweck. Richard Deacons großformatige, oft organisch anmutende Skulpturen aus gebogenem Holz, genietetem Stahl und laminierten Materialien wirken auf den ersten Blick rätselhaft: Sie zeigen weder erkennbare Figuren noch reine geometrische Grundformen, sondern etwas dazwischen. Wer verstehen will, warum sich diese Werke für den Kunstunterricht der Oberstufe so gut eignen, muss zunächst verstehen, wie sie überhaupt entstehen.
Was ist Richard Deacons Skulptur?
Richard Deacon wurde 1949 in Bangor, Wales, geboren und zählt zu den bedeutendsten britischen Bildhauern der Gegenwart. Er trat Ende der 1970er-Jahre gemeinsam mit Anish Kapoor, Tony Cragg und Bill Woodrow als Teil einer neuen Bildhauergeneration hervor, die später als "New British Sculpture" bezeichnet wurde, und erhielt 1987 den Turner Prize. Seine Skulpturen sind durchweg abstrakt, häufig großformatig und oft von schlaufen- oder röhrenartigen Formen geprägt. Über eine mehr als vierzig Jahre umspannende Karriere nutzte er ein breites Materialspektrum: laminiertes Holz, Stahl, Polycarbonat, Leder, Stoff und Ton.
Fabrikation statt Meißeln und Modellieren
Die klassische Bildhauerei kennt im Wesentlichen zwei Grundverfahren: das subtraktive Verfahren des Meißelns, bei dem Material aus einem Block entfernt wird, und das additive Verfahren des Modellierens, bei dem etwa Ton aufgebaut und geformt wird. Deacon bezeichnet sich selbst bewusst als "Fabricator" und positioniert sein Werk damit als drittes Verfahren: Er konstruiert seine Skulpturen aus industriell bearbeitetem oder vorgefertigtem Material, das gebogen, laminiert, verschweißt und verschraubt wird. Dabei verbirgt er die Logik dieser Konstruktion nicht, sondern stellt sie bewusst aus – Leimfugen zwischen Holzschichten, Schrauben und Nieten in Stahlblechen bleiben sichtbar und werden Teil der Werkaussage.
Ein Beispiel ist die Werkgruppe um "Mirror Mirror" (1984), bei der Deacon mit dampfgebogenem Holz experimentierte. Da Holz beim Biegen gleichzeitig staucht und dehnt, riss es bei größeren, verdrehten Formen entlang der Mittellinie. Seine Lösung: Statt eines massiven Holzstücks verdrehte und verleimte er Bündel dünner Holzstreifen – aus einem Materialproblem wurde eine charakteristische ästhetische Lösung.
Form, Innen- und Außenraum, Wahrnehmung
Ein zentrales Werk für die Auseinandersetzung mit Raum und Wahrnehmung ist "For Those Who Have Eyes" (1983), eine Skulptur aus dünnem Edelstahlblech – Verschnittresten der Toaster-Produktion, schwer zu schneiden und zu bohren, ohne Stützkonstruktion kaum tragfähig. Deacon verband die Blechteile über selbst angefertigte Klammern aus dem übrig gebliebenen Material. Das Ergebnis besitzt Volumen und Gestalt, scheint aber zu großen Teilen aus Luft zu bestehen – kaum greifbar und doch raumgreifend.
Genau hier liegt der konzeptuelle Kern vieler Deacon-Skulpturen: Sie sind häufig hohl oder schalenartig konstruiert statt massiv, wodurch die traditionelle Vorstellung von Skulptur als solider Materialmasse infrage gestellt wird. Die Werke umschließen Raum, statt ihn schlicht zu verdrängen, und verwischen damit bewusst die Grenze zwischen Innen und Außen. Betrachtende müssen um die Skulptur herumgehen, um sie zu erfassen – von einer Seite wirkt sie offen und durchlässig, von einer anderen fast geschlossen. Diese Verschiebung der Wahrnehmung je nach Standpunkt ist kein Nebeneffekt, sondern ein zentrales Gestaltungsprinzip.
Praxisbeispiel: Ein Werk aus mehreren Blickwinkeln
Fotografien von "For Those Who Have Eyes" aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen den Effekt deutlich: Aus einem Blickwinkel erscheint die Skulptur als offene, bandartige Schlaufe, aus einem anderen nahezu geschlossen und kompakt. Diese Uneindeutigkeit lässt sich im Unterricht nutzen, um zu zeigen, dass Skulptur – anders als ein Gemälde – niemals aus nur einem Blickwinkel vollständig erfasst werden kann.
Unterrichtsaktivität: Selbst fabrizieren statt formen
Eine bewährte praktische Annäherung besteht darin, Lernende mit dünnem Karton, Papierstreifen oder Furnierresten sowie Musterklammern oder Büroklammern arbeiten zu lassen. Die Aufgabe lautet: ein kleines Objekt bauen, ohne zu schnitzen oder zu formen – ausschließlich durch Biegen, Falten und Verbinden, wie bei Deacon. Im Anschluss dokumentieren die Lernenden ihre Konstruktionsentscheidungen schriftlich und diskutieren, welche Bereiche ihres Objekts "innen" und welche "außen" sind. Der Vergleich mit Fotografien von Deacons tatsächlichen Werken macht anschließend deutlich, wie konsequent er dieses Prinzip in industriellem Maßstab verfolgt.
Typische Missverständnisse
- Deacon wird auf Metallskulpturen reduziert: Tatsächlich reicht sein Materialspektrum von laminiertem Holz über Polycarbonat bis zu Leder, Stoff und Ton – Stahl ist nur eines von vielen genutzten Materialien.
- Abstraktion wird mit Bedeutungslosigkeit gleichgesetzt: Die scheinbar formale Beliebigkeit seiner Werke täuscht – Werktitel, Konstruktionslogik und die bewusste Auseinandersetzung mit Raum sind gezielte gestalterische Entscheidungen, keine zufälligen Formexperimente.
- "Fabrikation" wird als weniger künstlerisch als klassisches Bildhauern verstanden: Das dampfgebogene, gebündelte oder genietete Verbinden von Material ist ebenso arbeits- und kenntnisintensiv wie traditionelles Meißeln oder Modellieren, nur eben technisch anders gelagert.
Grenzen der Betrachtung
Deacons Werktitel sind oft poetisch statt beschreibend, weshalb eindeutige Bedeutungszuschreibungen problematisch bleiben – der Künstler selbst widerspricht zu engen inhaltlichen Lesarten. Interpretationen, die den Innen-Außen-Raum vorschnell als Metapher für Körper und Geist deuten, gehen mitunter über das hinaus, was sich am Werk belegen lässt. Auch rein pragmatische Materialentscheidungen sollten nicht vorschnell symbolisch überhöht werden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Richard Deacon (geb. 1949) bezeichnet sich selbst als "Fabricator" statt als klassischen Bildhauer.
- Seine Werke entstehen durch Biegen, Laminieren und Verbinden statt durch Meißeln oder Modellieren.
- "For Those Who Have Eyes" (1983) verbindet Volumen und Leere und stellt die Grenze zwischen Innen- und Außenraum zur Diskussion.
- Die Konstruktionslogik seiner Werke bleibt bewusst sichtbar – Nieten, Schrauben und Leimfugen sind Teil der Werkaussage.
- Eindeutige inhaltliche Deutungen bleiben aufgrund der offenen, assoziativen Werktitel begrenzt belastbar.
Passendes Unterrichtsmaterial
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Häufig gestellte Fragen
Wer ist Richard Deacon?
Richard Deacon (geboren 1949 in Bangor, Wales) ist ein britischer abstrakter Bildhauer, der 1987 mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde. Er gehört zu einer Bildhauergeneration, die Ende der 1970er-Jahre gemeinsam mit Anish Kapoor, Tony Cragg und Bill Woodrow in London hervortrat.
Was bedeutet es, dass Deacon sich selbst als 'Fabricator' bezeichnet?
Deacon grenzt sich damit bewusst vom klassischen Bildhauer ab, der Stein meißelt oder Ton modelliert. Er konstruiert seine Skulpturen stattdessen aus vorgefertigten oder industriell bearbeiteten Materialien, die gebogen, laminiert, genietet und verschraubt werden.
Welche Materialien verwendet Richard Deacon?
Deacon arbeitet mit einer großen Bandbreite an Materialien, darunter laminiertes Holz, Stahl, Polycarbonat, Leder, Stoff und Ton – die Materialwahl variiert stark von Werk zu Werk.
Was zeichnet die Skulptur 'For Those Who Have Eyes' aus?
Die 1983 entstandene Stahlskulptur besteht aus dünnen Edelstahl-Resten, die ursprünglich Verschnitt aus der Toaster-Produktion waren. Die Teile sind über selbst angefertigte Klammern verbunden und bilden eine Form, die zugleich Volumen besitzt und fast nur aus Luft zu bestehen scheint.
Worin unterscheidet sich Fabrikation von klassischem Meißeln oder Modellieren?
Meißeln ist ein subtraktives Verfahren (Material wird entfernt), Modellieren ein additives (Material wird aufgebaut und geformt). Fabrikation ist ein drittes Verfahren: vorgefertigtes Material wird durch Biegen, Laminieren und Verbinden zu einer neuen Form zusammengesetzt, ohne dass es geschnitzt oder geformt wird.
Warum spielt der Innen-Außen-Raum eine zentrale Rolle in Deacons Werk?
Viele seiner Arbeiten sind hohl oder schalenartig aufgebaut statt massiv, wodurch die klassische Vorstellung von Skulptur als fester Materialmasse infrage gestellt wird. Die Werke umschließen Raum, statt ihn zu verdrängen, und stellen damit die Grenze zwischen Innen und Außen bewusst zur Diskussion.
Wann gewann Deacon den Turner Prize?
Deacon wurde bereits 1984 für den Turner Prize nominiert und gewann ihn schließlich 1987, unter anderem für seine wandernde Ausstellung 'For Those Who Have Eyes'.
Ab welcher Jahrgangsstufe eignet sich Deacons Werk für den Unterricht?
Aufgrund der Komplexität der Materialfragen und der abstrakten Formsprache eignet sich eine vertiefte Auseinandersetzung vor allem für die gymnasiale Oberstufe (Sek II), auch wenn einzelne Werkbeispiele bereits in der Sek I zur Einführung genutzt werden können.
Welche anderen Künstler gehören zur selben Bildhauergeneration?
Deacon wird häufig zusammen mit Anish Kapoor, Tony Cragg, Bill Woodrow und weiteren Künstlern genannt, die in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren als 'New British Sculpture' bezeichnete, generationsprägende Positionen der britischen Bildhauerei entwickelten.
Fazit
Richard Deacons Skulpturen lassen sich erst wirklich verstehen, wenn man seine Arbeitsweise als "Fabricator" ernst nimmt: Form entsteht bei ihm nicht durch Wegnehmen oder Aufbauen, sondern durch Biegen, Verbinden und Konstruieren – mit sichtbaren Spuren des Herstellungsprozesses. Wer diese Werke im Unterricht mit Blick auf Material, Konstruktion und den Wechsel zwischen Innen- und Außenraum erschließt, eröffnet Lernenden einen Zugang zu zeitgenössischer Skulptur, der weit über bloßes Formenraten hinausgeht.

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