Sek II

Richard Deacon: Materialien und Techniken der abstrakten Skulptur

von Luca 14.07.2026 1 Min. Lesezeit

Wer vor Richard Deacons Skulptur "What Could Make Me Feel This Way" steht, sucht zunächst vergeblich nach einem Titel, der die Form erklärt. Stattdessen sieht man geschwungene, gebogene Holzlamellen, die sich zu einem organischen, fast atmenden Körper verschränken – gehalten von sichtbaren Schrauben, Nieten und Klebefugen. Genau hier beginnt der zweite Zugang zu Deacon, der über Form, Raum und Wahrnehmung hinausgeht: die Frage, WIE diese Skulpturen überhaupt gemacht sind. Denn Deacon selbst hat sich nie als Bildhauer im klassischen Sinn verstanden, sondern als "Fabricator" – als jemand, der Material fügt, statt es zu behauen oder zu modellieren.

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Was bedeutet: Fabrikation in der Bildhauerei?

Der Begriff "Fabrication" bezeichnet in der zeitgenössischen Skulptur eine Herstellungsweise, bei der Werke nicht durch Subtraktion (Meißeln, Schnitzen) oder durch additive Modellierung (Ton, Gips, Wachs) entstehen, sondern durch industrielle Fügetechniken: Schrauben, Nieten, Schweißen, Kleben, Laminieren. Richard Deacon hat diesen Begriff in den 1980er-Jahren bewusst für sich reklamiert und sich selbst als "fabricator, not a carver or a modeller" bezeichnet. Diese Selbstbeschreibung ist mehr als eine technische Fußnote – sie verschiebt den Fokus der Kunstbetrachtung von der Form als Endergebnis hin zum Herstellungsprozess als sichtbarem, mitgedachtem Bestandteil des Werks. Wo klassische Bildhauerei den Herstellungsprozess oft kaschiert, um die "reine" Form sprechen zu lassen, macht Deacon Verbindungsstellen, Klammern und Nahtstellen zu einem zentralen visuellen und inhaltlichen Element.

Holz, Laminat, Stahl: Deacons Materialsprache

Deacon, geboren 1949 in Bangor (Wales) und ausgebildet an der Saint Martin's School of Art sowie am Royal College of Art in London, arbeitet seit den frühen 1980er-Jahren mit einer bewusst begrenzten, aber wiederkehrenden Materialpalette: laminiertes und dampfgebogenes Holz, Edelstahl, verzinktes Stahlblech, Aluminium sowie gelegentlich Keramik und Vinyl. Besonders das laminierte Holz – dünne Furnierstreifen, die schichtweise verleimt und in Formen gepresst oder gebogen werden – erlaubt ihm, große, fließende Kurven zu erzeugen, die massiv wirken, aber tatsächlich hohl und aus vielen einzelnen Lagen aufgebaut sind. Diese Technik stammt ursprünglich aus dem Bootsbau und dem Möbeldesign, wird von Deacon aber in den Kontext der Skulptur übertragen. Stahl setzt er dagegen oft dort ein, wo er Spannung, Härte oder eine industrielle Anmutung erzeugen will – häufig in Kontrast zur organischen Weichheit der Holzformen. Diese Materialkontraste sind kein Zufall: Sie erzeugen einen visuellen Dialog zwischen Natur und Industrie, zwischen Wachstum und Konstruktion.

Nahaufnahme: "What Could Make Me Feel This Way"

Die Skulptur "What Could Make Me Feel This Way" ist ein charakteristisches Beispiel für Deacons Umgang mit laminiertem Holz. Die Form entsteht aus gebogenen, ineinander verschlungenen Holzbändern, deren Krümmungen an organische Strukturen erinnern – an Muscheln, Eingeweide oder pflanzliche Ranken –, ohne jemals ein konkretes Vorbild eindeutig abzubilden. Der Titel selbst, eine Songzeile-artige, emotional aufgeladene Formulierung, gibt keine inhaltliche Erklärung, sondern öffnet einen assoziativen Raum: Er benennt ein Gefühl, ohne dessen Ursache zu nennen. Diese Titelpraxis ist bei Deacon Programm. Er entlehnt seine Werktitel häufig aus Musik, Literatur oder Alltagssprache und setzt sie bewusst nicht illustrativ ein – der Titel soll die Wahrnehmung öffnen, nicht schließen. Betrachtet man die Konstruktion genauer, erkennt man an den Übergängen der Holzlamellen exakt jene Fügestellen, die Deacons Selbstverständnis als Fabricator sichtbar machen: keine geschliffene, nahtlose Oberfläche, sondern eine ehrliche Offenlegung der Bauweise.

Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität

Für den Unterricht eignet sich eine Stationenarbeit zum Thema "Material und Konstruktion": In Kleingruppen untersuchen die Lernenden Fotografien von drei bis vier Deacon-Skulpturen aus unterschiedlichen Materialien (Holz, Stahl, Keramik) und dokumentieren sichtbare Fügetechniken – Nieten, Schweißnähte, Klebefugen, Schraubverbindungen. Anschließend bauen sie selbst ein kleines Materialmodell aus Pappstreifen, die sie ausschließlich durch Fügetechniken (Klammern, Kleben, Falten) zu einer organischen Form verbinden – Schneiden und Modellieren sind dabei ausdrücklich untersagt. Die Ergebnisse werden im Plenum daraufhin befragt, wie die sichtbare Bauweise die Wirkung der Form verändert. Abschließend ordnen die Lernenden ihrem eigenen Objekt einen assoziativen, nicht-beschreibenden Titel im Stil Deacons zu und begründen die Wortwahl.

Typische Missverständnisse

  • Missverständnis: Deacon schnitzt oder modelliert seine Formen wie klassische Bildhauer. Tatsächlich fügt er industriell vorgefertigtes Material – Fabrikation statt Formgebung durch Materialabtrag.
  • Missverständnis: Die Werktitel erklären den Inhalt der Skulptur. Tatsächlich sind sie bewusst assoziativ und sprachlich eigenständig, oft ohne direkten Bezug zur Form.
  • Missverständnis: Die sichtbaren Nieten und Fugen sind technische Mängel. Tatsächlich sind sie gestalterisch gewollt und zentraler Bestandteil der Werkaussage.

Grenzen der Betrachtung

Ein rein materialtechnischer Blick auf Deacons Werk greift zu kurz, wenn er die Wahrnehmungs- und Raumfragen ausblendet, die im ersten Teil dieser Reihe im Zentrum standen. Material und Technik erklären, WIE eine Form entsteht, aber nicht vollständig, WARUM sie auf Betrachtende so wirkt, wie sie wirkt. Zudem sind biografische Deutungen – etwa Rückschlüsse von Materialwahl auf Deacons Herkunft aus Wales – mit Vorsicht zu behandeln, da der Künstler selbst eindeutige Symboldeutungen seiner Arbeiten stets zurückgewiesen hat. Eine vollständige Auseinandersetzung sollte daher materialanalytische und wahrnehmungsbezogene Zugänge kombinieren.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Richard Deacon versteht sich als "Fabricator", nicht als klassischer Bildhauer – er fügt Material, statt es zu behauen oder zu modellieren.
  • Zentrale Materialien sind laminiertes, dampfgebogenes Holz sowie Stahl, Aluminium und gelegentlich Keramik.
  • Sichtbare Fügetechniken wie Nieten, Schrauben und Klebefugen sind bewusst gestaltete Bestandteile der Werke, keine Mängel.
  • "What Could Make Me Feel This Way" zeigt exemplarisch die Verbindung von organischer Formsprache und offengelegter Konstruktion.
  • Werktitel bei Deacon sind assoziativ und sprachlich eigenständig, keine Bildunterschriften.

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Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet Richard Deacon von klassischen Bildhauern?

Deacon modelliert oder schnitzt nicht, sondern fügt vorgefertigte Materialien wie Holzlamellen oder Stahlteile durch Schrauben, Nieten oder Kleben zu einer Form – daher seine Selbstbezeichnung als "Fabricator".

Warum verwendet Deacon laminiertes Holz?

Laminiertes, dampfgebogenes Holz erlaubt große, fließende Kurven, die massiv wirken, aber tatsächlich aus vielen dünnen, verleimten Schichten bestehen – eine Technik aus dem Boots- und Möbelbau.

Was bedeutet der Titel "What Could Make Me Feel This Way"?

Der Titel ist bewusst assoziativ und songzeilenartig formuliert. Er benennt ein Gefühl, ohne dessen Ursache zu erklären, und lässt damit Raum für individuelle Deutungen der Form.

Sind die sichtbaren Nieten und Schrauben ein Fehler?

Nein. Die sichtbaren Fügestellen sind ein bewusstes Gestaltungsmittel und machen den Herstellungsprozess zu einem inhaltlichen Bestandteil des Werks.

Welche Materialien setzt Deacon neben Holz noch ein?

Vor allem Edelstahl, verzinktes Stahlblech und Aluminium, seltener Keramik und Vinyl – oft in bewusstem Kontrast zur organischen Holzform.

Wie lässt sich das Thema Materialität im Unterricht praktisch erarbeiten?

Über eine Stationenarbeit, bei der Lernende Fügetechniken an Fotografien analysieren und anschließend selbst ein Objekt ausschließlich durch Fügen (statt Schneiden oder Modellieren) konstruieren.

Wie hängt dieser Artikel mit dem ersten Beitrag zu Richard Deacon zusammen?

Der erste Beitrag behandelt Form, Raum und Wahrnehmung bei Deacon allgemein; dieser Beitrag vertieft gezielt die Material- und Herstellungsebene seiner Werke.

Für welche Klassenstufe eignet sich das Thema?

Das Material ist für die Sekundarstufe II konzipiert und lässt sich in Kursen zu Plastik, Skulptur und dreidimensionalem Gestalten einsetzen.

Fazit

Richard Deacons Werk zeigt, dass Materialwahl und Fügetechnik keine neutralen technischen Randbedingungen sind, sondern integraler Bestandteil der künstlerischen Aussage. Wer "What Could Make Me Feel This Way" nicht nur als Form, sondern als sichtbar konstruierten Körper liest, versteht Deacons Selbstverständnis als Fabricator und gewinnt einen zusätzlichen, handwerklich-analytischen Zugang zur abstrakten Skulptur – ein sinnvolles Pendant zur wahrnehmungsorientierten Betrachtung des ersten Artikels dieser Reihe.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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