Kubismus verstehen: Picasso, Braque und die Auflösung der Perspektive
Ein Gesicht, bei dem beide Augen auf derselben Seite der Nase sitzen, ein Kopf im Profil, der gleichzeitig frontal zu sehen ist – wer zum ersten Mal ein kubistisches Bild von Pablo Picasso oder Georges Braque betrachtet, hat oft den Eindruck, hier sei etwas „falsch“ gemalt. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: Der Kubismus bricht bewusst mit der seit der Renaissance gültigen Zentralperspektive, um mehrere Ansichten eines Objekts gleichzeitig auf der Fläche zu zeigen. Im Kunstunterricht der Sek II ist der Kubismus deshalb ein zentraler Wendepunkt, an dem sich zeigen lässt, wie radikal Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit neu verhandelten.
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Was bedeutet: Auflösung der Perspektive?
Seit der Renaissance galt die Zentralperspektive als verbindliches System, um dreidimensionalen Raum auf einer zweidimensionalen Fläche täuschend echt darzustellen – ein einziger fester Betrachterstandpunkt, von dem aus alle Objekte in korrekter Größe und Lage erscheinen. Der Kubismus löst dieses Prinzip auf, indem er nicht einen, sondern mehrere Blickpunkte gleichzeitig in ein Bild integriert. Ein Objekt wird dabei gedanklich in geometrische Grundformen – Kegel, Kugel, Zylinder, Würfel – zerlegt und aus verschiedenen Perspektiven neu zusammengesetzt. Das Ergebnis ist kein Abbild dessen, was ein Auge von einem Standpunkt aus sieht, sondern eine Synthese dessen, was ein Betrachter beim Umschreiten und Begreifen eines Objekts über Zeit hinweg wahrnehmen würde – verdichtet auf einen einzigen Bildmoment.
Analytischer und synthetischer Kubismus: zwei Phasen, zwei Strategien
Der Kubismus, den Picasso und Braque zwischen etwa 1907 und 1914 gemeinsam entwickelten, lässt sich in zwei Phasen unterteilen. Der analytische Kubismus (etwa 1909–1912) zerlegt Objekte in feine, ineinandergreifende Facetten und reduziert die Farbpalette auf gedämpfte Brauns, Grau- und Ockertöne, um die Aufmerksamkeit ganz auf die Form zu lenken – die Bilder wirken dadurch fast monochrom und stellenweise kaum noch gegenständlich lesbar. Ab etwa 1912 folgte der synthetische Kubismus: Statt Formen weiter zu zerlegen, setzten Picasso und Braque nun vereinfachte, flache Formen und echte Materialien – Zeitungsausschnitte, Tapetenreste, Notenblätter – collagenartig zusammen (die sogenannte Papier collé-Technik). Die Farbigkeit kehrte zurück, die Bilder wurden dekorativer und lesbarer. Diese Verschiebung von der Analyse zur Synthese markiert zugleich den Beginn der modernen Collage als eigenständiges künstlerisches Verfahren.
Werkbeispiel: Picassos „Les Demoiselles d'Avignon“ und „Gitarre“
„Les Demoiselles d'Avignon“ (1907) gilt als Vorstufe des Kubismus: Fünf weibliche Akte sind in scharfkantige, teils an afrikanische Masken erinnernde Formen aufgelöst, der Bildraum wirkt zerklüftet und uneinheitlich – die klassische Perspektive ist bereits deutlich gestört, wenn auch noch nicht vollständig aufgelöst. Ein präziseres Beispiel für den analytischen Kubismus liefert Picassos Serie von Gitarren-Darstellungen ab 1912: Der Körper des Instruments erscheint gleichzeitig von vorne (als runde Klanglöcher-Fläche) und von der Seite (als schmaler Umriss), Griffbrett und Saiten werden in einzelne geometrische Segmente zerlegt und im Bild neu verteilt. Wer das Bild betrachtet, muss die Gitarre gedanklich wieder zusammensetzen – der Betrachter wird dadurch selbst zum aktiven Teil des Bildverstehens, nicht nur zum passiven Empfänger eines fertigen Abbilds.
Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität
Eine anschauliche Übung: Die Schüler:innen stellen ein einfaches Alltagsobjekt (z. B. eine Kaffeetasse oder ein Buch) auf den Tisch und fertigen drei schnelle Skizzen aus unterschiedlichen Blickwinkeln an – von vorne, von der Seite, von oben. Anschließend versuchen sie, die drei Ansichten in einer einzigen Zeichnung zu überlagern und zu einem neuen Bild zusammenzufügen, ähnlich wie Picasso und Braque es mit ihren Motiven taten. Diese Übung macht unmittelbar erfahrbar, wie anspruchsvoll die kubistische Bildlösung tatsächlich ist – und warum sie eben kein „falsches“ Zeichnen, sondern eine hochkomplexe konstruktive Leistung darstellt. Als Erweiterung können die Lernenden anschließend eine kleine Papier-collé-Arbeit im synthetisch-kubistischen Stil erstellen.
Typische Missverständnisse
- Kubistische Bilder seien einfach „schlecht gezeichnet“ – tatsächlich erfordert die gleichzeitige Darstellung mehrerer Perspektiven ein hohes Maß an konstruktivem Planen.
- Kubismus sei ein einheitlicher, unveränderlicher Stil – tatsächlich unterscheiden sich analytischer und synthetischer Kubismus deutlich in Farbigkeit, Technik und Lesbarkeit.
- Der Kubismus habe die Gegenständlichkeit vollständig aufgegeben – tatsächlich blieben Picasso und Braque stets an erkennbaren Objekten wie Gitarren, Flaschen oder Zeitungen orientiert, anders als die spätere abstrakte Kunst.
Grenzen der Betrachtung
Der Kubismus wird oft isoliert als rein formales Experiment betrachtet, tatsächlich stand er im Kontext einer breiteren europäischen Moderne, die sich unter anderem mit außereuropäischer Kunst (etwa afrikanischen Masken), neuen physikalischen Theorien und veränderten Wahrnehmungsformen durch Fotografie und Film auseinandersetzte. Eine rein stilistische Betrachtung greift daher zu kurz, wenn sie diese kulturellen und wissenschaftlichen Bezugspunkte ausblendet. Zudem sollte die oft unkritisch übernommene Aneignung afrikanischer Formensprache durch Picasso im Unterricht auch aus postkolonialer Perspektive reflektiert werden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Kubismus löst die klassische Zentralperspektive auf und zeigt mehrere Ansichten eines Objekts gleichzeitig.
- Analytischer Kubismus (ca. 1909–1912) zerlegt Formen in Facetten bei reduzierter Farbigkeit.
- Synthetischer Kubismus (ab ca. 1912) setzt vereinfachte Formen und reale Materialien collagenartig zusammen.
- Picassos Gitarren-Darstellungen zeigen exemplarisch die Mehrfachperspektive innerhalb eines Objekts.
- Der Kubismus blieb stets an erkennbaren Objekten orientiert und ist von der späteren abstrakten Kunst zu unterscheiden.
Passendes Unterrichtsmaterial
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Häufig gestellte Fragen
Was ist Kubismus?
Eine von Picasso und Braque ab etwa 1907 entwickelte Kunstrichtung, die mehrere Perspektiven eines Objekts gleichzeitig auf der Bildfläche zeigt.
Was unterscheidet analytischen und synthetischen Kubismus?
Der analytische Kubismus zerlegt Formen in Facetten bei gedämpfter Farbigkeit, der synthetische setzt vereinfachte Formen und reale Materialien collagenartig zusammen.
Wer waren die Begründer des Kubismus?
Vor allem Pablo Picasso und Georges Braque, die zwischen 1907 und 1914 eng zusammenarbeiteten.
Ist der Kubismus abstrakte Kunst?
Nein, er blieb stets an erkennbaren Objekten orientiert, anders als die spätere vollständig gegenstandslose abstrakte Kunst.
Was ist Papier collé?
Eine Technik des synthetischen Kubismus, bei der reale Materialien wie Zeitungsausschnitte in das Bild eingeklebt werden.
Warum wirkt „Les Demoiselles d'Avignon“ wie eine Vorstufe des Kubismus?
Weil die Formen bereits stark aufgelöst sind, die klassische Perspektive aber noch nicht vollständig durchbrochen ist.
Warum sollte die Aneignung afrikanischer Formen bei Picasso kritisch betrachtet werden?
Weil sie ohne Anerkennung der ursprünglichen kulturellen Kontexte erfolgte, was aus heutiger postkolonialer Perspektive reflektiert werden sollte.
Wo finde ich passendes Unterrichtsmaterial?
Eine fertig ausgearbeitete Unterrichtsreihe zu Kubismus und Wegen zur Abstraktion finden Sie im verlinkten Material oben.
Fazit
Der Kubismus zeigt exemplarisch, wie radikal Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts das jahrhundertealte System der Zentralperspektive infrage stellten. Für den Kunstunterricht der Sek II bietet die konkrete Analyse von analytischem und synthetischem Kubismus die Möglichkeit, Mehrfachperspektive nicht nur zu erklären, sondern in einer eigenen praktischen Übung tatsächlich nachzuvollziehen.
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