Kein Pinselstrich, keine gezeichnete Kontur, kein erkennbares Motiv – stattdessen breite, mit einem Gummirakel über die Leinwand gezogene Farbbahnen, die sich überlagern, aufreißen und ineinander verlaufen. Wer zum ersten Mal vor einem großformatigen Werk von Karl Otto Götz steht, fragt sich unweigerlich: Ist das noch Malerei, oder ist das bereits reine Bewegung, festgehalten in Farbe? Genau diese Frage macht Götz und sein Werk „Jonction III“ zu einem lohnenden Fallbeispiel für den Kunstunterricht der Sekundarstufe II, wenn es um die gestische Abstraktion und das europäische Informel nach 1945 geht.
Was bedeutet: Informel und gestische Abstraktion?
Das Informel (von französisch „informel“, formlos) bezeichnet eine Kunstrichtung, die sich ab Ende der 1940er-Jahre in Europa als Gegenbewegung zur geometrischen, konstruktiven Abstraktion entwickelte. Statt vorab geplanter Formen und klar kalkulierter Kompositionen setzten die Vertreter des Informel auf einen spontanen, körperlich-gestischen Malprozess, bei dem Zufall, Geschwindigkeit und unkontrollierbare Materialeffekte bewusst Teil des Werks werden. Die gestische Abstraktion ist dabei der Teilaspekt, der die Bewegung des malenden Körpers selbst – Armschwung, Druck, Geschwindigkeit – als bildbestimmenden Faktor in den Vordergrund rückt. International ist diese Haltung eng verwandt mit dem amerikanischen Abstrakten Expressionismus und dem Action Painting eines Jackson Pollock, in Europa firmiert sie unter Begriffen wie Informel, Tachismus oder Art Autre. Entscheidend für das Verständnis im Unterricht ist, dass hier nicht die Darstellung eines Gegenstands, sondern der Malprozess selbst – als körperliche, oft nahezu performative Handlung – zum eigentlichen Bildinhalt wird.
Karl Otto Götz und die Entwicklung der Rakel-Technik
Karl Otto Götz (1914–2017) zählt zu den zentralen Figuren des deutschen Informel und war 1957 Mitbegründer der Künstlergruppe „Quadriga“, die mit ihrer gestischen Malerei international Aufmerksamkeit erregte. Götz entwickelte seit den frühen 1950er-Jahren eine charakteristische Arbeitsweise, die als Rakel-Technik bekannt wurde: Er trug zunächst mehrere Farbschichten in schneller Folge auf die Leinwand auf und zog anschließend mit einem breiten Gummirakel oder Kamm in einer einzigen, sekundenschnellen Bewegung durch die noch nasse Farbe. Dieser Prozess dauerte oft nur wenige Sekunden, wurde jedoch durch lange fotografische Studien und Bewegungsanalysen vorbereitet – Götz hatte sich intensiv mit Hochgeschwindigkeitsfotografie und den Bewegungsstudien von Étienne-Jules Marey beschäftigt, um die „ideale“ Rakelbewegung zu erforschen, bevor er sie in einem einzigen, unwiederholbaren Akt auf die Leinwand brachte. Diese Kombination aus akribischer Vorbereitung und radikaler Spontaneität im entscheidenden Moment ist charakteristisch für Götz' Werk und unterscheidet seine Kunst von einem naiven Verständnis gestischer Malerei als reinem Zufallsprodukt. Als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf prägte Götz zudem eine ganze Schülergeneration, darunter Gerhard Richter, Sigmar Polke und Franz Erhard Walther, was seine Bedeutung für die deutsche Nachkriegskunst zusätzlich unterstreicht.
Beispiel: „Jonction III“ im Detail
Das Werk „Jonction III“ (der Titel bedeutet auf Deutsch „Verbindung“ oder „Knotenpunkt“) zeigt exemplarisch die Prinzipien der Rakel-Technik: breite, dynamisch geschwungene Farbbahnen in kontrastierenden Farbtönen, die sich diagonal über die Bildfläche ziehen und an mehreren Stellen ineinander verschränken oder aufeinandertreffen – ein visueller „Knotenpunkt“ verschiedener Bewegungsrichtungen. Die changierende Kantenschärfe der Rakelspuren, mal hart abgesetzt, mal ausgefranst und ineinander verwischt, macht die Geschwindigkeit und den Druck der ursprünglichen Bewegung sichtbar, ohne dass eine erzählerische oder gegenständliche Deutung möglich wäre. Im Werktitel klingt zugleich ein kompositorisches Prinzip an: Verschiedene Bewegungsbahnen, die eigentlich unabhängig voneinander entstanden, treffen im Bild an bestimmten Punkten zusammen und erzeugen dort eine besondere visuelle Spannung. Für die Analyse im Unterricht eignet sich „Jonction III“ deshalb besonders gut, weil es die formalen Mittel der gestischen Abstraktion – Linienführung, Geschwindigkeit, Überlagerung, Materialität der Farbe – in konzentrierter Form zeigt und sich damit unmittelbar mit Methoden der Formanalyse erschließen lässt.
Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität
Eine besonders wirkungsvolle Methode ist die eigene, kontrollierte Annäherung an die Rakel-Technik im Kunstunterricht selbst. Die Lerngruppe trägt zunächst in Partnerarbeit mehrere Farbschichten mit breiten Pinseln zügig auf ein Blatt Papier oder Karton auf. Anschließend zieht jede Schülerin und jeder Schüler mit einem selbst gebauten Rakel (etwa aus einem Stück Pappe oder einer Kunststoffkarte) in einer einzigen, schnellen Bewegung durch die noch nasse Farbe – wichtig ist, dass die Bewegung vorher kurz „geprobt“, aber nicht wiederholt oder korrigiert wird. Im Anschluss analysiert die Klasse die entstandenen Werke im Plenum: Welche Bewegung lässt sich in der Spur ablesen? Wo entstanden durch Zufall besonders spannungsreiche Übergänge? An diesem eigenen Bildmaterial lässt sich anschließend direkt der Vergleich zu Götz' „Jonction III“ ziehen und diskutieren, inwiefern das eigene Ergebnis von Zufall bestimmt war und wie Götz durch seine akribische Vorbereitung dennoch eine bewusste Kontrolle über den scheinbar spontanen Prozess behielt.
Typische Missverständnisse
- Missverständnis: Gestische Abstraktion entsteht rein zufällig, ohne künstlerische Kontrolle. Richtigstellung: Künstler wie Götz bereiteten ihre spontanen Malaktionen durch intensive Bewegungsstudien und Materialversuche akribisch vor, auch wenn die eigentliche Ausführung nur Sekunden dauerte.
- Missverständnis: Informel ist gleichbedeutend mit amerikanischem Abstraktem Expressionismus. Richtigstellung: Beide Bewegungen sind eng verwandt und entstanden zeitlich parallel, das europäische Informel entwickelte jedoch eigenständige Techniken wie die Rakelmalerei und eigene theoretische Bezüge.
- Missverständnis: Abstrakte, ungegenständliche Werke lassen sich nicht analysieren, weil es „nichts zu erkennen“ gibt. Richtigstellung: Formale Kategorien wie Linie, Bewegung, Farbschichtung und Materialität ermöglichen eine präzise Analyse auch ohne erkennbares Motiv.
Grenzen der Betrachtung
Die Beschäftigung mit Götz und dem Informel im Unterricht sollte nicht den Eindruck erwecken, gestische Abstraktion sei eine rein individuelle, kontextlose Ausdrucksform. Tatsächlich war die Bewegung eng mit der gesellschaftlichen Situation der westdeutschen Nachkriegszeit verknüpft: Nach dem Ende des Nationalsozialismus, der abstrakte Kunst als „entartet“ verfemt hatte, wurde die radikale Abkehr von jeder gegenständlichen, ideologisch instrumentalisierbaren Bildsprache auch als politisches Statement für künstlerische Freiheit verstanden. Zudem sollte kritisch reflektiert werden, dass die Deutung einer Rakelspur als Ausdruck von „Energie“ oder „Freiheit“ eine interpretative Zuschreibung ist, die sich nicht zwingend aus dem Werk selbst beweisen lässt, sondern auf kunsthistorischen Konventionen beruht. Auch die Fokussierung auf einzelne männliche Hauptfiguren wie Götz blendet aus, dass die Kunstgeschichte des Informel lange Zeit Künstlerinnen wie Rissa oder Hann Trier-Kolleginnen kaum sichtbar gemacht hat – ein Umstand, der im Unterricht angesprochen werden kann.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Informel und gestische Abstraktion entstanden ab Ende der 1940er-Jahre als europäische Antwort auf geometrische Abstraktion und NS-Kunstideologie.
- Karl Otto Götz entwickelte die charakteristische Rakel-Technik, bei der Farbe in einer einzigen, schnellen Bewegung über die Leinwand gezogen wird.
- Trotz ihrer Spontaneität war Götz' Malweise durch intensive Bewegungsstudien akribisch vorbereitet.
- „Jonction III“ zeigt exemplarisch, wie Bewegung, Geschwindigkeit und Materialität zum eigentlichen Bildinhalt werden.
- Als Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf prägte Götz eine ganze Generation späterer Künstler, darunter Gerhard Richter.
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Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter dem Informel in der Kunst?
Das Informel ist eine europäische Kunstrichtung ab Ende der 1940er-Jahre, die auf spontane, gestische Malprozesse statt vorab geplanter Formen setzt.
Wer war Karl Otto Götz?
Karl Otto Götz (1914–2017) war ein deutscher Maler, Mitbegründer der Künstlergruppe Quadriga und zentrale Figur des deutschen Informel, bekannt für seine Rakel-Technik.
Was ist die Rakel-Technik?
Dabei zieht der Künstler mit einem breiten Gummirakel in einer einzigen, schnellen Bewegung durch mehrere nasse Farbschichten auf der Leinwand.
Ist gestische Abstraktion reiner Zufall?
Nein, auch wenn die Ausführung spontan wirkt, bereiteten Künstler wie Götz ihre Bewegungen durch intensive Studien und Übung akribisch vor.
Wie unterscheidet sich das europäische Informel vom amerikanischen Abstrakten Expressionismus?
Beide Bewegungen sind eng verwandt und zeitlich parallel entstanden, das Informel entwickelte jedoch eigene Techniken wie die Rakelmalerei und eigene europäische Bezüge.
Warum eignet sich „Jonction III“ für den Unterricht?
Weil es die zentralen formalen Mittel der gestischen Abstraktion – Bewegung, Geschwindigkeit, Materialität – konzentriert und gut analysierbar zeigt.
Welche Rolle spielte Karl Otto Götz als Lehrer?
Als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf unterrichtete er unter anderem Gerhard Richter und Sigmar Polke und prägte damit die deutsche Nachkriegskunst nachhaltig.
Lässt sich abstrakte Kunst ohne erkennbares Motiv überhaupt analysieren?
Ja, formale Kategorien wie Linie, Bewegung, Farbschichtung und Materialität ermöglichen eine präzise Analyse auch ohne gegenständliches Motiv.
Fazit
Karl Otto Götz und sein Werk „Jonction III“ zeigen, dass gestische Abstraktion weit mehr ist als spontaner Farbauftrag: Sie verbindet körperliche Bewegung, akribische Vorbereitung und bewussten Umgang mit Zufall zu einer eigenständigen künstlerischen Sprache. Für den Unterricht bietet dieses Werk einen idealen Einstieg, um formale Analysemethoden auf ungegenständliche Kunst anzuwenden und zugleich die gesellschaftlichen Hintergründe der westdeutschen Nachkriegskunst zu erschließen.

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