Wahlplakate im Kunstunterricht analysieren, ohne Wahlwerbung zu machen

Wahlplakate lassen sich im Kunstunterricht analysieren, ohne dass daraus Wahlwerbung wird — vorausgesetzt, drei Bedingungen sind erfüllt: Die Analyse folgt einem festen gestalterischen Raster statt einer freien Meinungsrunde, alle im Parlament vertretenen Parteien werden mit gleicher Anzahl und gleicher Darstellungsgröße behandelt, und die Lehrkraft stellt die Abbildungen selbst zusammen, statt Lernende suchen zu lassen. Bewertet wird die Machart, nicht die Position. Das Ergebnis ist Bildkompetenz, die auch auf Werbung, Kampagnen und Social-Media-Grafiken übertragbar ist.
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Das Analyseraster: acht Kategorien
Jedes Plakat wird entlang derselben acht Kategorien beschrieben. Die Reihenfolge ist bewusst so gewählt, dass die Beschreibung vor der Deutung kommt.
- Farbe: Dominante Farbe, Kontraststärke, Sättigung. Warm oder kalt, wie viele Farben insgesamt?
- Blickführung: Wohin fällt der Blick zuerst? Welche Linien, Größenverhältnisse oder Blickrichtungen abgebildeter Personen steuern ihn weiter?
- Symbol: Welche Gegenstände, Gesten oder Orte sind zu sehen, und wofür stehen sie konventionell?
- Textmenge: Wie viele Wörter enthält das Plakat, und wie viele davon sind in der größten Schriftgröße gesetzt?
- Bild-Text-Verhältnis: Welcher Flächenanteil entfällt auf Bild, Text und leere Fläche?
- Emotion: Welche Empfindung soll die Gestaltung wahrscheinlich auslösen? Formuliert wird probabilistisch, also „legt nahe", nicht „erzeugt".
- Adressat: An wen richtet sich das Plakat erkennbar, abgeleitet aus Bildsprache und Wortwahl, nicht aus Vermutungen über Wählergruppen?
- Überprüfbare Aussage: Enthält das Plakat eine Behauptung, die sich prüfen lässt, oder ausschließlich Appelle und Wertungen?
Die achte Kategorie ist die wichtigste, weil sie den Kunstunterricht mit politischer Bildung verbindet. Lernende stellen regelmäßig fest, dass Plakate fast nie überprüfbare Aussagen enthalten, sondern Stimmungen setzen. Die Unterscheidung zwischen Tatsachenbehauptung und Wertung lässt sich vorher an Textbeispielen üben, etwa mit dem Zugang zu Fakt, Meinung und Framing im Wahlkampf.
Praktisch bewährt sich ein Rasterbogen im Querformat: acht Zeilen für die Kategorien, drei Spalten für Beschreibung, Beleg am Bild und offene Frage. Die Spalte für den Beleg zwingt dazu, jede Aussage an einer sichtbaren Stelle festzumachen, und verhindert allgemeine Eindrücke wie „wirkt modern". Die Spalte für die offene Frage nimmt auf, was sich am Plakat allein nicht klären lässt, und liefert das Material für die Auswertungsphase.
Ablauf für eine Doppelstunde
- 0 bis 10 Minuten: Blitzlicht ohne Plakate. Die Klasse notiert, woran man ein Wahlplakat auf hundert Meter Entfernung erkennt.
- 10 bis 20 Minuten: Einführung des Rasters. Die ersten drei Kategorien werden an einem Plakat gemeinsam durchgespielt.
- 20 bis 55 Minuten: Gruppenarbeit. Jede Gruppe erhält denselben Satz Plakate, eines je Partei, in gleicher Größe gedruckt oder projiziert. Ausgefüllt wird ein Rasterbogen, ausschließlich beschreibend.
- 55 bis 75 Minuten: Galeriegang. Die Bögen hängen aus, die Klasse sucht Muster: Welche Gestaltungsmittel tauchen bei mehreren Plakaten auf, welche nur einmal?
- 75 bis 90 Minuten: Gestaltungsaufgabe. In Partnerarbeit entsteht ein Plakat zu einem schulischen Anliegen, das drei benannte Mittel gezielt einsetzt. Politische Parteien kommen darin nicht vor.
Die abschließende Gestaltungsaufgabe ist didaktisch entscheidend: Wer selbst gestaltet, versteht die Wirkung der Mittel besser als durch bloßes Betrachten, und das Thema bleibt schulnah. Für eine Vertiefung in der Oberstufe, die Personendarstellung und Kampagnenlogik systematisch untersucht, liegt mit der Kandidaten- und Wahlkampfanalyse für die Sek II ein ausgearbeiteter Zugang vor.
Die Regeln, die den Unterricht tragen
Die Lehrkraft stellt die Abbildungen bereit. Eine freie Bildersuche liefert unkontrollierbare Treffer, verzerrt die Auswahl und wirft Rechtsfragen auf. Der Materialsatz wird vorher zusammengestellt: je Partei ein Plakat, gleiche Größe, gleiche Bildqualität, gleiche Reihenfolge auf allen Bögen. In diesem Artikel sind bewusst keine Plakate abgebildet, weil die Auswahl zur konkreten Lerngruppe und zum Parlament des jeweiligen Landes passen muss.
Gleichbehandlung ist überprüfbar. Sprechzeit, Anzahl der Beispiele und Bearbeitungstiefe werden gleich verteilt. Eine Partei häufiger zu zeigen, auch als abschreckendes Beispiel, verletzt diese Regel.
Grenzen bleiben Grenzen. Plakatinhalte, die Menschen herabwürdigen, sind keine gleichwertige Gestaltungsvariante. Sie werden nicht als Analysematerial ausgestellt und im Unterrichtsgespräch nicht wiederholt, sondern als Regelverstoß benannt. Der Umgang mit solchen Situationen ist ein eigenes Thema, das sich vorbereiten lässt.
Wer die Analyse mit Textarbeit verbinden möchte, kann die Plakatanalyse an eine systematische Wahlkampfanalyse anschließen oder mit dem Vergleich von drei Überschriften zu einer Nachricht beginnen. Für die inhaltliche Seite, also Programmaussagen statt Gestaltung, bietet das Material zur Urteilsbildung anhand von Wahlprogrammen ein passendes Gegenstück. Wie sich politische Bildung über die Fachgrenzen verteilen lässt, ist auf der Seite politische Bildung als Aufgabe aller Fächer beschrieben.
Häufige Fragen
Darf ich Plakate aller Parteien zeigen, die kandidiert haben?
Praktikabel ist die Beschränkung auf die im jeweiligen Parlament vertretenen Parteien, mit gleicher Anzahl je Partei. Die verbindlichen Vorgaben zur Neutralität ergeben sich aus den Regelungen der zuständigen Stelle des Bundeslandes.
Wie vermeide ich, dass die Stunde in eine Parteidiskussion kippt?
Durch die Trennung von Beschreibung und Deutung. In der Arbeitsphase sind nur beschreibende Sätze zugelassen; wer wertet, wird auf die Rasterkategorie zurückverwiesen.
Funktioniert das Raster auch ohne Wahlkampfzeit?
Ja. Es lässt sich auf Plakate von Kampagnen, auf Werbung und auf Social-Media-Grafiken übertragen und ist damit unabhängig vom Wahltermin einsetzbar.
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Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.
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Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.
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