Lynette Yiadom-Boakye: Schwarze Identität und Repräsentation in der zeitgenössischen Malerei
Ein Museum, ein Saal voller Porträts – und kaum eines davon zeigt eine Schwarze Person, die nicht als Dienerin, exotisches Motiv oder anonyme Randfigur gemalt wurde. Diese Leerstelle ist der Ausgangspunkt, an dem die britisch-ghanaische Malerin Lynette Yiadom-Boakye ansetzt. Ihre Bilder zeigen Schwarze Menschen in Ruhe, in Würde, in Selbstverständlichkeit – Menschen, die es so nie gegeben hat, gemalt mit der ganzen Ernsthaftigkeit klassischer Porträtmalerei. Im Kunstunterricht der Sek II eröffnet dieser Ansatz eine Debatte, die weit über Stilfragen hinausgeht: Wer wird in der Kunstgeschichte sichtbar gemacht – und wer nicht?
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Was bedeutet: Repräsentation in der Kunst?
Repräsentation meint zunächst ganz einfach die Darstellung von etwas – ein Bild repräsentiert eine Person, eine Szene, eine Idee. In der kunstkritischen Debatte hat der Begriff aber eine zweite, politisch aufgeladene Bedeutung bekommen: Wer kommt in Bildern überhaupt vor, und wie? Für weite Teile der europäischen Kunstgeschichte gilt: Schwarze Menschen wurden entweder gar nicht dargestellt oder in stereotype Rollen gedrängt – als Randfiguren, als Objekte des exotisierenden Blicks, selten als eigenständige Subjekte mit innerem Leben. Repräsentation im Sinne von Yiadom-Boakyes Werk bedeutet daher: Sichtbarkeit schaffen, wo vorher Abwesenheit herrschte, und zwar nicht als Korrektur der Geschichte, sondern als eigenständiger künstlerischer Akt in der Gegenwart.
Von der Ausnahme zur Norm: ein historischer Blick
Schwarze Figuren tauchen in der westlichen Kunstgeschichte durchaus auf – man denke an Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts, in denen Bedienstete am Bildrand erscheinen, oder an die Missionsdarstellungen des Kolonialismus. Fast immer aber bleiben diese Figuren namenlos, funktional, dem eigentlichen (meist weißen) Hauptmotiv untergeordnet. Erst im 20. Jahrhundert, mit Künstlern der Harlem Renaissance wie Archibald Motley oder später mit Barkley L. Hendricks in den 1970er-Jahren, entstehen Porträts, die Schwarze Menschen als selbstbewusste Hauptfiguren zeigen. Yiadom-Boakye, geboren 1977 in London, steht in dieser Tradition, geht aber einen entscheidenden Schritt weiter: Ihre Figuren sind nicht Porträts realer, benennbarer Personen. Sie sind erfunden – Kompositionen aus Erinnerung, Beobachtung und Imagination, gemalt in schnellen, nassen Pinselführungen, oft in wenigen Tagen fertiggestellt. Damit entzieht sie sich bewusst der Frage „Wer ist das?“ und stellt stattdessen die Frage „Was sehen wir, wenn wir sie ansehen?“ in den Mittelpunkt.
Fallbeispiel: „A Passion Like No Other“ und die Kunst der Zurückhaltung
Viele von Yiadom-Boakyes Werken zeigen einzelne Figuren vor unbestimmtem, oft dunklem Hintergrund – keine erzählerischen Details, keine Requisiten, die eine Geschichte verraten würden. Die Kleidung ist meist zeitlos gehalten, die Gesichter zeigen Ruhe, manchmal einen abwesenden Blick, selten direkten Augenkontakt mit dem Betrachter. Diese Zurückhaltung ist Programm: Indem sie ihren Figuren keine biografischen Anker gibt, verweigert Yiadom-Boakye jede Lesart, die Schwarze Körper auf ein soziales Thema, ein Leid oder eine politische Botschaft reduzieren würde. Ihre Personen sind einfach da – lesend, sitzend, tanzend, in sich ruhend. Genau darin liegt die politische Kraft: Normalität und Würde werden nicht behauptet, sondern schlicht gemalt, als wäre es nie anders gewesen.
Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität
Für den Unterricht eignet sich eine vergleichende Bildbetrachtung: Zeigen Sie der Lerngruppe ein klassisches europäisches Gruppenporträt des 17./18. Jahrhunderts mit einer Randfigur und daneben ein Werk von Yiadom-Boakye. Die Schüler:innen analysieren zunächst unabhängig voneinander Bildaufbau, Blickführung und Rolle der abgebildeten Personen. In der anschließenden Diskussion wird herausgearbeitet, wessen Geschichte im ersten Bild erzählt wird – und wessen nicht. Als Transferaufgabe können die Lernenden ein eigenes „erfundenes Porträt“ skizzieren oder schriftlich entwerfen: Wen würden sie sichtbar machen, der in ihrer eigenen Bildumgebung (Schulbücher, Werbung, Medien) unterrepräsentiert ist? Diese Übung verbindet kunsthistorische Analyse mit eigener gestalterischer und gesellschaftlicher Reflexion.
Typische Missverständnisse
- Yiadom-Boakyes Bilder seien Porträts realer Personen – tatsächlich sind alle Figuren frei erfunden und tragen keine biografische Identität.
- Es handle sich um explizit politische „Protestkunst“ – die Künstlerin selbst betont die Autonomie der Malerei und lehnt eindeutige politische Botschaften in ihren Werken ab.
- Repräsentation bedeute automatisch positive Darstellung – tatsächlich geht es zunächst nur um Sichtbarkeit an sich, nicht um beschönigende oder heroisierende Bilder.
Grenzen der Betrachtung
So eindrücklich das Konzept ist, es lässt sich nicht verallgemeinern: Yiadom-Boakyes Werk steht für einen von vielen möglichen künstlerischen Umgängen mit dem Thema Repräsentation, nicht für „die“ Schwarze Perspektive in der Kunst. Zudem sollte im Unterricht vermieden werden, ihre Arbeiten ausschließlich durch die Linse von Identität und Hautfarbe zu lesen – das würde genau jene Verengung reproduzieren, gegen die sich die Künstlerin mit ihrer Zurückhaltung wehrt. Malerische Qualitäten wie Farbgebung, Pinselführung und Komposition verdienen eigenständige Aufmerksamkeit, unabhängig vom Thema Identität.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Lynette Yiadom-Boakye malt ausschließlich erfundene, nicht identifizierbare Schwarze Figuren.
- Ihr Werk reagiert auf die historische Unsichtbarkeit Schwarzer Menschen als gleichwertige Bildsubjekte.
- Zurückhaltung und Ambiguität in Pose, Blick und Kontext sind bewusste künstlerische Mittel.
- Die Künstlerin selbst lehnt eindeutige politische Lesarten ihrer Bilder ab.
- Repräsentation bedeutet zunächst Sichtbarkeit, nicht automatisch eine bestimmte politische Aussage.
Passendes Unterrichtsmaterial
Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Yiadom-Boakyes Werk im Kontext von Fiktion, Porträt und Repräsentation eignet sich folgendes Material:
- Lynette Yiadom-Boakye Unterrichtsreihe – fertig ausgearbeitete Stunden zu Werkanalyse, Fiktion und Repräsentation, direkt einsetzbar in der Sek II.
- FachKomplett Kunst – das komplette Kunst-Fachpaket mit über 100 Unterrichtsreihen.
Weitere passende Beiträge
- Lynette Yiadom-Boakye: Malerei zwischen Fiktion und Porträt
- Kommunikation in künstlerischen und medialen Welten
- Manipulation in Bildmedien: Werbung und Social Media unterrichten
- Bildanalyse im Fach Kunst: Aufbau, Methode, Beispiel
- Kunst des 19. Jahrhunderts: Von der Romantik zur Moderne unterrichten
- Krieg und Frieden: Kunst als Bild und Zeitzeugnis
- FachKomplett Kunst im Überblick
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Lynette Yiadom-Boakye?
Sie ist eine 1977 in London geborene britisch-ghanaische Malerin, bekannt für ihre erfundenen Porträts Schwarzer Figuren.
Sind die Personen auf ihren Bildern real?
Nein, alle abgebildeten Figuren sind vollständig erfunden und basieren nicht auf konkreten Vorbildern.
Warum ist Repräsentation in der Kunstgeschichte ein Thema?
Weil Schwarze Menschen über Jahrhunderte in der westlichen Malerei kaum oder nur in untergeordneten Rollen sichtbar waren.
Versteht sich Yiadom-Boakye als politische Künstlerin?
Sie selbst distanziert sich von eindeutigen politischen Lesarten und betont die Autonomie ihrer Malerei.
Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von klassischer Porträtmalerei?
Klassische Porträts bilden reale, identifizierbare Personen ab, während ihre Werke bewusst fiktive, nicht zuordenbare Figuren zeigen.
Welche Maltechnik verwendet sie?
Sie malt schnell und in nasser Farbe, oft wird ein Werk innerhalb weniger Tage fertiggestellt.
Wie lässt sich das Thema im Unterricht handhaben?
Über vergleichende Bildanalyse historischer und zeitgenössischer Porträts sowie über eigene gestalterische Transferaufgaben.
Wo finde ich passendes Unterrichtsmaterial?
Eine fertig ausgearbeitete Unterrichtsreihe zu Yiadom-Boakye finden Sie im verlinkten Material oben.
Fazit
Lynette Yiadom-Boakyes Werk zeigt, wie Malerei auf eine historische Leerstelle reagieren kann, ohne in plakative Botschaften zu verfallen. Für den Kunstunterricht der Sek II bietet ihr Werk die Möglichkeit, Repräsentation nicht abstrakt zu diskutieren, sondern konkret an Bildern zu erarbeiten – und damit Schüler:innen für die Frage zu sensibilisieren, wer in der Kunstgeschichte sichtbar wird und wer nicht.
Ein ganzes Fach statt einzelner Reihen
Die FachKomplett-Reihen bündeln das Material eines kompletten Fachs für Sek I und Sek II. Einmal kaufen, das Fach ist vorbereitet.
Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.
Das könnte dich auch interessieren
FAQ zu den Unterrichtsmaterialien
Das Sortiment reicht von der Kita über die Grundschule und die Sekundarstufe I (Klasse 5–10) bis zur Sekundarstufe II und zur Berufsschule. Jedes Material ist nach Fach, Stufe und - wo sinnvoll - nach Bundesland beschriftet.
Viele Reihen lassen sich mit kleinen Anpassungen auch in benachbarten Schulformen einsetzen, weil die Aufgaben in mehreren Anforderungsniveaus vorliegen.
Eine vollständige Reihe enthält in der Regel:
- mehrere Arbeitsblätter mit ausgearbeiteten Lösungen
- eine Präsentation für den Unterrichtseinstieg
- einen Verlaufsplan für die Stundenstruktur
- Aufgaben auf mehreren Anforderungsniveaus zur Differenzierung
- je nach Reihe Klausur- oder Testvorlagen
Die Dateien liegen in editierbaren Formaten vor, damit du Inhalte an deine Lerngruppe anpassen kannst.
Direkt nach dem Kauf erhältst du eine Bestätigungs-E-Mail mit dem Download-Link. Zusätzlich liegen die Dateien dauerhaft in deinem Kundenkonto unter „Bestellungen" - ohne Ablaufdatum und ohne Downloadlimit.
Es gibt keinen Versand und keine Wartezeit: Der Download steht unmittelbar nach dem Abschluss der Bestellung bereit.
Die Einzellizenz gilt für eine Lehrkraft. Du darfst das Material ausdrucken und im eigenen Unterricht beliebig oft einsetzen. Die digitalen Dateien an andere Lehrkräfte weiterzugeben oder sie zu veröffentlichen, ist davon nicht gedeckt.
Für Fachschaften gibt es bei vielen Produkten eine Schullizenz, die mehrere Lehrkräfte einer Schule abdeckt. Sie steht direkt auf der Produktseite zur Auswahl.
Eine Unterrichtsreihe deckt ein einzelnes Thema ab, etwa „Genetik" oder „Kurzgeschichten analysieren". Sie passt, wenn du gezielt eine Sequenz vorbereitest.
Ein FachKomplett-Paket bündelt die zentralen Themen eines ganzen Fachs zu einem Gesamtpreis, der deutlich unter der Summe der Einzelreihen liegt. Das lohnt sich, sobald du ein Fach dauerhaft unterrichtest. Eine Übersicht aller Reihen steht auf der FachKomplett-Seite.
Die Materialien orientieren sich an den veröffentlichten Vorgaben der Länder - je nach Bundesland am Kernlehrplan, Kerncurriculum, Bildungsplan, Rahmenlehrplan oder an den Fachanforderungen. Für viele Fächer gibt es eigene Pakete je Bundesland.
Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.
Kommentare
Kommentar hinterlassen
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.
Unterrichtstipps per E-Mail
Neue Materialien, Planungshilfen und Hinweise zu Lehrplanänderungen - etwa zweimal im Monat, ohne Werbeflut.


