Sek II

Bauhaus-Gestaltungsprinzipien: Form, Farbe, Funktion im Design-Unterricht

von Luca 14.07.2026 1 Min. Lesezeit

Eine dreibeinige Teekanne aus Neusilber und Ebenholz, ein Plakat mit strengen geometrischen Formen in reinem Rot, Gelb und Blau, ein Alphabet ohne Großbuchstaben – kaum eine Institution hat das Design des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie das Bauhaus. Während ein früherer Beitrag dieser Reihe die Bauhaus-Architektur in den Blick genommen hat, lohnt sich ein zweiter Blick auf das, was am Bauhaus fast noch grundlegender war: die Gestaltungslehre selbst – Farbe, Form und die Idee, dass Funktion die Form bestimmen soll.

Material zu diesem Artikel

Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.

Was bedeutet: Gestaltungslehre am Bauhaus?

Die Bauhaus-Gestaltungslehre bezeichnet das systematische Grundlagenstudium, das alle Studierenden der 1919 in Weimar gegründeten Schule durchlaufen mussten, bevor sie sich einer Werkstatt (Tischlerei, Weberei, Metallwerkstatt, Typografie) zuwandten. Im Zentrum stand der von Johannes Itten entwickelte Vorkurs, der Studierende unabhängig von ihrer späteren Fachrichtung mit den Grundelementen der Gestaltung vertraut machte: Form, Farbe, Material, Kontrast und Komposition. Ziel war nicht die Vermittlung eines einzelnen Stils, sondern eines analytischen Instrumentariums, mit dem sich jedes gestalterische Problem – ob Stuhl, Plakat oder Gebäude – von den gleichen Grundprinzipien her lösen ließe. Diese Idee eines universellen, lehrbaren Gestaltungswissens unterscheidet das Bauhaus fundamental von akademischen Kunstschulen des 19. Jahrhunderts, die auf individuellem künstlerischem Talent und Stilnachahmung beruhten.

Farbtheorie zwischen Itten, Kandinsky und Klee

Besonders einflussreich wurde die Farblehre des Bauhauses, die von drei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten geprägt wurde. Johannes Itten entwickelte einen zwölfteiligen Farbkreis und ein System von sieben Farbkontrasten (u. a. Komplementärkontrast, Kalt-Warm-Kontrast, Qualitätskontrast), das er im Vorkurs systematisch vermittelte – Farbe wurde damit erstmals als objektiv analysierbares, lehrbares Gestaltungsmittel behandelt statt als rein intuitive Entscheidung. Wassily Kandinsky, der ab 1922 am Bauhaus lehrte, verband Farben mit geometrischen Grundformen und emotionalen Qualitäten: In seinen Untersuchungen ordnete er dem Gelb das Dreieck, dem Rot das Quadrat und dem Blau den Kreis zu – eine These, die er durch eine Umfrage unter Bauhaus-Studierenden empirisch zu stützen versuchte. Paul Klee wiederum näherte sich Farbe weniger systematisch-didaktisch als vielmehr poetisch-musikalisch, indem er Farbklang und Formrhythmus in seinen Vorlesungen "Beiträge zur bildnerischen Formlehre" miteinander verband. Diese drei Zugänge – systematisch, symbolisch-geometrisch und musikalisch-intuitiv – bestehen am Bauhaus nebeneinander und zeigen, dass Farbtheorie dort kein einheitliches Dogma, sondern ein Feld produktiver Auseinandersetzung war.

Fallbeispiel: Typografie und Produktdesign

Wie die Gestaltungsprinzipien über die Malerei hinaus wirkten, zeigt sich exemplarisch an zwei Bereichen. In der Typografie entwickelte Herbert Bayer 1925 die "Universal"-Schrift: eine geometrische Grotesk-Schrift ausschließlich in Kleinbuchstaben, da Bayer die Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung als unnötigen historischen Ballast betrachtete – "warum zwei alphabete benutzen, wenn eines dasselbe erreicht?", wie er sinngemäß argumentierte. Diese radikale Reduktion auf geometrische Grundformen (Kreis, Linie, gerader Winkel) setzte die Vorkurs-Prinzipien direkt in ein Gebrauchsobjekt um. Im Produktdesign steht Marianne Brandts Teekanne (Metallwerkstatt, um 1924) exemplarisch für das Prinzip "Form follows function": Der halbkugelförmige Korpus, der schräg angesetzte Ausguss und der isolierende Ebenholzgriff sind funktional begründet – jedes Element erfüllt einen klar definierten Zweck, ohne überflüssiges Ornament. Beide Beispiele zeigen: Die am Bauhaus gelehrten Grundprinzipien der Form- und Farbanalyse wurden konsequent auf Alltagsgegenstände übertragen, nicht nur auf Kunstwerke oder Gebäude.

Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität

Eine handlungsorientierte Annäherung gelingt über eine eigene "Vorkurs-Übung" nach Ittenschem Vorbild: Die Lernenden erhalten ein Alltagsobjekt (z. B. eine Tasse) und analysieren es zunächst ausschließlich über Grundformen (Kreis, Zylinder), dann über Farbkontraste nach Itten (z. B. Kalt-Warm) und schließlig über seine Funktion. Anschließend entwerfen sie ein eigenes, radikal reduziertes Redesign des Objekts, bei dem jedes Detail funktional begründet werden muss – Ornament ist nur erlaubt, wenn es eine Funktion erfüllt (z. B. Rutschfestigkeit). Parallel gestalten die Lernenden ein kleines Wort oder ihren Namen ausschließlich mit Kreis, Quadrat und Dreieck als Grundformen, angelehnt an Bayers Universal-Schrift, und präsentieren die Ergebnisse mit einer kurzen Begründung ihrer Gestaltungsentscheidungen.

Typische Missverständnisse

  • Missverständnis: Das Bauhaus war in erster Linie eine Architekturschule. Tatsächlich war die Architekturabteilung erst ab 1927 fester Bestandteil des Lehrplans; zuvor lag der Schwerpunkt auf Handwerk, Design und bildnerischer Grundlagenlehre.
  • Missverständnis: Die Bauhaus-Farbtheorie war ein einheitliches, von allen Lehrenden geteiltes System. Tatsächlich vertraten Itten, Kandinsky und Klee unterschiedliche, teils widersprüchliche Zugänge zu Farbe und Form.
  • Missverständnis: "Form follows function" bedeutet, dass Bauhaus-Design völlig schmucklos war. Tatsächlich ging es um funktional begründete Gestaltung, nicht um den generellen Verzicht auf ästhetische Qualität.

Grenzen der Betrachtung

Der Blick auf Farbtheorie und Produktdesign darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Bauhaus eine politisch und wirtschaftlich fragile Institution war, die 1933 unter dem Druck des Nationalsozialismus schließen musste und deren Lehrende ins Exil gingen. Zudem wird die Formel "Form follows function" oft verkürzt zitiert, obwohl sie ursprünglich vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan stammt und am Bauhaus selbst kontrovers diskutiert wurde – nicht alle Lehrenden folgten ihr uneingeschränkt. Eine vollständige Betrachtung sollte diese Gestaltungsprinzipien daher stets im Zusammenhang mit der Architektur und der politischen Geschichte der Schule sehen, wie sie im ersten Beitrag dieser Reihe behandelt werden.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Bauhaus-Vorkurs unter Johannes Itten vermittelte ein universelles, lehrbares Gestaltungswissen aus Form, Farbe und Material.
  • Itten, Kandinsky und Klee entwickelten unterschiedliche, teils gegensätzliche Zugänge zur Farbtheorie.
  • Herbert Bayers Universal-Schrift und Marianne Brandts Teekanne zeigen, wie Gestaltungsprinzipien auf Typografie und Produktdesign übertragen wurden.
  • "Form follows function" war am Bauhaus ein prägendes, aber nicht unumstrittenes Leitprinzip.
  • Die Gestaltungslehre lässt sich im Unterricht direkt über eigene Redesign- und Farbkontrast-Übungen erfahrbar machen.

Passendes Unterrichtsmaterial

Wer dieses Thema direkt einsatzbereit im Unterricht behandeln möchte, findet hier fertig ausgearbeitetes Material:

Weitere passende Beiträge

Häufig gestellte Fragen

War das Bauhaus nur eine Architekturschule?

Nein. Das Bauhaus war ursprünglich eine Schule für Handwerk, Design und bildnerische Grundlagenlehre; eine eigene Architekturabteilung entstand erst ab 1927.

Was war der Bauhaus-Vorkurs?

Ein von Johannes Itten entwickeltes Grundlagenstudium, das alle Studierenden unabhängig von ihrer späteren Werkstatt mit Form, Farbe, Material und Komposition vertraut machte.

Wie unterschieden sich Ittens, Kandinskys und Klees Farbtheorien?

Itten entwickelte ein systematisches Farbkreis- und Kontrastmodell, Kandinsky verband Farben mit geometrischen Grundformen und Emotion, Klee näherte sich Farbe eher musikalisch-intuitiv.

Was zeigt Marianne Brandts Teekanne exemplarisch?

Sie zeigt das Prinzip "Form follows function": Jedes Element der Kanne ist funktional begründet, ohne überflüssiges Ornament.

Was ist besonders an Herbert Bayers Universal-Schrift?

Sie besteht ausschließlich aus Kleinbuchstaben und geometrischen Grundformen und verzichtet bewusst auf die traditionelle Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung.

Stammt "Form follows function" vom Bauhaus?

Nein, die Formel geht auf den amerikanischen Architekten Louis Sullivan zurück, wurde aber am Bauhaus aufgegriffen und prägend diskutiert.

Wie lässt sich Bauhaus-Gestaltung im Unterricht praktisch erarbeiten?

Über eigene Redesign-Übungen an Alltagsobjekten sowie Typografie- oder Farbkontrast-Aufgaben nach Ittenschem Vorbild.

Wie unterscheidet sich dieser Beitrag vom ersten Artikel zur Bauhaus-Architektur?

Der erste Beitrag fokussiert die Architektur des Bauhauses, dieser Beitrag richtet den Blick auf die allgemeine Gestaltungslehre: Farbtheorie, Typografie und Produktdesign.

Fazit

Das Bauhaus war weit mehr als eine Architekturschule – es war ein Labor für eine neue, universelle Gestaltungssprache, die Farbe, Form und Funktion systematisch miteinander verband. Wer diese Prinzipien anhand von Farbtheorie, Typografie und Produktdesign nachvollzieht, versteht, warum Bauhaus-Gestaltung bis heute Designentscheidungen in Alltagsgegenständen prägt – eine sinnvolle Ergänzung zur architekturzentrierten Perspektive des ersten Artikels dieser Reihe.

FachKomplett

Ein ganzes Fach statt einzelner Reihen

Die FachKomplett-Reihen bündeln das Material eines kompletten Fachs für Sek I und Sek II. Einmal kaufen, das Fach ist vorbereitet.

Teilen: WhatsApp LinkedIn E-Mail
Architektur des Bauhauses – Unterrich...Ansehen
Über den Autor
✏️
Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

UnterrichtsentwicklungBildungDidaktikLerndesign
Passende Beiträge

Das könnte dich auch interessieren

Häufige Fragen

FAQ zu den Unterrichtsmaterialien

Das Sortiment reicht von der Kita über die Grundschule und die Sekundarstufe I (Klasse 5–10) bis zur Sekundarstufe II und zur Berufsschule. Jedes Material ist nach Fach, Stufe und - wo sinnvoll - nach Bundesland beschriftet.

Viele Reihen lassen sich mit kleinen Anpassungen auch in benachbarten Schulformen einsetzen, weil die Aufgaben in mehreren Anforderungsniveaus vorliegen.

Eine vollständige Reihe enthält in der Regel:

  • mehrere Arbeitsblätter mit ausgearbeiteten Lösungen
  • eine Präsentation für den Unterrichtseinstieg
  • einen Verlaufsplan für die Stundenstruktur
  • Aufgaben auf mehreren Anforderungsniveaus zur Differenzierung
  • je nach Reihe Klausur- oder Testvorlagen

Die Dateien liegen in editierbaren Formaten vor, damit du Inhalte an deine Lerngruppe anpassen kannst.

Direkt nach dem Kauf erhältst du eine Bestätigungs-E-Mail mit dem Download-Link. Zusätzlich liegen die Dateien dauerhaft in deinem Kundenkonto unter „Bestellungen" - ohne Ablaufdatum und ohne Downloadlimit.

Es gibt keinen Versand und keine Wartezeit: Der Download steht unmittelbar nach dem Abschluss der Bestellung bereit.

Die Einzellizenz gilt für eine Lehrkraft. Du darfst das Material ausdrucken und im eigenen Unterricht beliebig oft einsetzen. Die digitalen Dateien an andere Lehrkräfte weiterzugeben oder sie zu veröffentlichen, ist davon nicht gedeckt.

Für Fachschaften gibt es bei vielen Produkten eine Schullizenz, die mehrere Lehrkräfte einer Schule abdeckt. Sie steht direkt auf der Produktseite zur Auswahl.

Eine Unterrichtsreihe deckt ein einzelnes Thema ab, etwa „Genetik" oder „Kurzgeschichten analysieren". Sie passt, wenn du gezielt eine Sequenz vorbereitest.

Ein FachKomplett-Paket bündelt die zentralen Themen eines ganzen Fachs zu einem Gesamtpreis, der deutlich unter der Summe der Einzelreihen liegt. Das lohnt sich, sobald du ein Fach dauerhaft unterrichtest. Eine Übersicht aller Reihen steht auf der FachKomplett-Seite.

Die Materialien orientieren sich an den veröffentlichten Vorgaben der Länder - je nach Bundesland am Kernlehrplan, Kerncurriculum, Bildungsplan, Rahmenlehrplan oder an den Fachanforderungen. Für viele Fächer gibt es eigene Pakete je Bundesland.

Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.

Diskussion

Kommentare

Kommentar hinterlassen

Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.

Auch zum Newsletter anmelden? Unterrichtstipps und neue Materialien per E-Mail. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Bitte fülle alle Pflichtfelder aus und bestätige die Einwilligung.

* Pflichtfelder. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Newsletter

Unterrichtstipps per E-Mail

Neue Materialien, Planungshilfen und Hinweise zu Lehrplanänderungen - etwa zweimal im Monat, ohne Werbeflut.

Bitte fülle beide Felder aus und bestätige die Einwilligung.

DSGVO-konform · kein Spam · Abmeldung jederzeit · Datenschutz

📬

Fast geschafft.
Bitte bestätige deine E-Mail.

1
Postfach öffnenWir haben dir eine Bestätigungsmail von stifo.de geschickt.
2
Bestätigen (Double Opt-in)Klicke den Link in der Mail. Erst dann ist die Anmeldung aktiv.
3
FertigDanach bekommst du die Unterrichtstipps automatisch.
Keine Mail erhalten?Schau bitte im Spam- oder Werbeordner nach und markiere die Nachricht als „Kein Spam". Absender: stifo.de