Prognose, Hochrechnung, vorläufiges Ergebnis: Quellenkritik am Wahlabend im Unterricht

Medien- und Quellenkompetenz · Sek I und Sek II

Prognose, Hochrechnung, vorläufiges Ergebnis: Quellenkritik am Wahlabend im Unterricht

Am Wahlabend stehen Zahlen im Raum, bevor die Auszählung abgeschlossen ist. Diese Seite zeigt, wie Sie mit einer Lerngruppe klären, welchen Status ein Wert hat, wie Nachwahlbefragungen zu lesen sind, welche sprachlichen Marker eine Deutung verraten und wie Sie Ihr Material fortschreiben, ohne den alten Stand zu verlieren.

4 Stufenvom Wert zum amtlichen Stand
3 SchritteVerfahren für die Stunde
6 Markersprachliche Analyse
Klasse 8–13Sek I und Sek II

Eine Zahl vom Wahlabend ist erst dann eine Information, wenn drei Angaben mitgeliefert werden: woher sie stammt, wie sie zustande kam und für welchen Zeitpunkt sie gilt. Fehlt eine davon, lässt sich nicht entscheiden, ob eine Aussage darüber trägt. Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 lautet ein vollständiger Beleg deshalb nicht „AfD 44,0 Prozent“, sondern „AfD 44,0 Prozent laut ARD-Hochrechnung vom Wahlabend, 22:56 Uhr, Auszählung zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen“. Der Unterschied ist keine Formalität. Er entscheidet darüber, ob im Unterricht eine überprüfbare Behauptung oder ein Gerücht bearbeitet wird. Diese Seite ordnet die vier Stufen Prognose, Hochrechnung, vorläufiges und endgültiges Ergebnis, erklärt die Grenzen von Nachwahlbefragungen und beschreibt ein Dreischrittverfahren, mit dem Lerngruppen Aussagen markieren, Signalwörter finden und eine eigene Kurzmeldung mit Statusangabe schreiben. Das passende Material für beide Stufen finden Sie weiter unten ab 14,99 €.

Warum ein Zahlenwert ohne Quelle, Methode und Zeitpunkt nicht interpretierbar ist

Zahlen wirken abgeschlossen. Sie stehen in einer Grafik, sie haben eine Nachkommastelle, sie sehen nach Messung aus. Genau darin liegt die didaktische Schwierigkeit: Der Anschein von Endgültigkeit verdeckt, dass jeder Wert aus einem Verfahren stammt, das zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit erfasst hat. Wer diesen Entstehungszusammenhang nicht kennt, kann den Wert nicht prüfen, sondern nur glauben oder ablehnen.

Drei Angaben machen aus einem Wert eine belastbare Information. Die Quelle benennt, wer den Wert veröffentlicht hat und wer dafür einsteht. Die Methode benennt, wie er entstanden ist: aus einer Befragung, aus ausgezählten Stimmen oder aus einer Mischung von beidem. Der Zeitpunkt benennt, für welchen Stand er gilt. Erst dieses Tripel erlaubt die Frage, die im Unterricht zählt: Was folgt aus diesem Wert, und was folgt ausdrücklich nicht daraus?

Der Prüfschritt lässt sich in wenigen Minuten einüben. Lernende bekommen einen Screenshot oder einen kurzen Meldungstext und markieren mit drei Farben, wo Quelle, Methode und Zeitpunkt stehen. Fehlt eine Farbe, wird notiert, welche Frage offenbleibt. Diese Leerstellen sind der eigentliche Ertrag der Übung, denn sie zeigen, wie viele Meldungen ohne die Angaben auskommen, die eine Überprüfung überhaupt erst möglich machen.

Das passende Unterrichtsmaterial

Die folgenden Titel setzen das beschriebene Verfahren in fertige Stunden um. Die beiden Unterrichtspakete enthalten die Materialseiten zur Quellenprüfung, die Präsentationen eignen sich für eine einzelne aktuelle Stunde, die beiden Oberstufenreihen vertiefen Programmvergleich und Wahlkampfanalyse.

Die vier Stufen: Prognose, Hochrechnung, vorläufiges und endgültiges Ergebnis

Die Werte eines Wahlabends entstehen nacheinander, und jede Stufe hat eine eigene Datengrundlage. Die Prognose erscheint unmittelbar nach Schließung der Wahllokale und ist eine Schätzung auf Basis von Befragungen; ausgezählte Stimmen liegen ihr noch nicht zugrunde. Die Hochrechnung verbindet Befragungsdaten mit fortlaufend ausgezählten Stimmbezirken und verschiebt sich im Lauf des Abends, weil der Anteil tatsächlich gezählter Stimmen wächst. Das vorläufige Ergebnis ist die amtliche Zusammenfassung nach der Auszählung, aber noch vor der abschließenden Prüfung. Das endgültige Ergebnis stellt der zuständige Wahlausschuss fest; erst dafür gelten abschließende Sitz- und Mandatsangaben.

Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 wies die ARD-Hochrechnung vom Wahlabend um 22:56 Uhr folgende Werte aus: AfD 44,0 Prozent, CDU 17,4 Prozent, SPD 9,2 Prozent, GRÜNE 8,9 Prozent, DIE LINKE 8,6 Prozent, BSW 5,1 Prozent und FDP 2,5 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 78,1 Prozent gegenüber 60,3 Prozent im Jahr 2021. Die Auszählung lief zum Redaktionszeitpunkt noch, ein amtliches Endergebnis lag nicht vor. Genau so gehören die Werte an die Tafel: mit Herkunft, Uhrzeit und dem ausdrücklichen Hinweis, dass es sich um eine Hochrechnung handelt.

Begriff Bedeutung Unterrichtlicher Umgang
Prognose Schätzung nach Schließung der Wahllokale auf Basis von Befragungen, ohne ausgezählte Stimmen. Als frühesten und unsichersten Stand kennzeichnen. Keine Sitzverteilung und keine Koalitionsrechnung darauf stützen.
Hochrechnung Befragungsdaten plus fortlaufend ausgezählte Stimmbezirke; der Wert ändert sich im Lauf des Abends. Immer mit Uhrzeit notieren. Zwei Stände desselben Abends vergleichen und die Richtung der Veränderung beschreiben lassen.
Vorläufiges Ergebnis Amtliche Zusammenfassung nach der Auszählung, vor der abschließenden Prüfung. Als amtlich, aber nicht abschließend einordnen. Eignet sich für Prozentpunktvergleiche mit der vorherigen Wahl.
Endgültiges Ergebnis Feststellung durch den zuständigen Wahlausschuss; erst dafür gelten abschließende Sitz- und Mandatsangaben. Grundlage für alle Aussagen über Mandate und Mehrheiten. Später nachtragen und mit dem Wahlabendstand vergleichen.

Wie man Nachwahlbefragungen liest

Nachwahlbefragungen erklären nicht das Ergebnis, sie beschreiben Angaben von Befragten. Vier Fragen strukturieren die Lektüre. Erstens die Datenbasis: Wurden Wählerinnen und Wähler unmittelbar nach der Stimmabgabe befragt, oder handelt es sich um eine später erhobene Umfrage? Zweitens die Stichprobe: Wie viele Personen wurden erfasst, und wie wurden sie ausgewählt? Drittens die Unsicherheit: Jede Stichprobe hat einen Spielraum, der bei kleinen Teilgruppen deutlich größer ist als beim Gesamtwert. Viertens die Vergleichbarkeit: Beziehen sich zwei nebeneinandergestellte Werte überhaupt auf dieselbe Grundgesamtheit?

Ebenso wichtig ist die Gegenprobe, was aus solchen Daten nicht folgt. Aus einer Verteilung folgt kein Motiv, denn Befragte nennen Gründe im Nachhinein und in vorgegebenen Kategorien. Aus einem Anteil in einer Teilgruppe folgt keine Aussage über eine einzelne Person. Aus einer Veränderung gegenüber der letzten Wahl folgt keine Ursache, sondern nur eine Beschreibung. Wenn eine Lerngruppe diese drei Sätze anwenden kann, hat sie den analytischen Kern der Stunde erreicht, unabhängig davon, welche Partei gerade im Fokus steht.

Ein Unterrichtsverfahren in drei Schritten

Der erste Schritt sortiert. Die Lernenden erhalten acht bis zehn kurze Aussagen aus Meldungen des Wahlabends und markieren jede als Fakt, als Deutung oder als offene Frage. Ein Fakt ist an einer benannten Quelle überprüfbar, eine Deutung fügt eine Erklärung oder Bewertung hinzu, eine offene Frage lässt sich mit dem vorliegenden Material nicht beantworten. Erfahrungsgemäß landen die meisten Sätze in der mittleren Kategorie, und das ist der Befund, um den es geht.

Der zweite Schritt sucht Signalwörter für den Datenstatus. Die Lernenden unterstreichen alle Stellen, an denen der Text selbst sagt, wie sicher eine Angabe ist: „Hochrechnung“, „vorläufig“, „nach Auszählung von“, „Stand“, eine Uhrzeit, ein Datum. Anschließend prüfen sie, ob die Überschrift denselben Status trägt wie der Fließtext. Häufig steht in der Überschrift ein blanker Prozentwert, während die Einordnung erst im dritten Absatz folgt.

Der dritte Schritt produziert. Jede Person schreibt eine eigene Kurzmeldung von höchstens fünfunddreißig Wörtern, die einen Wert, seinen Status, seine Quelle und seinen Zeitpunkt enthält und keine Deutung. Die Meldungen werden getauscht und mit einem einfachen Raster geprüft: Sind alle vier Angaben vorhanden? Steht ein bewertendes Wort im Text? Der Tausch macht den Maßstab öffentlich, ohne dass die Lehrkraft jede Formulierung einzeln kommentieren muss.

Sprachliche Marker: woran man Deutung im Text erkennt

Sprache trägt Wertungen oft unauffällig. Sechs Marker reichen für eine gründliche Analyse. Modalität zeigt sich in Wörtern wie „könnte“, „dürfte“ oder „nach derzeitigem Stand“; sie schwächen eine Behauptung ab und verschieben die Verantwortung für sie. Aktive gegen passive Zuschreibung entscheidet, ob ein Handelnder genannt wird: „Die Partei gewann Stimmen“ benennt ein Subjekt, „Stimmen wurden verloren“ lässt offen, wer handelt. Wertende gegen beschreibende Verben trennt „stürzte ab“ von „verlor 19,7 Prozentpunkte“.

Der vierte Marker ist die Auswahl: Welche Parteien, welche Regionen, welche Vergleichsjahre erscheinen überhaupt in der Grafik? Der fünfte ist die Auslassung: Welche Angabe fehlt, obwohl sie für die Aussage nötig wäre, etwa der Status eines Wertes oder die Wahlbeteiligung? Der sechste ist der Bezugspunkt: Ein Wert wirkt anders, wenn er mit der letzten Landtagswahl, mit einer Umfrage aus dem Frühjahr oder mit dem Bundesdurchschnitt verglichen wird. Die Lernenden formulieren zu jedem gefundenen Marker eine neutralere Alternative. Das schult Genauigkeit stärker als jede Kritik an fremden Texten.

Wie man Material aktuell hält

Zahlen vom Wahlabend altern. Wer sie im Material stehen lässt, unterrichtet irgendwann mit einem Wert, dessen Status nicht mehr stimmt. Die Regel dagegen ist einfach: Wert, Status und Zeitstempel werden immer gemeinsam geändert. Ein neuer Prozentwert ohne neue Statusangabe ist schlechter als der alte Stand, weil er Aktualität vortäuscht.

Der alte Stand wird nicht gelöscht, sondern als historische Quelle behalten. Ein Arbeitsblatt mit der Hochrechnung vom Wahlabend und ein zweites mit dem späteren amtlichen Stand bilden zusammen ein Materialpaar, das mehr leistet als jedes einzelne Blatt. Der Vergleich beider Stände ist selbst die beste Aufgabe: Welche Werte haben sich verändert, in welche Richtung, und welche Aussagen vom Wahlabend halten der Prüfung stand? Wer diese Frage bearbeitet, lernt Quellenkritik an einem Fall, den die Klasse miterlebt hat. Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bietet sich dafür das Ergebnisportal der Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt als amtliche Bezugsquelle an, das den jeweils aktuellen Auszählungsstand ausweist.

Der ökologische Fehlschluss beim Blick auf Regionaldaten

Sobald Ergebnisse nach Wahlkreisen oder Gemeinden aufgeschlüsselt werden, entsteht eine typische Denkfalle. Aus einem hohen Anteil einer Partei in einer Region und einem Merkmal dieser Region wird auf das Verhalten einzelner Personen geschlossen. Dieser Schluss ist nicht zulässig, weil aggregierte Daten nur etwas über die Region als Ganzes aussagen. Ob dieselben Personen, auf die das Merkmal zutrifft, auch diese Partei gewählt haben, geht aus der Karte nicht hervor.

Der Fachbegriff dafür ist der ökologische Fehlschluss, und er lässt sich im Unterricht sauber demonstrieren. Die Lernenden formulieren zu einer Regionalkarte zunächst drei Sätze, die die Karte tatsächlich belegt, und anschließend drei Sätze, die darüber hinausgehen. Die zweite Gruppe wird umformuliert, bis sie als Hypothese erkennbar ist, die eine andere Datenquelle bräuchte. Damit ist auch geklärt, warum Wahlkarten so anschaulich und zugleich so leicht misszuverstehen sind.

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Was diese Herangehensweise im Unterricht leistet

  • Prüfbarer Maßstab statt MeinungsrundeAussagen werden an Quelle, Methode und Zeitpunkt geprüft, nicht an der Sympathie für eine Partei.
  • Sofort einsetzbar am Tag danachDer Dreischritt funktioniert mit jedem beliebigen Meldungstext und braucht keine Vorbereitung über Nacht.
  • Für beide Stufen anschlussfähigIn der Sek I als Markierungsübung, in der Sek II mit Stichprobenlogik und Fehlschlüssen.
  • Sichtbarer LernnachweisDie eigene Kurzmeldung mit Statusangabe lässt sich in wenigen Minuten prüfen und rückmelden.
  • Übertragbar auf jede WahlGetauscht werden nur die Werte; das Verfahren bleibt bei Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen gleich.
  • Fortschreibbar angelegtWert, Status und Zeitstempel werden gemeinsam aktualisiert, der alte Stand bleibt als Quelle erhalten.

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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Prognose und Hochrechnung?

Die Prognose erscheint unmittelbar nach Schließung der Wahllokale und beruht ausschließlich auf Befragungen. Die Hochrechnung verbindet Befragungsdaten mit den bereits ausgezählten Stimmbezirken und wird im Lauf des Abends genauer, weil der Anteil tatsächlich gezählter Stimmen wächst. Beide sind keine amtlichen Werte und gehören stets mit Uhrzeit notiert.

Darf ich im Unterricht mit Zahlen arbeiten, während noch ausgezählt wird?

Ja, wenn der Status jedes Wertes mitgenannt wird. Die Hochrechnung eines Wahlabends ist ein legitimer Unterrichtsgegenstand, gerade weil sie sich noch ändert. Unzulässig ist nur, einen solchen Wert als amtliches Endergebnis auszugeben. Notieren Sie Quelle, Uhrzeit und Statusbezeichnung an der Tafel, bevor die Deutung beginnt.

Wie erkläre ich Unsicherheit, ohne in Statistik abzudriften?

Über die Teilgruppe. Ein Gesamtwert beruht auf vielen Befragten, ein Wert für eine kleine Altersgruppe auf wenigen. Je kleiner die Gruppe, desto größer der Spielraum. Diese eine Regel genügt in der Sek I. In der Sek II lässt sie sich um Stichprobenauswahl und Vergleichbarkeit der Grundgesamtheiten erweitern.

Was ist der ökologische Fehlschluss?

Der Schluss von Daten über eine Region auf das Verhalten einzelner Personen in dieser Region. Aus einer Wahlkarte folgt, wie eine Gemeinde insgesamt abgestimmt hat, nicht, wie eine bestimmte Personengruppe darin gewählt hat. Im Unterricht lässt sich das prüfen, indem Aussagen zur Karte in belegte Sätze und Hypothesen getrennt werden.

Wie halte ich mein Material aktuell, wenn sich Werte ändern?

Ändern Sie Wert, Status und Zeitstempel immer gemeinsam und behalten Sie den alten Stand als eigenes Dokument. Aus beiden Ständen entsteht eine Vergleichsaufgabe, die den Kern der Quellenkritik trifft. Für Sachsen-Anhalt weist das Ergebnisportal der Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt den jeweils aktuellen amtlichen Stand aus.

Für welche Klassenstufen eignet sich das Verfahren?

Der Dreischritt aus Markieren, Signalwörter finden und Kurzmeldung schreiben funktioniert ab Klasse 8. In der Oberstufe kommen die Analyse von Nachwahlbefragungen, die Marker für Modalität und Zuschreibung sowie der ökologische Fehlschluss hinzu. Beide Stufen arbeiten am selben Material und unterscheiden sich im Anspruch der Auswertung.