Das Erdbeben in Chili im Unterricht
Erschließt Handlung, Erzählverhalten und die Deutungsfrage nach Zufall und Ordnung.
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Deutsch · Novellistik des 19. Jahrhunderts · EF–Q2
Unterrichtsmaterial zur Novellistik zwischen Klassik und Romantik: Heinrich von Kleists „Das Erdbeben in Chili“ und „Die Marquise von O....“ sowie E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“. Sie erhalten ausgearbeitete Reihen mit Textarbeit, Analyseaufgaben, Klausurvorschlägen und Lösungen für die Einführungs- und die Qualifikationsphase.
Kurz gesagt: Die Novelle erzählt straff und auf ein Zentrum hin: eine unerhörte Begebenheit, die eine geordnete Welt aus dem Gleichgewicht bringt. Kleist führt diese Form an Erdbeben, Krieg und Gerücht bis an die Grenze des Erklärbaren, Hoffmann verlagert sie in den Kriminalfall. Diese Materialien erschließen beide Autoren für den Unterricht und für die Abiturvorbereitung.
Die Novelle ist die Gattung, an der sich literarisches Analysieren am ökonomischsten lernen lässt. Sie ist kurz genug, um vollständig gelesen und mehrfach durchgearbeitet zu werden, und zugleich so dicht gebaut, dass jede Beobachtung an Erzählperspektive, Zeitgestaltung oder Motivführung sofort etwas zur Deutung beiträgt. Wo ein Roman ein Halbjahr bindet, lässt eine Novelle Raum für Vergleiche, für Sekundärtexte und für die eigenständige schriftliche Arbeit der Lerngruppe.
Hinzu kommt die inhaltliche Sprengkraft der Texte selbst. Kleists Erzählungen konfrontieren mit Gewalt, mit dem Zusammenbruch sozialer Ordnung und mit der Frage, ob sich das Geschehene überhaupt deuten lässt; Hoffmann führt in einer Zeit vor der modernen Kriminalistik vor, wie Verdacht entsteht und wie schwer Indizien zu lesen sind. Beide Autoren geben damit Anlass zu Diskussionen, die über die Textarbeit hinausreichen – und die in der Oberstufe auch zu Fragen von Recht, Wahrnehmung und Erzählmacht führen.
Die folgenden Reihen und Abiturhilfen decken die drei Texte einzeln ab und lassen sich zu einer Vergleichsreihe verbinden.
Erschließt Handlung, Erzählverhalten und die Deutungsfrage nach Zufall und Ordnung.
Unterrichtsreihe zu Handlungsverlauf, Figurenkonstellation und Sprache der Novelle.
Fasst Inhalt, Deutungsansätze und typische Aufgabenstellungen für die Prüfung zusammen.
Arbeitet Indizien, Verdacht und Figurenpsychologie der Kriminalnovelle heraus.
Ergänzt Hoffmanns zweite Seite: das Ineinander von Alltagswelt und Wunderbarem.
Bündelt Unterrichtsreihen zu den Lektüren der Abiturvorgaben in einem Paket.
Für den Einstieg in der Einführungsphase empfiehlt sich die Gattung selbst als Gegenstand. Legen Sie eine Kurzgeschichte und eine Novelle nebeneinander und lassen Sie Umfang, Erzählzeit, Zahl der Schauplätze und den Grad der Vorausdeutung vergleichen. Aus diesen Beobachtungen entsteht ein Merkmalskatalog, der anschließend am Text geprüft und – das ist der eigentliche Ertrag – auch korrigiert wird. Denn Merkmale wie das Dingsymbol oder der Rahmen treffen längst nicht auf jede Novelle zu, und gerade Kleists Erzählungen sperren sich gegen das Schema.
In der Qualifikationsphase steht die genaue Textarbeit im Vordergrund. Bei Kleist lohnt der Blick auf die Syntax: Die langen, hypotaktisch verschachtelten Sätze mit ihren Einschüben und ihrem raffenden Erzähltempo tragen die Bedeutung mit, weil sie das Überstürzte der Ereignisse abbilden. Bei Hoffmann bietet sich eine rekonstruierende Arbeit an: Die Lerngruppe stellt zusammen, was zu welchem Zeitpunkt bekannt ist, und prüft, an welcher Stelle die Erzählung Wissen zurückhält. Der Abschluss kann ein Vergleich beider Autoren sein – zwei Antworten auf dieselbe Frage, wie viel Ordnung eine Erzählung stiften darf.
| Stufe | Einsatz | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| EF | Grundlagen | Novellenmerkmale, Erzähltechnik und Abgrenzung zur Kurzgeschichte |
| Q1 | Lektüre | Kleist: Zufall, Gewalt und Moral in Erdbeben und Marquise |
| Q2 | Abiturvorbereitung | Hoffmann und die Kriminalnovelle, Werkvergleich und Klausurtraining |
Die sprachliche Hürde ist bei diesen Texten größer als die inhaltliche. Hilfreich sind deshalb Textausgaben mit Worterklärungen, abschnittsweise Lesepläne mit Leitfragen und, bei Kleists Satzgefügen, eine gemeinsame Entflechtung einzelner Passagen in Hauptaussage und Zusätze. Leistungsstärkere Lerngruppen bearbeiten ergänzend Forschungspositionen zur Deutung des Erdbebens oder untersuchen, wie Hoffmann die historische Vorlage des Falls umformt. Arbeitsteilige Gruppenarbeit an verschiedenen Textstellen mit anschließendem Austausch hält den Aufwand für alle Beteiligten überschaubar.
Als Klausurformate eignen sich die Analyse einer Schlüsselstelle mit weiterführendem Deutungsauftrag, der Vergleich zweier Passagen aus verschiedenen Novellen und die Erörterung einer literarischen Wertung auf der Grundlage des Textes. Für die Bewertung ist entscheidend, dass Beobachtung und Deutung getrennt bleiben und dass Aussagen am Text belegt werden. Ein häufiger Fehler ist die vorschnelle moralische Bewertung der Figuren; sinnvoller ist die Frage, welche Deutungen der Text selbst nahelegt und welche er offenlässt.
Die Novellistik des 19. Jahrhunderts gehört in den Ländern zum Inhaltsfeld der strukturell und historisch komplexen Erzähltexte und erscheint regelmäßig in den Abiturvorgaben – teils als benannte Pflichtlektüre, teils als frei wählbarer Text innerhalb einer Epochenvorgabe. Prüfen Sie die aktuellen Vorgaben Ihres Landes, bevor Sie eine Reihe als Prüfungsvorbereitung planen; die Materialien dieser Seite sind so angelegt, dass sie auch unabhängig von einer konkreten Vorgabe als Einheit zur Epik funktionieren.
Literaturgeschichtlich stehen Kleist und Hoffmann zwischen den Lagern. Kleist lässt sich weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuordnen; seine Erzählungen zerstören gerade jene Ordnungsvorstellungen, die die Klassik zu stiften sucht. Hoffmann gehört zur Spätromantik, verbindet aber in „Das Fräulein von Scuderi“ das Interesse am Abgründigen mit einer nüchtern geführten Indizienhandlung, weshalb der Text in der Forschung häufig als früher Vorläufer der Kriminalerzählung gilt. Diese Zwischenstellung macht beide Autoren für den Epochenüberblick der Oberstufe besonders ergiebig.
Ludwig Tieck: Der Runenberg
Literatur um 1800 – Epochenüberblick
Sparpaket XXL: Lehrplan Deutsch GoSTDer Ausdruck stammt aus einem Gespräch Goethes und bezeichnet das ungewöhnliche, den gewohnten Lauf der Dinge durchbrechende Ereignis, um das eine Novelle gebaut ist. Er beschreibt keine feste Regel, sondern eine Tendenz der Gattung: Ein Einschnitt bringt eine geordnete Welt aus dem Gleichgewicht, und die Erzählung verfolgt die Folgen. Im Unterricht eignet sich der Begriff gut als Prüfstein, weil er an manchen Texten trägt und an anderen nicht.
Beginnen Sie mit einer einzelnen Passage und lassen Sie das Satzgerüst von den Einschüben trennen; sichtbar wird dann, wie viele Ereignisse Kleist in einen einzigen Satz packt. Anschließend lohnt die Frage nach der Wirkung: Das Raffen erzeugt Tempo, die Häufung von Konjunktionen wie „als“ und „indem“ verkettet Ereignisse ohne erklärende Wertung. So wird der Satzbau selbst zum Argument in der Deutung.
Die Erzählung stellt einen ungeklärten Mordfall in den Mittelpunkt, arbeitet mit Indizien, falschen Verdächtigungen und einer Figur, die den Fall aufzuklären hilft. Damit enthält sie Elemente, die später die Kriminalliteratur prägen. Sie ist allerdings kein Detektivroman im modernen Sinn, denn die Aufklärung erfolgt nicht durch systematische Ermittlung, sondern über Geständnis und Zufall.
Sinnvoll sind vier Vergleichspunkte: Umfang und erzählte Zeit, Zahl der Figuren und Schauplätze, Art des Einstiegs und Schlusses sowie der Grad der Vorausdeutung. Die Kurzgeschichte setzt unvermittelt ein und endet offen, die Novelle führt häufiger hin und deutet voraus. Der Vergleich wird ergiebiger, wenn er an konkreten Textstellen geführt wird statt an Merkmalslisten.
Ja, zu den Aufgaben gehören Lösungen beziehungsweise Erwartungshorizonte. Bei Analyseaufgaben sind sie als Musterlösung mit den wesentlichen Beobachtungen angelegt, sodass abweichende, aber am Text belegte Deutungen anerkannt werden können.
Ja. Jede Reihe ist für sich abgeschlossen und lässt sich unabhängig von den anderen unterrichten. Wer die Novellistik als zusammenhängende Einheit anlegen möchte, kombiniert die beiden Kleist-Reihen mit der Reihe zu Hoffmann und schließt mit einem Vergleich ab.