Rawls und Nozick reichen nicht: warum Sen in die Gerechtigkeitsreihe gehört
Amartya Sens Fähigkeitenansatz gehört deshalb in eine Gerechtigkeitsreihe, die bereits Rawls und Nozick behandelt, weil er eine Lücke sichtbar macht, die beide offenlassen: Weder die gerechte Verteilung von Grundgütern nach Rawls noch die Prüfung rechtmäßigen Erwerbs nach Nozick fragt danach, ob eine Person die ihr zustehenden Güter tatsächlich in ein gutes Leben umsetzen kann. Sen verschiebt den Maßstab von Gütern und Ansprüchen auf tatsächliche Verwirklichungschancen, und genau diese Verschiebung liefert das Kriterium, an dem Lernende beide älteren Theorien kritisch prüfen können.
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Rawls: gerechte Verteilung von Grundgütern
John Rawls bestimmt Gerechtigkeit über zwei Prinzipien, die hinter einem "Schleier des Nichtwissens" ausgehandelt würden: gleiche Grundfreiheiten für alle und soziale Ungleichheiten nur dort, wo sie den am schlechtesten Gestellten zugutekommen, das sogenannte Differenzprinzip. Rawls verteilt dabei sogenannte Grundgüter – Rechte, Freiheiten, Einkommen, die sozialen Grundlagen von Selbstachtung – und geht davon aus, dass jede vernünftige Lebensplanung mit mehr dieser Güter besser bedient ist. Die Reihe Gerechtigkeit, globale Verantwortung, Krieg und Frieden führt diese Prinzipien anhand rekonstruierter Textauszüge ein und arbeitet den Unterschied zum utilitaristischen Verteilungsdenken heraus.
Nozick: rechtmäßiger Erwerb statt Enderergebnis
Robert Nozick widerspricht Rawls fundamental und prüft Gerechtigkeit nicht am Verteilungsergebnis, sondern am Entstehungsprozess: Ein Besitzstand ist gerecht, wenn er durch gerechten Erwerb, gerechten Transfer oder gerechte Wiedergutmachung früheren Unrechts zustande gekommen ist, unabhängig davon, wie ungleich die resultierende Verteilung ausfällt. Für Nozick wäre eine Umverteilung zugunsten von Gleichheit selbst dann ungerecht, wenn sie das Los der Ärmsten verbessert, sofern sie in rechtmäßig erworbenes Eigentum eingreift. Im Unterricht eignet sich dafür ein einfaches Gedankenexperiment mit einem freiwillig gezahlten Eintrittsgeld, das ungleiche Vermögen entstehen lässt, ohne dass irgendjemand betrogen oder gezwungen wurde – die Klasse diskutiert, ob diese Ungleichheit dennoch gerecht ist.
Die Lücke, die Sen schließt
Sens Einwand setzt an einem einfachen Fall an: Zwei Personen erhalten dasselbe Einkommen, doch eine davon hat eine Behinderung, die zusätzliche Kosten verursacht, um dieselbe Mobilität oder Gesundheit zu erreichen. Nach Rawls' Gütermaßstab sind beide gleich gut gestellt, weil sie über dieselben Grundgüter verfügen; nach Sens Maßstab sind sie es nicht, weil die tatsächlich verfügbaren Fähigkeiten – die "capabilities", etwas zu tun oder zu sein – unterschiedlich ausfallen. Sen nennt diese individuellen Unterschiede Umwandlungsfaktoren: Güter müssen erst in tatsächliche Handlungsspielräume umgewandelt werden, und diese Umwandlung gelingt je nach körperlicher Verfassung, Umfeld oder gesellschaftlicher Stellung unterschiedlich gut. Anders als beim eng verwandten, aber um eine feste Liste zentraler Fähigkeiten erweiterten Ansatz von Martha Nussbaum, der im Beitrag zu Nussbaums Gerechtigkeitstheorie im Unterricht ausführlich behandelt wird, verzichtet Sen bewusst auf eine solche feste Liste und besteht stattdessen auf einem offenen, demokratisch auszuhandelnden Vergleich konkreter Situationen.
Eine Unterrichtsstunde mit drei Positionen
Für eine Doppelstunde bietet sich ein Kreuzvergleich an: Die Klasse erhält denselben Fall – etwa eine Erbschaftsungleichheit oder eine Behinderung, die den Arbeitsmarktzugang erschwert – und beurteilt ihn nacheinander aus der Perspektive von Rawls, Nozick und Sen, jeweils in wechselnden Kleingruppen. Wichtig ist die Regel, dass jede Gruppe zunächst begründen muss, welches Kriterium die jeweilige Theorie überhaupt anlegt, bevor sie zu einem Urteil kommt – sonst vermischen sich die drei Maßstäbe unbemerkt. Für die Gesamteinordnung in Freiheitsfragen, etwa ob Sens Fähigkeitenbegriff selbst einen bestimmten Freiheitsbegriff voraussetzt, liefert die Reihe Freiheit, Determinismus und Verantwortung die begriffliche Grundlage, auf die sich zurückgreifen lässt.
Typische Fehler und Bewertung
Ein häufiger Fehler ist, Sens Ansatz fälschlich als bloße Ergänzung von Rawls misszuverstehen, obwohl er dessen Gütermaßstab grundsätzlich infrage stellt. Ein zweiter Fehler ist die Verwechslung von Sen und Nussbaum, da beide oft in einem Atemzug genannt werden, obwohl sich ihre Ansätze in der Frage einer festen Kriterienliste unterscheiden. Ein dritter Fehler zeigt sich häufig bei Lerngruppen, die den intuitiven Gerechtigkeitsbegriff aus der Sekundarstufe I, wie ihn der Beitrag zur Gerechtigkeit im Unterricht der Sek I beschreibt, unreflektiert auf die drei komplexeren Theoriemodelle übertragen und dabei den jeweils spezifischen Verteilungsmaßstab übersehen. Bei der Leistungsüberprüfung sollte deshalb explizit geprüft werden, ob Lernende den jeweiligen Verteilungsmaßstab – Güter, Erwerbsprozess, Fähigkeiten – korrekt benennen und konsistent anwenden können, statt die drei Theorien nur additiv aufzuzählen. Weiterführende Aufgabenformate zu diesem Themenfeld finden sich auf der Seite zu Klausuraufgaben und Erwartungshorizonten in der Oberstufe.
Häufige Fragen
Muss ich alle drei Theorien in einer Stunde behandeln? Für einen ersten Überblick reicht eine Doppelstunde mit dem Kreuzvergleich, eine vertiefte Auseinandersetzung mit jeder einzelnen Theorie benötigt zusätzliche Stunden.
Wie unterscheiden sich Sen und Nussbaum in der Klausur konkret? Sen verzichtet auf eine feste Liste zentraler Fähigkeiten und setzt auf öffentliche Aushandlung, während Nussbaum eine feste, universell begründete Liste zentraler Fähigkeiten vorschlägt.
Ist der Fähigkeitenansatz mit dem Lehrplan der jeweiligen Schulverwaltung abgedeckt? Das hängt vom jeweiligen Bundesland und der aktuellen Fassung des Lehrplans ab, weshalb die Vorgaben der zuständigen Schulverwaltung vor der Unterrichtsplanung zu prüfen sind.
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