Präsentismus vermeiden: Wie Lernende vergangene Akteure fair beurteilen

Präsentismus bedeutet, die Vergangenheit mit den Maßstäben der Gegenwart zu messen, ohne diese Maßstäbe zu benennen. Lernende vermeiden ihn nicht, indem sie auf ein Urteil verzichten, sondern indem sie drei Dinge trennen: was die Akteure damals wissen konnten, welche Handlungsspielräume sie hatten und welcher Maßstab für das eigene Urteil gilt. Mit einer kurzen Prüffrage vor jedem Urteil lässt sich das in der Oberstufe üben: «Was war damals möglich, und woran messe ich?»
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Was ist am präsentistischen Urteil das Problem?
Das Problem liegt weniger im heutigen Maßstab als in der unbemerkten Anwendung. Wer schreibt, die Menschen im Kaiserreich seien «rückständig» gewesen, weil sie kein Frauenwahlrecht hatten, setzt die Gegenwart als selbstverständliche Norm. Zugleich warnt die Fachdidaktik vor der Gegenbewegung: «Damals dachten alle so» ist als Entschuldigung ebenso unhistorisch, denn zu jeder Zeit gab es Zeitgenossen, die widersprachen. Beide Fehler lassen sich mit derselben Übung zeigen. Wichtig ist, dass die Lehrkraft in der Besprechung beide Richtungen anspricht, denn Lernende neigen je nach Thema mal zur Verurteilung, mal zur Verharmlosung.
Bewährt hat sich ein Vergleichspaar: Die Lernenden bekommen zwei Antworten zur selben Frage, eine mit unbenanntem heutigem Maßstab, eine mit offengelegtem Maßstab, und markieren die Unterschiede. Eine Grundlage für solche Übungen bietet das Lernheft zum Methodenwissen für die Klausur im Abitur, in dem Urteilsaufgaben und ihre Anforderungen erläutert werden.
Wie arbeitet man mit Handlungsspielräumen?
Der wichtigste Gegenentwurf zum Präsentismus ist die Frage nach dem Spielraum. Dafür legen Gruppen eine Tabelle an: Wissen der Akteure, verfügbare Optionen, Kosten jeder Option, tatsächliche Entscheidung. Ein Beispiel ist die Entscheidung der Reichsregierung im Juli 1914. Die Lernenden prüfen, welche Informationen vorlagen und welche Alternativen bestanden, und beurteilen erst danach. Die Tabelle dauert etwa 25 Minuten und lässt sich in Partnerarbeit anlegen. Danach schreiben die Lernenden in zehn Minuten einen kurzen Brief an einen Zeitgenossen, in dem sie eine Entscheidung kritisieren oder verteidigen, ohne Wissen zu verwenden, das erst später verfügbar war. Der Perspektivwechsel macht den Unterschied zwischen Rückschau und Zeitgenossenschaft unmittelbar spürbar.
Für die Vorbereitung auf Klausuren stellt der Komplettkurs für die Abiturvorbereitung Themen und Aufgaben in einer geordneten Abfolge bereit. Die Spielraum-Tabelle lässt sich auf die dort behandelten Themen übertragen. Zusätzliche Anregungen bietet der Beitrag Weimar-Vergleiche im Unterricht, der ein ähnliches Muster, den vorschnellen Vergleich mit der Gegenwart, aufgreift.
Wie geht man mit moralisch belasteten Themen um?
Bei Kolonialismus, Sklaverei oder Nationalsozialismus gibt es einen zweiten Anlass, den Maßstab offen zu legen. Wer hier Handlungsspielräume untersucht, relativiert nichts. Die Frage lautet nicht, ob das Handeln gerechtfertigt war, sondern was Beteiligte wussten, welche Alternativen es gab und wer sie nutzte. Bei der Arbeit mit Täterquellen ist eine Einordnung zwingend, und die Opferperspektive muss erkennbar bleiben. Ein Überwältigungsverbot gilt auch für die Lehrkraft, die Urteile nicht vorgeben darf.
Für Erinnerungskultur und Deutung bis in die Gegenwart eignet sich die Unterrichtsreihe Geschichte erinnern, weil sie zeigt, wie Ereignisse im Rückblick gedeutet werden. Ergänzend passt der Beitrag Gedenktage im Geschichtsunterricht gestalten.
Wie wird fairer Umgang mit der Vergangenheit bewertet?
Für Klausuren können drei Beobachtungskriterien verwendet werden. Wird der Maßstab des Urteils genannt? Werden Wissen und Optionen der Akteure berücksichtigt? Wird zwischen Erklären und Rechtfertigen unterschieden? Jedes Kriterium kann mit null bis zwei Punkten bewertet werden. Besonders das dritte Kriterium trennt gute von mittleren Antworten, denn viele Lernende setzen Erklären mit Entschuldigen gleich und verzichten deshalb auf eine Erklärung. Eine Rückmeldung wie «Du erklärst das Handeln, ohne es zu rechtfertigen» zeigt, dass beides zusammengehört, und sie ist für die Lerngruppe leicht nachvollziehbar. Die Kriterien gehören zur Urteilskompetenz, deren genaue Formulierung in den Vorgaben des jeweiligen Bundeslandes steht.
Weiterführend bietet die Seite Historisches Urteilen in der Oberstufe Aufgabenbeispiele und Kriterien. Zur Abgrenzung von Sachurteil und Werturteil dient außerdem der Beitrag Sachurteil und Werturteil.
Häufige Fragen
Ist es Präsentismus, Menschenrechte als Maßstab zu verwenden?
Nicht, wenn der Maßstab offen genannt wird. Fehlerhaft wird es erst, wenn er unbemerkt bleibt oder wenn so getan wird, als hätten die Akteure ihn kennen müssen.
Wie früh kann man damit anfangen?
Schon in der Sek I mit der Frage «Konnten die das damals wissen?». In der Oberstufe wird daraus eine ausgearbeitete Spielraumanalyse mit schriftlichem Urteil.
Wie reagiert man auf Schüleräußerungen wie «Das war doch einfach dumm»?
Mit einer Rückfrage nach dem Maßstab und nach dem Wissen der Akteure. So wird die Äußerung zum Ausgangspunkt für ein begründetes Urteil, ohne die Lernenden zu beschämen.
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