Sek II

Postdramatisches Theater unterrichten: Gegenwartsformen im Kurs Darstellendes Spiel

von Luca 17.08.2026 1 Min. Lesezeit

Was postdramatisches Theater ausmacht

Kurse im Darstellenden Spiel arbeiten meist mit dramatischen Texten: Figuren, Dialog, Handlung, Konflikt. Gegenwartstheater folgt dieser Ordnung häufig nicht mehr. Statt einer durchgehenden Fabel stehen Textflächen, Materialcollagen, Bildsequenzen oder dokumentarische Aussagen im Zentrum. Der Begriff des postdramatischen Theaters, den Hans-Thies Lehmann in den 1990er Jahren geprägt hat, fasst diese Verschiebung zusammen: Nicht die Nachahmung einer Handlung, sondern die Situation zwischen Bühne und Publikum trägt die Aufführung.

Für den Kurs bedeutet das zunächst eine Irritation. Lernende suchen nach Rollen und einer Geschichte und finden beides nicht. Genau diese Irritation ist der didaktische Einstieg: Sie lässt sich beschreiben, begründen und in eigene Spielversuche übersetzen. Sinnvoll ist es, zuerst am Vergleich zu arbeiten – eine dramatische Szene und eine Textfläche nebeneinander – und die Unterschiede in Kategorien wie Figur, Sprache, Zeit und Raum zu ordnen.

Die Bausteine: Gegenwartstheater, Chor und Eigenproduktion

Die Reihe Postdramatisches und zeitgenössisches Theater liefert die begriffliche Grundlage und Spielaufträge, mit denen sich die Formen praktisch erschließen lassen. Weil Gegenwartstheater häufig ohne feste Rollenverteilung arbeitet, ist die Reihe Chor und Ensemble im Theater eine sinnvolle Ergänzung: Sie stellt die Mittel bereit, mit denen eine Gruppe als Kollektiv sprechen und agieren kann. Woher diese chorischen Mittel stammen, zeigt der Beitrag zum antiken Theater mit griechischer Tragödie, Chor und Maske.

Für den Übergang zur eigenen Arbeit eignet sich Eigenproduktion: ein Stück entwickeln, das den Weg von der Recherche über Materialsammlung bis zur Szenenfolge strukturiert. Wer die theoretische Einbettung breiter anlegen möchte, greift zum Sparpaket Theatergeschichte und Theatertheorie, das die Gegenwartsformen in die längere Entwicklungslinie einordnet. Diese Linie zeichnet auch der Beitrag Theatergeschichte im Unterricht nach.

Textflächen und Materialcollagen spielen

Eine Textfläche ist ein Text ohne Sprecherzuweisung. Der erste Arbeitsauftrag lautet deshalb immer: Wer spricht welchen Teil, und warum? Lassen Sie eine Gruppe denselben Abschnitt in drei Fassungen zeigen – einmal von einer Person, einmal aufgeteilt in Wechselrede, einmal chorisch. Der Vergleich macht schlagartig deutlich, dass die Verteilung selbst eine Bedeutung erzeugt.

  • Materialsammlung: Zeitungsausschnitte, Interviewnotizen, eigene Erinnerungen als Ausgangsmaterial.
  • Montage: Reihenfolge, Wiederholung und Unterbrechung als gestaltende Mittel begreifen.
  • Reduktion: Bewusst wenige Mittel wählen, damit die Form erkennbar bleibt.

Wie sich Textarbeit und Szene grundsätzlich verbinden lassen, beschreibt der Beitrag Szenische Interpretation; die dort beschriebenen Schritte lassen sich auf offene Textformen übertragen.

Performance und Publikumsbezug

Im Gegenwartstheater wird das Publikum häufig direkt adressiert. Für den Kurs ist das ein produktives Experimentierfeld, verlangt aber klare Absprachen. Legen Sie vorab fest, welche Formen der Ansprache erlaubt sind und wo die Grenze verläuft – niemand sollte im Publikum zu einer Handlung gedrängt werden. Ein guter Einstieg ist die einfache Aufgabe, eine wahre Aussage über sich selbst auf der Bühne zu sprechen und dabei den Blickkontakt zu halten.

Reflektieren Sie anschließend die Wirkung: Was verändert sich, wenn die Spielenden nicht als Figur, sondern als sie selbst auftreten? Diese Frage führt zum Kernbegriff der Präsenz und lässt sich mit dem Rollenbegriff aus der klassischen Schauspielarbeit kontrastieren, wie ihn der Beitrag Schauspieltraining in der Oberstufe darstellt.

Von der Recherche zur eigenen Szene

Am Ende sollte ein eigenes Ergebnis stehen. Bewährt hat sich ein dreistufiger Weg: Der Kurs einigt sich auf ein Thema aus der eigenen Lebenswelt, sammelt dazu Material, und formt daraus eine Szenenfolge von zehn bis fünfzehn Minuten. Die Auswahl des Materials ist dabei die eigentliche dramaturgische Leistung und sollte auch so bewertet werden.

Halten Sie den Prozess schriftlich fest, etwa in einem Arbeitsjournal mit Entscheidungen und Begründungen. So wird die Leistung nachvollziehbar, auch wenn das Ergebnis bewusst offen bleibt – und der Kurs erkennt, dass Gegenwartstheater keine Beliebigkeit ist, sondern eine andere Ordnung mit eigenen Regeln. Wie sich ein solcher Kurs über drei Schuljahre planen lässt, wenn Sie das Fach fachfremd übernehmen, beschreibt der Beitrag zu Darstellendes Spiel fachfremd unterrichten.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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