Sek II

Außereuropäische Kunst im Unterricht: Perspektiven jenseits des westlichen Kanons

von Luca 15.07.2026 1 Min. Lesezeit

Wenn im Kunstunterricht der Sekundarstufe II von 'Kunstgeschichte' die Rede ist, beginnt die Zeitleiste fast immer in Griechenland, führt über die italienische Renaissance, den Barock und den deutschen Impressionismus bis zur Moderne von Paris und New York. Doch diese Erzählung ist nur ein Ausschnitt. Parallel zur europäischen Kunstentwicklung entstanden in Westafrika monumentale Bronzeplastiken, in Japan hochkomplexe Drucktechniken und auf allen Kontinenten indigene Bildsprachen, die bis heute Künstlerinnen und Künstler weltweit beeinflussen. Ein Unterricht, der diese Traditionen ausblendet, vermittelt Schülerinnen und Schülern ein verzerrtes Bild davon, was Kunst überhaupt ist und wer sie hervorbringt.

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Was bedeutet: Westlicher Kanon?

Der Begriff 'Kanon' bezeichnet in der Kunstgeschichte jene Werke, Epochen und Künstlerpersönlichkeiten, die als besonders bedeutsam gelten und deshalb in Museen, Lehrbüchern und Lehrplänen bevorzugt behandelt werden. Der 'westliche Kanon' ist historisch in Europa und Nordamerika entstanden, an Universitäten und Akademien, die im 18. und 19. Jahrhundert die Deutungshoheit über gute Kunst beanspruchten. Diese Institutionen bewerteten Kunst nach Kriterien, die aus der eigenen Tradition abgeleitet waren: Perspektivkonstruktion, Anatomietreue, individuelle Autorschaft. Kunstwerke aus Afrika, Asien, oder von indigenen Völkern Amerikas und Ozeaniens wurden im Kolonialzeitalter oft nicht als Kunst, sondern als Ethnographica oder Kunstgewerbe eingeordnet und in naturkundlichen statt in kunsthistorischen Museen ausgestellt. Diese Kategorisierung wirkt bis heute nach, obwohl sie fachlich längst überholt ist.

Drei außereuropäische Traditionen im Porträt

Die westafrikanische Bronzeplastik aus dem Königreich Benin (heutiges Nigeria) zählt zu den technisch anspruchsvollsten Metallgusskunstwerken der Weltgeschichte. Seit dem 13. Jahrhundert fertigten Handwerker im Wachsausschmelzverfahren Reliefplatten und Köpfe, die den Königshof, Ahnen und Herrscher darstellten und am Palast in Benin-Stadt angebracht waren. 1897 raubte eine britische Strafexpedition tausende dieser Werke, die seither in europäischen Museen wie dem British Museum verteilt sind – ein Fall, der aktuell die Debatte um Restitution afrikanischer Kulturgüter prägt.

Der japanische Farbholzschnitt Ukiyo-e ('Bilder der fließenden Welt') entstand ab dem 17. Jahrhundert und erreichte mit Künstlern wie Katsushika Hokusai ('Die große Welle vor Kanagawa') und Utagawa Hiroshige seinen Höhepunkt. Die Drucke zeigten Schauspieler, Kurtisanen, Landschaften und Alltagsszenen für ein städtisches Massenpublikum – vergleichbar mit heutigen Postern. Als japanische Holzschnitte im 19. Jahrhundert nach Europa gelangten, lösten sie den sogenannten Japonismus aus: Van Gogh, Monet und Klimt kopierten Kompositionsprinzipien wie die flächige Farbgebung und den ungewöhnlichen Bildausschnitt direkt aus japanischen Vorlagen.

Indigene Kunsttraditionen Australiens, etwa die Punktmalerei der Aborigines, folgen völlig anderen Bildlogiken als die europäische Tafelmalerei. Die Werke kodieren Traumzeit-Erzählungen, Landkarten und rituelles Wissen in abstrakten Mustern, die nur innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft vollständig lesbar sind. Erst seit den 1970er-Jahren, mit der sogenannten Papunya-Tula-Bewegung, wurden diese Werke auch auf Leinwand für den internationalen Kunstmarkt produziert – ein Prozess, der selbst wieder Fragen nach kultureller Aneignung und fairer Vermarktung aufwirft.

Fallbeispiel: Der Benin-Bronzen-Streit als Unterrichtsgegenstand

Die Rückgabe der Benin-Bronzen eignet sich hervorragend, um Schülerinnen und Schülern die politische Dimension von Kunstgeschichte zu zeigen. Deutschland gab 2022 als erstes großes Land die Eigentumsrechte an über 1000 Objekten aus deutschen Museumsbeständen an Nigeria zurück, mehrere Werke verblieben zunächst als Leihgabe in Deutschland. Der Fall verbindet Kunstgeschichte mit Kolonialgeschichte, Völkerrecht und Museumsethik und zeigt, dass die Frage 'Wem gehört Kunst?' keine rein ästhetische, sondern eine zutiefst politische ist.

Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität

Eine bewährte Methode ist der Vergleich zweier Werke aus unterschiedlichen Kulturkreisen zum gleichen Thema, etwa ein europäisches Herrscherporträt (z. B. Hans Holbein) neben einem Benin-Bronzekopf eines Obas. Die Lerngruppe analysiert in Kleingruppen zunächst getrennt Bildaufbau, Materialität und Funktion, bevor im Plenum diskutiert wird, warum das eine Werk jahrhundertelang als Kunst, das andere als Artefakt galt. Ergänzend bietet sich eine Rechercheaufgabe an: Schülerinnen und Schüler untersuchen, welche außereuropäischen Werke im nächstgelegenen Museum ausgestellt sind und wie sie dort kontextualisiert werden – als eigenständige Kunstwerke oder als ethnographische Objekte.

Typische Missverständnisse

  • Außereuropäische Kunst wird oft fälschlich als primitiv oder unterentwickelt gegenüber der europäischen Kunst wahrgenommen, obwohl etwa die Bronzegusstechnik aus Benin technisch anspruchsvoller war als vergleichbare europäische Verfahren ihrer Zeit.
  • Viele nehmen an, kultureller Austausch verliefe nur einseitig von Europa in die Welt – tatsächlich haben japanische, afrikanische und ozeanische Bildsprachen die europäische Moderne maßgeblich mitgeprägt.
  • Es wird oft übersehen, dass außereuropäische Kunst keine homogene Kategorie ist, sondern hunderte eigenständige Traditionen mit je eigener Geschichte, Funktion und Formsprache umfasst.

Grenzen der Betrachtung

Eine Erweiterung des Kanons darf nicht dazu führen, außereuropäische Werke nur als exotisches Beiwerk oder als bloße Kontrastfolie zur europäischen Kunst zu behandeln. Wichtig ist, die jeweiligen Werke in ihrer eigenen kulturellen Logik und Funktion zu verstehen, statt sie an westlichen Bewertungsmaßstäben wie Perspektive oder Individualität zu messen. Zudem sollte im Unterricht deutlich werden, dass die verfügbaren Informationen zu vielen außereuropäischen Werken oft aus kolonialen Sammlungskontexten stammen und mit Vorsicht zu behandeln sind.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der klassische Kunstgeschichte-Kanon ist historisch europäisch geprägt und keine neutrale Bewertungsgrundlage.
  • Westafrikanische Bronzekunst, japanischer Holzschnitt und indigene Bildtraditionen zeigen eigenständige, hochentwickelte Formsprachen.
  • Der Japonismus beweist, wie stark außereuropäische Kunst die europäische Moderne beeinflusst hat.
  • Die Restitutionsdebatte um die Benin-Bronzen verbindet Kunstunterricht mit Kolonialgeschichte und Museumsethik.
  • Ein erweiterter Kanon fördert kulturelle Offenheit, ohne Werke zu exotisieren oder aus dem Kontext zu reißen.

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Häufig gestellte Fragen

Warum ist der klassische Kunstgeschichte-Kanon so europäisch geprägt?
Weil die Institutionen, die den Kanon im 18. und 19. Jahrhundert festlegten – Akademien, Universitäten, Museen – ausschließlich in Europa und Nordamerika angesiedelt waren und ihre eigenen ästhetischen Maßstäbe verallgemeinerten.

Ist Ukiyo-e vergleichbar mit europäischer Druckgrafik?
Technisch ja, beide nutzen Holzschnittverfahren, doch Ukiyo-e entwickelte eigenständige Farb- und Kompositionsprinzipien, die sich deutlich von der europäischen Tradition unterscheiden.

Was sind die Benin-Bronzen genau?
Metallreliefs und -skulpturen aus dem Königreich Benin, die den Königshof darstellten und 1897 von britischen Truppen geraubt wurden.

Wie kann ich außereuropäische Kunst ohne Klischees unterrichten?
Indem Werke in ihrem eigenen kulturellen und funktionalen Kontext behandelt werden, statt sie nur mit europäischen Maßstäben zu vergleichen oder als exotisches Beiwerk zu präsentieren.

Eignet sich das Thema für die Oberstufe im Abitur?
Ja, viele Lehrpläne der Sek II verlangen mittlerweile explizit die Auseinandersetzung mit nicht-westlichen Kunsttraditionen und postkolonialen Perspektiven.

Welche Rolle spielt der Japonismus für die europäische Moderne?
Eine erhebliche: Künstler wie Van Gogh, Monet und Klimt übernahmen Bildausschnitte, Farbflächen und Kompositionsprinzipien direkt aus japanischen Holzschnitten.

Wie hängt die Restitutionsdebatte mit dem Kunstunterricht zusammen?
Sie zeigt Schülerinnen und Schülern, dass Kunstgeschichte nicht nur ästhetische, sondern auch politische, koloniale und rechtliche Dimensionen hat.

Fazit

Ein Kunstunterricht, der ausschließlich den westlichen Kanon vermittelt, verpasst die Chance, Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie vielfältig menschliche Bildproduktion weltweit ist – und wie stark sich diese Traditionen gegenseitig beeinflusst haben. Die Beschäftigung mit westafrikanischer Bronzekunst, japanischem Holzschnitt und indigenen Bildsprachen eröffnet nicht nur neue ästhetische Perspektiven, sondern schärft zugleich das Bewusstsein für koloniale Machtverhältnisse, die bis heute in Museen und Kunstmärkten nachwirken. Ein erweiterter Kanon macht Kunstunterricht aktueller, gerechter und intellektuell anspruchsvoller.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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