Sek II

Architektur des Bauhauses unterrichten

von Luca 14.07.2026 1 Min. Lesezeit

Ein flaches Dach, eine gläserne Fassade, keinerlei Ornament – als Walter Gropius 1926 das neue Bauhausgebäude in Dessau eröffnete, wirkte der Bau auf viele Zeitgenossen wie eine Fabrikhalle, nicht wie eine Schule. Genau diese Irritation ist der ideale Einstieg in den Unterricht: Warum sah eine der einflussreichsten Design- und Architekturschulen des 20. Jahrhunderts ihr eigenes Gebäude als Manifest, und warum galt gerade der Verzicht auf Schmuck als radikale gestalterische Aussage? Die Bauhaus-Architektur lässt sich kaum verstehen, ohne die Prinzipien zu kennen, die ihr zugrunde liegen – und genau diese Prinzipien lassen sich hervorragend an konkreten Gebäuden nachvollziehen.

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Was bedeutet: Bauhaus-Architektur?

Als Bauhaus-Architektur bezeichnet man die Bauweise, die aus der 1919 von Walter Gropius gegründeten Kunst- und Design-Hochschule Bauhaus hervorging. Kennzeichnend sind klare geometrische Formen, der weitgehende Verzicht auf Dekoration, der Einsatz industrieller Materialien wie Stahl, Glas und Stahlbeton sowie die enge Verbindung von Gestaltung und Funktion. Anders als bei historisierenden Baustilen des 19. Jahrhunderts sollte die Form eines Gebäudes unmittelbar aus seinem Zweck abgeleitet werden – ein Prinzip, das später unter dem Slogan „Form follows function" populär wurde, obwohl der Satz ursprünglich vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan stammt. Bauhaus-Architektur ist damit weniger ein einheitlicher Stil als eine Haltung: Bauen als rationaler, gesellschaftlich verantwortbarer Gestaltungsprozess.

Gropius und Mies van der Rohe: Zwei Wege der Moderne

Walter Gropius prägte mit dem Bauhausgebäude in Dessau (1925–1926) den Prototyp der neuen Architektur: eine asymmetrische, in Funktionsbereiche gegliederte Anlage aus Werkstatttrakt, Schulgebäude und Ateliergebäude, verbunden durch eine markante Brücke. Die durchgehende Glasfassade des Werkstattflügels machte die innere Struktur des Gebäudes von außen sichtbar – Transparenz wurde so zum architektonischen wie politischen Programm einer demokratischen Nachkriegsmoderne. Ludwig Mies van der Rohe, der das Bauhaus von 1930 bis zu dessen Schließung 1933 als letzter Direktor leitete, radikalisierte dieses Prinzip später in den USA weiter: Sein Diktum „Weniger ist mehr" fand seinen konsequentesten Ausdruck in Bauten wie dem Seagram Building in New York (1958) oder dem Barcelona-Pavillon (1929), die auf Stahlskelettkonstruktionen und offene Grundrisse setzen. Während Gropius eher funktional-sachlich dachte, verfolgte Mies van der Rohe eine fast klassizistische Reduktion auf reine geometrische Ordnung – beide Positionen zusammen bilden das Spektrum der Bauhaus-Architektur.

Das Bauhausgebäude Dessau als Fallbeispiel

Am Bauhausgebäude Dessau, seit 1996 UNESCO-Welterbe, lässt sich das Prinzip der „funktionalen Gliederung" besonders gut nachvollziehen. Gropius teilte den Komplex konsequent nach Nutzung: Werkstatt-, Schul- und Wohntrakt für die Studierenden sind als eigenständige Baukörper ausgeführt und durch Brücken beziehungsweise Verbindungsgänge miteinander verknüpft. Diese „aufgelöste" Bauweise widersprach der bis dahin üblichen Praxis, Gebäude als geschlossene, symmetrische Blockbauten zu planen. Die serielle, standardisierte Fensterteilung, die sichtbaren Stahlträger und der Verzicht auf jede Fassadendekoration sollten zudem zeigen, dass industrielle Fertigung und ästhetischer Anspruch keinen Widerspruch darstellen – ein Gedanke, der für die spätere Entwicklung des seriellen, industriellen Bauens im 20. Jahrhundert richtungsweisend wurde.

Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität

Eine wirkungsvolle Unterrichtsaktivität besteht darin, das Bauhausgebäude Dessau einem historisierenden Gebäude derselben Epoche gegenüberzustellen, etwa einem repräsentativen Verwaltungsbau des Wilhelminismus. Die Lernenden analysieren in Partnerarbeit anhand von Bildmaterial Fassadengliederung, Materialeinsatz, Symmetrie und Dekor beider Bauten und tragen ihre Beobachtungen in eine Vergleichstabelle ein. Im Anschluss formulieren sie in eigenen Worten, welche gesellschaftliche Haltung sich jeweils in der Architektur ausdrückt – Repräsentation und Tradition auf der einen, Funktionalität und Demokratisierung auf der anderen Seite. Als Vertiefung können die Lernenden anschließend selbst einen kleinen Baukörper nach Bauhaus-Prinzipien entwerfen: klare Geometrie, Materialbezug, keine Ornamentik, Funktion als Ausgangspunkt der Form. Diese Übung lässt sich gut in einer Doppelstunde umsetzen und verbindet Bildanalyse mit eigener gestalterischer Praxis.

Typische Missverständnisse

  • Missverständnis: Bauhaus-Architektur sei einfach „schmuckloses, kühles Bauen". Richtigstellung: Der Verzicht auf Ornament war eine bewusste gestalterische und gesellschaftspolitische Entscheidung, keine blocße Ästhetik-Reduktion, sondern Ausdruck des Anspruchs auf Funktionalität und Ehrlichkeit der Materialien.
  • Missverständnis: Das Bauhaus war in erster Linie eine Architekturschule. Richtigstellung: Das Bauhaus vereinte ursprünglich alle Gestaltungsdisziplinen von Textil über Möbel bis Fotografie; eine eigenständige Architekturabteilung entstand erst 1927 unter Hannes Meyer.
  • Missverständnis: „Form follows function" stamme vom Bauhaus selbst. Richtigstellung: Der Satz geht auf den amerikanischen Architekten Louis Sullivan Ende des 19. Jahrhunderts zurück und wurde vom Bauhaus lediglich als Leitprinzip aufgegriffen und popularisiert.

Grenzen der Betrachtung

So einflussreich die Bauhaus-Architektur war, so wichtig ist eine differenzierte Betrachtung im Unterricht. Der Anspruch, durch serielles, funktionales Bauen soziale Probleme wie Wohnungsnot zu lösen, geriet in der späteren Rezeption – etwa im Massenwohnungsbau der Nachkriegszeit – teils in Verruf, weil monotone Plattenbauweisen ohne den gestalterischen Anspruch der ursprünglichen Bauhaus-Ideen entstanden. Zudem war das Bauhaus selbst politisch angefeindet und wurde 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen, was zeigt, dass auch scheinbar neutrale, funktionale Gestaltung immer politisch aufgeladen sein kann. Der Unterricht sollte diese Ambivalenz zwischen emanzipatorischem Anspruch und problematischer späterer Rezeption offenlegen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Bauhaus-Architektur verbindet klare Geometrie, industrielle Materialien und den Verzicht auf Ornament.
  • Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe prägten die Bauhaus-Architektur auf unterschiedliche Weise maßgeblich.
  • Das Bauhausgebäude Dessau zeigt exemplarisch das Prinzip der funktionalen Gliederung nach Nutzungsbereichen.
  • Der Grundsatz „Form follows function" stammt ursprünglich von Louis Sullivan, nicht vom Bauhaus selbst.
  • Die spätere Rezeption in Form monotoner Massenbauten relativiert den emanzipatorischen Anspruch der Bauhaus-Idee.

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Häufig gestellte Fragen

Was zeichnet Bauhaus-Architektur aus?

Klare geometrische Formen, industrielle Materialien wie Stahl und Glas, der Verzicht auf Ornament und die enge Kopplung von Form und Funktion sind zentrale Merkmale der Bauhaus-Architektur.

Wer waren die wichtigsten Architekten des Bauhauses?

Walter Gropius als Gründer und erster Direktor sowie Ludwig Mies van der Rohe als letzter Direktor prägten die Bauhaus-Architektur besonders nachhaltig.

Was bedeutet „Form follows function"?

Der Grundsatz besagt, dass die Gestalt eines Objekts oder Gebäudes direkt aus seinem Verwendungszweck abgeleitet werden soll, statt sich an Dekoration oder historischen Stilvorbildern zu orientieren.

Welches Gebäude gilt als Hauptwerk der Bauhaus-Architektur?

Das von Walter Gropius entworfene Bauhausgebäude in Dessau (1925–1926) gilt als Prototyp der Bauhaus-Architektur und ist seit 1996 UNESCO-Welterbe.

Warum wurde das Bauhaus geschlossen?

Das Bauhaus wurde 1933 unter politischem Druck der Nationalsozialisten geschlossen, die die Schule als kulturbolschewistisch und gesellschaftlich subversiv ansahen.

Wie lässt sich Bauhaus-Architektur im Unterricht konkret behandeln?

Durch den Vergleich mit historisierenden Bauten derselben Zeit sowie durch eigene Entwurfsübungen, in denen Lernende nach Bauhaus-Prinzipien einen einfachen Baukörper gestalten.

Ist die Bauhaus-Architektur unumstritten geblieben?

Nein, insbesondere die spätere Rezeption in Form monotoner Massenwohnbauten der Nachkriegszeit steht in der Kritik, weil sie den gestalterischen Anspruch der ursprünglichen Ideen oft vermissen ließ.

Wie hängen Bauhaus-Architektur und Design zusammen?

Das Bauhaus verstand Architektur nicht isoliert, sondern als Teil eines Gesamtgestaltungsanspruchs, der auch Möbel, Typografie und Produktdesign nach denselben funktionalen Prinzipien einbezog.

Fazit

Die Architektur des Bauhauses zeigt, dass radikale Reduktion kein Selbstzweck ist, sondern immer aus einer klaren Haltung heraus entsteht: Funktion vor Dekoration, Transparenz vor Repräsentation. Am Beispiel von Gropius und Mies van der Rohe lässt sich im Unterricht besonders eindrücklich nachvollziehen, wie unterschiedlich sich ein gemeinsames Grundprinzip in konkreten Bauten äußern kann – und wie stark Architektur bis heute davon geprägt ist, was am Bauhaus vor rund hundert Jahren gedacht wurde.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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