Deutsch Sek I
Sachtexte verstehen und verfassen
Trainiert die drei Kernoperationen jeder Bildungssprache: informieren, erklären und zusammenfassen, mit Textbausteinen und Formulierungshilfen, die sich fachübergreifend übertragen lassen.
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Sprachbildung · Sekundarstufe I · Fachunterricht
Ein Scaffolding-Modell mit vier Ebenen, eine Anleitung zum Aufbau eines Wortspeichers in vier Schritten und sechs Sachfach-Reihen aus Physik, Erdkunde, Geschichte, Biologie, Deutsch und Kunst, die Fachinhalt und Sprachhilfe in einem Material liefern.
Sprachsensibler Fachunterricht bedeutet, fachliche Inhalte und die dafür nötige Bildungssprache in derselben Stunde zu vermitteln, statt sprachliche Hürden als selbstverständlich zu behandeln. Das gelingt über Scaffolding: vorübergehende sprachliche Stützen, die mit wachsender Sicherheit der Lerngruppe wieder abgebaut werden. Reihen wie Sachtexte verstehen und verfassen, die Physikeinheit zum elektrischen Stromkreis oder die Geografiereihe zu Strahlungsbilanz und Klimazonen liefern Fachinhalt und Sprachgerüst zusammen, sodass keine separate Wortliste nötig ist.
Zwischen der Alltagssprache, in der Schülerinnen und Schüler über ihren Tag sprechen, und der Bildungssprache, in der Fachtexte, Aufgabenstellungen und Klassenarbeiten formuliert sind, liegt eine Lücke, die mündlich flüssige Lernende leicht verdeckt. Ein Kind kann im Pausenhof druckvoll erzählen und trotzdem an einer Aufgabe wie „Beschreiben Sie die Entwicklung der Niederschlagsmenge in Abbildung 2" scheitern, weil Operatoren, Nominalisierungen und Fachbegriffe wie „Niederschlagsmenge" nicht zum aktiven Wortschatz gehören. Diese Lücke betrifft nicht nur Lernende mit einer anderen Familiensprache als Deutsch, sondern in unterschiedlichem Ausmaß einen großen Teil jeder Lerngruppe.
Sprachsensibler Fachunterricht setzt an dieser Lücke an, ohne den fachlichen Anspruch zu senken. Der zentrale Gedanke ist Scaffolding: ein Gerüst aus sprachlichen Hilfen, das während einer Unterrichtseinheit Schritt für Schritt abgebaut wird, ähnlich wie ein Baugerüst nach Fertigstellung eines Gebäudes entfernt wird. Am Anfang stehen Satzanfänge, Bildkarten und ein gemeinsam erarbeiteter Wortspeicher, am Ende steht die freie schriftliche Erklärung ohne Hilfsmittel.
Scaffolding lässt sich auf vier Ebenen planen: der langfristigen Planung einer ganzen Unterrichtsreihe, dem Aufbau einer einzelnen Stunde, den konkreten sprachlichen Hilfsmitteln im Unterrichtsgespräch und der schriftlichen Unterstützung in Arbeitsblättern. Diese vier Ebenen bilden die erste Tabelle weiter unten mit Beispielen aus den sechs Fachreihen.
In der Praxis bewährt es sich, Scaffolding nicht als Zusatzaufwand, sondern als festen Bestandteil der Stundenplanung zu behandeln. Wer vor der Stunde die drei bis fünf zentralen Fachbegriffe notiert und dafür Satzanfänge oder ein Bildwörterbuch bereitlegt, spart in der Stunde selbst Zeit, weil weniger Verständnisfragen die Erarbeitungsphase unterbrechen.
Die folgenden sechs Reihen sind fachlich vollständig ausgearbeitet und enthalten zugleich sprachliche Strukturhilfen wie Satzanfänge, Bildkarten oder Textbausteine, die sich direkt für Scaffolding nutzen lassen.
Deutsch Sek I
Trainiert die drei Kernoperationen jeder Bildungssprache: informieren, erklären und zusammenfassen, mit Textbausteinen und Formulierungshilfen, die sich fachübergreifend übertragen lassen.
Physik Klasse 7–9
Leiter, Schaltungen und Sicherheit mit klar benannten Fachbegriffen wie Spannung, Stromstärke und Widerstand, ideal für einen Wortspeicher zum Stromkreis mit Bildkarten.
Erdkunde Sek II
Arbeitet mit Klimadiagrammen und Karten, die Signalwörter für Vergleiche und Entwicklungen wie „steigt", „sinkt" oder „im Vergleich zu" systematisch einführen.
Geschichte Sek I
Vom Agrarstaat zur Industrienation, mit Quellen und Bildmaterial, die Ursache-Wirkungs-Ketten versprachlichen und dafür feste Konnektoren wie „dadurch" oder „infolgedessen" trainieren.
Biologie Sek II
Beschreibt einen mehrstufigen biochemischen Prozess, an dem sich Prozessbeschreibungen mit Zeitadverbien und Passivkonstruktionen gezielt einüben lassen.
Kunst Sek I/II
Systematisiert die Fachsprache der Bildbeschreibung von Bildaufbau bis Farbkontrast und eignet sich als Modell für einen fachspezifischen Wortspeicher in der Kunstanalyse.
Scaffolding entfaltet seine Wirkung erst, wenn es in eine klare Stundendramaturgie eingebettet ist und nicht als einzelne Übung isoliert bleibt. Am Anfang steht der Einstieg mit Bild- oder Realienimpuls, bei dem Lernende zunächst mündlich und in eigenen Worten beschreiben, was sie sehen, bevor Fachbegriffe eingeführt werden. Erst danach folgt die gezielte Einführung von drei bis fünf zentralen Fachbegriffen über den Wortspeicher, mit Bild, Wort und einem Beispielsatz auf einer gemeinsamen Karte oder einem Plakat.
In der Erarbeitungsphase tragen Satzanfänge die mündliche und schriftliche Arbeit: „Ich erkenne, dass ...", „Das liegt daran, dass ...", „Im Vergleich zu ... zeigt sich ...". Diese Formulierungen entlasten kognitiv, weil Lernende sich auf den fachlichen Inhalt konzentrieren können, statt gleichzeitig nach einer passenden Satzstruktur zu suchen. Gerade in der Sicherungsphase, wenn Ergebnisse vorgestellt oder schriftlich festgehalten werden, zeigt sich, ob der Wortspeicher tatsächlich aktiv genutzt wurde oder nur an der Tafel hing.
Am Ende einer Reihe steht der schrittweise Abbau der Hilfen. Wer zu Beginn mit vollständigen Satzanfängen gearbeitet hat, reduziert diese in der zweiten Stunde auf Konnektoren, in der dritten Stunde auf den bloßen Wortspeicher als Nachschlagehilfe, bis am Ende die freie Anwendung ohne Gerüst steht. Dieser Abbau ist ebenso wichtig wie der Aufbau, denn ohne ihn bleibt Sprachbildung an der Hilfestellung hängen, statt in eigenständiges Sprachhandeln zu münden.
Scaffolding wirkt auf vier unterschiedlichen Ebenen, die sich in der Unterrichtsplanung ergänzen. Die folgende Übersicht ordnet jeder Ebene ein konkretes Beispiel aus den Fachreihen zu.
| Ebene | Zeitpunkt | Konkretes Beispiel | Passendes Material |
|---|---|---|---|
| Makro-Scaffolding | Planung der gesamten Reihe | Fachbegriffe steigen über mehrere Stunden vom Bild zur freien Definition | Stromkreis-Reihe |
| Meso-Scaffolding | Planung einer einzelnen Stunde | Einstieg mündlich, Erarbeitung mit Wortspeicher, Sicherung schriftlich mit Satzanfängen | Klimazonen-Reihe |
| Mikro-Scaffolding mündlich | Unterrichtsgespräch | Lehrkraft modelliert einen vollständigen Antwortsatz, bevor sie fragt | Industrialisierung |
| Mikro-Scaffolding schriftlich | Arbeitsblatt und Klassenarbeit | Lückensätze und Textbausteine, die im Verlauf der Reihe reduziert werden | Sachtexte verstehen |
| Bildliche Unterstützung | Einstieg und Wortspeicher | Bildkarten zu Prozessschritten, die vor der Verschriftlichung besprochen werden | Fotosynthese-Reihe |
Ein Wortspeicher ist kein einmalig erstelltes Plakat, sondern ein Werkzeug, das über eine ganze Reihe mitwächst und aktiv genutzt wird. Die folgenden vier Schritte lassen sich auf jedes Sachfach übertragen.
Scaffolding bezeichnet vorübergehende sprachliche Stützen wie Satzanfänge, Bildkarten oder Wortspeicher, die Lernenden helfen, fachliche Inhalte auch dann zu verstehen und zu formulieren, wenn die nötige Bildungssprache noch nicht sicher verfügbar ist. Mit wachsender Sicherheit werden diese Stützen schrittweise abgebaut, ähnlich einem Baugerüst, das nach der Fertigstellung entfernt wird.
Für alle Lernenden, nicht nur für Kinder mit einer anderen Familiensprache als Deutsch. Die Lücke zwischen Alltagssprache und Bildungssprache betrifft in unterschiedlichem Ausmaß einen großen Teil jeder Lerngruppe, weil Fachtexte und Aufgabenstellungen eine Sprachebene verlangen, die im Alltag selten vorkommt.
In vier Schritten: zunächst drei bis fünf zentrale Begriffe je Stunde auswählen, diese mit Bild und Beispielsatz einführen, im Unterrichtsgespräch aktiv nutzen lassen und am Stundenende schriftlich sichern. Über mehrere Stunden werden die Beispielsätze schrittweise durch eigene Formulierungen der Lernenden ersetzt.
Drei bis fünf Begriffe sind in der Praxis handhabbar. Mehr Begriffe überfordern das Arbeitsgedächtnis und verwässern den Effekt, weil keiner der Begriffe ausreichend oft aktiv verwendet wird. Wichtiger als die Anzahl ist die mehrfache aktive Nutzung jedes Begriffs innerhalb derselben Stunde.
Ja. DaZ-Unterricht ist ein eigenes Fach mit Fokus auf Deutsch als Zweitsprache, während sprachsensibler Fachunterricht in Physik, Erdkunde oder Geschichte stattfindet und dort die fachspezifische Bildungssprache mitvermittelt, ohne den fachlichen Anspruch zu senken. Beide Ansätze ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht.
Der Einstieg mit Wortspeicher kostet fünf bis acht Minuten zusätzlich, spart aber in der Erarbeitungsphase Zeit, weil weniger Verständnisfragen den Ablauf unterbrechen. In der Praxis gleicht sich der Mehraufwand nach zwei bis drei Stunden aus, sobald die Lerngruppe die Struktur kennt.