Sek II

William Kentridge: Zeichentrickfilm und Animation als politisches Medium

von Luca 15.07.2026 1 Min. Lesezeit

Ein Radiergummi als Filmwerkzeug: William Kentridge zeichnet mit Kohle auf Papier, fotografiert das Bild, radiert einen Teil aus, zeichnet weiter, fotografiert erneut – und wiederholt diesen Vorgang hunderte Male, bis daraus ein Film entsteht. Kein Bildschirm, kein Computerprogramm, keine Ebenen zum Rückgängigmachen. Nur ein einziges Blatt Papier, das sich vor der Kamera immer wieder verändert und dabei sichtbare Spuren seiner eigenen Vergangenheit trägt. Während ein früherer Beitrag auf diesem Blog Kentridge gemeinsam mit John Heartfield als Beispiel politischer Bildsprache im Kunstunterricht vorgestellt hat, lohnt sich ein Artikel, der ausschließlich bei Kentridge bleibt – bei seiner ganz eigenen Technik der gezeichneten Animation und ihrer engen Verbindung zur Geschichte Südafrikas.

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Was bedeutet: Zeichentrickfilm als politisches Medium?

Klassischer Zeichentrick arbeitet meist mit sauberen, klar getrennten Einzelbildern, die schnell hintereinander abgespielt eine flüssige Bewegung erzeugen. Kentridges Verfahren funktioniert grundlegend anders: Er nutzt nur wenige, oft nur ein einziges großformatiges Blatt, auf dem er mit Kohle zeichnet, Teile der Zeichnung wieder ausradiert und neu überzeichnet. Jede Veränderung wird einzeln mit der Filmkamera festgehalten. Beim Abspielen entsteht daraus eine Bewegung, die nie vollständig „sauber“ wirkt: Radierspuren, Schatten und Überreste früherer Zeichenzustände bleiben sichtbar und flimmern im Hintergrund mit. Diese sichtbare Unvollkommenheit ist kein technischer Mangel, sondern zentrale Aussage. Das Medium selbst wird zum Bild von Erinnerung: Nichts verschwindet vollständig, jede Löschung hinterlässt eine Spur – ein Prinzip, das sich unmittelbar auf Kentridges politische Themen überträgt, bei denen Vergangenheit ebenfalls nie ganz zu tilgen ist.

Apartheid, Johannesburg und die Technik des Palimpsests

William Kentridge wurde 1955 in Johannesburg geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf, deren Eltern als Anwälte gegen die Apartheid-Gesetzgebung arbeiteten. Diese biografische Prägung findet sich direkt in seiner künstlerischen Methode wieder. Die Technik des fortlaufenden Zeichnens, Radierens und Überzeichnens auf demselben Blatt wird in der Kunstwissenschaft oft als „palimpsestartig“ beschrieben – nach dem Vorbild mittelalterlicher Pergamente, von denen Text abgeschabt und neu beschrieben wurde, wobei die alte Schrift dennoch schemenhaft sichtbar blieb. Genau das geschieht in Kentridges Filmen mit den Bildern eines geteilten Landes: Die Landschaften rund um Johannesburg, durchzogen von Minenschächten und Abraumhalden, tauchen immer wieder auf, überlagert von Figuren, die für Ausbeutung, Macht und Widerstand stehen. Die immer wieder sichtbaren Radierspuren funktionieren dabei wie ein visuelles Gedächtnis, das sich nicht vollständig austilgen lässt – ein Bild für eine Geschichte, deren Unrecht ebenfalls nicht einfach übermalt werden kann.

Beispiel: Die Filmreihe um Soho Eckstein

Besonders bekannt wurde Kentridge durch eine Serie kurzer Animationsfilme um die wiederkehrende Figur des Industriellen Soho Eckstein, eines gestreift gekleideten Geschäftsmanns, der stellvertretend für die weiße Wirtschaftselite Südafrikas steht. In Filmen wie jenen aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren verwandeln sich Landschaften vor den Augen der Zuschauenden: Aus einer Wiese wird ein Minengelände, aus einem Fluss ein Büroraum, aus einer leeren Fläche ein Demonstrationszug. Diese fortlaufenden Verwandlungen, gezeichnet auf demselben Blatt und niemals ganz gelöscht, machen wirtschaftliche Ausbeutung und deren Folgen für Landschaft und Gesellschaft unmittelbar sichtbar. Die Filme verzichten dabei bewusst auf gesprochenen Kommentar oder erklärende Texttafeln – die Bildfolge selbst trägt die politische Aussage.

Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität

Im Unterricht lässt sich das Grundprinzip mit einfachen Mitteln nachvollziehen. Die Lernenden zeichnen mit Kohle oder weichem Bleistift ein einfaches Motiv auf ein Blatt Papier, fotografieren es mit dem Smartphone, radieren einen Teil aus, zeichnen etwas Neues an dieselbe Stelle und fotografieren erneut. Nach acht bis zwölf Wiederholungen lassen sich die Fotos mit einer einfachen App zu einer kurzen Sequenz zusammenfügen. Wichtig für die Aufgabenstellung: Die Radierspuren sollen bewusst sichtbar bleiben statt vollständig entfernt zu werden. Im Anschluss reflektieren die Gruppen, welche Bedeutung die sichtbaren Überreste für die Aussage der eigenen kleinen Animation bekommen – und stellen den Bezug zu Kentridges Umgang mit Erinnerung und Geschichte her.

Typische Missverständnisse

  • „Das ist einfach unfertiger Zeichentrick.“ Die sichtbaren Radierspuren sind eine bewusste ästhetische und inhaltliche Entscheidung, kein technisches Versehen.
  • „Kentridges Filme brauchen aufwendige Computertechnik.“ Tatsächlich entstehen sie mit klassischer Stop-Motion-Fotografie von Handzeichnungen, ganz ohne digitale Animation.
  • „Die Filme sind reine Südafrika-Geschichte ohne heutige Relevanz.“ Themen wie Ausbeutung, Macht und kollektives Gedächtnis lassen sich problemlos auf aktuelle gesellschaftliche Konflikte übertragen.

Grenzen der Betrachtung

Die technische Faszination der Radiergummi-Animation darf nicht den Blick darauf verstellen, dass Kentridges Werk weit über Zeichentrickfilme hinausgeht: Er arbeitet ebenso mit Theaterinszenierungen, Skulptur, Druckgrafik und großformatigen Wandarbeiten. Die Konzentration allein auf die Filmtechnik in diesem Beitrag blendet diese anderen Werkbereiche bewusst aus. Zudem ist die politische Lesart der Filme nicht immer eindeutig: Kentridge selbst betont oft, dass er keine direkten politischen Botschaften illustrieren, sondern Ambivalenzen und Widersprüche offenlegen möchte. Eine zu eindeutige „Anklage-Lesart“ im Unterricht würde dieser Komplexität nicht gerecht.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Kentridge erzeugt seine Animationsfilme durch fortlaufendes Zeichnen, Radieren und Überzeichnen auf demselben Blatt Kohlepapier.
  • Sichtbare Radierspuren funktionieren als visuelles Gedächtnis, das sich nicht vollständig tilgen lässt.
  • Seine Herkunft aus Johannesburg und die Apartheid-Geschichte Südafrikas prägen Motive wie Minenlandschaften und soziale Ungleichheit.
  • Die Figur des Soho Eckstein steht stellvertretend für wirtschaftliche Macht und Ausbeutung.
  • Die Technik lässt sich mit einfachen Mitteln – Papier, Kohle, Smartphone – im Unterricht praktisch nachvollziehen.

Passendes Unterrichtsmaterial

Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit politischer Bildsprache und Animationstechnik steht folgende Unterrichtsreihe bereit:

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Häufig gestellte Fragen

Wie entstehen Kentridges Animationsfilme technisch? Durch fortlaufendes Zeichnen mit Kohle auf Papier, das nach jeder Änderung fotografiert wird – eine Form der Stop-Motion-Animation ohne digitale Hilfsmittel.

Warum bleiben Radierspuren im Bild sichtbar? Weil Kentridge sie bewusst als Teil der Bildaussage einsetzt – sie stehen für Erinnerung und Geschichte, die sich nie vollständig löschen lassen.

Welche Rolle spielt Südafrika in seinem Werk? Eine zentrale: Kentridges Motive, Landschaften und Figuren beziehen sich unmittelbar auf die Geschichte Johannesburgs und der Apartheid.

Wer ist Soho Eckstein? Eine wiederkehrende Figur in Kentridges Filmen, ein Industrieller, der stellvertretend für wirtschaftliche Macht und Ausbeutung steht.

Arbeitet Kentridge ausschließlich mit Animation? Nein, er ist auch in Theater, Skulptur und Druckgrafik tätig – dieser Beitrag konzentriert sich bewusst auf die Zeichenanimation.

Wie lässt sich die Technik im Unterricht nachstellen? Mit Papier, Kohle oder Bleistift und einem Smartphone lassen sich einfache Stop-Motion-Sequenzen mit sichtbaren Radierspuren erproben.

Ist das Thema für die Sek II geeignet? Ja, besonders im Zusammenhang mit politischer Kunst, Animationstechnik und Zeitgeschichte Südafrikas.

Fazit

William Kentridges Zeichenanimation zeigt, wie eng technisches Verfahren und politische Aussage ineinandergreifen können. Die einfache, fast altmodisch wirkende Methode aus Kohle, Radiergummi und Fotokamera erzeugt eine Bildsprache, in der Vergangenheit sichtbar bleibt, selbst wenn sie übermalt werden soll. Gerade diese formale Eigenheit macht Kentridges Werk zu einem ergiebigen Unterrichtsgegenstand, der weit über die reine Technikvermittlung hinaus zum Nachdenken über Erinnerung, Geschichte und Verantwortung anregt.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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