Wassily Kandinsky: Der Weg zur gegenstandslosen Malerei
Ein Bild ohne erkennbaren Gegenstand – heute ein Allgemeinplatz der Kunstgeschichte, war um 1910 eine kleine Revolution. Wassily Kandinsky gehört zu den ersten Künstlern, die konsequent auf jede gegenständliche Darstellung verzichteten und stattdessen Farbe, Form und Linie als eigenständige Bildsprache begriffen. Während ein früherer Beitrag auf diesem Blog Kandinsky im breiteren Zusammenhang der Wege zur Abstraktion neben Kubismus und Moderne beleuchtet hat, lohnt sich ein Artikel, der ganz bei ihm bleibt: bei seiner ungewöhnlichen Wahrnehmung von Farbe als Klang, bei seiner kunsttheoretischen Schrift und bei dem konkreten Moment, in dem die Abstraktion tatsächlich begann.
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Was bedeutet: Gegenstandslose Malerei?
Gegenstandslose oder abstrakte Malerei verzichtet bewusst darauf, erkennbare Objekte, Personen oder Landschaften abzubilden. Statt eines Motivs treten Farbe, Form, Linie und Komposition selbst in den Vordergrund – sie werden nicht mehr als Mittel zur Darstellung von etwas anderem verstanden, sondern als eigenständiger Bildinhalt. Für Kandinsky war dieser Schritt kein rein formales Experiment, sondern eng mit einer spirituellen Überzeugung verknüpft: Er glaubte, dass Farben und Formen unmittelbar auf die Seele des Betrachters wirken können, ähnlich wie Töne in der Musik Emotionen auslösen, ohne dass ein konkretes Bild oder eine Geschichte nötig wäre. Die Abkehr vom Gegenstand war für ihn daher gleichbedeutend mit einer Annäherung an das, was er das „Geistige“ in der Kunst nannte – eine innere, nicht-materielle Wirkungsebene der Malerei.
Synästhesie: Wenn Kandinsky Farben hörte
Eine zentrale Voraussetzung für Kandinskys künstlerische Entwicklung war seine besondere Wahrnehmungsfähigkeit: Er erlebte Synästhesie, also die Kopplung verschiedener Sinnesbereiche – er nahm Farben und Töne teilweise gemeinsam wahr, sah beim Hören von Musik Farben vor sich oder hörte beim Betrachten von Farben klangliche Qualitäten. Ein häufig zitiertes Schlüsselerlebnis war der Besuch einer Aufführung von Richard Wagners Oper „Lohengrin“ in Moskau 1896, bei der Kandinsky die Musik als eine Fülle innerer Farbvisionen erlebte. Diese Erfahrung bestärkte ihn in der Überzeugung, dass Malerei ähnlich wie Musik unmittelbar, ohne den Umweg über gegenständliche Motive, auf das Innere des Menschen wirken könne. Konsequenterweise gab er späteren Werkgruppen musikalische Titel wie „Improvisationen“, „Kompositionen“ und „Klänge“ – Bezeichnungen, die bewusst aus der Musik entlehnt waren und den Anspruch signalisierten, Malerei als eigene, von Gegenständen losgelöste Klangsprache zu verstehen.
„Über das Geistige in der Kunst“ und die erste Abstraktion
1911 veröffentlichte Kandinsky seine kunsttheoretische Schrift „Über das Geistige in der Kunst“, in der er seine Ideen systematisch ausformulierte. Er beschreibt darin Farben mit konkreten psychischen Wirkungen – Gelb etwa als aufdringlich und aggressiv-ausstrahlend, Blau als in sich ruhend und in die Tiefe führend – und entwirft ein Modell, in dem Farbe direkt auf die „Seele“ des Betrachters wirkt, vergleichbar einem Tastenanschlag auf einem Klavier, der eine bestimmte Saite in Schwingung versetzt. Parallel zu dieser theoretischen Arbeit vollzog Kandinsky in der Malerei selbst den entscheidenden Schritt: Um 1910/1911 entstanden erste Werke, in denen sich gegenständliche Bezugspunkte weitgehend auflösten, darunter ein oft als erstes vollständig abstraktes Aquarell bezeichnetes Blatt. Auch wenn sich in der Forschung diskutieren lässt, welches Werk exakt als „erstes“ abstraktes Bild gelten darf, markiert diese Schaffensphase unbestreitbar den Moment, in dem Kandinsky endgültig auf erkennbare Motive verzichtete und stattdessen freie Farb- und Formkompositionen schuf.
Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität
Eine anschauliche Unterrichtsübung setzt direkt an Kandinskys synästhetischer Grunderfahrung an: Die Lernenden hören einen kurzen Musikausschnitt – idealerweise ein Instrumentalstück ohne Text – und übersetzen das Gehörte unmittelbar in Farbe, Form und Linie auf Papier, ohne dabei einen konkreten Gegenstand darzustellen. Wichtig ist die Vorgabe, keine Motive (etwa Instrumente oder Noten) zu zeichnen, sondern ausschließlich mit Farbintensität, Liniendynamik und Formen zu arbeiten. Im Anschluss vergleichen die Gruppen ihre Ergebnisse und diskutieren, welche Farb- und Formentscheidungen für schnelle, laute Musikpassagen gewählt wurden und welche für ruhige, leise Abschnitte. Diese Übung macht Kandinskys Grundgedanken – Malerei als unmittelbare, von Gegenständen losgelöste Ausdrucksform – direkt erfahrbar.
Typische Missverständnisse
- „Kandinsky hat als Erster überhaupt abstrakt gemalt.“ Parallel entwickelten auch andere Künstlerinnen und Künstler wie Hilma af Klint eigene Formen abstrakter Malerei, teils sogar früher – Kandinskys Bedeutung liegt vor allem in der systematischen theoretischen Begründung.
- „Synästhesie ist nur eine künstlerische Metapher.“ Bei Kandinsky handelte es sich um eine tatsächlich gelebte neurologische Wahrnehmungsbesonderheit, keine bloße literarische Stilfigur.
- „Abstrakte Bilder haben keine Bedeutung.“ Kandinsky verstand seine gegenstandslosen Kompositionen im Gegenteil als besonders bedeutungsvoll – als unmittelbaren Ausdruck geistiger und emotionaler Zustände.
Grenzen der Betrachtung
Die Konzentration auf Synästhesie und Musikbezug blendet andere wichtige Einflüsse auf Kandinskys Werk aus, etwa seine Auseinandersetzung mit russischer Volkskunst, mit Theosophie und esoterischen Strömungen der Zeit sowie später mit dem Bauhaus und geometrisch-konstruktiven Formen ab den 1920er-Jahren. Zudem lässt sich der genaue Zeitpunkt des „ersten“ abstrakten Bildes kunsthistorisch nicht zweifelsfrei festlegen – die Abstraktion entwickelte sich bei Kandinsky schrittweise über mehrere Jahre, nicht als einmaliger, klar datierbarer Durchbruch.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Kandinsky erlebte Synästhesie und nahm Farben und Musik teilweise gemeinsam wahr.
- Sein Schlüsselerlebnis war eine Wagner-Aufführung 1896, die ihn zu einer musikalischen Auffassung von Malerei inspirierte.
- In „Über das Geistige in der Kunst“ (1911) entwarf er eine Theorie der unmittelbaren psychischen Wirkung von Farbe.
- Um 1910/1911 entstanden seine ersten weitgehend gegenstandslosen Werke.
- Werktitel wie „Improvisationen“ oder „Kompositionen“ verweisen bewusst auf die musikalische Grundidee seiner Malerei.
Passendes Unterrichtsmaterial
Für die vertiefte Auseinandersetzung mit Kandinsky im Kontext der Abstraktion steht folgende Unterrichtsreihe bereit:
- Unterrichtsreihe Kunst: Wege zur Abstraktion – Kubismus & Moderne – Werkanalysen und Kontextmaterial zur Entwicklung der abstrakten Malerei.
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Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter Synästhesie bei Kandinsky? Eine Wahrnehmungsbesonderheit, bei der er Farben und Töne teilweise gemeinsam erlebte, etwa Farbvisionen beim Hören von Musik.
Was besagt die Schrift „Über das Geistige in der Kunst“? Sie entwirft eine Theorie, nach der Farben unmittelbar psychische Wirkungen auf den Betrachter ausüben, ähnlich wie Musik auf das Gehör wirkt.
Wann entstanden Kandinskys erste abstrakten Werke? Um 1910/1911, in enger zeitlicher Nähe zur Veröffentlichung seiner kunsttheoretischen Schrift.
War Kandinsky wirklich der erste abstrakte Maler? Das ist umstritten – auch andere Künstlerinnen wie Hilma af Klint experimentierten parallel oder früher mit abstrakten Formen.
Warum tragen viele seiner Bilder musikalische Titel? Weil Kandinsky Malerei bewusst als eine der Musik verwandte, von Gegenständen losgelöste Ausdrucksform verstand.
Welche Rolle spielte die Wagner-Oper „Lohengrin“? Der Opernbesuch 1896 gilt als prägendes Schlüsselerlebnis für Kandinskys spätere musikalisch-farbliche Bildauffassung.
Eignet sich das Thema für die Sek II? Ja, besonders im Zusammenhang mit der Entwicklung der klassischen Moderne und der Abstraktion in der Malerei.
Wie lässt sich Kandinskys Ansatz praktisch im Unterricht erproben? Über eine Übung, bei der Musik unmittelbar in Farbe und Form übersetzt wird, ohne dabei konkrete Gegenstände darzustellen.
Fazit
Wassily Kandinskys Weg zur gegenstandslosen Malerei zeigt, wie eng persönliche Wahrnehmung, kunsttheoretische Reflexion und malerische Praxis miteinander verbunden sein können. Seine Überzeugung, dass Farbe unmittelbar auf die Seele wirkt, führte ihn konsequent zu einer Malerei ohne Gegenstand – ein Schritt, der die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig verändert hat und bis heute ein zentraler Ausgangspunkt für das Verständnis abstrakter Kunst im Unterricht bleibt.
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