Ethik· Sek II

Nussbaums Gerechtigkeitstheorie im Unterricht: Fähigkeitenansatz nach Kernlehrplan NRW

von Luca 09.07.2026 1 Min. Lesezeit
Nussbaums Gerechtigkeitstheorie im Unterricht: Fähigkeitenansatz nach Kernlehrplan NRW

Wer nach Unterrichtsmaterial zu Martha Nussbaums Gerechtigkeitstheorie sucht, stößt fast zwangsläufig auf eine Verwirrung: In einigen Kernlehrplan-Dokumenten in NRW wird ihr Name als „Nußbaum" statt „Nussbaum" geführt – ein bekannter Schreibfehler, der Lehrkräften und Schülerinnen bei der eigenen Recherche häufig auffällt und Suchergebnisse erschwert. Gemeint ist in jedem Fall dieselbe Philosophin: die US-amerikanische Rechts- und Moralphilosophin Martha C. Nussbaum.

Ihr Buch „Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit" (im englischen Original Frontiers of Justice) gehört zu den einflussreichsten Weiterentwicklungen der Gerechtigkeitstheorie nach John Rawls – und ist zugleich anspruchsvoll genug, dass Lehrkräfte für den Unterricht in der Oberstufe eine klare didaktische Aufbereitung brauchen.

Für eine unterrichtsfertige Umsetzung eignet sich die Unterrichtsreihe „Nußbaums Gerechtigkeitsansatz im Klassenzimmer". Sie deckt den Fähigkeitenansatz, politische Emotionen und feministische Perspektiven ab, bietet differenzierte Arbeitsblätter für unterschiedliche Leistungsniveaus und ist auf Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 18 Jahren zugeschnitten.

Warum suchen Lehrkräfte nach Unterrichtsmaterial zu Nussbaums Gerechtigkeitstheorie?

Nussbaums Werk taucht in der gymnasialen Oberstufe vor allem im Rahmen der politischen Bildung auf – etwa in Sozialwissenschaften, Politik/Wirtschaft oder Philosophie/Praktische Philosophie, wenn es um Gerechtigkeitstheorien, Menschenrechte oder globale Verteilungsfragen geht. Typische Gründe für die Suche nach Material:

  • Rawls' Gerechtigkeitstheorie wurde bereits behandelt, Nussbaum soll als Erweiterung und Kritik ergänzt werden.
  • Der Fähigkeitenansatz (Capability Approach) soll verständlich und schülernah erklärt werden.
  • Themen wie Behinderung, globale Gerechtigkeit oder Tierethik sollen konkret und diskussionsfähig gemacht werden.
  • Politische Emotionen und feministische Perspektiven sollen als Erweiterung klassischer Vertragstheorien eingeordnet werden.
  • Differenzierte Aufgaben für unterschiedliche Leistungsniveaus in Q1/Q2 werden benötigt.

Wer ist Martha Nussbaum?

Martha C. Nussbaum lehrt Rechtswissenschaft und Ethik an der University of Chicago und gilt als eine der einflussreichsten politischen Philosophinnen der Gegenwart. Gemeinsam mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Amartya Sen entwickelte sie den sogenannten Fähigkeitenansatz (Capability Approach), den sie von einem rein ökonomischen Entwicklungsmaß zu einer umfassenden politischen Gerechtigkeitstheorie weiterentwickelte.

Die drei Grenzen von Rawls' Gerechtigkeitstheorie

Ausgangspunkt von „Die Grenzen der Gerechtigkeit" ist eine Kritik an John Rawls' einflussreicher Vertragstheorie. Rawls' Modell geht von einem Vertrag zwischen freien, gleichen und kooperationsfähigen Personen aus – und genau das führt laut Nussbaum in drei Bereichen zu blinden Flecken:

  • Menschen mit Behinderung: Wer nicht als „normal kooperationsfähiger" Vertragspartner gilt, fällt aus dem Modell heraus. Gerechtigkeit unter Ungleichen bleibt ungeklärt.
  • Nationale Zugehörigkeit: Der Gesellschaftsvertrag denkt Gerechtigkeit primär innerhalb eines Staates. Globale Gerechtigkeit zwischen reichen und armen Ländern bleibt unterbelichtet.
  • Spezieszugehörigkeit: Nichtmenschliche Tiere sind keine Vertragspartner. Gerechtigkeit gegenüber anderen Spezies fällt aus dem Modell heraus.

Diese drei Punkte lassen sich im Unterricht hervorragend als Diskussionseinstieg nutzen: Wo genau versagt ein Vertrag „unter Gleichen", wenn die Beteiligten eben nicht gleich sind?

Der Fähigkeitenansatz als Alternative

Statt Gerechtigkeit über einen hypothetischen Vertrag zu begründen, fragt Nussbaum: Welche Fähigkeiten (capabilities) braucht ein Mensch, um ein Leben in Würde zu führen? Ein gerechter Staat muss demnach nicht nur Grundgüter verteilen, sondern reale Handlungsmöglichkeiten sichern. Nussbaum benennt zehn zentrale Fähigkeiten, die jede Gesellschaft für alle Menschen gewährleisten sollte:

  1. Leben – ein menschenwürdiges Leben normaler Länge führen können.
  2. Körperliche Gesundheit – gute Gesundheit, Ernährung und angemessener Wohnraum.
  3. Körperliche Unversehrtheit – sich frei bewegen können, Schutz vor Gewalt und Übergriffen.
  4. Sinne, Fantasie und Denken – wahrnehmen, sich vorstellen, denken und urteilen können, auch durch Bildung.
  5. Gefühle – Bindungen eingehen, Emotionen ohne Angst und Traumatisierung entwickeln.
  6. Praktische Vernunft – eine eigene Vorstellung vom guten Leben entwerfen und reflektieren.
  7. Zugehörigkeit – mit anderen leben, Respekt erfahren, nicht diskriminiert werden.
  8. Andere Spezies – eine Beziehung zu Tieren, Pflanzen und Natur leben können.
  9. Spiel – lachen, spielen und unterhaltsame Tätigkeiten genießen.
  10. Kontrolle über die eigene Umwelt – politisch mitbestimmen, Eigentum und Arbeit unter fairen Bedingungen.

Wichtig für den Unterricht: Diese Liste ist kein starres Programm, sondern ein Schwellenwert-Modell. Ein Staat gilt als gerecht, wenn er allen Bürgerinnen und Bürgern ein Mindestmaß jeder dieser Fähigkeiten sichert – unabhängig davon, ob sie als „nützliche" Vertragspartner gelten oder nicht.

Politische Emotionen und feministische Perspektiven

Zwei weitere Bausteine ergänzen den Fähigkeitenansatz und sind Teil der Unterrichtsreihe:

  • Politische Emotionen: In ihrem verwandten Werk „Political Emotions: Why Love Matters for Justice" argumentiert Nussbaum, dass gerechte Institutionen nicht allein durch Vernunft und Verfahren stabil bleiben, sondern auch durch geteilte Gefühle wie Mitgefühl, Solidarität und öffentliche Zuneigung getragen werden müssen.
  • Feministische Perspektiven: Nussbaum zeigt, dass klassische Vertragstheorien Frauen historisch oft unsichtbar gemacht haben, etwa bei unbezahlter Sorgearbeit oder eingeschränkten Bildungschancen. Der Fähigkeitenansatz macht solche Ungleichheiten sichtbar, weil er nach real verfügbaren Handlungsmöglichkeiten fragt statt nach formaler Gleichheit.

Leitfragen für den Unterricht

  • Warum reicht ein Vertrag „unter Gleichen" nicht aus, um Gerechtigkeit für alle zu begründen?
  • Ist ein Mindestmaß an Fähigkeiten ein besserer Gerechtigkeitsmaßstab als verteilte Güter?
  • Wie verändert sich der Blick auf Inklusion, wenn Gerechtigkeit von Fähigkeiten statt von Verträgen ausgeht?
  • Welche Verantwortung haben reiche Staaten gegenüber ärmeren Staaten – und warum?
  • Haben Tiere einen Anspruch auf Gerechtigkeit, oder nur auf Mitleid?
  • Warum können Gerechtigkeitsvorstellungen ohne geteilte Gefühle politisch instabil bleiben?

Möglicher Aufbau der Unterrichtsreihe

  • Baustein 1: Wiederholung Rawls – Gesellschaftsvertrag und Schleier des Nichtwissens
  • Baustein 2: Nussbaums Kritik – die drei Grenzen der Vertragstheorie
  • Baustein 3: Der Fähigkeitenansatz – die zehn zentralen Fähigkeiten erarbeiten und diskutieren
  • Baustein 4: Fallbeispiele – Behinderung, globale Gerechtigkeit, Tierethik
  • Baustein 5: Politische Emotionen – warum Institutionen Gefühle brauchen
  • Baustein 6: Feministische Perspektiven und aktuelle Anwendungsfälle
  • Baustein 7: Transfer und Bewertung – eigene Position zu Rawls vs. Nussbaum entwickeln

Kompetenzen, die gefördert werden

  • philosophische und politische Theorien vergleichen und bewerten
  • komplexe Fachtexte erschließen und in eigenen Worten wiedergeben
  • abstrakte Begriffe (Fähigkeit, Vertrag, Schwellenwert) auf konkrete Fälle anwenden
  • eigene Position begründet entwickeln und in Diskussionen vertreten
  • ethische Dilemmata (Behinderung, globale Gerechtigkeit, Tierethik) differenziert beurteilen
  • Perspektivwechsel vollziehen und Gegenpositionen ernst nehmen

Differenzierungsmöglichkeiten

Unterstützung für schwächere Lernende

  • Kernbegriffe als Wortbank oder Glossar bereitstellen
  • Rawls und Nussbaum tabellarisch gegenüberstellen
  • die zehn Fähigkeiten mit Alltagsbeispielen statt Fachsprache einführen
  • Textarbeit mit Leitfragen und markierten Kernaussagen begleiten

Erweiterung für stärkere Lernende

  • Originalauszüge aus „Die Grenzen der Gerechtigkeit" analysieren
  • Nussbaums Kritik an Rawls in einer eigenen Argumentation bewerten
  • aktuelle politische Debatten (Inklusion, Klimagerechtigkeit, Tierschutz) mit dem Fähigkeitenansatz einordnen
  • Bezüge zu Amartya Sens ökonomischer Entwicklungstheorie herstellen

Typische Schwierigkeiten im Unterricht zu Nussbaum

  • Der Fähigkeitenansatz wird als reine Liste auswendig gelernt statt als Gerechtigkeitsmaßstab verstanden.
  • Rawls' Position wird zur bloßen „Gegenmeinung", ohne seine Stärken ernst zu nehmen.
  • Die Rolle politischer Emotionen wirkt beliebig, wenn sie nicht an konkrete Institutionen rückgebunden wird.
  • Feministische Perspektiven werden isoliert behandelt statt als integraler Teil der Theorie.
  • Der Name „Nußbaum"/„Nussbaum" sorgt für Verwirrung bei der eigenen Recherche der Lernenden.

Fächerübergreifende Möglichkeiten

  • Politik/Sozialwissenschaften: globale Gerechtigkeit, Entwicklungspolitik, Menschenrechte
  • Biologie/Ethik: Tierethik und Spezieszugehörigkeit
  • Geschichte: Entwicklung des Gesellschaftsvertragsgedankens seit Hobbes, Locke, Rousseau
  • Deutsch: Argumentationsanalyse philosophischer Fachtexte
  • Religion: Menschenwürde und Fürsorgepflichten gegenüber Schwächeren

Passendes Unterrichtsmaterial

Für eine unterrichtsfertige, differenzierte Umsetzung eignet sich die Unterrichtsreihe „Nußbaums Gerechtigkeitsansatz im Klassenzimmer". Sie verbindet Fähigkeitenansatz, politische Emotionen und feministische Perspektiven mit klar strukturierten Unterrichtsbausteinen und praxistauglichen Arbeitsblättern für Q1/Q2.

Weitere passende Unterrichtsideen

FAQ zu Nussbaums Gerechtigkeitstheorie im Unterricht

Wer ist Martha Nussbaum?

Martha C. Nussbaum ist eine US-amerikanische Rechts- und Moralphilosophin an der University of Chicago. Sie entwickelte gemeinsam mit Amartya Sen den Fähigkeitenansatz zu einer politischen Gerechtigkeitstheorie weiter.

Warum wird ihr Name manchmal „Nußbaum" statt „Nussbaum" geschrieben?

Es handelt sich um einen verbreiteten Schreibfehler, der auch in einigen Kernlehrplan-Dokumenten in NRW auftaucht. Gemeint ist immer dieselbe Philosophin: Martha C. Nussbaum.

Was ist der Fähigkeitenansatz (Capability Approach)?

Der Fähigkeitenansatz misst Gerechtigkeit nicht an verteilten Gütern, sondern an den realen Handlungsmöglichkeiten (Fähigkeiten) von Menschen. Nussbaum benennt zehn zentrale Fähigkeiten, die jeder Staat allen Bürgerinnen und Bürgern in einem Mindestmaß sichern sollte.

Welche drei Grenzen zeigt Nussbaum bei Rawls' Gerechtigkeitstheorie auf?

Nussbaum kritisiert, dass Rawls' Vertragstheorie Menschen mit Behinderung, globale Gerechtigkeit zwischen Staaten sowie Gerechtigkeit gegenüber anderen Spezies nicht angemessen erfasst.

Für welche Klassenstufe eignet sich die Unterrichtsreihe?

Die Unterrichtsreihe ist auf Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 18 Jahren zugeschnitten, also insbesondere für die gymnasiale Oberstufe (Q1/Q2) in Fächern wie Sozialwissenschaften, Politik oder Philosophie.

Wie unterscheidet sich Nussbaums Ansatz von Rawls' Gesellschaftsvertrag?

Rawls begründet Gerechtigkeit über einen hypothetischen Vertrag unter freien, gleichen Personen. Nussbaum fragt stattdessen direkt danach, welche Fähigkeiten ein menschenwürdiges Leben voraussetzt – unabhängig davon, ob jemand als „gleicher" Vertragspartner gilt.

Fazit

Nussbaums „Die Grenzen der Gerechtigkeit" eignet sich hervorragend, um Gerechtigkeitstheorien im Unterricht nicht bei Rawls enden zu lassen, sondern kritisch weiterzudenken. Der Fähigkeitenansatz macht abstrakte Gerechtigkeitsfragen an konkreten Fällen – Behinderung, globale Ungleichheit, Tierethik – greifbar und regt zu begründeten Diskussionen an. Mit klar strukturierten Bausteinen, differenzierten Aufgaben und Bezügen zu politischen Emotionen und feministischer Theorie lässt sich die Theorie so unterrichten, dass sie nicht nur verstanden, sondern kritisch beurteilt werden kann.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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