Kunst· Sek II

Jeanne Mammen unterrichten: Großstadt, Café und Nachtleben als Wahrnehmungsraum

von Luca 07.10.2026 1 Min. Lesezeit

Jeanne Mammens Café-, Straßen- und Nachtlebenbilder lassen sich im Kunstunterricht als Wahrnehmungsräume unterrichten: Sie zeigen nicht „das Leben in Berlin“, sondern eine bestimmte soziale Situation aus einem bestimmten Blickwinkel. Die Oberstufe lernt daran, Ausschnitt, Linie und Farbfläche als Entscheidungen zu lesen und aus einem einzelnen Bild keine Aussage über alle Frauen der Zeit abzuleiten.

Material zu diesem Artikel

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Großstadt als Auswahl aus gleichzeitigen Eindrücken

Großstadtdarstellungen wählen aus einer Vielzahl gleichzeitiger Eindrücke aus. Anschnitt, Verdichtung und Figurenstaffelung ordnen die flüchtige Wahrnehmung. Café, Straße und Nachtleben sind bei Mammen nicht bloß Kulissen; Blickbeziehungen, Ausschnitt, Linien und Farbflächen machen Nähe, Fremdheit oder Rolleninszenierung sichtbar. Die Analyse fragt deshalb nach Sichtbarkeit und Auslassung: Wer ist im Bild, wer fehlt, welche Arbeits- und Lebensräume bleiben unsichtbar?

Für die Einordnung der Werke ist ein Hinweis wichtig. Die Reihe untersucht ausgewählte Arbeiten der Weimarer Zeit, insbesondere „Sie repräsentiert“ um 1928. Mammens gesamtes Werk reicht weit darüber hinaus und verändert sich unter den politischen und künstlerischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts. Die Neue Sachlichkeit ist deshalb eine Untersuchungsperspektive, keine vollständige Beschreibung ihres Schaffens.

Die Überprüfung einer Übergeneralisierung

Als erste Analyseaufgabe eignet sich eine Behauptung, die zu viel will: Eine Cafézeichnung wird als vollständiger Beleg für den Alltag aller Frauen in Berlin um 1928 behandelt. Die Lernenden prüfen die Reichweite der Aussage und beschreiben die gewählte Situation. Ein einzelnes Café zeigt eine begrenzte Situation und ausgewählte Personen. Andere Arbeits- und Lebensräume bleiben außerhalb. Gute Urteile benennen konkrete Auslassungen statt bei dem allgemeinen Satz „Das ist nur ein Ausschnitt“ stehen zu bleiben.

Die Gestaltungsaufgabe schließt direkt an: Die Lernenden erstellen eine Stadtbeobachtung mit zwei verschiedenen Ausschnitten derselben Umgebung. Dabei wird erfahrbar, dass ein Ausschnitt andere Beziehungen hervorhebt. Wenn mehrere beobachtete Situationen zu einem Modell verdichtet werden, muss das kenntlich gemacht werden. Eine gestaltete Szene ist keine neutrale Fotostatistik.

Die Unterrichtsreihe zu Jeanne Mammen legt diese Aufgaben an den Beginn der sechs Doppelstunden und führt von ihnen zur Frage nach sozialer Wahrnehmung.

Linie, Farbe und der Eindruck des Flüchtigen

Linie kann Kontur markieren, Bewegung bündeln oder eine Figur charakterisieren. Aquarellflächen und unbemalte Bereiche erzeugen unterschiedliche Grade der Verdichtung. Nicht jede lockere Linie ist zufällig: Sie kann den Eindruck rascher Beobachtung bewusst herstellen. Das ist eine häufige Fehlannahme in Lerngruppen, die Flüchtigkeit mit mangelnder Genauigkeit gleichsetzen.

Als kontrolliertes Vergleichspaar bietet sich dasselbe Motiv an, einmal fast nur linear und einmal stärker flächig umgesetzt. Die Lernenden dokumentieren Unterschiede in Aufmerksamkeit, Offenheit und Charakterisierung. Eine Kontur kann Abgrenzung verstärken, transparente Flächen können Übergänge öffnen. Wichtig ist, keine Technik grundsätzlich aufzuwerten. Die Urteilsfrage lautet, ob scheinbare Flüchtigkeit fehlende Genauigkeit bedeutet; eine tragfähige Antwort stützt sich auf Befunde zu Linienverlauf, Verdichtung und Auswahl.

Rollen sehen, ohne Biografien zu erfinden

Kleidung, Haltung und Blick ermöglichen öffentliche Selbstinszenierung. Sie sind keine sicheren Schlüssel zu Privatleben oder Identität. Eine typische Aufgabe lässt einen Text prüfen, der aus Hut und Anzug eine vollständige Biografie ableitet. Die Lernenden markieren Beobachtungen und unbelegte Schlussfolgerungen und schreiben dann eine neue Bildbeschreibung mit präzisen, begrenzten Deutungen. Hut und Anzug sind sichtbare Gestaltungselemente; die abgeleitete Biografie ist nicht gesichert.

Der Titel eines Bildes eröffnet einen Zugang, bestimmt aber nicht jede Einzelheit. Starke Analysen unterscheiden sichtbar gestaltete Rollen von den Zuschreibungen der Betrachtenden. Diese Unterscheidung lässt sich mit Methoden der klassischen Bildanalyse verbinden, wie sie der Beitrag zum Aufbau einer Bildanalyse mit Beispiel beschreibt.

Ablauf und Einordnung

Eine Doppelstunde gliedert sich in Einstieg mit zwei gegensätzlichen Aussagen, Lerntext, Analyse, Erprobung und Urteil. Für die Ausschnittvariation reichen zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten, wenn Papier und Zeichenmaterial bereitliegen. Sinnvoll ist ein Rahmen aus Papier, den die Lernenden vor ihre Skizze halten, damit der Ausschnitt eine bewusste und überprüfbare Entscheidung wird. In der Auswertung nennen sie, welche Beziehung durch den zweiten Ausschnitt neu sichtbar wurde und was dafür verloren ging. Zur Gewichtung von Bildaufbau und Blickführung kann der Beitrag zur Bildkomposition herangezogen werden.

Der Schwerpunkt der Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit ist im Material mit 2029 angegeben; maßgeblich sind die aktuellen Vorgaben zum Zentralabitur (für NRW: Standardsicherung NRW). Die vier Reihen zu Laserstein, Mammen, Jürgens und Nagel sowie zum Kanon sind im Sparpaket zusammengefasst, die Themenseite gibt einen Überblick und die Kollektion zeigt alle Einzelreihen.

Häufige Fragen

Ist Jeanne Mammen eine Künstlerin der Neuen Sachlichkeit?

Für die Weimarer Zeit lässt sich die Kategorie als Untersuchungsperspektive nutzen. Ihr Gesamtwerk reicht weit darüber hinaus und verändert sich, deshalb beschreibt die Kategorie es nicht erschöpfend.

Welche Werke werden im Material genannt?

Genannt sind „Sie repräsentiert“ um 1928 (Privatbesitz) und „Die Rothaarige“ aus der Sammlung der Berlinischen Galerie als Zugang. Weitere Arbeiten lassen sich über die Museumsseiten ergänzen.

Wie vermeide ich, dass Schülerinnen und Schüler eigene Biografien hineinlesen?

Verlangen Sie zwei präzise Befunde, bevor gedeutet wird, und lassen Sie Deutungen als begründete Möglichkeiten formulieren. So werden Beobachtung, Information und Interpretation getrennt gehalten.

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Jeanne Mammen – Großstadt, Nachtleben...Ansehen
Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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