KI-generierte Wahlwerbung erkennen: ein Prüfweg in vier Schritten

Ein Prüfweg für vermutlich KI-generierte Wahlwerbung besteht aus vier Schritten: Herkunft der Datei klären, Kontext über eine Suche rekonstruieren, das Material selbst auf Konsistenz prüfen und die Aussage gegen eine Primärquelle halten. Wichtig ist die Reihenfolge. Wer mit dem Anstarren des Bildes beginnt, verliert Zeit und Sicherheit; wer mit der Herkunft beginnt, hat die meisten Fälle nach zwei Minuten geklärt. Der Weg endet nicht mit einem Urteil „echt“ oder „gefälscht“, sondern mit einer Einschätzung, die begründet und überprüfbar ist.
Die im Text erwähnten Unterrichtsmaterialien auf einen Blick. Digitaler Download, sofort einsetzbar.
Schritt 1: Wo kommt die Datei her
Die erste Frage betrifft nicht das Bild, sondern den Weg, auf dem es angekommen ist. Wurde es weitergeleitet, in einer Klassenchatgruppe geteilt, in einem Kommentarbereich gefunden oder auf der Seite einer Partei, einer Redaktion oder einer Behörde veröffentlicht? Lernende notieren dazu drei Angaben: Plattform, Konto oder Absender, Datum der ersten sichtbaren Veröffentlichung. Metadaten können ergänzen, was sichtbar ist, sind aber unzuverlässig: Beim Hochladen entfernen viele Dienste Aufnahmezeit und Gerät, und Angaben lassen sich nachträglich verändern. Vorhandene Metadaten sind ein Hinweis, fehlende Metadaten sind kein Beweis.
Schritt 2: Kontext suchen statt Bild anstarren
Der zweite Schritt verlässt das Material und sucht danach, was andere darüber berichten. Zwei Suchbewegungen genügen: eine Textsuche nach der zentralen Behauptung in eigenen Worten und eine Bildrückwärtssuche. Die Bildrückwärtssuche zeigt oft, dass ein Motiv älter ist als behauptet oder aus einem anderen Zusammenhang stammt. Diese Technik des seitwärts Lesens, also des Verlassens der Seite zugunsten anderer Fundstellen, ist der wirksamste Einzelschritt des ganzen Verfahrens. Für jüngere Klassen lässt sich der Ablauf auf die vier Grundfragen zurückschneiden, die im Beitrag zu Nachrichten prüfen mit vier Fragen beschrieben sind.
Schritt 3: Konsistenz im Material prüfen
Erst jetzt lohnt der Blick auf das Material selbst. Nützliche Prüfstellen sind Licht und Schatten (fallen sie aus derselben Richtung), Hände und Zähne, Spiegelungen in Brillen und Fensterscheiben, Muster in Stoffen und Zäunen, Übergänge zwischen Haaren und Hintergrund sowie Schrift im Bild. Text auf Plakaten, Trikots und Straßenschildern ist besonders aufschlussreich, weil generierte Buchstabenfolgen häufig Wörter ergeben, die es nicht gibt. Bei Videos kommen Lippenbewegungen, Übergänge an Schnitten und eine Tonspur hinzu, deren Raumklang nicht zur gezeigten Umgebung passt. Ein einzelner Fund reicht nicht; belastbar wird die Einschätzung, wenn mehrere Beobachtungen in dieselbe Richtung zeigen. Für die Arbeit an Manipulationsformen bietet der Beitrag zu Deepfakes und KI-Bildern weitere Beobachtungskriterien.
Schritt 4: Gegen die Primärquelle halten
Der letzte Schritt fragt: Wenn das stimmen würde, wo müsste es sonst noch stehen? Eine angebliche Aussage zu einem Wahlergebnis lässt sich am Ergebnisportal der zuständigen Landeswahlleitung prüfen, eine angebliche Programmaussage am veröffentlichten Wahlprogramm, eine angebliche Behördenmitteilung an der Seite der Behörde. Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 gilt dabei ein Zusatz, der im Unterricht oft untergeht: Am Wahlabend lagen nur Hochrechnungen vor, ein amtliches Endergebnis nicht. Wer Zahlen prüft, muss deshalb immer den Datenstatus mitprüfen. Materialien zur Analyse des Wahlergebnisses in der Sek II arbeiten mit einem eingefrorenen Wahlabend-Snapshot und machen diesen Statusvorbehalt sichtbar.
Ein Ablauf für 45 Minuten
Ein erprobter Zuschnitt für eine Einzelstunde:
- 5 Minuten Einstieg: Zwei Werbemotive an der Wand, eine Frage: Woran würden Sie festmachen, ob das echt ist? Sammeln ohne Bewertung.
- 10 Minuten Input: Die vier Schritte an der Tafel, jeweils mit einer Leitfrage. Lernende übertragen sie in ein Prüfraster mit vier Spalten.
- 20 Minuten Partnerarbeit: Drei vorbereitete Fälle, davon einer unauffällig echt. Jedes Paar füllt das Raster aus und formuliert eine Einschätzung in einem Satz mit Wahrscheinlichkeitsangabe.
- 10 Minuten Auswertung: Vergleich der Einschätzungen, danach die Auflösung. Die Leitfrage lautet nicht „Wer lag richtig“, sondern „Welcher Schritt hat am meisten gebracht“.
Als Formulierungshilfe für die Einschätzung hat sich ein festes Satzmuster bewährt: „Wir halten das Material für eher echt beziehungsweise eher generiert, weil …, sicher sind wir nicht, weil …“ Die zweite Hälfte des Satzes ist die eigentliche Lernleistung.
Grenzen, die man offen benennt
Automatische Erkennungswerkzeuge geben Wahrscheinlichkeiten aus, keine Beweise. Sie irren in beide Richtungen, sie sind bei komprimiertem und mehrfach weitergeleitetem Material besonders unzuverlässig, und ihre Trefferbilanz veraltet mit jeder neuen Generation von Bildmodellen. Wasserzeichen und Herkunftsangaben in Dateien sind hilfreich, wenn sie vorhanden sind, aber ihr Fehlen sagt wenig. Deshalb gehört zur Unterrichtsstunde die ehrliche Auskunft, dass in manchen Fällen kein Urteil möglich ist und Nichtverbreiten die richtige Handlung bleibt. Wie sich diese Prüfhaltung zur Presse- und Meinungsfreiheit verhält, lässt sich im Anschluss mit einer Reihe zur Pressefreiheit in der Sek I vertiefen. Einen Überblick über passende Zugänge bündelt die Themenseite zu Faktencheck und Quellenkritik im Unterricht.
Häufige Fragen
Braucht die Klasse spezielle Software?
Nein. Die vier Schritte funktionieren mit einer Suchmaschine, einer Bildrückwärtssuche und den Augen. Erkennungswerkzeuge sind ein Zusatz, kein Ersatz, und ihre Ausgabe ist selbst prüfungsbedürftig.
Ab welcher Klassenstufe ist das sinnvoll?
Ab Klasse 7 in voller Form. Für jüngere Lerngruppen genügen Schritt 1 und Schritt 2 mit einem festen Fragenset; Konsistenzmerkmale kommen später dazu.
Wie vermeide ich, dass Fälschungen im Unterricht weiterverbreitet werden?
Material nur offline oder in einer geschlossenen Umgebung zeigen, Absender unkenntlich machen und mit der Klasse vereinbaren, dass Fälle für die Analyse nicht weitergeschickt werden.
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Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.
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Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.
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