Farbenlehre im Kunstunterricht: Ittens Farbkreis und Farbwirkung verstehen
Ein Schüler hält im Kunstraum zwei Farbflächen nebeneinander: eine leuchtend orangefarbene und eine tiefblaue. Beide bestehen aus nichts als Pigment auf Papier, und doch wirkt die eine Fläche warm und drängend, die andere kühl und zurückgenommen. Genau an diesem Punkt beginnt die Farbenlehre als Unterrichtsgegenstand: bei der Beobachtung, dass Farbe niemals neutral ist, sondern eine Wirkung erzeugt, die sich beschreiben, systematisieren und gezielt gestalten lässt. Kein anderes Konzept hat diese Systematisierung so nachhaltig geprägt wie der Farbkreis von Johannes Itten, der bis heute die Grundlage jedes fundierten Kunstunterrichts in der Sekundarstufe II bildet.
Was bedeutet: Farbkontrast und Farbwirkung?
Unter einem Farbkontrast versteht man das gezielte Nebeneinander unterschiedlicher Farbqualitäten, das eine bestimmte optische und psychologische Wirkung erzeugt. Farbwirkung wiederum beschreibt, wie eine Farbe oder Farbkombination auf Betrachtende emotional und assoziativ wirkt – unabhängig davon, ob dies beabsichtigt ist oder nicht. Beide Begriffe hängen eng zusammen: Erst durch den Kontrast zu anderen Farben entfaltet eine einzelne Farbe ihre volle Wirkung. Rot neben Grün wirkt anders als Rot neben Rosa, obwohl es sich um dieselbe Farbe handelt. Für den Unterricht ist entscheidend, dass Farbwirkung keine rein subjektive Geschmacksfrage ist, sondern auf nachvollziehbaren optischen Gesetzmäßigkeiten beruht, die sich analysieren und anwenden lassen.
Johannes Itten und die Bauhaus-Farbenlehre
Johannes Itten (1888–1967) unterrichtete ab 1919 am Bauhaus in Weimar und entwickelte dort einen Vorkurs, der Generationen von Gestalterinnen und Gestaltern prägte. Sein zwölfteiliger Farbkreis, in dem sich die drei Primärfarben Gelb, Rot und Blau über die Sekundärfarben zu einem geschlossenen System runden, ist bis heute die gängigste Grundlage für den Farbunterricht. Itten ging es jedoch nicht nur um ein hübsches Schema, sondern um eine Theorie der Wirkung: In seinem 1961 veröffentlichten Werk 'Kunst der Farbe' beschreibt er sieben Farbkontraste, die er aus der Beobachtung von Gemälden und der eigenen Lehrpraxis ableitete. Dazu zählen der Kontrast der Farbe an sich (reine Farben nebeneinander), der Hell-Dunkel-Kontrast, der Kalt-Warm-Kontrast, der Komplementärkontrast (gegenüberliegende Farben im Kreis), der Simultankontrast (die gegenseitige Beeinflussung benachbarter Farben), der Qualitätskontrast (gesättigte gegen getrübte Farben) und der Quantitätskontrast (das Mengenverhältnis von Farbflächen). Itten selbst hatte eine fast mystische Vorstellung von Farbe als Ausdruck innerer Zustände, geprägt durch seine Beschäftigung mit der Mazdaznan-Lehre – ein Aspekt, der am Bauhaus selbst nicht unumstritten war und 1923 mit zu seinem Weggang beitrug. Dennoch blieb sein analytisches Kontrastsystem bestehen und wurde von Nachfolgern wie Josef Albers, der mit 'Interaction of Color' (1963) eine eigene, stärker wahrnehmungspsychologisch orientierte Farbtheorie vorlegte, weiterentwickelt und teils kritisch relativiert.
Der Farbkreis und die sieben Kontraste in der Bildanalyse
Wie lässt sich diese Theorie an einem konkreten Werk zeigen? Vincent van Goghs 'Nachtcafé' (1888) etwa lebt fast ausschließlich vom Komplementärkontrast zwischen Rot und Grün, den van Gogh selbst als Ausdruck menschlicher Leidenschaften und dunkler Gefühle beschrieb. Henri Matisse nutzte in seinen Fauvismus-Bildern den Kalt-Warm-Kontrast, um Räumlichkeit ganz ohne klassische Perspektive zu erzeugen – warme Farben scheinen nach vorne zu drängen, kalte weichen zurück. Auch Wassily Kandinsky, Ittens Kollege am Bauhaus, systematisierte in 'Über das Geistige in der Kunst' (1911) Farbe als Trägerin von Klang und Bewegung und verband einzelne Farben mit geometrischen Grundformen. Der Vergleich dieser drei Positionen zeigt Schülerinnen und Schülern, dass Farbtheorie kein starres Regelwerk ist, sondern ein Werkzeugkasten, den unterschiedliche Künstler unterschiedlich einsetzen – und dass die Analyse eines Bildes über die Benennung der Kontraste hinausgehen muss zur Frage, welche Wirkung damit beim Betrachter erzeugt wird.
Praxisbeispiel / Unterrichtsaktivität
Eine bewährte Übung beginnt mit einem einfachen Motiv – etwa einer Obstschale oder einer geometrischen Komposition aus drei Formen –, das die Lerngruppe zunächst in Graustufen skizziert. Anschließend erhält jede Gruppe einen anderen Kontrast als Auftrag: eine Gruppe gestaltet das Motiv im Kalt-Warm-Kontrast, eine zweite im Komplementärkontrast, eine dritte im Qualitätskontrast zwischen reiner und getrübter Farbe. Wichtig ist, dass die Farbwahl bewusst begründet werden muss: Warum wirkt die Fläche im Vordergrund bedrohlicher, wenn sie in gesättigtem Rot gehalten ist statt in stumpfem Rotbraun? Im Anschluss werden die Ergebnisse nebeneinander gehängt und die Klasse beschreibt, welche Bilder am stärksten Spannung, Ruhe oder Dynamik erzeugen. Diese vergleichende Präsentation macht den abstrakten Begriff 'Wirkung' konkret erfahrbar, weil dieselbe Bildidee in mehreren Farbversionen sichtbar unterschiedliche Effekte auslöst.
Typische Missverständnisse
- Itten habe eine allgemeingültige, wissenschaftlich bewiesene Farbpsychologie geliefert – tatsächlich beruhen viele seiner Zuordnungen auf subjektiver Beobachtung und kultureller Prägung, nicht auf empirischer Forschung.
- Der Farbkreis sei identisch mit dem physikalischen Farbspektrum des Lichts – tatsächlich ist er ein Modell für Pigmentmischungen (subtraktive Farbmischung) und unterscheidet sich vom additiven Farbkreis des Lichts.
- Warme und kalte Farben seien in jeder Kultur und jedem Kontext gleich konnotiert – tatsächlich ist etwa die Bedeutung von Weiß oder Rot je nach kulturellem Hintergrund höchst unterschiedlich (Trauerfarbe versus Festfarbe).
Grenzen der Betrachtung
Ittens Farbkreis und Kontrastlehre sind ein didaktisch hervorragendes Einstiegsmodell, aber kein Endpunkt der Farbforschung. Moderne Farbwissenschaft, etwa die Colorimetrie oder Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie, arbeitet mit weitaus komplexeren Modellen als einem zwölfteiligen Kreis. Zudem ist Farbwirkung immer kontextabhängig: Dieselbe Farbe kann in einem religiösen Gemälde des Mittelalters eine andere Bedeutung tragen als in der Werbung des 21. Jahrhunderts. Der Unterricht sollte Ittens System daher als Ausgangspunkt für Beobachtung und Argumentation nutzen, nicht als starres Regelwerk, das jede künstlerische Farbentscheidung erklären könnte.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Johannes Itten entwickelte am Bauhaus einen zwölfteiligen Farbkreis und ein System von sieben Farbkontrasten.
- Zu den Kontrasten zählen unter anderem Kalt-Warm-, Komplementär-, Qualitäts- und Quantitätskontrast.
- Künstler wie van Gogh, Matisse und Kandinsky setzten Farbkontraste bewusst zur Erzeugung von Wirkung ein.
- Eine praktische Übung mit mehreren Kontrastvarianten desselben Motivs macht Farbwirkung im Unterricht direkt erfahrbar.
- Ittens Modell ist ein didaktisches Werkzeug, kein wissenschaftlich abschließender Beweis für universelle Farbpsychologie.
Passendes Unterrichtsmaterial
Wer die Bauhaus-Farbenlehre im Unterricht vertiefen möchte, findet passende, direkt einsetzbare Materialien bei stifo:
- FachKomplett Kunst – das komplette Kunst-Fachpaket mit über 100 Unterrichtsreihen für die gesamte Oberstufe.
- Architektur des Bauhauses – Unterrichtsreihe zu Gestaltungsprinzipien und Vermächtnis des Bauhauses, ideal zur Vertiefung von Ittens Umfeld.
Weitere passende Beiträge
- Architektur des Bauhauses unterrichten
- Bauhaus-Gestaltungsprinzipien: Form, Farbe, Funktion im Design-Unterricht
- Bauhaus-Meister: Gropius, Klee, Kandinsky und ihr Vermächtnis
- Frida Kahlo: Selbstporträt als Identität und Schmerz
- Grafik im Fach Kunst analysieren und verstehen
- Von Niki de Saint Phalle bis Gerhard Richter: Künstler:innen und Epochen entdecken
- FachKomplett Kunst im Überblick
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen additiver und subtraktiver Farbmischung?
Additive Farbmischung betrifft Licht (z. B. Bildschirme), bei der sich Farben zu Weiß addieren. Subtraktive Farbmischung betrifft Pigmente, bei der sich Farben zu Schwarz/Dunkelbraun mischen. Ittens Farbkreis ist ein Pigmentmodell.
Welche sieben Kontraste beschreibt Itten genau?
Farbe-an-sich-Kontrast, Hell-Dunkel-Kontrast, Kalt-Warm-Kontrast, Komplementärkontrast, Simultankontrast, Qualitätskontrast und Quantitätskontrast.
Warum ging Itten 1923 vom Bauhaus?
Spannungen mit Walter Gropius über die pädagogische Ausrichtung des Bauhauses sowie Ittens Verbindung zur Mazdaznan-Lehre führten zu seinem Weggang.
Wie unterscheidet sich Josef Albers' Farbtheorie von Ittens Ansatz?
Albers legte in 'Interaction of Color' den Fokus stärker auf die relative, kontextabhängige Wahrnehmung von Farbe statt auf feste symbolische Zuordnungen.
Eignet sich das Thema für eine Klausur in der Oberstufe?
Ja, insbesondere als Bildvergleich zweier Werke mit unterschiedlicher Kontrastnutzung oder als Analyseaufgabe zu einem einzelnen Gemälde.
Welche Materialien braucht die Praxisübung?
Farbstifte, Wasserfarben oder Gouache in Primär- und Sekundärfarben sowie einfache Vorlagen mit klaren Flächen genügen bereits.
Ist Farbpsychologie wissenschaftlich belegt?
Teilweise: Grundtendenzen wie 'Warm wirkt aktivierend' sind empirisch gestützt, viele spezifische Zuordnungen sind jedoch kulturell geprägt und nicht universell.
Fazit
Ittens Farbkreis und seine sieben Kontraste liefern Schülerinnen und Schülern eine Sprache, um etwas zu beschreiben, das sie längst intuitiv wahrnehmen: dass Farbe wirkt. Diese Sprache macht aus einem vagen Bauchgefühl eine analysierbare, diskutierbare und selbst gestaltbare Größe – und genau darin liegt der didaktische Wert der Bauhaus-Farbenlehre für den Kunstunterricht der Sekundarstufe II.
Ein ganzes Fach statt einzelner Reihen
Die FachKomplett-Reihen bündeln das Material eines kompletten Fachs für Sek I und Sek II. Einmal kaufen, das Fach ist vorbereitet.
Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.
Das könnte dich auch interessieren
FAQ zu den Unterrichtsmaterialien
Das Sortiment reicht von der Kita über die Grundschule und die Sekundarstufe I (Klasse 5–10) bis zur Sekundarstufe II und zur Berufsschule. Jedes Material ist nach Fach, Stufe und - wo sinnvoll - nach Bundesland beschriftet.
Viele Reihen lassen sich mit kleinen Anpassungen auch in benachbarten Schulformen einsetzen, weil die Aufgaben in mehreren Anforderungsniveaus vorliegen.
Eine vollständige Reihe enthält in der Regel:
- mehrere Arbeitsblätter mit ausgearbeiteten Lösungen
- eine Präsentation für den Unterrichtseinstieg
- einen Verlaufsplan für die Stundenstruktur
- Aufgaben auf mehreren Anforderungsniveaus zur Differenzierung
- je nach Reihe Klausur- oder Testvorlagen
Die Dateien liegen in editierbaren Formaten vor, damit du Inhalte an deine Lerngruppe anpassen kannst.
Direkt nach dem Kauf erhältst du eine Bestätigungs-E-Mail mit dem Download-Link. Zusätzlich liegen die Dateien dauerhaft in deinem Kundenkonto unter „Bestellungen" - ohne Ablaufdatum und ohne Downloadlimit.
Es gibt keinen Versand und keine Wartezeit: Der Download steht unmittelbar nach dem Abschluss der Bestellung bereit.
Die Einzellizenz gilt für eine Lehrkraft. Du darfst das Material ausdrucken und im eigenen Unterricht beliebig oft einsetzen. Die digitalen Dateien an andere Lehrkräfte weiterzugeben oder sie zu veröffentlichen, ist davon nicht gedeckt.
Für Fachschaften gibt es bei vielen Produkten eine Schullizenz, die mehrere Lehrkräfte einer Schule abdeckt. Sie steht direkt auf der Produktseite zur Auswahl.
Eine Unterrichtsreihe deckt ein einzelnes Thema ab, etwa „Genetik" oder „Kurzgeschichten analysieren". Sie passt, wenn du gezielt eine Sequenz vorbereitest.
Ein FachKomplett-Paket bündelt die zentralen Themen eines ganzen Fachs zu einem Gesamtpreis, der deutlich unter der Summe der Einzelreihen liegt. Das lohnt sich, sobald du ein Fach dauerhaft unterrichtest. Eine Übersicht aller Reihen steht auf der FachKomplett-Seite.
Die Materialien orientieren sich an den veröffentlichten Vorgaben der Länder - je nach Bundesland am Kernlehrplan, Kerncurriculum, Bildungsplan, Rahmenlehrplan oder an den Fachanforderungen. Für viele Fächer gibt es eigene Pakete je Bundesland.
Eine Prüfung, Zulassung oder Empfehlung durch ein Ministerium besteht nicht. Da die Vorgaben zwischen den Ländern abweichen, lohnt sich vor dem Einsatz ein kurzer Abgleich mit dem schulinternen Lehrplan.
Kommentare
Kommentar hinterlassen
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.
Unterrichtstipps per E-Mail
Neue Materialien, Planungshilfen und Hinweise zu Lehrplanänderungen - etwa zweimal im Monat, ohne Werbeflut.


