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Alternative Architekturtheorien: Funktion und Ästhetik

Funktionalismus versus Ästhetik: Bauhaus, Venturi, Gaudí und Hundertwasser im Vergleich – mit Praxisbeispiel für den Kunstunterricht Sek II.

Alternative Architekturtheorien: Funktion und Ästhetik

Ein gläserner Bürowürfel ohne jede Verzierung und ein Wohnhaus mit geschwungenen Fassaden, bunten Kacheln und unregelmäßigen Fensterreihen könnten kaum unterschiedlicher wirken – und doch beanspruchen beide, "richtige" Architektur zu sein. Hinter diesem Kontrast steht eine der langlebigsten Debatten der Architekturtheorie: der Streit zwischen Funktionalismus und ästhetisch-ornamentalen Gegenpositionen.

Was sind alternative Architekturtheorien?

Als alternative Architekturtheorien werden im Unterricht üblicherweise jene Positionen bezeichnet, die sich kritisch gegen den im 20. Jahrhundert dominanten Funktionalismus richten – also gegen die Vorstellung, dass die Form eines Gebäudes vor allem aus seiner Funktion abzuleiten sei. Zu diesen Gegenpositionen zählen sowohl postmoderne, historisch zitierende Ansätze als auch organische Architekturkonzepte, die sich an Naturformen statt an geometrischer Klarheit orientieren. Alle Positionen eint die Überzeugung, dass reine Funktionserfüllung allein kein hinreichendes Kriterium für gute Architektur ist.

Funktionalismus: "Form follows function"

Der amerikanische Architekt Louis Sullivan prägte 1896 in seinem Essay "The Tall Office Building Artistically Considered" den Satz "form follows function" – die Form eines Gebäudes solle sich in erster Linie aus seiner Funktion ergeben. Diese Idee wurde zum Leitmotiv des 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten Bauhauses und der internationalen Moderne insgesamt: klare geometrische Formen, Verzicht auf Ornament, konsequente Materialehrlichkeit. Der österreichische Architekt Adolf Loos radikalisierte diese Haltung 1908 in seinem provokanten Essay "Ornament und Verbrechen", in dem er Ornamentierung als Verschwendung von Arbeitskraft und Ausdruck kulturellen Rückschritts brandmarkte. Wichtig für den Unterricht: Funktionalismus bedeutete für seine Vertreter keineswegs den Verzicht auf ästhetischen Anspruch, sondern die Überzeugung, dass Schönheit aus konsequenter Funktionserfüllung selbst entsteht.

Gegenpositionen: Postmoderne, Venturi und organische Architektur

Der US-amerikanische Architekt Robert Venturi stellte diese Doktrin 1966 in seinem einflussreichen Buch "Complexity and Contradiction in Architecture" grundlegend infrage. Er konterte Mies van der Rohes berühmtes Diktum "Less is more" mit der bewusst zugespitzten Formel "Less is a bore" und plädierte für architektonische Komplexität, historische Bezüge und bewusste Widersprüche statt reiner Reduktion. Sein eigenes Vanna-Venturi-Haus (1964) für seine Mutter spielt gezielt mit funktional eigentlich überflüssigen Gestaltungselementen wie einer symbolisch gespaltenen Giebelfront. Mit "Learning from Las Vegas" (1972, gemeinsam mit Denise Scott Brown und Steven Izenour) erweiterte Venturi seine Kritik zudem um die bewusste Wertschätzung kommerzieller, populärer Alltagsästhetik wie Leuchtreklamen. Eine parallele, aber anders begründete Gegenposition bildet die organische Architektur: Antoni Gaudí verzichtete bei Bauten wie der Sagrada Família oder dem Casa Batlló bewusst auf gerade Linien und ließ Struktur und Ornament untrennbar ineinander übergehen. Der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser radikalisierte diesen Ansatz später, verurteilte die gerade Linie als "gottlos" und realisierte mit dem 1985 fertiggestellten Hundertwasserhaus in Wien unregelmäßige Böden, begrünte Dachterrassen und farbenfrohe, "gewachsen" wirkende Fassaden als bewusste Kritik an steriler Funktionsarchitektur.

Praxisbeispiel: Vanna-Venturi-Haus und Bauhaus-Bauten im Vergleich

Stellt man Venturis Vanna-Venturi-Haus einem klassischen Bauhaus-Gebäude wie dem Bauhaus Dessau (1926) gegenüber, wird der theoretische Gegensatz unmittelbar sichtbar: Während das Bauhaus-Gebäude auf klare geometrische Kuben, durchgängige Fensterbänder und den vollständigen Verzicht auf Ornament setzt, integriert Venturis Fassade bewusst historisierende, teils funktional unnötige Elemente wie den überdimensionierten, mittig gespaltenen Giebel – eine Geste, die Funktionalismus nicht ablehnt, sondern ironisch kommentiert.

Unterrichtsaktivität: Entwurf im Rollenspiel "Bauausschuss"

Lernende entwerfen in Kleingruppen zwei Fassaden für dasselbe einfache Gebäude – etwa eine Schulbibliothek –, einmal streng funktionalistisch, einmal mit ornamentalen oder organischen Gestaltungselementen. Anschließend präsentieren sie ihre Entwürfe in einem simulierten "Bauausschuss" und müssen ihre jeweilige Position begründet gegen Einwände der anderen Gruppen verteidigen. Diese Methode macht den theoretischen Streit unmittelbar erfahrbar.

Typische Missverständnisse

  • Funktionalismus wird mit "hässlich" oder "ohne Gestaltungsanspruch" gleichgesetzt: Funktionalistische Architekten verfolgten eigene, klar formulierte ästhetische Ideale, keine Beliebigkeit.
  • Postmoderne Architektur gilt als bloße Effekthascherei: Venturis Kritik war theoretisch fundiert und richtete sich gezielt gegen die als zu eng empfundene Doktrin der Moderne.
  • Gaudís und Hundertwassers Bauten werden als rein dekorativ und unfunktional abgetan: Beide integrierten durchaus funktionale Überlegungen wie Belichtung, Belüftung oder Materialeigenschaften in ihre organischen Formen.

Grenzen der Betrachtung

Die Etiketten "funktionalistisch" und "postmodern" oder "organisch" vereinfachen eine deutlich vielschichtigere Architekturgeschichte, in der viele Architekten Elemente unterschiedlicher Positionen kombinierten. Zudem hat sich der Begriff "Funktion" selbst historisch gewandelt: Heutige Debatten um energieeffizientes und nachhaltiges Bauen rahmen die Funktionalismus-Frage in gänzlich neuen Kategorien. Schließlich bleibt jede ästhetische Bewertung – ob ein Gebäude "gelungen" wirkt – trotz aller theoretischen Einordnung ein Stück weit subjektiv.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • "Form follows function" (Louis Sullivan, 1896) wurde zum Leitmotiv von Bauhaus und internationaler Moderne.
  • Robert Venturi kritisierte 1966 die modernistische Reduktion und forderte Komplexität und historische Bezüge.
  • Gaudí und Hundertwasser setzen mit organischer Architektur bewusst auf Naturformen statt gerader Linien.
  • Funktionalismus bedeutete für seine Vertreter keinen Ästhetikverzicht, sondern ein eigenes Schönheitsideal.
  • Die historische Architekturdebatte lässt sich im Unterricht besonders gut über konkrete Bauwerkvergleiche vermitteln.

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Häufig gestellte Fragen

Wer prägte den Satz 'Form follows function'?

Der Satz stammt vom US-amerikanischen Architekten Louis Sullivan, der ihn 1896 in seinem Essay 'The Tall Office Building Artistically Considered' formulierte und damit zum Leitmotiv des architektonischen Funktionalismus machte.

Was war das Bauhaus?

Das Bauhaus war eine 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunst- und Design-Hochschule, die Funktionalismus, Reduktion auf das Wesentliche und die Verbindung von Handwerk, Kunst und Industrie zu zentralen Gestaltungsprinzipien machte.

Was kritisierte Robert Venturi am architektonischen Funktionalismus?

In seinem Buch 'Complexity and Contradiction in Architecture' (1966) kritisierte Venturi die modernistische Forderung nach Einfachheit und Reinheit und plädierte stattdessen für Komplexität, Widerspruch und historische Bezüge in der Architektur.

Was bedeutet Venturis Gegensatz zu 'Less is more'?

Venturi konterte Mies van der Rohes berühmten Leitsatz 'Less is more' mit der Formulierung 'Less is a bore' und plädierte damit gegen die Reduktion der Moderne und für eine vielschichtigere architektonische Formensprache.

Was zeichnet Antoni Gaudís Architektur aus?

Gaudí verzichtete bewusst auf gerade Linien und orientierte sich an organischen Naturformen; Ornament und Struktur bilden bei ihm eine untrennbare Einheit, wie etwa an der Sagrada Família oder dem Casa Batlló sichtbar wird.

Wofür steht Hundertwassers Kritik an der geraden Linie?

Friedensreich Hundertwasser sah die gerade Linie als Symbol einer sterilen, unmenschlichen Funktionsarchitektur an und forderte stattdessen unregelmäßige, 'gewachsene' Formen, wie er sie im Hundertwasserhaus in Wien (fertiggestellt 1985) umsetzte.

War Adolf Loos ein Vertreter des Funktionalismus?

Ja. In seinem Essay 'Ornament und Verbrechen' (1908) argumentierte Loos, dass Ornamentierung Verschwendung und kulturellen Rückschritt bedeute – eine radikale Position, die den Funktionalismus des 20. Jahrhunderts stark beeinflusste.

Bedeutet Funktionalismus, dass Ästhetik keine Rolle spielt?

Nein. Funktionalistische Architekten verfolgten durchaus eigene ästhetische Ideale; sie gingen davon aus, dass Schönheit sich aus einer ehrlichen, konsequenten Erfüllung der Funktion ergibt, nicht aus deren Fehlen.

Fazit

Der Streit zwischen Funktionalismus und seinen ästhetisch-ornamentalen Gegenpositionen ist keine abgeschlossene historische Episode, sondern eine bis heute produktive Debatte über die Frage, was Architektur eigentlich leisten soll. Wer Sullivan, Bauhaus, Venturi, Gaudí und Hundertwasser im direkten Vergleich unterrichtet, vermittelt Lernenden, dass hinter scheinbar rein ästhetischen Fassadenentscheidungen stets grundsätzliche architekturtheoretische Positionen stehen.

 

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