Ein Konzertflügel hängt kopfüber von der Decke und schleudert in unvorhersehbaren Momenten seine Tastatur nach außen. Neun Geigen, verteilt auf eine Spirale aus Obstpflückleitern, beginnen alle dreieinhalb Minuten eine wilde, gemeinsame Melodie zu spielen. Kein Mensch berührt diese Instrumente – und doch wirken sie seltsam lebendig. In ihrem späteren Werk ersetzt Rebecca Horn den menschlichen Körper konsequent durch Maschinen, die dessen Verletzlichkeit, Rhythmen und unkontrollierbare Impulse fortführen.
Was ist Rebecca Horns Dialog zwischen Körper und Technik?
Ab etwa Ende der 1970er-Jahre und verstärkt in den 1980er- und 1990er-Jahren verlagerte Rebecca Horn den Schwerpunkt ihres Werks von tragbaren, am eigenen Körper realisierten Aktionen hin zu freistehenden, motorisierten Skulpturen und raumfüllenden Installationen. Der entscheidende Unterschied: Kein menschlicher Körper ist mehr physisch anwesend oder trägt ein Objekt – stattdessen agieren Maschinen aus Metall, Glas, Federn und historischen Gegenständen wie Klavieren, Geigen oder Leitern eigenständig, gesteuert durch Motoren, Hydraulik und computergestützte Zeitabläufe. Die Skulpturen bewegen sich in wiederkehrenden, oft unregelmäßig getakteten Zyklen zwischen Ruhe und Ausbruch, Öffnung und Schließung, Anspannung und Entspannung – ein Bewegungsvokabular, das unmittelbar an organische, körperliche Zustände wie Atmung, Erregung oder Erschöpfung erinnert, obwohl kein Lebewesen beteiligt ist.
Schlüsselwerke: Vom Pfau bis zum Klavier
Die "Pfauenmaschine" (1982) überträgt ein aus der Tierwelt bekanntes Balzverhalten auf einen rein mechanischen Fächer, der sich in gleichmäßigen Abständen öffnet und schließt wie das Rad eines balzenden Pfaus – ein Werbeverhalten ganz ohne biologischen Zweck, da niemand da ist, dem es gilt. Noch drastischer verfährt "Concert for Anarchy" (1990): Ein Konzertflügel hängt umgekehrt von der Decke; in unregelmäßigen Abständen schießen Tastatur und Innenmechanik explosionsartig nach außen, bevor sich alles wieder in die Ausgangsposition zurückzieht. Horn beschrieb das Instrument sinngemäß so, als habe es sich aus einer psychiatrischen Klinik befreit und komponiere nun seine eigene Musik – ein Klavier, das sich der bürgerlichen Kontrolle entzieht, die es sonst repräsentiert.
Beim "Turm der Namenlosen" (1994), 1994 in Wien gezeigt, stapelt sich eine Spirale aus Obstpflückleitern nach oben, an der neun Geigen befestigt sind; im Abstand von etwa dreieinhalb Minuten setzt eine wilde, polyphone Melodie ein. Das Werk widmete Horn Geflüchteten aus den Balkankriegen der 1990er-Jahre – die sich windende, nach oben strebende Konstruktion und das plötzliche gemeinsame Spiel der Instrumente lassen sich als Bild von Aufbruch, Bedrängnis und kollektiver Stimme lesen. "Parrot Wings Blue" (1993) schließlich montiert Papageienfedern auf einen Messingmechanismus, der sie in einem langsamen, wiederholten Takt bewegt – eine Flugbewegung, die niemals zum tatsächlichen Abheben führt.
Kontinuität statt Bruch: Was von den frühen Arbeiten bleibt
So unterschiedlich Horns frühe, am Körper getragene Objekte und ihre späteren, autonomen Maschinen auf den ersten Blick wirken – inhaltlich bestehen deutliche Kontinuitäten. Bereits in den Körper-Extensionen der 1970er-Jahre spielte das Motiv der Feder eine zentrale Rolle als zarte, verletzliche Erweiterung des Körpers; in "Parrot Wings Blue" kehrt dasselbe Material in mechanisierter Form wieder. Auch das Grundthema bleibt bestehen: die Balance zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen einem geordneten, kulturell codierten Objekt (Klavier, Geige, Fächer) und dessen plötzlichem Ausbrechen aus dieser Ordnung. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass in den späteren Arbeiten kein menschlicher Körper mehr direkt beteiligt ist – die Maschine selbst übernimmt die Rolle des verletzlichen, unberechenbar reagierenden Organismus.
Praxisbeispiel
Besonders ergiebig für den Unterricht ist der Vergleich zwischen "Concert for Anarchy" und einem klassischen, unbewegten Konzertflügel: Während ein normales Klavier für Beherrschung, Übung und kulturelle Verfeinerung steht, bricht Horns hängendes, explodierendes Instrument genau mit dieser Erwartung. Die zeitliche Unvorhersehbarkeit der Bewegung – niemand weiß genau, wann der nächste Ausbruch folgt – erzeugt eine Spannung, die der eines lebendigen, unberechenbaren Gegenübers ähnelt, obwohl ausschließlich Technik im Spiel ist. Diese Beobachtung lässt sich direkt mit der Frage verknüpfen, warum Maschinen im Werk so oft menschlich oder tierisch anmutende Verhaltensmuster zeigen.
Unterrichtsaktivität
Lernende entwerfen in Kleingruppen auf Papier eine eigene "Maschine", die ein bekanntes, kulturell aufgeladenes Objekt (etwa ein Musikinstrument, ein Möbelstück oder ein Kleidungsstück) durch einen einfachen mechanischen Eingriff aus seiner gewohnten Funktion löst. Wichtige Leitfragen für den Entwurf: Welche Bewegung würde das Objekt ausführen? In welchem Rhythmus – regelmäßig oder unvorhersehbar? Und welches Gefühl (Kontrolle, Ausbruch, Erschöpfung, Spiel) soll dabei entstehen? Die Entwürfe werden im Plenum vorgestellt und mit Horns realen Werken verglichen, insbesondere im Hinblick auf die Frage, wie allein durch Bewegungsrhythmus emotionale Wirkung erzeugt wird.
Typische Missverständnisse
- Die Maschinen werden als bloße technische Spielereien wahrgenommen: Tatsächlich sind Material, Bewegungsrhythmus und historische Aufladung der verwendeten Objekte (Klavier, Geige) bewusst gewählte Bedeutungsträger, keine zufälligen Requisiten.
- Das Werk wird komplett losgelöst von Horns früher Performancearbeit betrachtet: Motive wie Feder, Verletzlichkeit und zyklische Bewegung ziehen sich durch beide Werkphasen, auch wenn der menschliche Körper später durch die Maschine ersetzt wird.
- Die Unvorhersehbarkeit der Bewegungen wird als technischer Zufall missverstanden: Die zeitlichen Abläufe sind in der Regel präzise, oft computergestützt geplant, auch wenn sie für Betrachtende unberechenbar wirken.
Grenzen der Betrachtung
Ohne den unmittelbaren Live-Erlebnischarakter im Ausstellungsraum – Geräusch, Zeitdauer, plötzliche Bewegung – lässt sich die Wirkung dieser Skulpturen anhand von Fotografien oder kurzen Videoausschnitten nur eingeschränkt nachvollziehen. Zudem sind die politischen und biografischen Bezüge einzelner Werke, etwa die Widmung des "Turms der Namenlosen" an Geflüchtete der Balkankriege, nicht immer auf den ersten Blick erkennbar und sollten im Unterricht mit historischem Kontextwissen ergänzt werden, statt allein aus der Form erschlossen zu werden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- In ihrem späteren Werk ersetzt Rebecca Horn den menschlichen Körper durch autonome, motorisierte Maschinen.
- Schlüsselwerke sind die "Pfauenmaschine" (1982), "Concert for Anarchy" (1990) und der "Turm der Namenlosen" (1994).
- Zyklische Bewegungen zwischen Ruhe und Ausbruch übertragen körperliche Zustände auf technische Objekte.
- Motive wie die Feder verbinden Horns frühe Körper-Extensionen mit ihren späteren Maschinenskulpturen.
- Die Werke setzen kulturell aufgeladene Gegenstände wie Klaviere oder Geigen bewusst gegen ihre gewohnte Funktion ein.
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Häufig gestellte Fragen
Wie unterscheidet sich Rebecca Horns späteres Werk von ihren frühen Performances?
Statt Objekte am eigenen Körper zu tragen, entwickelte Horn ab den späten 1970er- und vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren freistehende, motorisierte Skulpturen und Rauminstallationen, in denen kein menschlicher Körper mehr physisch anwesend ist – seine Rolle übernehmen Maschinen mit eigenem, zyklischem Bewegungsverhalten.
Was passiert bei 'Concert for Anarchy' (1990)?
Ein Konzertflügel hängt kopfüber von der Decke; in unregelmäßigen Abständen schießen Tastatur und Innenmechanik explosionsartig heraus, bevor sie sich wieder zurückziehen – eine zyklische Bewegung zwischen Ausbruch und Beruhigung.
Welche Rolle spielt die 'Pfauenmaschine' (1982)?
Die Pfauenmaschine ist ein fächerartiger Mechanismus, der sich öffnet und schließt wie das Rad eines balzenden Pfaus, und überträgt ein aus der Tierwelt bekanntes Werbeverhalten auf eine rein mechanische Konstruktion.
Was zeigt der 'Turm der Namenlosen' (1994)?
Eine Spirale aus übereinandergestapelten Obstpflückleitern trägt neun Geigen, die in Abständen von etwa dreieinhalb Minuten eine wilde Polyphonie spielen; das 1994 in Wien gezeigte Werk ist Refugees aus den Balkankriegen gewidmet.
Wie hängen Horns frühe und späte Werkphasen inhaltlich zusammen?
In beiden Phasen geht es um Verletzlichkeit, wiederkehrende, teils unkontrollierbare Bewegungsabläufe und die Grenze zwischen Belebtem und Unbelebtem – nur dass diese Fragen später nicht mehr am menschlichen Körper, sondern an autonom agierenden Maschinen verhandelt werden.
Sind Horns kinetische Skulpturen technisch komplex?
Ja, viele Arbeiten nutzen Hydraulik, Elektromotoren und computergesteuerte Zeitabläufe, um präzise wiederkehrende, aber unregelmäßig getaktete Bewegungszyklen zu erzeugen.
Warum verwendet Horn häufig Musikinstrumente in ihren Maschinen?
Instrumente wie Geigen oder Klaviere stehen für kulturelle Verfeinerung und Kontrolle; indem Horn sie mechanisch, oft gegen ihre normale Funktionsweise, in Bewegung versetzt, bricht sie bewusst mit dieser Erwartung von Beherrschtheit.
Wofür steht das Motiv der Feder in Horns späterem Werk?
Federn erscheinen bereits in ihren frühen Körper-Extensionen der 1970er-Jahre und tauchen in mechanisierter Form etwa in 'Parrot Wings Blue' (1993) wieder auf, wo sie eine Flugbewegung andeuten, ohne dass ein tatsächlicher Flug stattfindet.
Fazit
Rebecca Horns kinetische Skulpturen zeigen, dass der Dialog zwischen Körper und Technik nicht endet, sobald kein menschlicher Körper mehr sichtbar ist. Indem Maschinen Verletzlichkeit, Rhythmus und Kontrollverlust übernehmen, führt Horn die Fragestellungen ihrer frühen Performancekunst konsequent weiter – nur mit anderen Mitteln. Wer beide Werkphasen im Unterricht nebeneinander betrachtet, erkennt, wie eng Körperkunst und kinetische Skulptur bei dieser Künstlerin tatsächlich zusammengehören.

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