Sek II

Rebecca Horn im Unterricht: Körper, Maschine, Performance

von Luca 14.07.2026 1 Min. Lesezeit
Übersicht zu Rebecca Horns frühen Körper-Extensionen: Einhorn, Fingerhandschuhe und Bleistiftmaske im Vergleich

Ein Horn, das den Kopf um einen Meter überragt. Finger, die durch dünne Holzstäbe plötzlich einen Meter weit reichen. Ein Kopf, der beim Bewegen von selbst zu zeichnen beginnt. Rebecca Horns frühe Arbeiten der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre verwandeln den menschlichen Körper in ein skulpturales Material – und stellen dabei eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat: Wo endet der Körper, und wo beginnt das Objekt, das ihn erweitert?

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Was ist Rebecca Horns frühe Körperkunst?

Die 1944 im hessischen Michelstadt geborene und 2024 verstorbene Künstlerin Rebecca Horn entwickelte zwischen etwa 1968 und 1973 eine Serie tragbarer Objekte, die Kunstgeschichte und Performancekunst gleichermaßen prägten: sogenannte Körper-Extensionen. Dabei handelt es sich um Konstruktionen aus Stoff, Bandagen, Balsaholz, Federn und Riemen, die einzelne Körperteile künstlich verlängern, verhüllen oder in ihrer Funktion verändern. Anders als klassische Bildhauerei, die ein fertiges Objekt zur Betrachtung ausstellt, existieren diese Arbeiten nur im Moment des Tragens und Handelns – dokumentiert vor allem durch Fotografie und 16-mm-Film. Die Extensionen changieren dabei zwischen zwei Polen: Sie erweitern die Reichweite und Wahrnehmung des Körpers, machen ihn zugleich aber unbeholfener, verletzlicher und stärker abhängig von der Konstruktion, die ihn umgibt.

Von der Krankheit zur Körperskulptur

Der Ausgangspunkt dieser Werkgruppe liegt in einer einschneidenden biografischen Erfahrung. Während ihres Studiums an der Hamburger Hochschule für bildende Künste arbeitete Horn Mitte der 1960er-Jahre ohne ausreichenden Schutz mit Fiberglas und Kunstharz. Die eingeatmeten Fasern und Dämpfe führten zu einer schweren Lungenvergiftung, die einen monatelangen Klinikaufenthalt in Isolation zur Folge hatte. Diese Zeit äußerster körperlicher Verletzlichkeit markiert einen Bruch in ihrem Werk: Statt weiter mit harten, gesundheitsschädlichen Materialien zu arbeiten, wandte sich Horn nach ihrer Genesung weichen, am eigenen Körper tragbaren Stoffen zu – Bandagen, Watte, Leinen, Federn. Die Körper-Extensionen sind damit nicht allein ein formales Experiment, sondern unmittelbar aus der Erfahrung von Krankheit, Isolation und eingeschränkter Beweglichkeit heraus entstanden.

Schlüsselwerke: Einhorn, Fingerhandschuhe, Bleistiftmaske

Drei Arbeiten zeigen die Bandbreite des Ansatzes besonders deutlich. In "Einhorn" (1970–72) trägt eine Performerin ein hohes, kegelförmiges Horn auf dem Kopf, befestigt durch ein Netz aus Riemen, das über Kopf, Hals und den unbekleideten Körper verläuft; sie durchquert damit über Stunden hinweg eine Landschaft. Der Titel spielt zugleich auf Horns eigenen Namen an. Die zwölfminütige Filmaufnahme der Aktion ist Teil ihrer 1973 zusammengestellten Filmsammlung "Performances II" und macht deutlich, dass Horns Performances von Beginn an für die Kamera konzipiert waren, nicht für ein Live-Publikum.

Die "Fingerhandschuhe" (1972) verlängern jeden einzelnen Finger durch dünne, spitz zulaufende Stäbe aus Balsaholz und Stoff. Die Trägerin kann damit Gegenstände berühren, ohne sie direkt mit der Haut zu spüren – ein Effekt, der das Tastempfinden gleichzeitig erweitert und entfremdet. Verwandt damit ist die Arbeit mit Federfingern, bei der jedem Finger über einen Metallring eine einzelne Feder angesetzt wird: eine deutlich zartere, empfindlichere Form der Verlängerung.

In der "Bleistiftmaske" (1972) schließlich verschmelzen Körperbewegung und Zeichnung unmittelbar miteinander: Eine ringsum mit Bleistiften besetzte Kopfmaske hinterlässt bei jeder Kopfbewegung vor einer Papierwand automatisch Spuren, bis eine dichte, dunkle Zeichnung entsteht. Die Trägerin wird so gleichzeitig zur Zeichnerin und zum Zeichenwerkzeug.

Praxisbeispiel

Besonders anschaulich lässt sich der Ansatz an der Bleistiftmaske erschließen: Anders als ein Selbstporträt oder eine gestische Zeichnung entsteht das Bild hier nicht durch bewusste Linienführung der Hand, sondern durch die unwillkürliche, teils unkontrollierbare Bewegung des ganzen Kopfes. Das Ergebnis ist keine Illustration einer Idee, sondern die direkte physische Aufzeichnung einer Handlung – vergleichbar mit einer Spur, die ein Seismograf hinterlässt. Im Unterricht lohnt sich der Blick auf ein Standbild aus dem entsprechenden Film: Wie verändert sich die Zeichnung, je länger die Aktion dauert? Wo verdichten sich die Linien, wo bleiben Lücken?

Unterrichtsaktivität

Lernende bauen in Kleingruppen eine eigene, einfache Körper-Extension aus Alltagsmaterialien: etwa verlängerte "Finger" aus Papprohren oder Holzspießen, befestigt mit Klebeband oder Gummibändern an der Hand, oder eine Kopfbedeckung mit daran befestigten Stiften nach dem Vorbild der Bleistiftmaske. Anschließend führt jede Gruppe eine kurze, mit dem Smartphone gefilmte Aktion durch: Gegenstände ertasten, eine Wand berühren, sich durch den Raum bewegen. Im Plenum wird ausgewertet, welche Handlungen durch die Extension leichter, welche schwerer wurden – und wie sich das Körpergefühl während des Tragens verändert hat. Entscheidend ist die anschließende Reflexion: Nicht das gebaute Objekt selbst steht im Zentrum, sondern die Erfahrung und ihre filmische Aufzeichnung.

Typische Missverständnisse

  • Die Extensionen werden als bloße Kostüme oder Requisiten missverstanden: Tatsächlich sind sie funktionale, am Körper wirksame Objekte, die die Wahrnehmung und Bewegung der tragenden Person real verändern, nicht nur äußerlich verkleiden.
  • Horns frühe Arbeiten werden mit ihrem späteren Maschinenwerk gleichgesetzt: Die hier behandelten Arbeiten sind explizit am und mit dem menschlichen Körper realisierte Aktionen; Horns spätere, freistehende kinetische Skulpturen bilden ein eigenständiges Werkkapitel mit anderer Fragestellung.
  • Die Filme werden als reine Dokumentation abgetan: Viele Aktionen fanden ohne Live-Publikum statt und wurden gezielt für die Kamera entwickelt – der Film ist damit selbst das primäre Kunstwerk, nicht nur ein Nachweis der Performance.

Grenzen der Betrachtung

Die überlieferten Filme und Fotografien zeigen stets nur einen ausgewählten Ausschnitt einer oft deutlich längeren, teils improvisierten Handlung; wie die Aktionen im ungeschnittenen Verlauf tatsächlich erlebt wurden, lässt sich aus dem fertigen Material nur eingeschränkt rekonstruieren. Zudem sollte der biografische Bezug zur Erkrankung als ein wichtiger, aber nicht alleiniger Erklärungsansatz verstanden werden – Horn selbst hat ihre Arbeiten nie auf eine einzige, feste Deutung festgelegt. Dieser Beitrag konzentriert sich bewusst auf die frühen, am Körper getragenen Arbeiten bis etwa 1973; Horns spätere Entwicklung hin zu autonomen, raumfüllenden Maschinen wird gesondert behandelt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Rebecca Horns Körper-Extensionen verlängern oder verändern einzelne Körperteile durch tragbare Konstruktionen aus Stoff, Holz und Federn.
  • Eine schwere Lungenschädigung durch Fiberglas 1964 markiert den biografischen Ausgangspunkt für die Hinwendung zu weichen, körpernahen Materialien.
  • Schlüsselwerke sind "Einhorn" (1970–72), die "Fingerhandschuhe" (1972) und die "Bleistiftmaske" (1972).
  • Viele Aktionen wurden gezielt für die Kamera konzipiert; die Filme sind eigenständige Kunstwerke, keine bloße Dokumentation.
  • Die Arbeiten thematisieren bewusst Verletzlichkeit und Angewiesenheit statt Kontrolle und Stärke.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Körper-Extension bei Rebecca Horn?

Eine Körper-Extension ist ein tragbares, oft aus Stoff, Holz, Federn oder Bandagen gefertigtes Objekt, das einen Körperteil künstlich verlängert oder verändert – etwa ein Finger, der durch einen Holzstab weiter reicht als die menschliche Hand, oder ein Horn, das den Kopf um einen Meter überragt.

Warum begann Rebecca Horn mit Körperskulpturen statt mit klassischer Bildhauerei?

Horn erlitt 1964 während ihres Studiums an der Hamburger Hochschule für bildende Künste eine schwere Lungenschädigung durch den ungeschützten Umgang mit Fiberglas und musste danach monatelang isoliert in einer Klinik behandelt werden. Aus dieser Erfahrung der körperlichen Verletzlichkeit entwickelte sie ihr Interesse an weichen, am eigenen Körper tragbaren Materialien statt an giftigen Werkstoffen.

Was passiert in der Performance 'Einhorn' (1970–72)?

Eine Performerin trägt ein an Riemen befestigtes, kegelförmiges Horn auf dem Kopf und läuft damit mehrere Stunden durch eine Landschaft; die Aktion wurde als zwölfminütiger Film festgehalten und ist Teil von Horns Filmsammlung 'Performances II'.

Wie funktionieren die 'Fingerhandschuhe' (1972)?

Die Handschuhe verlängern jeden Finger durch dünne Stäbe aus Balsaholz und Stoff; dadurch wird die Reichweite der Hand vergrößert, während das Tastgefühl indirekt vermittelt wird – man berührt Gegenstände, ohne sie direkt mit der Haut zu spüren.

Was zeigt die 'Bleistiftmaske' (1972)?

Bei der Bleistiftmaske ist eine Kopfbedeckung ringsum mit Bleistiften besetzt; bewegt die tragende Person den Kopf vor einer Papierwand, entstehen durch die Stifte automatisch Zeichenspuren – Körperbewegung und Zeichnung fallen in einer einzigen Handlung zusammen.

Wurden Horns frühe Performances vor Publikum aufgeführt?

Viele der Aktionen fanden ohne Live-Publikum statt und wurden gezielt für die Kamera konzipiert; die entstandenen Filme sind deshalb keine bloße Dokumentation, sondern eigenständige künstlerische Werke.

In welchem Zeitraum entstanden Horns wichtigste frühe Körper-Extensionen?

Der Großteil der Körper-Extensionen entstand zwischen 1968 und 1973, zusammengefasst unter anderem in den Filmen 'Performances I' (1972) und 'Performances II' (1973).

Welche Rolle spielt Verletzlichkeit in diesen frühen Arbeiten?

Die oft unhandlichen, teils schmerzhaft wirkenden Prothesen betonen bewusst die Zerbrechlichkeit und Angewiesenheit des menschlichen Körpers, statt Stärke oder Kontrolle zu demonstrieren.

Fazit

Rebecca Horns frühe Körper-Extensionen zeigen, wie unmittelbar sich körperliche Verletzlichkeit in künstlerische Form übersetzen lässt, ohne auf ein einziges fertiges Objekt angewiesen zu sein. Wer Einhorn, Fingerhandschuhe und Bleistiftmaske im Unterricht nebeneinanderstellt, eröffnet einen Zugang zu Performancekunst, der weit über bloße Verkleidung hinausgeht – hin zu einer Kunst, die den Körper selbst zum Material macht.

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Über den Autor
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Luca
Bildungsgestalter & Gründer von stifo.de

Luca beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht - und wie Lehrkräfte dabei wirklich entlastet werden können. Als Gründer von stifo.de entwickelt er strukturierte Unterrichtsmaterialien, die Lehrerinnen und Lehrer im Alltag spürbar unterstützen: durchdacht aufgebaut, direkt einsetzbar und didaktisch solide.

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