Kam Sprache als göttliches Geschenk zu uns, oder haben Menschen sie sich selbst erarbeitet? Die Frage nach dem Sprachursprung beschäftigt Denker seit der Antike – und liefert in der Qualifikationsphase Q1 einen faszinierenden Einstieg in die Sprachreflexion.
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Warum sind Sprachursprungstheorien im Kernlehrplan NRW verankert?
Sprachursprungstheorien gehören im Kernlehrplan NRW für die gymnasiale Oberstufe zum Inhaltsfeld „Sprache" und werden meist in Q1 behandelt. Sie verbinden Sprachreflexion mit Wissenschaftsgeschichte und bereiten darauf vor, sprachliche Phänomene nicht nur zu beschreiben, sondern auch nach ihren tieferen Entstehungsbedingungen zu fragen.
Vom göttlichen Ursprung zu Herders Vernunftthese
In der Antike galt Sprache häufig als Geschenk oder Werk göttlicher Mächte – eine Vorstellung, die lange Zeit unhinterfragt blieb. Johann Gottfried Herder widersprach dieser Annahme 1772 radikal: Sprache sei Ergebnis menschlicher Vernunft und Reflexion, kein göttliches Geschenk. Diese „Abhandlung über den Ursprung der Sprache" gilt als Gründungstext der modernen Sprachursprungsforschung und markiert den Übergang zu einer rational-empirischen Betrachtung von Sprache.
Naturalistische Theorien: Lautmalerei und Gestik
Neben Herders Vernunftthese entwickelten sich verschiedene naturalistische Erklärungsansätze: Die Lautmalerei-Theorie (auch „Bow-Wow-Theorie" genannt) vermutet, dass erste Wörter Naturlaute nachahmten. Die Gestik-Ursprungstheorie geht davon aus, dass Sprache sich aus begleitenden Gesten und Körperbewegungen entwickelte, während die Interjektionstheorie den Ursprung in spontanen Ausrufen in sozialen Situationen sieht. Alle diese Theorien blieben lange spekulativ, da direkte historische Belege fehlen.
Moderne Evolutionslinguistik
Die moderne Evolutionslinguistik versteht Sprache als Ergebnis biologischer und kultureller Koevolution des Menschen: Veränderungen im Gehirn, im Stimmapparat und in sozialen Strukturen bedingten sich gegenseitig über einen langen Zeitraum. Diese Perspektive verbindet linguistische mit biologischen und anthropologischen Erkenntnissen und zeigt, wie interdisziplinär moderne Sprachforschung heute arbeitet.
Praxisbeispiel: Die Theorien im direkten Vergleich
Ein bewährter Unterrichtszugang besteht darin, alle Theorien anhand derselben Frage zu prüfen: Wie könnte das Wort für „Wasser" entstanden sein? Die Lautmalerei-Theorie würde auf ein plätscherndes Geräusch verweisen, die Gestik-Theorie auf eine begleitende Trinkbewegung, Herders Vernunftthese auf eine bewusste begriffliche Unterscheidung. Dieser Vergleich macht die unterschiedlichen Grundannahmen der Theorien besonders anschaulich.
Leitfragen für den Unterricht
- Warum widerspricht Herder der Vorstellung eines göttlichen Sprachursprungs?
- Welche Evidenz spricht für oder gegen die Lautmalerei-Theorie?
- Wie unterscheidet sich die Gestik-Ursprungstheorie von der Interjektionstheorie?
- Was versteht die moderne Evolutionslinguistik unter Koevolution?
- Warum ist der Sprachursprung wissenschaftlich so schwer zu belegen?
Möglicher Aufbau der Unterrichtsreihe
- Baustein 1: Einstieg über die Frage „Wie könnte das erste Wort entstanden sein?"
- Baustein 2: Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache erarbeiten
- Baustein 3: Naturalistische Theorien (Lautmalerei, Gestik, Interjektion) vergleichen
- Baustein 4: Moderne Evolutionslinguistik einführen
- Baustein 5: Alle Theorien anhand eines Beispielworts anwenden
- Baustein 6: Eigene begründete Einschätzung zur plausibelsten Theorie verfassen
Differenzierungsmöglichkeiten
Unterstützung für schwächere Lernende
- Die Theorien in einer übersichtlichen Zeittafel mit Kernaussagen bereitstellen
- Konkrete Beispielwörter für jede Theorie vorgeben
- Fachbegriffe als Glossar zur Verfügung stellen
Erweiterung für stärkere Lernende
- Originalauszüge aus Herders Abhandlung im Wortlaut analysieren
- Aktuelle Forschung zur Evolutionslinguistik recherchieren
- Verbindung zur Sprechakttheorie und Kommunikationsmodellen herstellen
Typische Schwierigkeiten im Unterricht
- Die Theorien werden als konkurrierende, sich gegenseitig ausschließende Wahrheiten missverstanden statt als historische Erklärungsversuche.
- Herders Kritik am göttlichen Ursprung wird nicht in ihrem aufklärerischen Kontext verstanden.
- Die moderne Evolutionslinguistik wird zu abstrakt vermittelt, ohne konkrete Beispiele.
Fächerübergreifende Möglichkeiten
- Biologie: Evolution des menschlichen Gehirns und Stimmapparats
- Philosophie: Aufklärung und Vernunftbegriff bei Herder
- Geschichte: Wissenschaftsgeschichte der Sprachforschung
Klausurrelevanz
In Klausuren wird häufig verlangt, mehrere Sprachursprungstheorien vergleichend darzustellen und kritisch zu bewerten, gegebenenfalls anhand eines vorgegebenen Sachtextauszugs zum Thema. Wichtig ist die klare begriffliche Trennung der einzelnen Theorien.
Passendes Unterrichtsmaterial
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Weitere passende Unterrichtsideen
- Sprechakttheorie im Deutschunterricht – Sprache und Handeln sprachphilosophisch vertiefen
- Sprachvarietäten und Mehrsprachigkeit – heutige Vielfalt von Sprache untersuchen
- Kommunikationsmodelle im Deutschunterricht – Grundlagen aus Sek I wiederholen
FAQ zu Sprachursprungstheorien im Deutschunterricht
Was behauptete Herder über den Sprachursprung?
Herder argumentierte 1772, dass Sprache ein Ergebnis menschlicher Vernunft und Reflexion sei, kein göttliches Geschenk.
Was ist die Lautmalerei-Theorie?
Sie vermutet, dass erste Wörter durch Nachahmung von Naturlauten entstanden (auch „Bow-Wow-Theorie" genannt).
Was besagt die Gestik-Ursprungstheorie?
Sie geht davon aus, dass sich Sprache aus begleitenden Gesten und Körperbewegungen entwickelte.
Was versteht man unter moderner Evolutionslinguistik?
Sie erklärt Sprache als Ergebnis biologischer und kultureller Koevolution des Menschen über einen langen Zeitraum.
In welcher Phase der Oberstufe werden Sprachursprungstheorien laut Kernlehrplan NRW behandelt?
Sie werden in NRW meist in der Qualifikationsphase Q1 im Rahmen des Inhaltsfelds „Sprache" unterrichtet.
Fazit
Sprachursprungstheorien zeigen, dass selbst die scheinbar selbstverständlichste menschliche Fähigkeit – das Sprechen – tiefgründige wissenschaftliche und philosophische Fragen aufwirft, die bis heute nicht abschließend beantwortet sind.

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